Deutsche Rückwärtsgewandtheit auf der Überholspur

In den Kommentaren beim Knüwer einen lesenswerten Text in einem Blog mit schlechtem Layout gefunden. Über die Meinungsfreiheit, die Vorratsdatenspeicherung und die Einstellung zum Internet und Fortschritt allgemein in weiten Teilen des deutschen Establishments:

Der Gegenradikalismus ist, um auf Giordano zurückzukommen, geprägt von einer tiefen Furcht vor sozialen Veränderungen. Auch wenn sich technisch, ökonomisch, gesellschaftlich noch so viel verändert, die Verhältnisse sollen so bleiben, wie sie mal waren.[..]

Es ist m. E. also kein Zufall, dass das Misstrauen der heutigen Gegenradikalen sich vor allem auf die „Computerkultur“ und die durch sie verursachten gesellschaftlichen Veränderungen richtet. Den Gegenradikalen geht es dabei nicht um die Abschaffung der technischen Mittel, sondern um ihre Kontrolle – und darum, sie möglichst unauffällig in bestehende Machtstrukturen einzubinden. Es soll z. B. im Journalismus so sein wie „in der guten alten Zeit“: es gab Verleger, Redaktionen mit einem verantwortlichen Chefredakteur, und die Beteiligung des einfachen Bürgers bestand in Leserbriefen.
Oder in Musikindustrie: ohne die Musikindustrie lief einfach nichts. Oder in der Telekommunikation: jeder hatte nur ein Telefon, das stand fest bei ihm zuhause und wurde von einem staatlichen Monopolisten betrieben. Alles schön übersichtlich, streng hierarchisch, top-down. Und nun kommt z. B. dieses Internetdingens. Das grenzt ja an Anarchie. Das muss dringend kontrolliert, reglementiert und deformiert werden, auf das die „gute alte Zeit“ wiederkehrt.

MMsSenf: Meinungsfreiheit und Gegenradikalismus
(Hervorhebungen von mir)

 

Ich hatte im Sommer zwei Artikel geschrieben, die sich mit der erschreckenden Technikphobie, ja Fortschrittsphobie, in weiten Teilen der deutschen Politik und in den Massenmedien beschäftigten:

Ich zitiere mich von damals mal selbst:

Längst müssten diese Vorgänge und die sie verursachenden politischen Internetverweigerer auch in den traditionellen Medien Wellen schlagen. Aber wir haben in Deutschland eine Medienlandschaft, in der die Meisten der deutschen Medienschaffenden das Internet als den bösen Jobkiller sehen und nur einseitig und kritisierend auf alles, was aus diesem globalen Hort des Grauens ersteigt, einschlagen. Hier wird Internetunkenntnis ignoriert oder gar hinter den Kulissen wohlwollend zur Kenntnis genommen.[..]

In so einem Klima kann man eine dringend notwendige massive Kritik in den Massenmedien an der Weltfremdheit der deutschen Top-Politiker leider nicht erwarten.

Stattdessen gratulieren sich die Analphabeten des 21. Jahrhunderts gegenseitig dafür, den vermeintlichen Status Quo so lang wie möglich aufrecht zu erhalten indem sie alles für sie Unpassende je nach Profession entweder verbieten oder totschweigen.

 

Und es ist in der Tat bemerkenswert und beunruhigend, wie wenig sich die deutschen Mainstreammedien mit der so einschneidenden, auch ihre Arbeit beeinflußenden Vorratsdatenspeicherung beschäftigen.

Oder habe ich die publicityträchtigen Titelschlagzeilen übersehen?

Oder warum ging es gestern bei „Anne Will“ um die Abgeordnetendiäten? Ein quotenträchtiges Thema zwar, aber trotzdem Nullthema ohne Frage. Wird der Abbau von Grundrechten hingenommen, weil er zum Großteil digital und nicht analog stattfindet? Wie groß wäre der Aufschrei auf den Titelseiten der Tageszeitungen, wenn sechs Monate lang gespeichert würde, wer wann mit wem Briefverkehr pflegt (Papier! Haptik!)? Macht niem kaum noch jemand, und die Inhalte wären nicht (ohne weiteres) erfassbar, wie es bei ungeschützten Emails der Fall ist. Aber der FAZ-Chefredakteur selbst würde Artikel für die Titelseite gegen diese Pauschalerfassung schreiben.

Aber nein, so bleibt alles an Prantl, versprengten Bloggern, verzweifelten Datenschützern und dem BVG hängen.

Und ein Großteil der Bevölkerung bekommt nicht einmal mit, was hier gerade vor sich geht.

Vielleicht ist es ja so, wie wir es lang befürchtet haben. Viele Journalisten hassen nicht nur das Web. Sie wissen nicht einmal, was sie da verabscheuen. Und wenn dann ein Gesetz verabschiedet wird, das Jeden, der das Netz zur Kommunikation nutzt, unter Generalverdacht stellt, spricht der deutsche Journalist lieber über Diäten, da weiß er worum’s geht. Denn wie kann man etwas anprangern, wenn man dessen Auswirkungen auf das Leben vieler Bürger nicht nachvollziehen, ja nicht einmal erahnen kann. Wahrscheinlich fehlt vielen sogar das Wissen, um zu erkennen, was das für Auswirkungen auf ihre eigene Arbeit haben wird.

 

Quo vadis Deutschland. Quo fucking vadis.

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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