Archive for Januar, 2008

Leseempfehlungen:
Carr-Interview und Bubblegeneration

Zwei Leseempfehlungen zum Wochenende:

1. Im Wired Magazine gibt es ein Interview mit Nicholas Carr. Carr hat oft die Angewohnheit, das genaue Gegenteil des (zumindest in der Techwelt) allgemein anerkannten Standpunktes zu vertreten, wo er dann auch gern und oft mal krachend falsch liegt (nicht unwahrscheinlich, dass er das in Kauf nimmt um eine relativ sichere, gut bezahlte Rolle im Medienzirkus spielen zu können: Nicht wenige Journalisten wollen in ihren Artikeln, geblendet von der Illusion der Objektivität, immer konträre Meinungen im Artikel nennen und zitieren; das ist nicht nur wenn es um den Klimawandel geht eine unsinnige Herangehensweise. Nach dem Motto: auch wenn es Blödsinn ist, Hauptsache es ist eine gegenteilige Meinung..).

Aber das heißt ja nicht, das von diesem Herrn nicht auch Kluges kommen kann, wie zum Beispiel in diesem Interview. Thesen, über die man mal nachdenken sollte:

I used to think we’d end up with something dynamic and heterogeneous — many companies loosely joined. But we’re already seeing a great deal of consolidation by companies like Google and Microsoft. We’ll probably see some kind of oligopoly, with standards that allow the movement of data among the utilities similar to the way current moves through the electric grid.[..]

The scariest thing about Stanley Kubrick’s vision wasn’t that computers started to act like people but that people had started to act like computers. We’re beginning to process information as if we’re nodes; it’s all about the speed of locating and reading data.

 

2. Umairs Bubblegeneration hat sich in den letzten Wochen und Monaten zu einem meiner absoluten Lieblingsblogs gemausert. Immer wieder schafft er es einfach, die Themen so treffsicher auf den Punkt zu bringen, dass es unheimlich aber vor allem eine Freude ist. Für jeden, der wissen will, wie das Netz funktioniert und wo es hingeht, eine Pflichtlektüre. Ein Beispiel:

The Strategic Bankruptcy of the Boardroom, Writers’ Strike Edition

[..]I’m astounded (honestly) that in 2008, the general counsel of NBC can say:

“…Fair use in the digital age is the same as fair use in the non-digital age.”

Oh, the epic, epic lulz.

Nothing could be further from the truth. Tim Wu, in the same debate, argues what I pointed out a depressingly long time ago: that in fact, the economics of copyright are deeply + irreversibly broken, because in an edgeconomy, people sharing/hacking/using/etc your goods can actually create massive amounts of value for you.

How massive?

Well, for example, MySQL just created $1 billion of value. That’s an existence proof the size of Jupiter of the negative value of fair use.

und

Guys like Rick Cotton are still arguing furiously about a world which no longer exists. Media boardrooms are stuck in fantasyland: they’ve totally - seemingly absolutely - lost the ability to think, reason, and judge with any validity or accuracy.

So direkt bekommt man die Wahrheit selten.

Markt vs. Hierarchie

Die große unterschätzte Veränderung, die mit dem Internet kommt, ist ein in vielen Bereichen massiver Wandel von hierarchischen Strukturen hin zu Marktstrukturen. Über die strategische Wichtigkeit von APIs und Plattformen.

Über den Nutzen von Facebooks Plattform

Nach dem Einstieg der Samwers bei Facebook , geht es in den deutschen Blogs bereits los: Wird Facebook Studivz schlagen oder gar gleich aufkaufen? Ja, Nein, Vielleicht. Zutreffendes bitte ankreuzen. Ich schätze, es wird noch ein, zwei Monate dauern bis es soweit ist, dass Facebook nach Deutschland kommt. Deswegen sind all die Spekulationen eher müßig. Aber es gibt mir zumindest die Gelegenheit, ein paar Gedanken zu äußern, die ich nun seit geraumer Zeit mit mir rumtrage .

Immer wenn es um Facebook geht, ist es nur eine Frage der Zeit bis jemand mit dem Argument kommt, das diesmal Olaf Kolbrück auf off-the-record.de hier schreibt :

Die Legionen an Features und Applikationen bei Facebook - ein Vorteil? Wohl doch nicht mehr als Spielereien, die keinen entscheidenden Wettbewerbsvorteil herstellen. Die sich noch dazu - ja - kopieren lassen.

1. Das Argument der Zombies und Superpokes ist zu kurz gedacht. Ich könnte ohne Mühe mich hinsetzen, und ein paar Hundert (vielleicht sogar Tausend) komplett unnütze Programme für Windows (oder Mac oder Linux) raussuchen. Im jeweils ersten Jahr dieser Betriebssysteme sah das Verhältnis zwischen nützlichen Drittanbieterprogrammen und ‘Spielereien’ wahrscheinlich noch schlimmer aus. Wahrscheinlich hätte man in der Zeit argumentieren können, dass kein Betriebssystem die Möglichkeit benötigt, andere Programme als die vom Betriebssystemhersteller ausführen zu können. Heute würde das ernsthaft niemand mehr behaupten.

Ich wiederhole mich ungern (naja), also wiederhole ich Doc Searls :

And it’s still early. It’s important to remember that. Everything on the Web is still just a prototype.

Und die Facebook-Plattform ist noch nicht mal ein (in Zahlen: 1) Jahr alt.

2. Und was das kopieren angeht: Wenn nicht einmal Google so ohne weiteres eine funktionierende Plattform aufsetzen kann (Open Social ist noch lang nicht da wo Facebooks Plattform seit Mai letzten Jahres ist, nicht einmal ansatzweise), dann ist das Argument des Kopierens mindestens eben so kurzsichtig. Ganz so einfach ist die Sache also nicht. Und auch wenn man die eine oder andere Applikation für die eigene Seite auch selbst programmieren kann. Was ist mit der Masse? Wie sähe die Windowswelt wohl aus, wenn komplett alle Programme auch noch von Microsoft selbst kämen? Brrr.

Markt vs. Hierarchie

Aber kommen wir nochmal zum ersten Punkt zurück, denn das ist wichtig:

Wenn Facebook eine Plattform aufbaut, dann ist das eine konzeptuelle Entscheidung. Man entscheidet sich, das Netz, den Markt, an der Weiterentwicklung zu beteiligen. Den Einfallsreichtum da draußen anzuzapfen.

Während Studivz mit seiner strikten Weigerung einer Öffnung, wenn auch wohl eher unbewusst, einen hierarchischen Ansatz verfolgt.

Wo werden die Innovationen aber stattfinden? Dort wo jeder indische Informatik-Student mit hohen Ambitionen seine Ideen umsetzen oder zumindest ausprobieren kann oder dort wo ein paar Dutzend Programmierer das ausführen, was die Geschäftsleitung beschlossen hat?

Und welche Seite wird flexibler auf Veränderungen in den Präferenzen der Nutzer reagieren können?

Im Grunde kennen wir die Geschichte bereits: Die API von Twitter , die für den Erfolg von Twitter massgeblich verantwortlich ist. Es ist auch die API, die Twitter zu einer Plattform macht. Die API, die die Ressourcen des Netzes anzapft und erst die Legionen von Clients für jeden Geschmack und die unzähligen Drittanbietertools ermöglicht. Nur ein Bruchteil davon wäre direkt bei Twitter zu realisieren gewesen, hätte man alles selbst gemacht.

Nebenbei: Auch Firefox’ Addon-Strategie fällt in diese Kategorie: Markt statt Hierarchie. Zusatzfunktionen werden nicht von der Mozillafoundation programmiert oder deren Entwicklung von dort geleitet.

Dabei bedeutet Markt nicht unbedingt monetäre Entlohnung. Sondern zuforderst geht es erstmal um Aufmerksamkeit. Heißt, es wird nicht immer, zumindest nicht direkt, Geld verdient, wenn man es schafft, sich in so einem Markt zu etablieren. Wer aber beispielsweise ein Top-Firefox-Addon schreibt, dürfte mit dieser Referenz keine Probleme haben einen Job oder als Freelancer Aufträge zu bekommen.

Wichtig ist hier natürlich auf der Seite des API/Plattformanbieters, klare Regeln zu schaffen und Vertrauen bei den Drittanbietern aufzubauen. Und diese müssen sich klarmachen, worauf sie sich einlassen. (Das ist nicht unproblematisch, siehe beispielsweise Amazons Verhalten im Fall Alexaholic . O’Reilly zeigt dort sehr gut die Schwierigkeiten auf.)

Ich bin wahrlich kein Friedman -Jünger, aber in meinen Augen ist in vielen Bereichen im Internet der Markt gegenüber der Hierarchie klar vorzuziehen:

Wenn ein API/Plattformanbieter (oder auch: Infrastrukturanbieter) neben den technischen Notwendigkeiten das richtige Umfeld schafft - Bestimmungen, die von anfang an die Interessen sowohl von Plattformanbieter, Applikationanbieter als auch Nutzer klar festlegen und kommunizieren(!)-, dann hat man da im Regelfall bereits am Ausgangspunkt einen erheblichen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem hierarchischen Ansatz.

Es erscheint offensichtlich, aber ich sage es trotzdem einmal ausdrücklich:

Das Internet ermöglicht es aufgrund seiner Architektur, dass Ad-Hoc-Netzwerke oder auch virtuelle Unternehmen es mit etablierten festen Hierarchien ([Medien-]Konzerne, Majorlabel usw.) ohne weiteres aufzunehmen. Natürlich nicht in jedem Bereich, aber dort, wo Produkte direkt im oder indirekt über das Netz stattfinden oder vertrieben werden. Das Internet stellt Kosten- wie Nachfragefunktionen auf den Kopf (in einigen Bereichen). Wer das kapiert und nutzt -die Vorteile des Netzes via API/Plattform anzapfen-, der gewinnt. Wenn nicht kurz- dann mittel- bis langfristig.

Wenn man erst mal eine Weile darüber nachdenkt, dann erscheint es geradezu absurd, eine große Seite, besonders ein SocialNetwork, mit Millionen von Nutzern ohne Andockstellen -sprich eigene Plattform oder bei anderen Plattformen andocken- aufbauen und halten zu wollen. Es genügt nur ein direkter Gegner auf vergleichbarer Qualitätsstufe, der den offenen Marktansatz wählt, und es ist nur noch eine Frage der Zeit.

Noch ein Schlusswort: Der Gegenstand der in letzter Zeit in Deutschland wieder besonders verbittert geführten Debatte Blogger gegen Journalisten wird hiervon auch berührt. Auch wenn es wohl kaum einem der Beteiligten bewusst zu sein scheint: Auch Online wird es weiter Medien geben, die befüllt werden wollen, sie werden nur kleinteiliger sein und durch Verlinkungen erst zum großen Ganzen werden (als Gegensatz zum hierarchischen Portalansatz). Nicht der (anpassungsfähige) Journalist wird mit dem Netz somit in großen Teilen überflüssig, sondern der Redakteur..

To be continued.

Soundcloud: Innovative Plattform für Musiker

soundcloud-logoSoundcloud ist eine neue Plattform speziell für Musiker. Ich bin auf Soundcloud bereits seit mehreren Wochen registriert und bin begeistert.

Jeder angemeldet Musiker kann eigene Tracks hochladen. Hier zeigt sich auch, dass die Macher hinter Soundcloud wissen was Musiker wollen: Zum einen kann man neben MP3 und Ogg auch Wave, Flac und Aiff-Dateien hochladen. Komprimiert wird nur für das Streaming. Bietet man die Datei auch zum Download an, kann die originale(!) Datei heruntergeladen werden. Was schon mal sehr praktisch und für Musiker, die Soundcloud zur Onlinezusammarbeit nutzen, äußerst wichtig ist.

Weiterhin kann man auswählen, ob man das hochzuladende Musikstück allen (public), nur seinen Fans (die, die einen geaddet haben) oder nur einzeln ausgewählten Soundcloud-Usern anzeigen möchte.

Besonders der letzte Fall ist interessant: Hiermit werden Kollaborationen über weite Distanzen hinweg sehr viel einfacher. Denn Soundcloud erlaubt zeitabhängiges Kommentieren. Man muss also nicht mehr sagen, ‘Schau, der Part ab 1:33 sollte später kommen’ oder ähnliches, sondern setzt den Kommentar genau an die Stelle.

soundcloud-comment

Bekannt ist dieses Feature bereits aus dem Videobereich bei Viddler.

Ebenfalls sehr praktisch ist die Anzeige des Tracks in Wellenform. So kann man leicht verschiedene Abschnitte ausmachen.

soundcloud-hot

Soundcloud hat besonders im Bereich der elektronischen Musik trotz Stealthmodus (der die Tage wohl nun endgültig vorüber ist), eine große Anzahl an Musikern gewinnen können. Soundcloud ist bereits auf einem sehr guten Weg, sich einen festen Platz in der Musikerszene aufzubauen. Wohl auch weil neben den durchdachten Features das Look and Feel der Seite sehr gut ist.

Hinter Soundcloud steht ein Team von Schweden, die sich in Berlin niedergelassen haben.

Soundcloud befindet sich aktuell noch in der private Beta. Wer Interesse an Soundcloud hat, zweinull.cc hat aktuell 10 Einladungen zu vergeben.

Samwer-Brüder kaufen Anteile von Facebook

Der Netzökonom schreibt:

Die Internet-Investoren Alexander, Marc und Oliver Samwer steigen beim sozialen Netzwerk Facebook ein. Die drei Brüder haben einen kleinen Anteil an Facebook erworben. “Wir haben dafür einen sehr signifikanten Betrag gezahlt”, sagte Alexander Samwer.

 

Das kommt unerwartet. Besonders da die Samwers vor dem Verkauf an Holtzbrinck am deutschen Facebook-Klon Studivz beteiligt waren. Wie viele andere scheinen auch die Samwers im kommenden Zweikampf auf deutschen Boden zwischen Facebook und Studivz auf ersteres zu setzen.

Interessant auch folgendes Detail:

Die Samwer-Brüder, die schon das Online-Auktionshaus Alando und den Klingeltonanbieter Jamba gegründet und erfolgreich verkauft haben, weiten mit dem Facebook-Engagement ihre Konkurrenz zu Holtzbrinck aus. Denn bereits Ende September haben die Brüder 20 Prozent der Anteile der polnischen Studentengemeinschaft Nasza Klasa erworben. Polen ist der einzige Auslandsmarkt, auf dem StudiVZ bisher Mitglieder in großen Stil gewonnen hat.

 

Ich schätze, der Deutschlandstart Facebooks kommt noch im ersten Quartal 2008. Dann wird sich zeigen, ob Facebooks haushoch überlegene Technologie gegen den Netzwerkeffekt des Platzhirschen Studivz bestehen kann. Interessant wird es allemal.

Flight Of The Conchords auf der CES

Das Richtige zum Sonntag:

Flight of the Conchords zeigen auf der CES ihren Iphonekiller und singen einen Song

 

Flight of the Conchords brachten 2007 mit der ersten Staffel ihrer gleichnamigen Musicalcomedyserie auf HBO das im TV neben 30 Rock Lustigste an den Start. Sehr empfehlenswerte Serie.

(via Fred Wilson)

Readburner - Digg auf GoogleReaderbasis

readburner-logo

In meinem Ausblick auf 2008 hoffte ich darauf, “dass Google 2008 die Daten vom GoogleReader endlich einsetzt und einen Techmeme/Rivvakiller aus aggregierten SharedItems aufsetzt”.

Auch wenn Readburner eben das, ein Memetracker, nicht ist -auch wenn andere das darin sehen wollen- zeigt es doch schön, wie es im Internet zugeht: Wenn der eine (Google) keine Lust hat, es zu machen, macht es eben jemand anderes. Auf Readburner werden SharedItems-Feeds von GoogleReader aggregiert und die einzelnen Artikel dann gewichtet.

Warum die Idee hinter Readburner Potential hat

Readburner ist damit näher an Social-News-Seiten wie Digg, oder dem deutschen yigg. Aufgrund der Dezentralität wird das Gruppendenken, das diese Seiten oft allzusehr bestimmt und die Qualität drückt, allerdings eliminiert oder zumindest minimiert. Da die SharedItems bereits einen Zweck erfüllen, der außerhalb von Readburner erfüllt wird (mit Freunden, Bloglesern, eben allen denen man die Feedadresse gibt, Artikel teilen), kann das auch ohne dahinterstehende Community funktionieren. Wenn man auf der anderen Seite auf Digg oder yigg beispielsweise die Kommentare abschalten würde, wären diese Seiten am Ende. Something to think about.

readburner-screenshot

Readburner ist allerdings noch erheblich alpha. Außerdem hat es das Problem, dass jeder SharedItem-Feed per OptIn erst hinzugefügt werden muss. Nevertheless das könnte sich zum Diggkiller entwickeln. Nicht was die Community angeht, sondern die Relevanz der aggregierten News.

(via)

The return of the Linkblog

Mein Linkblog, die Älteren mögen sich erinnern, ist von den Toten auferstanden. Wie die 30 verbliebenen Abonnenten bereits gemerkt haben, läuft mein Linkblog jetzt auf Tumblr-Basis. Das sieht nicht nur schön aus, sondern ist auch praktisch. Der Feed ist immer noch der alte.

 

Übrigens: Es ist erstaunlich, wie leichte Interfaceverschiebungen zu einer teilweise völlig anderen Nutzung führen können. Im Vergleich zum Blog fühlt sich ein Tumblelog richtig leicht an. Und die sozialen Aspekte sind bei tumblr nur dezent aber sofort umwälzend was das große Ganze angeht. Etwas Ähnliches beobachtete ich damals auch bei Twitter. Da schreib ich die Tage nochmal ausführlich drüber.

Wer die Einfachheit des Postens bei tumblr auch auf einem Wordpress-Blog möchte, probiere folgendes Plugin:

WordPress › QuickPost « WordPress Plugins (produziert allerdings manchmal Datenbankfehler obwohl die Postings normal ankommen)

Über neue Alben per RSS informiert werden

never miss another album release

Auf music-alerts einfach alle (noch produzierenden) Lieblingskünstler eingeben, einen Feed (für alle eingegebenen Künstler zusammen) erzeugen und abonnieren. Schon wird man automatisch über Neuerscheinungen im Feedreader benachrichtigt. Mann kann auch nachträglich Künstler zum Feed hinzufügen. Alles ohne Registrierung.

Bezogen werden die Daten von amazon und ein typischer Feedeintrag wenn ein neues Album im Anflug ist, sieht dann so aus:

albumalert

 

 

Hatte ich schon in meinem neuen tumblelog gebracht, wollte ich allerdings nochmal gesondert erwähnen, weil: toll.

Zweinull.cc möchte User auf kleinen Social Networks einschließen

Gestern hatte ich darüber berichtet, dass Google, Facebook und Plaxo der DataportabilityGroup beigetreten sind. Ich war und bin begeistert. Es ist zwar erst ein kleiner Schritt, aber ein Anfang. In eine sehr wichtige Richtung. Soweit ich das sehen kann, stimmen mir da die meisten Techblogger zu.

Hatte ich auch nicht anders erwartet. Nun ist Martin von zweinull.cc allerdings der entgegengesetzten Meinung und hält Datenportatibilität für zum einen irrelevant und zum anderen für gar schädlich.

Diese Punkte, die ich für ausgemachten Unsinn halte, nehme ich jetzt mal auseinander. Man kann den folgenden Text auch als ein Plädoyer für Dataportability lesen:

1. Irrelevanz - Dataportability interessiert doch nur Nerds

Yeah? O Rly?

Die Realität sind hunderte Millionen Social-Network-User, die sich mit der Mitgliedschaft in einem, maximal zwei Netzwerken begnügen und niemals einen Gedanken daran verschwenden würden, dass die Möglichkeit, ihre Profildaten zu zahlreichen anderen Diensten transferieren zu können, etwas Erstrebenswertes wäre. Nur weil Obernerd Robert Scoble und sein Gefolge DataPortability als DAS große Ding verkaufen, bedeutet dies nicht, dass dies außerhalb der US-amerikanischen Tech-Zentren (und außerhalb der Wohn- und Arbeitszimmer deren internationalen Anhangs) auch so gesehen wird.

Aha. Das stimmt. Jetzt. Was aber nicht bedeutet, das keiner dieser Leute nicht gern die Möglichkeit wahrnehmen möchte, irgendwann mal eine andere Seite zu nutzen. Sagen wir in 10 oder 20 Jahren? Wenn doch mal was besseres kommt oder man nicht mehr mit der Ausrichtung der Seite klarkommt. Oder die Seite einfach mal Geld für vorher Kostenloses verlangen will und mit ihrem Vorgehen am Rande der Legalität arbeitet? Huh? Egal, ist eben alles weg? Interessiert niemanden? Frag Deine Millionen SN-Nutzer nach so einem Fall noch mal nach Datenportabilität.

Denn wie wär’s damit, dass solche Dinge auch Nichtnerds auf einmal interessieren wenn sie konkret selbst betroffen sind. Dass das uns Technikgeeks auffällt noch bevor wir in der Scheisse hocken, damit aber die einzigen sind, bedeutet nicht, dass das automatisch für Andere nicht relevant ist. Sie wissen es nur noch nicht.

Oder: Mit geringeren Barrieren zum Beitritt von Communities, nämlich wenn ich nicht immer wieder bei null anfangen muss, werden auch mehr Seiten genutzt bzw. ausprobiert (Dynamik, Wettbewerb belebt das Geschäft usw.). Auch von Nichtnerds, eben weil die technischen Barrieren sinken.

Abgesehen davon: Nutzt Du ein Onlinebookmarkingdienst, bei dem Du Deine Lesezeichen nicht exportieren kannst? Ein Onlinefotodienst, bei dem Du Deine Fotos zwar hoch- aber nichtrunterladen kannst? Nein? Warum sollte das dann bei Social Networks so sein?

 

2. Welpenschutz für kleine Netzwerke

Are you kidding me?

Der 2. Punkt in Martins Argumentation:

Meiner Ansicht nach würde Interoperativität am Ende die Starken begünstigen und die Schwachen benachteiligen. Dass Facebook, das derzeit angesagteste aller Social Networks, und Google[..] die Initiative unterstützten, erscheint logisch, müsste man sich jetzt und in naher Zukunft kaum sorgen machen, dass Nutzer ihr Sack und Pack nehmen und zu einem Konkurrenten gehen – ihr wisst schon, Netzwerkeffekte und so. Anders sieht das aber für all die kleineren Fische aus, die ihren Mitgliedern häufig nicht mal einen Link zum Löschen der Mitgliedschaft anbieten. Wie würde es denen wohl ergehen, wenn sie ihren Usern ermöglichten, persönliche Daten samt Kontakten problemlos zu einem anderen, möglicherweise viel besseren Dienst zu verfrachten?! Genau, sehr schlecht.

So fucking what?

Warum sollen die Nutzer Nachteile in Kauf nehmen, nur weil neue Startups es nicht schaffen, sticky zu werden? Was ist es mein Problem als Nutzer? Habe ich eine Verantwortung gegenüber den Startups? Ich bin hier auf der Seite der User (wie eigentlich immer). Gebt ihnen die Macht, nicht den Unternehmen.

Nebenbei: Wer seine Community nur halten kann, weil es ihr zu aufwendig ist zu wechseln, hat ganz andere Probleme, die durch das Fehlen von Datenportabilität nicht weggehen.

Noch was: Wann hast Du das letzte Mal ein neues Social Network gesehen, dass Dich nicht dazu auffordert, Deine Freunde einzuladen oder zu adden indem Du das Passwort deines Email-Accounts eingibst? Warum gibt es dieses gefährliche, äußerst dreiste Vorgehen und warum wird es das auch noch eine Weile geben? Weil Leute wie Du, Martin, gegen Dataportability und Lösungen wie OAuth polemisieren.

Überhaupt: Was erwartest Du? Artenschutz für Social Networks, die nicht den maximalen Nutzen ihren Usern bieten können? Perlease. Wer User/Nutzer/Kunden will, soll ihnen den maximalen Nutzengewinn bieten können, nicht die größten Barrieren für einen Wechsel zum Konkurrenten. Das ist Marktwirtschaft, Baby.

Ich sag es nochmal ganz klar: Es ist mir völlig egal, ob Unternehmen eingehen, weil sie nicht gut genug sind, that’s life. Aber wenn man hier schon die Möglichkeiten und Gefahren des Netzwerkeffekts erwähnt (die natürlich real sind, besonders für SNs): Nur eine webweit umgesetzte Datenportabiliät schafft genügend Nutzerdurchlässigkeit um Netzwerkeffekte abzuschwächen und qualitativ hochwertigen neuen(!) Seiten eine Chance zu geben. Und zwar auch in der Zukunft wenn bei den größten SocialNetworks jedes für sich Hunderte Millionen von Nutzern haben wird.

Und ernsthaft, Protektionismus braucht keine Sau.

 

Sorry Martin, aber so falsch hast Du noch nie gelegen.

Und wenn du denkst, dümmer gehts nicht mehr, dann kommt die Musikindustrie daher

Sony BMG -the producers of the famous sony rootkit- are striking again:

Sony BMG wollen DRM-freie Musik anbieten. Toll, oder? Nicht so schnell, ungestümer Kunde. Denn Sony, wie immer an den Kunden denkend, wird die Musik nicht einfach online zum simplen Erwerben anbieten sondern, dafür den Kauf von Plastikkarten voraussetzen, nicht dass es dem gemeinen Musikfan noch langweilig wird:

Sony BMG Music Entertainment on Jan. 15 becomes the last major record company to sell downloads without copy restrictions — but only to buyers who first visit a retail store. The No. 2 record company after Universal Music will sell plastic cards, called Platinum MusicPass, for individual albums for a suggested price of $12.99. Buyers enter a code from the card at new Sony BMG (SNE) site MusicPass.com to download that card’s album.

Da ich allein schon Kopfschmerzen bekomme, wenn ich das lese, lasse ich mal andere sprechen:

nicorola.de:

Ich kann das ehrlich gesagt nicht glauben, denn so blöd kann man gar nicht sein. Sieht für mich eher wie ein Feldversuch aus, die sowieso schon sterbende CD auf lange Zeit zu ersetzen. Wenn nicht: Herr im Himmel!

Medienkonvergenz:

Man würde es eigentlich kaum für möglich halten, aber Sony BMG scheint tatsächlich heute wieder mal einen neuen Rekord für gehirntote Geschäftskonzepte in der Musikbranche aufgestellt zu haben.

Nerdcore:

Wer kackt den Produktmanagern bei Sony eigentlich immer wieder frischen Dünnpfiff ins Hirn, kann mir das mal jemand sagen?

 

Lustig in dem Zusammenhang auch, dass Napster plant, MP3s ab dem zweiten Quartal dieses Jahres auch DRM-frei zu vertreiben (via nicorola.de). Und dort sind dann auch die MP3s von Sony BMG dabei. Erwerbbar, ohne dass man ein Bündel Plastikschrott vorher kaufen muss.

Und wer jetzt kurz aufstöhnt und die eigenen Schläfen reibend fragt, warum die Musikindustrie ein Jahrzehnt voller zynischer Klagen und Hetzkampagnen gegen die eigenen Kunden gebraucht hat, um genau, also ich meine haargenau da anzukommen, wo man ganz am Anfang stand -Napster, DRM-frei, einfach von einer P2P-Börse zu einem Musikdownloadshop switchen um die Kunden da abzuholen wo sie sind, anyone? Zu kompliziert?-, der bekommt einen Keks. Und einen Scotch. Because you’re not alone:

I would have liked to have been in the meeting when someone suggested a strategy that could easily have been implemented (at least technically) almost a decade ago, when the original Napster was just getting off the ground. Instead, we’ve had years of expensive lawsuits and watched the music industry stumble from disaster to disaster.

 

Und an die Zombies, die die Recordingindustrie führen, der Hinweis, diesen Artikel von Seth Godin bitte auswendig zu lernen. Ein mustread. Und zwar auch für jeden anderen.

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