Adobe AIR 1.0:
Erster Bote des kommenden Runtime-Kriegs

Um die Tragweite von Adobe AIR zu begreifen, muss man sich ein paar der Clients anschauen. Auf ReadWriteWeb wurden 6 gute AIR Apps zusammengestellt.

Neben dem meiner Meinung nach besten zur Zeit verfügbaren Twitter-Client Twhirl kann ich nur wärmstens die Google Analytics Reporting Suite allen GoogleAnalytics-Usern empfehlen. Diese AIR Applikation bietet ein wesentlich intuitiveres, besser zu bedienenderes GUI als Google Analytics selbst. Benutze ich bereits seit Monaten und dürfte der beste Beweis dafür sein, was alles mit Adobe AIR möglich ist.

Ebenfalls auf RWW hat Marshall Kirkpatrick die Vorteile von AIR so zusammengefasst:

  1. Cross Platform
  2. It’s beautiful
  3. It’s not in the browser
  4. Thermo
  5. It combines the responsiveness of the desktop with the cloud of the web

(siehe zur ausführlichen Erklärung der Punkte RWW selbst. Kurz zur Erklärung von Thermo: Design Framework, mit dem die Gestaltung von ansprechenden Userinterfaces noch einfacher und vielfältiger wird: „With Thermo, designers can build a web app UI and the MXML code to control it is automatically rendered by the application. Developers can then access that code and tie the UI to the rest of the application. Some conference attendees were rightly reminded of Visual Basic, but Thermo seems much smarter — and, of course, is aimed at web app developers.“)

Adobe AIR hat sehr viel Potential.

 

 

Das Problem

Genau das ist das Problem. Wir sind eben erst dabei mit Firefox uns vom proprietären Zugang zum Netz (IE) vollständig zu lösen -und den Browserkrieg zugunsten von OpenSource zu entscheiden- und schon kommt mit Adobe AIR wieder eine ClosedSource-Lösung um die Ecke, die bald weite Teile des Zugangs zum Netz bestimmen könnte.

Besonders die Nutzung von Webapps wird der treibende Motor im Web werden (wenn es das nicht schon ist). Und mit ihnen werden Browser zunehmend von mit spezifischeren Interaktionsmöglichkeiten ausgestatteten, speziell zugeschnittenen Desktopclients abgelöst. Einfacher als mit AIR lassen sich diese zur Zeit nicht umsetzen.

Und schwupps, schon haben wir wieder ein Unternehmen, das den Zugang zum Web und dessen Entwicklungen in der Hand hält.

Zur Zeit gibt es keine mir bekannte ernsthafte Alternative zu Adobe AIR (Falls es eine gibt, bitte in den Kommentaren ausführen).

Von Mozilla gibt es zwar das auf XULRunner basierende Prism, das ich unter Anderem in meinem Mozilla-Artikel erwähnt hatte. Prism bietet aber keine Entwicklung eigener UIs an. Man kann eigene Instanzen für Webapps anlegen, das war’s dann aber auch schon. Die Vorteile eigener Umgebungen können hier nicht genutzt werden.

In diesem Zusammenhang interessant ist ein Artikel auf JustBrowsing, dem persönlichen Blog von Matthew Gertner, Mozilla-Experte und Mitgründer von Allpeers, das das gleichnahmige hervorragende Bittorrent-AddOn zum privaten Filesharing für Firefox entwickelt (Sitz in Prag btw):

the browser wars are evolving into runtime wars. Players like Adobe and Microsoft are trying to convince software developers to build on top of their RIA platforms (AIR and .NET/Silverlight, respectively). Programmers are understandably wary of doing so if users will have to download a hulking runtime just to use their applications. This is one of the key factors that has prevented Java and previous incarnations of .NET from gaining widespread penetration on the desktop.

AIR hat zur Zeit, soweit ich das beurteilen kann, zumindest bei den Webgeeks sehr großen Erfolg. Was sicher auch daran liegt, das Runtime wie Applikationen recht einfach zu handhaben sind (und blah, die ganzen Vorteile siehe oben). Bekanntlich ist das der erste, wenn auch kleine, Schritt in Richtung Mainstream.

Gertner argumentiert, dass Mozilla mit Firefox 3 dem entgegensteuern kann:

Previous versions of Firefox used the XULRunner source code but couldn’t share it with other apps at runtime. The upcoming version ships with a complete XULRunner runtime, and actually lets you turn Firefox into XULRunner with a simple command line switch.

Damit hat man aber noch keine auch für Programmierer attraktive Runtime, auf der sich leicht hübsche Desktopclients für Webapps umsetzen lassen. Für aufwendige Projekte scheint es zwar geeignet:

The original architects of Firefox were impressively visionary in building their browser on top of a general-purpose framework that has helped them to manage the complexity of deploying a sophisticated product on dozens of different operating systems. This platform is so powerful that other companies have decided to build their own applications on top of it. Prominent examples are Songbird, Joost and Miro.

Für Einmannhobbyprojekte wie Twhirl etc. scheint das eher nicht geeignet. Falls jemand von Euch bereits mit XULRunner und AIR etwas umgesetzt hat oder das versucht hat, wäre ich an einem Vergleich/Meinung dazu sehr interessiert.

Gertner aber ist zuversichtlich (muss er auch sein, setzt ja auf Firefox):

The player with the strongest cards, however, is Mozilla. Unlike Adobe and Microsoft, they have a true killer app in the form of Firefox. When its 150 million odd users upgrade to Firefox 3, they’ll be getting XULRunner as a surprise bonus. This will seed the market and make it a whole whack easier for software developers to deploy XULRunner-based applications.

Bei Mozilla selbst ist man da zurückhaltender:

If it seems like we don’t want to promote running XUL-based applications using Firefox 3 as the runtime – good! This is very experimental and there are down-sides. There are no current plans to expand or extend the feature.

 

Fazit

Wie auch immer die Entwicklung weitergeht, Mozilla hat in meinen Augen den Runtimeaspekt in der aktuellen Webentwicklung ein wenig verschlafen, wenn auch die Voraussetzungen in Firefox von Anfang an gesetzt wurden. Inwiefern die Neuerungen, die mit Firefox 3 kommen, reichen werden und ob sie überhaupt einsetzbar sind, wird sich zeigen.

Eins dürfte aber sicher sein: Adobe AIR geht so schnell nicht wieder weg. Und es gewinnt stetig an Zuwachs.

Und kompatibel werden AIR und XULRunner auch nicht werden.

Und damit steuern wir bereits auf den Runtime-Krieg zu. Yay.

Ein was Gutes hat das Ganze aber: Alles wird mittlerweile wie selbstverständlich betriebssystemübergreifend gebaut (Firefox/XULRunner wie AIR, das es bald auch in Linux geben wird). Wenigstens ein Problem, das sich nun endlich langsam aber sicher verabschiedet. :)

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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  • Sobald es etwas nicht nur für Windows, sondern auch für Macs gibt, bekommt es sofort das Label „Cross Platform“. Auf die Idee, dass es daneben noch andere Systeme gibt, scheint niemand kommen zu wollen.

  • Nunja, Win und Mac decken schon fast den gesamten Markt ab. Und an der Linuxunterstützung wird ja (seit längerem) gearbeitet. Die Linuxversion dürfte die Tage auch erscheinen.
    Was bliebe denn neben diesen drei Plattformen noch übrig?

  • Gerade den Versprechungen bzgl. Linux traue ich nicht über den Weg. Es hat ja schon Ewigkeiten gedauert, bis die Pinguin-Fraktion einen halbwegs reibungslos funktionierenden Flashplayer bekommen hat. Vermutlich würde man mit etwas Gefummel die Windows-Version von AIR auch unter Linux zum laufen bekommen, aber da wird unter Linux ja nicht mal der Download der entsprechenden Dateien zugelassen.

    Warum blockieren die das so?

  • Naja, die Linuxentwicklung wird wohl keine sonderlich hohe Priorität haben, da die Marktdurchdringung von Linux (leider) immer noch recht niedrig ist. Logischerweise wenig Ressourcen zugeteilt, und schon braucht’s länger.
    Warum workarounds (was meinst Du damit? Wine?) behindert werden.. das dürfte wohl am Kontrollwahn liegen, den große Unternehmen nun mal so an sich haben. ;)

  • Jup, WINE. AIR an sich hab ich installieren können, aber Apps ziehen ist nicht drin.

    Dass die keine Ressourcen für Linux haben, glaube ich nicht. Es gibt Menschen, die entwickeln im Alleingang komplette Grafikprogramme, die auf 10 verschiedenen Plattformen laufen. Und ein Riesenkonzern wie Adobe kriegt das nicht hin?

  • Ja, stimmt schon. Ich will Adobe auch nicht verteidigen. Brauchen die eh nicht. Aber: Wer in Herrgottsnamen benutzt denn heute schon noch OS/2? Oder BeOS? Und, kann man eine Runtime wirklich mit einem Grafikprogramm vergleichen? Äpfel und Birnen?
    Letztenendes werden wir sehen, wann es AIR auf Linux geben wird (Betatests werden wohl gerade gemacht, las ich neulich irgendwo). Nur eins dürfte sicher sein: Auf OS/2 wird’s das nicht geben.. ;)

  • Klar sind das Äpfel und Birnen. Aber da es mir nur um das Gewicht der Früchte geht, kann man das so durchaus vergleichen. Das sind zwei zweifellos sehr schwere Früchte, die in einem Fall von einem Mann gestemmt werden und im anderen Fall für einen Milliardenkonzern zu schwer sein sollen. Alles Betrug.

    Klar, möglicherweise gibt es das eines Tages für Linux. Genau wie den Flashplayer. Anfangs auch ohne Sound und ab dann immer zwei Versionen hinter den anderen Systemen hinterherhinkend.

  • FFD

    Hey, Leute, Plattformunabhängigkeit ist doch wirklich nichts neues. Sun hat 1995 Java rausgebraucht. Kann man ein Freund von sein, oder auch nicht, und an der Applet Runtime gibts viel zu kritisieren, aber es gibt auch tolle Cross-Plattform-GUIs wie etwa Eclipse.

    Der beste Weg heutzutage ist m.E. Javascript mit Toolkits wie Dojo, Prototype oder YUI. Mit Adobe* dagegen bewegt man sich in einer Welt, die sich nach außen hin abschotten will.