Schlechter Journalismus und Facebook

In der Basler Zeitung hat ein Journalist das gute, alte Ich-habe-eine-These-und-bastle-mir-dazu-anekdotische-Fakten-Spiel gespielt, und zwar in der beliebten Nicht-passende-Fakten-werden-angepasst-Edition. Heute mit Facebook (morgen ist sicher wieder Google dran).

Das kam bei der Basler Zeitung heraus:

«Hans Muster ist kein Fan mehr von Facebook». Diesen Status könnten demnächst mehrere User der beliebtesten Community-Plattform melden. Denn die Zeichen mehren sich, dass Facebook seinen Zenit überschritten haben könnte: Frühere Facebook-Fanatiker loggen sich nur noch einmal im Monat ein, einst aktive Statusschreiber haben noch immer den Status vom 1. August und die Radikalen haben in einer Nachricht an alle ihren Austritt bekannt gegeben.

usw. usf.

Zum Vergleich eine Aussage über Facebooks Wachstum von InsideFacebook, einem US-Blog das die Entwicklung von Facebook verfolgt:

While Facebook’s international audience totaled 34 million people at the beginning of 2008, on the first day of 2009 that number had increased to 95 million – nearly 70% of the total Facebook audience. Today, it’s over 175 million.

What’s more is that dozens of these markets are still growing at double digit rates every month – and for many, those growth rates are increasing. Facebook’s growth rate accelerated by at least 25% in 47 countries in one recent quarter. Its quarterly growth rate more than doubled in 28 of those countries.

Am Ende nennt der Autor des BAZ-Artikels noch die Zahlen, und gibt zu, dass sie steigen, schließt aber mit folgender Aussage:

Allerdings dürften darunter jede Menge Facebook-Zombies sein, User, die sich einmal eingeloggt, aber danach kaum mehr mit dem Portal beschäftigt haben.

Was er dabei unterschlägt: Facebook gibt nur die Zahlen aktiver User an. Nach Facebooks Definition sind das jene, die sich mindestens einmal in den letzten 30 Tagen eingeloggt haben.

Aber das zuzugeben, würde ja die These des BAZ-Artikels widerlegen.

Es gibt viel Kritikwürdiges an Facebook, für das man nicht die Fakten an die eigene Kritik ‚anpassen‘ muss. Was Internetunternehmen allgemein angeht, scheinen dazu aber die meisten Journalisten nicht mehr in der Lage zu sein.

Wie war das mit dem Qualitätsjournalismus, der nur in den Redaktionen möglich ist, und den die Fakten nie checkenden Bloggern gleich nochmal?

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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  • Ich kenne eine ganze Menge Leute, die die Basler Zeitung nicht lesen. Ich schätze, die hat ihren Zenit dann wohl auch überschritten.

  • Eipa

    Ich hab gehört, dass viele der Basler Zeitungen werden nur einmal gelesen werden und dann im Altpapier landen…

  • hehe

  • Alois Müller

    Das Schlimme: Das ist ja gar nicht die Basler Zeitung. Das ist ein sogenanntes „Newsnetz“, das unter den Brands von drei Zeitungen den gleichen schlecht recherchierten Billignetzjournalismus betreibt.

  • Na ja – da hat irgendjemand mal schnell ein paar Zeilen schreiben müssen um eben zu beweisen, dass er auch was tut und das ist dann eben das Ergebniss. Im Prinzip sagt er ja überhaupt nichts aus und äußert eigentlich wirklich nur persöhnliche Vermutungen.

  • Thomas

    Und wie war das mit dem Besserwisser-Blogger-,-der-die-Fakten-nicht-so-genau-nimmt-und-deshalb-eine-falsche-These-ableitet nochmals? Zu behaupten der „Artikel“ erschien in der Basler Zeitung ist fast so schlecht, wie wenn ich sagen würde Sie arbeiteten bei Bild, nur weil bildblog.de hierhin verlinkt. Ihre Kritik betrifft den Artikel eines Online-Journalisten, der so kaum je abgedruckt worden wäre. Sorry.

  • Bitte? Der Text steht auf bazonline.ch. Unten rechts unter dem Text steht „(bazonline.ch/Newsnetz)“. Es ist die Online-Ausgabe der Basler Zeitung. Ob das im Print erschien oder „nur“ online, ändert nichts daran, dass die Marke dahintersteht. Wenn die BaZ die inhaltliche Kontrolle an dieses für Außenstehende unverständliche Newsnetz abgibt (was ich nach Ihrem Ausbruch mal vermute), ist das in erster Linie ein Problem der BaZ, nicht des Konsumenten, der die Strukturen dahinter nicht kennt und auch nicht kennen muss.
    Man kann nicht den Kuchen essen und ihn gleichzeitig für später aufheben.

    Der Vergleich mit der Bildblog-Verlinkung ergibt keinen Sinn.