Googles Langzeit-Strategie für Google Buzz

Google Buzz ist der erste halbwegs erfolgreiche Einstieg von Google in die Social-Media-Welt. Es lief zwar etwas holprig am Anfang aufgrund von Datenschutzproblemen und auch weiterhin fühlt sich Google Buzz wie eine billige Version von FriendFeed an, aber: die konsequente Unterstützung von offenen Standards und die Ankündigung von auf selbige setzenden Buzz-APIs werden Google nicht nur zu einem Major-Player machen, sondern die Social-Media-Welt in den nächsten Jahren nachhaltig verändern.

Google steigt relativ spät mit aller Macht in das Social Web ein (nicht zuletzt, weil jeder einzelne vorherige Versuch scheiterte). Man darf das nicht unterschätzen: Google legt sein ganzes Gewicht in Buzz. Facebook hat in den USA zum ersten Mal Google in den Visits überholt . Google muss also aufholen. Und trotz der Größe und Marktmacht des Suchgiganten steht man in Mountain View vor einem Problem: Wie überwindet man die zum Sog werdenden Netzwerkeffekte des Konkurrenten Facebook mit seinen über 400 Millionen Mitgliedern weltweit?

Buzz setzt bei dieser Frage an zwei Stellen an.

1. Es ist direkt im äußerst erfolgreichen GMail integriert. Das heißt, es gibt von Anfang eine Nutzerbasis, über die sich so manches Startup freuen würde; wenn es denn dem Ansturm standhalten könnte.

Die Integration in GMail ist nicht nur wichtig für den schnellen Start sondern auch aus einer zweiten Sicht entscheidend: Google versucht, die Online-Kommunikation weiterzuentwickeln (denn was ist Social Media anderes als letztlich in erster Linie die Weiterentwicklung der alten Online-Kommunikationsformen?). Google Wave, Google Buzz, GMail, GTalk das spielt alles zusammen – und bis auf Google Wave ist das alles auch verzahnt.. Die Integration von Buzz in GMail ist das erste Anzeichen dafür, dass Buzz für jegliche Form von Kommunikation eingesetzt werden soll.

2. Der zweite Schritt werden APIs sein. APIs, die wie bereits einzelne Komponenten im jetzigen, noch nackten Buzz auf offene Standards setzen werden.

Das hat nichts mit Altruismus zu tun. Es ist eine typische Strategie in High-Tech-Märkten, an bereits bestehende Netzwerke anzudocken, wenn man im Rückstand ist und aufholen will. Gerade Google setzt Offenheit oft zur Gewinnung neuer Verbündeter ein, um schneller seine Ziele zu erreichen.

Zwei jüngere Beispiele: Android setzt darauf, das viele Mobiltelefone mit dem gleichen auf Internetzugang und Apps getrimmten Betriebssystem erfolgreicher sein werden als ein einzelnes Telefon (denn eine Strategie mit nur einem Telefon klappt nur einmal: Wenn man ein gutes Produkt hat und erster ist). Wie schlecht sich Googles eigenes Mobiltelefon macht, kann man aktuell sehen . Innerhalb der Android-Strategie ist das aber nicht sonderlich wichtig. Das Gleiche gilt für Google Chrome OS, das wie alles, was Google in diesen Bereichen macht, auf Open Source setzt.

Nicht weil Google das altruistisch handelnde Unternehmen ist, sondern weil es auf diesem Weg zwei Dinge sicherstellen kann:

  • Maximale Verbreitung bei minimalem organisatorischem Aufwand (der etwa mit einem traditionellen Verkauf einherginge) und
  • die ebenfalls ohne hohe organisatorische Kosten verbundene Gewinnung von Verbündeten, die ebenfalls bei der Verbreitung helfen und im Idealfall sogar dafür sorgen, die Position langfristig zu stärken.

Was Google mit Buzz plant ist, die Verbreitung von offenen Standards voranzubringen, denn nur weit verbreitete offene Standards haben zu diesem Zeitpunkt noch eine Chance gegen Facebook. Google will gleichzeitig mit Buzz dabei zum wichtigsten Hub für die Verknüpfung der einzelnen Angebote werden. Jeder Websitebetreiber, der auf offene Standards setzen will, hat eigentlich erst mit Google Buzz einen gewichtigen Grund gefunden.

DeWitt Clinton, einer der Entwickler von Buzz, schreibt auf Buzz:

It’s a big win for developers as well, because you develop a set of libraries once, and you can reuse them for all the services that support those open protocols, no change required.

Wenn der Buzz-Entwickler von „A big win for developers“ schreibt, dann weiß man was die ökonomischen Strategen bei Google dachten: So bekommen wir ein attraktives Angebot für Entwickler, um uns ein reichhaltiges App-Ökosystem zu erschaffen (das wiederrum das Gesamtsystem für Benutzer attraktiver macht).

Mit Google als Major-Player werden wir den Aufstieg offener Standards in vielen Bereichen sehen. Oft sind die technischen Spezifikationen seit längerem fertig, nur die Implementierung lässt oft auf sich warten. Das wird sich nun ändern. Denn Google Buzz wird den Buzz für Offenheit bringen. Das heißt nicht, dass Facebook damit geschlagen wird. Es wird nur langfristig gesehen darauf hinauslaufen, dass auf der einen Seite Facebook und auf der anderen Seite die offenen Standards mit Google stehen werden.

Gleichzeitig wird es noch sehr lang dauern, bis dieses dezentralisierte System eine ähnliche Usability erreichen wird, wie man sie von Facebook kennt, das alles aus einer Hand anbietet. Vielleicht wird es das sogar nie erreichen.

Noch einmal der Buzz-Entwickler DeWitt Clinton:

The best way to get a sense of where the Buzz API is heading is to take a look at http://code.google.com/apis/buzz/. You’ll notice that the „coming soon“ section mentions a ton of protocols—Activity Streams, Atom, AtomPub, MediaRSS, WebFinger, PubSubHubbub, Salmon, OAuth, XFN, etc.

What it doesn’t talk much about is Google. That’s because the goal isn’t Google specific at all. The idea is that someday, any host on the web should be able to implement these open protocols and send messages back and forth in real time with users from any network, without any one company in the middle. The web contains the social graph, the protocols are standard web protocols, the messages can contain whatever crazy stuff people think to put in them. Google Buzz will be just another node (a very good node, I hope) among many peers.

Darin steckt die komplette Google-Buzz-Strategie versteckt:

  • Offene Standards
  • Unterstützung der damit verbundenen Dezentralität
  • Google Buzz als guter und verlässlicher und damit wichtigster Knoten in diesem Netzwerk

Google Buzz hat sehr gute Chancen, langfristig das Social Web komplett umzukrempeln. Und das aus relativ profanen Gründen: Google hat die Mittel für langfristige Iteration und es verfolgt die richtige Strategie.

Man sollte das nicht aus den Augen verlieren:

Das größte Unternehmen des Webs treibt hier die massivste Unterstützung für offene Standards voran, die man im Social Web bisher gesehen hat.

Die Website von Google Buzz anzuschauen und zu glauben, das allein sei, was Google im Social Web vorhat, ist wie das Nexus One anschauen und zu glauben, man schaue auf die Android-Strategie. Google denkt in größeren Zusammenhängen und immer im Sinne der strategischen Position in den jeweiligen Netzwerken.

Und Google macht das, was es immer macht: Leveling the playing field. Und dabei selbst im Zentrum stehend, das Chaos organisierend.

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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  • Du vergisst ein paar weitere Strategische Überlegungen zu Googles Open Source Strategie:

    1. Es schafft durch Transparenz Vertrauen bei den Nutzern, das Google auch enorm nötig hat, wenn sie sich so weit in die Privatsphären der Anwender trauen und eine so dominierende Stellung aufbauen.
    2. Es verbrennt den kommerziellen Markt. Eine der wichtigsten Ergebnisse der Einführung von Android: Niemand wird Betriebssysteme für's Telefon noch verkaufen können. Symbian musste auch open source gehen und Mircosoft wird in dem Markt auch keinen Cent mehr verdienen. Ähnlich wird das mit Chorme OS werden. Microsoft zittert sicher schon…

  • Stimmt, sind beides wichtige Zusatzpunkte. Vor allem das Verbrennen von anderen Geschäftsmodellen mit dem kostenlosen Weggeben der Angebote ist auch wichtig. Ist mit Microsoft Office und Google Docs etc. ganz ähnlich.

  • Pingback: Googles Langzeit-Strategie für Google Buzz » business model innovation design()

  • freue mich schon auf den Tag , wenn MS sein Outlook auf eine Buzz-ähnliche Funktionalität umstellen muss

  • hehe. MS könnte auf jeden Fall einiges von Google lernen, was
    langfristiges Denken im Internetmarkt angeht.