Internet & Ignoranz

Christian Heller vergleicht auf Carta das Internet mit dem Bild, das Jorge Luis Borges 1941 in seiner Erzählung “Die Bibliothek von Babel“ entwirft.

Wie soll man sich orientieren, wenn zu jedem Text ein Gegen-Text existiert und kein Text für sich beanspruchen kann, eine autoritäre Sonderstellung gegenüber den übrigen zu besitzen? In ihrer Sinnsuche besonders verzweifelte Bibliothekare greifen zu einem verschmähten letzten Mittel: Sie verbrennen Bücher, denen sie Sinn oder Autorität absprechen, um wieder eine Ordnung der Sinnhaftigkeit herzustellen. Doch ihre Versuche sind ein Kampf gegen Windmühlen: Jeder zerstörte Text existiert milliardenfach anderswo in der Bibliothek weiter, unterschieden im Einzelnen vielleicht nur durch ein verschobenes Komma oder einen verdoppelten Buchstaben.

Was Borges beschreibt, liest sich wie ein Modell für die Informationslandschaft des Internet und die durch sie aufgeworfenen Fragen des Bewertens, Sortierens, Filterns.

Hellers Schlussfolgerung zum Umgang mit dem Internet:

In alledem gerät das Ignorieren zu einer der wichtigsten Medienkompetenzen. Unsere Aufnahme-Kapazitäten gegenüber der unendlichen Textmasse des Netzes sind begrenzt, daher scheiden wir streng Interessantes von Uninteressantem und blenden letzteres aus. Wir werden wie der Bildhauer, der seinem Material Form gibt, indem er es intelligent beschneidet: Wir geben den Textmassen im Internet Sinn, indem wir unter ihnen auswählen, diskriminieren und große Teile davon wegwerfen. Wir adeln einen Text erst zur Bedeutung, indem wir ihm Aufmerksamkeit schenken.

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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