Wer gewinnt in einer Flattr-Welt?

Reine Spekulation: Felix Schwenzel fragt:

ganz im ernst, sollte ein funktionierendes micropayment-model auftauchen — zum beispiel flattr — und grossflächig funktionieren und akzeptanz finden, was passiert dann? wer profitiert davon? (gross-) verlage, blogger, twitterer, musikanten, filmemacher?

Flattr ist vergleichbar mit Kachingle: User zahlen Flattr einen monatlichen Betrag. Wenn die User auf einen Flattr-Button klicken, bekommt der Inhalteanbieter, auf dessen Site der Flattr-Button geklickt wurde, einen entsprechenden Anteil am monatlich eingezahlten Betrag des Users.

Das Henne-Ei-Problem von Kachingle und Flattr hatte ich hier bereits angesprochen (und hier gesondert auf die Replik von Kachingle geantwortet).

Die folgenden Überlegungen beziehen sich nur auf Online-Publisher. Wie bereits angekündigt, reine Spekulation:

1. Publisher, die aufwühlende, emotionalisierende Beiträge veröffentlichen, werden mehr unterstützt werden als in erster Linie Links und kurze Verweise postende Aggregatoren. Stefan Niggemeier zum Beispiel könnte mit Flattr und co. in Deutschland im Vergleich zu anderen im Vergleich zur Leserschaft überdurchschnittlich hohe Einkünfte erzeugen. Nerdcore würde im Verhältnis Besucherzahlen zu Flattr-Einkünfte eher schlechter abschneiden.

Linkblogs werden weiterhin relativ hohe Zugriffszahlen haben. Leserschaft wird sich aber besser mit originärem Content in Flattr-Einnahmen umwandeln lassen. Und noch besser: mit originärem emotionalisierenden Content, also resonanzerzeugende Inhalte.

Kurz: Was originär ist und gut auf Facebook und Twitter verlinkt wird, wird auch gut bei Flattr und co. laufen. Flattr macht die Eigenschaften, die Viralität erzeugen, direkt monetarisierbar.

2. Folgendes könnte zur Faustregel werden: Je mehr Werbung auf der Site, desto geringer der Anreiz, geflattrt zu werden und vice versa.

3. Meiner Meinung nach würden außerdem zum Beispiel Blogs wesentlich besser von einer weitverbreiteten freiwilligen Bezahlung profitieren als etwa etablierte Verlage. Warum: Gesetz dem Fall, Verlage würden überhaupt Flattr und co. nutzen, würden viele Leser wohl davon ausgehen, dass die Verlage ihr Geld nicht brauchen, weil sie bereits mit Werbung verdienen und „groß genug“ sind. Die tatsächliche Lage dürfte dabei weniger zählen als die gefühlte Lage.

4. In der Anfangszeit, wenn sich das System noch etabliert, kommt noch eine Besonderheit hinzu, die man auch aus den Anfangstagen anderer Systeme im Web kennt: So wie überdurchschnittlich oft Artikel gediggt wurden, die sich mit Digg beschäftigen und so wie überdurchschnittlich oft Links getwittert wurden, die sich mit Twitter beschäftigen, werden überdurchschnittlich oft Artikel geflattrt, die sich mit Flattr beschäftigen.

Sollte Flattr, Kachingle oder ein anderes vergleichbares System den Durchbruch schaffen, wird es also für eine kurze Zeit relativ lukrativ, genau darüber zu schreiben.

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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  • Vielleicht habe ich ja Kachingle (noch) nicht ganz verstanden, aber ist es nicht so, dass bei Flattr eher das einzelne Content Element „belohnt“ wird und bei Kachingle die Besuchsanzahl auf der ganzen Site? Ich würde auch vermuten, dass bei Flattr ursprüngliche Beiträge eher gewinnen, während allerdings die erfolgreichen Kuratoren bei Kachingle besser da stehen könnten.

    Dass die Leute bei viel Werbung eher weniger „belohnen“ kann ich mir auch vorstellen, zumindest zu Beginn und vor allem hier bei uns. Mit der Zeit könnte sich aber schon eine Kultur entwickeln die dann „belohnt“ wenn sie etwas gut und nützlich findet, unabhängig davon, ob damit noch weitere Umsätze generiert werden. Interessant wird dann auch zu beobachten sein, wie sich die gezeigte Anzahl Flatteres oder Kachinglers auf das Nutzerverhalten auswirkt, wird eine hohe Zahl eher dazu verleiten, sich auch zu beteiligen (vermute eher ja, Herdentrieb), oder gerade umgekehrt?

    Bei den grossen Verlagen gehe ich davon aus, dass die nun mal schauen, wie sich das so entwickelt und eher Zurückhaltung an den Tag legen werden. Falls sie jemals solche Systeme einsetzen werden, werden sie auf jeden Fall kaum für irgendwelche Agenturmeldungen, die an jeder Ecke zu lesen sind, „belohnt“ werden. Doch für gute eigene Arbeiten, bestünde auch für grosse Verlage die Chance „Streicheleinheiten“ der Netzleser zu erhalten.

  • Ich sehe das auch so. Originärer Content wird bei Micropayments mehr zählen als reine Verlinkung. Engagierte Stammleser werden wichtiger sein als hohe Besucherzahlen. Eine Webseite, die ihre Nutzer mit sinnlosen Klickstrecken nervt und voll ist mit blinkenden Werbebannern und womöglich noch Pop-Ups wird weniger geflattert und kachinglet werden als eine Website, die auf solche Einnahmequellen freiwillig verzicht (oder gar nicht erst die Möglichkeit dazu hat). Und an den Herdentrieb glaube ich auch – wie Andreas von Gunten.

    Mehr dazu: Zur Philosophie hinter Kachingle habe ich ein Interview mit der Gründerin geführt:
    http://medialdigital.de/2010/05/11/eine-neue-so

  • Während Kachingle mehr eine generelle Sympathiebekundung und Unterstützung für eine ganze Website ist, belohnt Flattr den einzelnen Beitrag. Ich glaube nicht, dass dieser „aufwühlend“ oder „emotionalisierend“ sein muss. Im Gegenteil, man kann einen Beitrag, der vor allem Aufmerksamkeit sucht und nichts substanzielles liefert, so getrost ignorieren und nicht-flattern. Dagegen kann man eine Einzelleistung eines Angebots belohnen, das man gar nicht generell liest und auf das man nur per Zufall gestossen ist.

    Es braucht dazu ein Bewusstsein der Belohnung des originären Inhalts. Wie man auch das Blog verlinkt, das eine Meldung zuerst bringt und nicht Spiegel Online, das sie ohne Link zusammenfasst, so muss man den Originalbeitrag flattern – und nicht etwa ein Crosspost oder eine Zusammenfassung.

    Ich glaube, dass gerade Flattr dazu führen könnte, dass vermehrt aufwändige Beiträge zu lesen sein werden – wenn sie denn nachträglich von den Lesern honoriert werden.

    Gegenüber Kachingle ist Flattr aber leider noch unausgereift (und bisher ja nur für Beta-Nutzer überhaupt nutzbar).

  • angenommen, ein oder mehrere micropayment-modelle funktionieren, wer würde dann noch für verlage schreiben wollen? was passiert, wenn aufmerksamkeit sich über micropayment direkt in geld verwandeln lässt, fangen dann blogger auch an, aggressiv auf aggregatoren und suchmaschinen zu reagieren? werden schwanzvergleiche dann noch ernsthafter betrieben?

    ich frage mich, könnte genau an dem moment, wo sich (eventuell) ein funktionierendes geschäftsmodell für journaliste inhalte etabliert, was sich verlage ja im prinzip seit einem jahrzehnt herbeiwünschen, genau das die verlage ruinieren?

    wichtig für ein funktionierendes micropayment-system ist vor allem die barrierefreiheit: keine grosse einstiegshürde für produzenten, minimalen bis kein aufwand für zahlungs- oder spendenwillige. aber wenn diese dämme gebrochen sind, welchen sinn haben dann noch verlage? welche hebel können sie dann noch ansetzen, um ihre autoren unter druck zu setzen? den hebel aufmerksamkeit haben sie schon lange verloren, aufmerksamkeit lässt sich hervorragend vorbei an verlagen erreichen. den hebel der vermarktung haben sie noch relativ fest in der hand. ohne verlage ist es derzeit ungeheuer schwer für journalisten geld zu verdienen.

    ich frage mich, ob „wir“ die folgen eines funktionierenden micropayment-systems nicht alle brutal unterschätzen.

  • @felix schwenzel: Wäre das denn nicht grossartig, wenn wir das alle unterschätzen und das Geld so zu jenen kommt, die die kreativen Güter herstellen – und nicht zu jenen, die sie verwalten? Dafür braucht es aber tatsächlich niedrige Einstiegsschwellen – und das ist leider bisher nicht so.

    Zu erwarten ist, dass, wenn sich so ein System tatsächlich etablieren könnte, die Geldflüsse sehr viel schneller, aber auch unregelmässiger verteilt werden. Wer sich in Zukunft ganz auf solche Einnahmen konzentriert, könnte je nach Rückfluss seiner Beiträge entweder aufs Arbeitsamt oder auf eine Weltreise.

  • @ Ronnie + Felix … „nicht alle brutal unterschätzen“ … Ich bin der Meinung, dass wir tatsächlich am Vorabend einer Revolution stehen. Es entsteht ein neuer Markt, es könnte sich ein völlig neues Verhältnis von Content und Kohle entwickeln. Alles ist möglich.

    Deshalb halte ich es für wichtig, dass wir als Blogger uns bemühen, gleichermaßen über Kachingle und Flattr zu berichten, damit sich der Dienst durchsetzt, der tatsächlich die bessere Nutzungen ermöglicht – und nicht automatisch der, der aufgrund der Prominenz seines Gründers und der besseren Netzwerke (s. die Anwesenheit von Flattr und die Abwesenheit von Kachingle auf der Re:Publica) Marketing-Vorteile hat.

    Es gibt dieses Beispiel der zwei miteinander Schreibmaschinen-Tastaturen, die mal miteinander konkurriert haben. Heute sind fast alle der Meinung, dass sich die in puncto Bedienbarkeit ungünstigere durchgesetzt hat, weil ein wirklicher Wettbewerb aufgrund von Mechanismen, die damit wenig zu tun hatten, außer Kraft gesetzt war. Es wär toll, wenn wir eine solche Situation bei den Bezahlsystemen verhindern könnten.

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  • @alle: Interessante Debatte. Leider bin ich die letzten Tage nicht zum Reagieren gekommen. Ich fasse das eben schnell in einem Artikel zusammen.

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  • fil

    Stell Dir vor, es gibt hervorragende Journalisten und Autoren die nicht die geringste Lust haben sich mit so Sachen wie WordPress, twitter, SEO, Syndikation, Micropayment, … auseinanderzusetzen. Die telefonieren viel, schreiben Ihre Texte in Word und schicken sie Ihrem „kümmer Dich um den Rest“-Dienstleister. Letzteren nennt man gemeinhin Verlag.

    Ich stimme Dir aber insoweit zu: Genauso wie die Major-Labels werden auch die Verlage veränderte Hebellängen hinnehmen, ihre Rolle neu finden und ein bischen Demut lernen müssen. Ich würde das aber eher als Normalisierung einer historischen Ausnahmephase betrachten (Druckmaschinen/Plattenpressen-Oligarchie). Es sollte aber auch nicht vergessen werden, daß von dieser Ausnahmesituation wenigen Koriphäen unter den Kreativen enorm profitiert haben. Rockstar werden könnt Ihr unter den normalisierten Bedingungen vergessen. Als Musiker ein einfaches Auskommen zu finden sollte dafür wahrscheinlicher werden.