Debatte: Der Unterschied zwischen Flattr und Kachingle

Der Artikel zur Frage „Wer gewinnt in einer Flattr-Welt?“ hat einige interessante Kommentare hervorgerufen. Die Debatte ist meines Erachtens für eine breitere Öffentlichkeit interessant. Einige Auszüge aus den Kommentaren und Anmerkungen meinerseits:

Andreas Von Gunten schreibt:

Vielleicht habe ich ja Kachingle (noch) nicht ganz verstanden, aber ist es nicht so, dass bei Flattr eher das einzelne Content Element „belohnt“ wird und bei Kachingle die Besuchsanzahl auf der ganzen Site? Ich würde auch vermuten, dass bei Flattr ursprüngliche Beiträge eher gewinnen, während allerdings die erfolgreichen Kuratoren bei Kachingle besser da stehen könnten.

Das ist in der Tat interessant. Es kann gut sein, dass die verschiedenen Ansätze unterschiedliche Arten von Inhalten unterschiedlich stark belohnen werden. Wobei ich stark vermute, dass ein mittelfristig erfolgreiches System Elemente von Flattr (zu klickender Button pro Inhalt) als auch von Kachingle (Abo-System; ohne zusätzlich notwendige Tätigkeit, abgesehen vom Besuchen der Site) integrieren muss.

Ronnie Grob schreibt:

Während Kachingle mehr eine generelle Sympathiebekundung und Unterstützung für eine ganze Website ist, belohnt Flattr den einzelnen Beitrag. Ich glaube nicht, dass dieser „aufwühlend“ oder „emotionalisierend“ sein muss. Im Gegenteil, man kann einen Beitrag, der vor allem Aufmerksamkeit sucht und nichts substanzielles liefert, so getrost ignorieren und nicht-flattern. Dagegen kann man eine Einzelleistung eines Angebots belohnen, das man gar nicht generell liest und auf das man nur per Zufall gestossen ist.

Das geht noch einmal auf die Unterschiede der zwei Systeme ein. Ronnie Grob hat recht: Flattr kann potentiell mehr Einmalbesucher in einen monetären Einkommensstrom verwandeln als Kachingle. Kachingle ist in seiner aktuellen Form quasi ausschließlich auf Stammleserschaft ausgelegt.

In einem Internet, das zunehmend von Streams bestimmt wird und viele Leser von Angebot zu Angebot springen, könnte Flattrs Klick-Button besonders außergewöhnliche Zugriffs-Peaks von Durchlauferhitzern wie Facebook und Twitter besser monetarisierbar machen als Kachingles Abo-System, das diese Konsumform mehr oder weniger ignoriert.

Anders gesagt: Es kann für Publisher sinnvoll sein, beide Systeme einzusetzen, weil es Kachingle für Stammleser einfacher macht, während Flattr Einmalbesucher abfangen kann. Das ist ein weiterer Grund, warum ich glaube, dass ein erfolgreiches System beide Komponenten benötigt, weil erst dann beide Nutzungs-Szenarien abgedeckt sind.

Ronnie Grob spricht noch einen wichtigen Punkt an:

Es braucht dazu ein Bewusstsein der Belohnung des originären Inhalts. Wie man auch das Blog verlinkt, das eine Meldung zuerst bringt und nicht Spiegel Online, das sie ohne Link zusammenfasst, so muss man den Originalbeitrag flattern – und nicht etwa ein Crosspost oder eine Zusammenfassung.

Felix Schwenzel spricht einen interessanten Aspekt bezüglich der betroffenen Institutionen an:

angenommen, ein oder mehrere micropayment-modelle funktionieren, wer würde dann noch für verlage schreiben wollen? was passiert, wenn aufmerksamkeit sich über micropayment direkt in geld verwandeln lässt, fangen dann blogger auch an, aggressiv auf aggregatoren und suchmaschinen zu reagieren? werden schwanzvergleiche dann noch ernsthafter betrieben?

ich frage mich, könnte genau an dem moment, wo sich (eventuell) ein funktionierendes geschäftsmodell für journaliste inhalte etabliert, was sich verlage ja im prinzip seit einem jahrzehnt herbeiwünschen, genau das die verlage ruinieren?

Es ist in der Tat denkbar, dass ein etabliertes System nach Art von Flattr oder Kachingle ein weiterer Nagel im Verlagssarg ist, weil es im Grunde einen weiteren Aufgabenbereich der Verlage übernimmt, diesen aber auf die genuinen Eigenschaften des Internets anwendet.

 


Noch zwei Anmerkungen zum Thema: Die Kachingle-Gründerin Cynthia Typaldos diskutiert in den Kommentaren zu meinem Artikel über Kachingle und das Henne-Ei-Problem über die Strategien von Kachingle und dessen Positionierung als zweiseitiger Markt. Vor einiger Zeit habe ich auch in der Trackback-Sendung von Radio Fritz ein kurzes Interview zu Flattr und co. gegeben. neunetz.com-Leser erfahren in der Trackback-Sendung allerdings nichts Neues.

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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