Verletzt Skype die Netzneutralität? Nein.

skypeAuf dem Blog blog@netplanet wird in Bezug auf die neueste Skype-Preisstruktur geschrieben, die Netzneutralität wäre bei Skype am Ende. netzwertig.com nimmt den Artikel auf und fragt, ob Skype die Netzneutralität verletze. Worum geht es:

Im Klartext bedeutet dies, dass man bei Skype darauf abzielt, die seit jeher kostenlosen VoIP-Gespräche zwischen zwei Skype-Usern mit einer Gebühr zu belegen, wenn diese von einem iPhone über eine UMTS-Verbindung geführt werden.

Die VoIP-Gespräche bleiben über WLAN kostenfrei. Skype unterscheidet bei der Abrechnung also, ob der Skype-User via UMTS (kostenpflichtig) oder via WLAN (kostenfrei) mit Skype VoIP nutzt.

Martin Weigert auf netzwertig.com beurteilt das wie folgt:

Bei der bisherigen Diskussion um Netzneutralität geht es meist um Zugangsanbieter, welche die Art von Daten und deren Übermittlung zu ihren Gunsten beeinflussen möchten. Nun jedoch ist es ein Webdienst selbst, der sich zu einer Ungleichbehandlung von Datenpaketen berufen fühlt, je nach dem, über welche Art von Internetverbindung diese verschickt werden.

Das ist eine Vermengung von zwei unterschiedlichen Sachverhalten:

1. Bei der Netzneutralität geht es tatsächlich um Zugangsanbieter. Wikipedia:

Netzneutralität ist eine Bezeichnung für die neutrale Datenübermittlung im Internet. Sie bedeutet, dass Zugangsanbieter (access provider) Datenpakete von und an ihre Kunden unverändert und gleichberechtigt übertragen, unabhängig davon, woher diese stammen oder welche Anwendungen die Pakete generiert haben.

Bei der Netzneutralität geht es um einen neutralen Zugang zu unabhängigen Diensten. Wichtig ist die Neutralität, weil der Zugang zum Netz von wenigen Anbietern, einem Oligopol, bereitgestellt wird. Auf dieser Ebene der Wertschöpfung (Internetprovider) kann es so also theoretisch zu einer starken Beeinflussung der nächsten Ebene kommen (Internetangebote), wenn zwischen beiden Ebenen statt Unabhängigkeit bilaterale Deals das Marktgeschehen bestimmen würden.

2. Was Skype macht ist, das eigene Angebot je nach Nutzung mit einer Preisstaffelung zu versehen. Das Entscheidende dabei: Von der Entscheidung bei Skype ist kein anderes Unternehmen direkt betroffen.

Wenn Skype gegen die Netzneutralität verstösst, weil es je nach Zugangsart das eigene Angebot jeweils unterschiedlich bepreist, dann verstösst auch netzwertig.com gegen die Netzneutralität, weil die Blogsoftware automatisch erkennt, mit welchem Browser sie angesurft wird und so gegebenenfalls zum Beispiel eine iPhone-freundliche Version des Blogs ausgibt. Unterschiedliche Zugriffsarten und unterschiedliche Versionen des Angebots.

Es steht jedem Webdienst frei, je nach Zugangsart und Gerät, von dem aus zugegriffen wird, die Art des Angebots zu verändern, ob nun sinnvoll oder nicht. (Hulu etwa versucht Browser, die auf TV-Bildschirmen laufen, auszuschliessen.)

Diese Entscheidungen betreffen allein die jeweiligen Dienste und ihre Nutzer. Skype bietet keinen Zugang zu anderen Diensten an, der dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird. Erst dann könnte man über eine Problematik, die über den Dienst hinausgeht, reden. Aber auch dann wäre die Thematik eher bei der seemannschen Idee der Plattformneutralität statt bei der Netzneutralität anzusiedeln.

Würde Skype etwa einen Deal mit Vodafone abschließen, welcher Skype-VoIP in diesem Netz kostenfrei macht, dies in allen anderen Netzen aber kostenpflichtig bleiben würde, wäre das eine (positive) Verletzung der Netzneutralität. Der Internetzugang würde sich dann von ISP zu ISP unterscheiden. Vodafone könnte, rein theoretisch, im nächsten Schritt als Skype-Partner alle anderen VoIP-Anbieter im eigenen Netz drosseln.

Aber solang alle Netze gleich behandelt werden und nur die Art der Übertragung zur Preissstaffelung führt, handelt es sich nicht um eine Verletzung der Netzneutralität.

Martin Weigert auf netzwertig.com:

Andererseits ist es Skypes gutes Recht, ganz in der Tradition anderer Freemium-Dienste bestimmte Funktionen nur gegen Geld anzubieten. Wird jedoch die Freiheit zur Nutzung beliebiger Internetzugangswege an das Zahlen einer Gebühr gekoppelt, hinterlässt dies einen faden Beigeschmack.

Solang die Skype-Nutzung vom Internetanbieter unabhängig – und das ist das Entscheidende – immer gleich bleibt, kann man hier schlicht nicht von der Verletzung von Netzneutralität sprechen.

Es ist nicht erkenntnisbringend, wenn das Vorgehen von Skype fälschlicherweise mit der Verletzung von Netzneutralität verglichen wird. Es ist vielmehr gefährlich, wenn der Begriff der Netzneutralität auf diese Weise verwässert wird, weil es ein sehr wichtiges, aber eben auch ein komplexes Thema ist, dessen Brisanz auf diese Weise in den Köpfen abgeschwächt werden kann.

Ein interessanter Fall der Verletzung der Netzneutralität mittels positiver Diskriminierung ist Facebook Zero, das in einigen Ländern in den Netzen ausgewählter Mobilfunkbetreiber kostenlos erreichbar ist.

Noch wird sowohl in den USA als auch auf EU-Ebene diskutiert, ob Netzneutralität gesetzlich verankert werden sollte.

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
Marcel Weiß auf Twitter und auf Facebook abonnieren. (Mehr)

  • Pingback: UMTS-Gespräche mit Zusatzgebühr: Verletzt Skype die Netzneutralität? » netzwertig.com()

  • Martin Weigert

    Gute Antwort, danke. Was ich mich jedoch Frage, ist, ob wir wirklich von einer Verwässerung des Begriffs Netzneutralität sprechen? Denn der Begriff selbst ist (noch) nicht in Stein gemeisselt. Die Rahmenbedingungen verändern sich permanent und wir wissen noch gar nicht, in welchen Bereichen und Zusammenhängen die Problematik der Netzneutralität überall auftauchen wird. Entsprechend müsste auch die Definition von Netzneutralität noch flexibel sein.

    Was spricht dagegen, die Idee der Netzneutralität weiter zu fassen, nämlich so weit, dass diese generell besagt, dass Datenpakete ohne Diskriminierung aufgrund von Art der Daten oder gewähltem Transportweg sollten verschickt werden können?

  • Weil die Gefahrenpotentiale für Wohlfahrtsverlust durch Oligopol und Zugangsmacht meiner Meinung nach bei den ISPs ungleich höher sind. Ich sehe beim Skype-Vorgehen nicht, wer benachteiligt wird. Man müsste zumindest ein anderes Wort dafür finden, um die Sachverhalte voneinander abzugrenzen.

  • Martin

    Darin liegt keine Erweiterung, Du bewegst Dich immer noch im gängigen Rahmen der Definition von Netzneutralität.

    Netzneutralität ist für Web-Anbieter und Web-Benutzer ein Recht mit entsprechenden Ansprüchen an Internet-Zugangsanbieter. Es handelt sich nicht um eine Pflicht für Web-Anbieter und Web-Benutzer.

    Kann bei Skype eigentlich überhaupt von einem Netz die Rede sein? Und falls ja, und falls man diesbezüglich tatsächlich von Netzneutralität sprechen möchte, müsste Skype dieses «Netz» damit nicht auch anderen zur Verfügung stellen?