Formkonservativ: Umgang des Spiegels mit Afghanistan-Protokollen

Thomas Knüwer über den Spiegel und seinen Umgang mit den Wikileaks-Dokumenten im Vergleich zu den Herangehensweisen der New York Times und des Guardians:

Und der “Spiegel”?

Hat seit gestern auf seinem üblichen Afghanistan-Deeplink vier Artikel veröffentlicht. Keine Leserführung, keine alternative Visualisierung, keine Interaktion. Journalismus 1.0. Diese sensationellen Enthüllungen hätte man vor 10 Jahren exakt genauso im Internet veröffentlicht.

All diese Aufbereitungen [bei New York Times und Guardian] aber sind keine Spielerei. Der Journalismus wandelt sich und dass Wikileaks es schafft, drei Häusern von einem solchen Renomée seine Bedingungen aufzudrücken, ist nur ein Zeichen dafür. Die Masse an Dokumenten lässt sich von einer normalen Redaktion kaum sinnvoll durchforsten. Leser aber können mit den Rohdaten selbst Hand anlegen. Ohnehin bietet Wikileaks ihnen ja die Möglichkeit, sich selbst ein Bild von den Berichten zu machen. Es ist die Aufgabe des Journalismus, all dies für mündige Menschen einzuordnen – und nicht nur, schöne Geschichten zu schreiben.

Was der “Spiegel” heute geliefert hat ist ein Armutszeugnis für Deutschlands größte Nachrichtenseite. Aber leider symptomatisch für den Journalismus in Deutschland insgesamt.

Der Spiegel fällt im Vergleich zum Guardian und der New York Times bei der Bereitstellung und Aufbereitung der Afghanistan-Protokolle weit ab. Ich muss Knüwers Fazit zustimmen.

Noch deprimierender: Hat irgendjemand etwas anderes erwartet? Der deutsche (Online-)Journalismus ist im Umgang mit den Form-Möglichkeiten durch das Internet unglaublich konservativ.

Erwartet irgendjemand dieser Tage vom deutschen Journalismus noch zumindest ein Gleichziehen mit New York Times und Guardian etwa, die beide online zumindest ein bisschen experimentieren und zum Beispiel beide APIs anbieten? Von einer Vorreiterrolle oder auch nur punktuellen Innovationen im deutschen Internet-Journalismus spricht sowieso niemand mehr. Aber auch ein mittelfristiges Gleichziehen mit den sich etablierenden, zumindest westlichen, internationalen Standards scheint langsam illusorisch zu werden.

Alles andere als ein Umgang des Spiegels mit den Wikileaks-Daten wie man es auch vor zehn Jahren im Internet gemacht hätte, hätte nicht nur mich sehr überrascht.

Woher kommt das? Woher kommt dieser anscheinend so tiefsitzende Form-Konservativismus im deutschen Journalismus?

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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  • Ich warte noch darauf, dass nicht irgendwann Spiegel und Co mit den innovativen Vorbildern gleichziehen, sondern dass eher ein ganz neues Angebot die etablierten überholt, weil man eben die Möglichkeiten nutzt…

  • martinlindner

    ich erkläre mir das (sehr unvollkommen) mit der art, wie wir deutschen uns in den letzten jahrzehnten mit sprachfiguren und denkmustern eine vergleichsweise enge, anscheinend berechenbare welt eingerichtet haben. spiegel-welt statt „mirror worlds“.

    die alltägliche chaotische unordnung, auch ideologisch gesehen, die „wirklichkeit“ zu großen teilen ausmacht, findet in diesem weltbild schlicht nicht statt.

    die englische sprache kann vermutlich keinen solchen sonderraum aufbauen, schon weil (bzw. insoweit) das weltgeschehen in englisch stattfindet.

    das gesagt habend, glaube ich, dass auch die reaktionen von Guardian und NYT interessante und z.t. hilflose ideologische reflexe verraten: so der fokus auf das herumschieben von strategischen kötzchen am Grünen Tisch (NYT).

  • Interessante Theorie.

  • Ich auch. Allerdings werden wir hier wohl so schnell kein deutsches Politico oder ähnliches bekommen. Die hiesigen Journalisten sind im Gegensatz zu einigen amerikanischen (wie die, die Politico gestartet haben) nicht ansatzweise unternehmerisch.
    Man darf gespannt bleiben.