Der Aufstieg der Ein-Klick-Geste

Ein-Klick-Geste

Mit einem Klick Inhalte bewerten, weiterverbreiten oder Aktivitäten wie das Bekanntgeben des eigenen Standortes ausführen: Die kleinste Einheit von bewusst getätigter Aktivität, ein einzelner Klick, nimmt an Bedeutung für das Web zu. Die Ein-Klick-Geste gehört zum wichtigsten Instrumentarium von Web-Angeboten und prägt das Web in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen.

Inhalt:

Die Geschichte der Ein-Klick-Geste

Es fing mit der Social-News-Site Digg an. Mit einem Klick können Nutzer eingereichte News bewerten und damit noch oben und auf die Startseite wählen. Mittlerweile hat die Ein-Klick-Geste einen bemerkenswerten Siegeszug quer durch das Social Web vollzogen. Nicht überraschend:

Keine direkte Aktivität im Web kann kleiner sein als ein einzelner Klick. Für viele Webangebote wird diese Aktivität damit zur leicht zu implementierten Geste, mit der sich verschiedene Funktionen und Tätigkeiten verbinden und abbilden lassen.

Heute kommt, ob bewusst oder unbewusst, kein neuer Dienst auf den Social-Web-Markt, der nicht mindestens eine Ein-Klick-Geste implementiert hat. Ortsbasierte Dienste hatten ihren Durchbruch sogar erst, als sie sich auf die Ein-Klick-Geste als zentrales Merkmal stützten. (siehe unten)

Beispiele für die Ein-Klick-Geste

Digg: Hat als erster Dienst die Ein-Klick-Geste zum zentralen Merkmal des eigenen Angebots gemacht.

Friendfeed: Hat als erster Service den Like-Button direkt in den Aktivitätenstream integriert, und darauf aufbauend eine Gewichtung unabhängig vom Veröffentlichungszeitpunkt geschaffen.

Facebook: Der Like-Button hat zuerst im Newsfeed des Social Networks die Funktionen von Friendfreed imitiert. Mittlerweile kann man auch Kommentare im Facebook-Newsfeed ‘liken’ und Sites und Objekte ausserhalb von Facebook über den mittlerweile allgegenwärtigen Like-Button bewerten.

Twitter: Das unscheinbare Feature der Favoriten-Markierung hat zu einem eigenen Ökosystem geführt (siehe etwa Favstar.fm), das diese redistribuiert und für viele überhaupt erst zum Anreiz wurde, Twitter zu nutzen. Zusätzlich hat Twitter mit der Implementierung des Retweets eine weitere Ein-Klick-Geste hinzugefügt.

Weitere Dienste wie die Hypemachine oder Last.fm nutzen Ein-Klick-Gesten für Favoriten, die eine Bookmark-Funktion innehaben und gleichzeitig den Diensten helfen, die Objekte (hier Songs) zu gewichten.

Nutzen und Funktionen der Ein-Klick-Geste

An die Ein-Klick-Geste können verschiedenste Funktionen geknüpft werden:

Redistribution, Aggregation und ‘Charts’

Digg, Reddit und co. nutzen die über den gesamten Dienst aggregierten Ein-Klick-Gesten, um die Topp-Items auf den Startseiten anzuzeigen. Twitter nutzt seine Toptweets-Accounts (international, deutsch) für das Retweeten und damit Verbreiten von bereist oft mit Retweets bedachten Tweets. (toller Satz)

Eine entsprechende API vorausgesetzt, kann die Aggregation und Aufbereitung auch off-site stattfinden. Das mittlerweile nicht mehr existente favrd und das davon inspirierte Favstar.fm sind Beispiele für die off-site vorgenommene Aggregation von Twitter-Favoriten.

Hypemachine nutzt die Favorites um Charts der populärsten aktuellen Songs zu erstellen.

Entscheidend für diese Aggregationsmöglichkeiten ist eine möglichst große Datenbasis. Möglich wird das damit also erst durch die Tatsache, dass der einzelne Klick die kleinste Einheit online bewusst ausgeführter Tätigkeit darstellt und somit die theoretisch größtmögliche Anzahl an Dateneinheiten bedeutet.

Personalisierung

Die wohl offensichtlichste Nutzung der durch Ein-Klick-Gesten entstehenden Daten. Last.fm beispielsweise nutzt die Favorites neben den Protokolldaten, um das Radio den Interessen der Nutzer anzupassen.

Facebooks mit den Like-Buttons eingesammelte Daten lassen sich für die Personalisierung auf anderen Diensten verwenden. Das geht von Angeboten wie Lunch.com bis hin zu jüngst Amazon.

Daten, immer wieder Daten

Vor einiger Zeit hat Facebook das Bewerten von einzelnen Kommentaren im Newsfeed eingeführt. ReadWriteWeb spekulierte daraufhin, was Facebook mit diesen Daten anstellen kann:

Any time a social interaction can be instrumented – turned into data and made measurable – that opens up new opportunities for cross referencing it with other data points, for illuminating more connections between people. Imagine being able to see who from your high school gets the most comments liked, or to see a stream of books liked by people whose comments you liked more than once. There are many possibilities.

Je kleinteiliger die messbaren Daten werden, desto besser wird ihre potentielle Auswertbarkeit.

Mit den Daten aus den Ein-Klick-Gesten erhalten die Betreiber der Dienste unzählige Möglichkeiten zur Auswertung. Die über die Zeit angehäufte Datenmenge lässt sehr umfangreiche Rückschlüsse über einzelne Nutzer und die gesamte Nutzerschaft zu, die sich auf verschiedenste Weise für den Anbieter nutzen lassen.

Da ein Klick praktisch ein Opt-In von Fall zu Fall ist, ist auch die Privatsphäre der Nutzer zunächst nicht beeinträchtigt. (Vorausgesetzt es herrscht ein gegenseitiger Konsens über die Auswertungsarten der Daten.)

Andere Einsatzarten

Im Bereich der ortsbasierten Dienste haben Ein-Klick-Gesten einen erstaunlichen Aufstieg erfahren. Mit Foursquare ist der sogenannte Check-In zum zentralen Element dieser Dienste geworden. Interessant dabei ist, dass zugunsten einer Verbreitung über Twitter und Facebook Foursquare etwa auf eine echte Ein-Klick-Geste verzichtet und mehrere Klicks für einen Check-In verlangt.

Mit Flattr ist die Ein-Klick-Geste erstmals mit einer realen finanziellen Transaktion verbunden. Auch hier ist die niedrige Schwelle zum Handeln essentiell.

Ein-Klick-Geste vs. Protokollieren

Die Ein-Klick-Geste ist zwar, wie oben ausgeführt, die kleinste Einheit online bewusst ausgeführter Tätigkeit, sie ist aber nicht die aufwandärmste Tätigkeit. Die aufwandärmste Tätigkeit ist das Sich-Protokollieren lassen. Also passive Nutzung. Das bekannteste und älteste Beispiel dafür ist Last.fm. Last.fm protokolliert (“scrobbling”) die Musik, die man am Rechner anhört und erstellt daraus Charts, Konzertempfehlungen und mehr. Zusätzlicher Aufwand für den Nutzer: Nach der Konfiguration nicht existent.

Readness.com protokolliert das Lesen von Artikeln auf ausgewählten Websites und erstellt daraus und aus den Protokollen der Freunde Empfehlungen für weitere Artikel.

Im Bereich der Micropayments sehen wir gerade einen ‘Kampf’ zwischen dem Ansatz des Protokollierens (Kachingle setzt auf Websitebesuche) und der Ein-Klick-Geste (Flattr setzt auf Klicks als Grundeinheit). (siehe auch hier zum Unterschied zwischen Flattr und Kachingle)

Selbiges sieht man im Bereich der ortsbasierten Dienste: Wie oben beschrieben haben die Ein-Klick-Gesten mit Foursquare als Vorreiter in Form von Check-Ins einen beispiellosen Aufstieg erfahren. Der Unterschied zum vorherigen Ansatz, wie man ihn heute noch bei Google Latitude sieht, ist offensichtlich. Der Nutzungsunterschied zwischen passivem Sich-tracken-lassen und aktivem Check-In ermöglicht unterschiedliche Ansätze, weil man von Opt-out zu Opt-In wechselt während der Beteiligungsaufwand minimal gehalten wird.

Im Wechselspiel zwischen Ein-Klick-Geste und Protokollieren liegt aber noch viel Potential. Denkbar ist beispielsweise etwa ein ortsbasierter Dienst, der sich automatisch bei Aufenthalt an oft besuchten Orten eincheckt, wenn man das so vorher eingestellt hat. Auch im Bereich der Micropayments erscheint ein Ansatz, der die Funktionen von Flattr und Kachingle clever vereint, sinnvoll.

Fazit

Die Ein-Klick-Geste wird, nicht zuletzt dank Facebooks bald allgegenwärtigem ‘Like’, eine zunehmend wichtige Rolle im Web spielen. Bereits heute ist sie kaum noch wegzudenken und ist auf dem Weg, omnipräsent zu werden. Sie macht das Web ein Stück weit demokratischer, weil der Beteiligungsaufwand minimiert wird.

Auf unterschiedliche Weise lassen sich die so entstandenen Daten auswerten und nutzen. Im Verbund mit dem Protokollieren werden künftig noch viele Innovationen möglich werden.

Jedes an Endnutzer gerichtete Startup sollte sich überlegen, in welcher Form es sinnvoll eine Ein-Klick-Geste implementieren kann. Denn einfacher kann man aktive Beteiligung nicht ermöglichen.

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About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann und lebt in Berlin. Marcel Weiß ist seit 2007 als Analyst zu Themen der Internetwirtschaft aktiv. Er ist ein Autor bei Exciting Commerce, schreibt Artikel für verschiedene Publikationen und ist unter anderem ein Coautor von im Springer Vieweg Verlag verlegten "Erfolgreich publizieren im Zeitalter des E-Books". Er unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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  • http://ripanti.yiid.com ripanti

    Super Beitrag .. aber wie konntest Du yiid.it vergessen :-) ?

  • http://www.neunetz.com/ Marcel Weiss

    Oh, ein eklatanter Fehler meinerseits. :)

  • http://ripanti.yiid.com ripanti

    Das ist kein Problem. Kann jedem mal passieren. :-) Magst mal ein Video dazu sehen? .. quasi welturaufgeführt!

  • http://www.neunetz.com/ Marcel Weiss

    Ein Video? Über Yiid?

  • http://ripanti.yiid.com ripanti

    jep .. ich mail dir mal.

  • http://twitter.com/jensbest jensbest

    Interessanter Artikel über den konzertierten Missbrauch des One-Klick-Prinzips:

    http://www.guardian.co.uk/technology/2010/aug/0