Der schwache Internet-Standort Deutschland

Matthias Schwenk auf Carta:

Deutschland steht im globalen Wettbewerb Ländern gegenüber, die diese Themen sehr viel ernster nehmen und deutlich weiter sind. [..]

Es ist auch viel bequemer, über Google zu schimpfen, als darüber zu debattieren, warum es bei uns keine vergleichbaren Unternehmen gibt und wie sich das auf die Zukunft des Standorts Deutschland noch auswirken wird.

Martin Lindner:

Der gegenwärtige Stand des Bildungssystems und der Netzgesellschaft in Deutschland ist ein Desaster. Die Prognosen für unsere wirtschaftliche und kulturelle Vitalität und Zukunftsfähigkeit sind sehr, sehr schlecht. [..]

Unsere Diskussion über „digital literacy“ (auf deutsch klingt es gleich viel doofer & schwammiger: „Internet in der Schule“) ist immer so gemütlich, als lebten sie alle noch in der 1970er-Welt und es ginge nur darum, geschmäcklerisch zu überlegen, welche subtilen didaktischen Mittel die kompetenten Lehrer einsetzen müssen, um ihren Schülern das Denken beizubringen.
Die Lage ist aber sehr viel ernster und verzweifelter für alle die, die da den Anschluss verlieren. Es ist keine Luxusfrage, sondern schlicht Grundausbildung für die Flat World, die man den Schülern schuldig bleibt.

Prof. Dr. Karsten D. Wolf:

[..]es ist mitnichten irrelevant, dass die junge Generation gar nicht so “digitalversiert” ist, wie eine journalistische Populärwolke Digital Natives versucht hat, das darzustellen (siehe Rolf Schulmeisters Analyse dazu). Es ist schlichtweg eine bildungspolitische Katastrophe der Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Es muss nicht erst zur technologischen Singularität kommen, bis Personen ohne eine hohe digital literacy beim wissenschaftlichen Arbeiten und beim Entwickeln (zumindestens technischer) Innovationen nicht mehr wettbewerbsfähig sind.

Deutschlands Position im Internetmarkt ist desaströs und eine Besserung scheint nicht in Sicht. Darüber hatte ich in meiner Zeit bei netzwertig bereits einige Artikel geschrieben. Gut, dass das jetzt auch anderenorts offen und sehr direkt angesprochen wird.

Bemerkenswert ist, dass diese Tatsache, zumindest meines Wissens nach, überhaupt nicht in der deutschen Wirtschaftspresse thematisiert wird.

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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  • martinlindner

    ich hatte mich da nicht nur (aber auch) auf den internetmarkt selbst bezogen. gemeint war v.a. auch das, was vage unter collaboration, networking, enterprise 2.0, organisation 2.0 usw. läuft.
    auch das ist ja wertschöpfend (oder wird es schnell werden). BTW, du bist uns ja noch den Teil III von „Internet-Entwicklungsland Deutschland“ schuldig ;)

  • Den habe ich kurz vor meinem Verlassen von netzwertig noch geschrieben. Quasi als Abschiedsgeschenk. Klick mal auf den Link hinter „einige Artikel“. :)

  • martinlindner

    oh. peinlich. das ist damals völlig an mir vorbeigegangen …

  • Der Sachverhalt wurde durchaus schon in der Wirtschaftspresse thematisiert, siehe zum Beispiel nachfolgender Artikel aus dem Manager Magazin:

    Über die Strategien von Google, Apple und Microsoft oder die Lethargie deutscher Besitzstandswahrer… http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/0

  • Pingback: Die wunderbare Welt von Isotopp()

  • Danke für den Hinweis, Jens!
    Ich glaube allerdings, das die deutsche Wirtschaftspresse das nur punktuell angeht, also in einzelnen Artikeln statt mit einer durchgängigen Berichterstattung. Was angesichts der Tragweite sehr bedauerlich ist.

  • Um nochmal auf den Artikel zurück zu kommen, ich denke das Hauptproblem an der ganzen Situation ist die Mentalität vieler Entwickler hier in Deutschland.

    Man macht sich (wenn überhaupt) zu viele Gedanken darüber, welche Idee sich zum „nächsten Facebook“ entwickeln könnte und welche Art von Diensten eine möglichst große Anzahl von Menschen benutzen würde. Oder schlimmer noch, welche Ideen man kopieren und gewinnbringend vermarkten könnte.

    Auch in den USA sind es nicht die großen etablierten Unternehmen die sich im Web behaupten. Dienste wie Facebook, Twitter und YouTube entstehen nicht in Managerköpfen und Marketing-Abteilungen, sondern nicht selten aus Hobbyprojekten einzelner Entwickler heraus.

    Dabei stehen in den meisten Fällen weder eine sinnvolle Idee oder ein nützlicher Anwendungsfall, noch ein Konzept für die Monetarisierung einer möglichen siebenstelligen globalen Nutzerbasis im Vordergrund.

    Umgesetzt werden diese Projekte dennoch, teils um die technischen Möglichkeiten aufzuzeigen und bis über die Grenzen auszureizen, oft aber auch einfach nur des Funfaktors wegen.

    Dass es in Ausnahmefällen auch anders geht, zeigen wiederum gerade die wenigen erfolgreichen deutschen Projekte wie XING (http://www.xing.com) oder Spreadshirt (http://www.spreadshirt.net).