Filesharing, Flattr und Bezahlschranken: Die Auflösung historischer Unfälle

by Marcel Weiß on 25. August 2010

in Analysen, Filesharing, Netzökonomie

cds

Als ich neulich Clay Shirkys neues Buch Cognitive Surplus (Affiliate-Link) las – Review des Buches folgt -, ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Es existiert ein offensichtlicher Zusammenhang zwischen der öffentlichen Debatte zur Digitalisierung, der Existenz von Filesharing, dem Potential von Micropayment-Systemen wie Flattr und Kachingle und dem vorhersehbaren Misserfolg der meisten Versuche, Bezahlschranken zu errichten.

Seit einigen Jahren schreibe ich über die Verschiebungen der Kostenstrukturen, wenn die Wertschöpfung von analog zu digital wechselt. Die Tatsache, dass Vervielfältigung und Distribution von autonomen digitalen Gütern (i.d.R. Dateien) zu einem (Grenz-)Kostenpunkt von Null möglich sind, hat weitreichende Auswirkungen, derer sich eine Mehrheit der Gesellschaft – die digitale Gesellschaft eingeschlossen – noch gar nicht bewusst ist. Warum fällt es vielen so schwer, sich mit diesen Veränderungen anzufreunden?

Shirky beschreibt in Cognitive Surplus wie die Kosten, die für die industrielle Verbreitung von Informationen notwendig waren, unsere Vorstellung von Wert und Wertschöpfung und damit auch von Preisen und Bepreisung beeinflusst haben.

So schreibt Shirky auf Seite 49:

Scarcity is easier to deal with than abundance, because when something becomes rare, we simply think it more valuable than it was before, a conceptually easy change.

Wenn etwas also rarer wird, vermuten wir dahinter eine Steigerung des Wertes. Eine natürliche Reaktion. Sie spiegelt die analoge Welt wider, die Welt in der wir aufgewachsen sind.

Aktuell passiert aber folgendes: Viele Produkte oder handelbare Güter gehen in ihrer Verfügbarkeit von Knappheit zu Überfluss über. Logisch: Informationen, die früher über physische Güter transportiert wurden, liegen jetzt in ihrer reinen Form vor: Filme, Musik und Texte wurden früher mittels DVDs, VHS, CDs, Vinyl, Papier oder Steintafel verbreitet. Heute liegen sie alle mehr oder weniger in Dateiform vor. Dateien, die mit Grenzkosten von Null vervielfältigt und über das Netz verbreitet werden können.

Der ‘Wert’ der Filme, der Musik und der Texte hat sich nicht geändert. Wohl aber die zugrundeliegenden Kosten und damit auch, was man mit ihnen machen kann; was wirtschaftlich sinnvoll ist.

Shirky merkt zurecht an, dass Überfluss Experimente erlaubt; man kann jetzt vorher wertvolle weil teure Dinge so behandeln, als seien sie billig genug, um sie zu verschwenden. (ebenfalls S. 49)

Vielen Leuten fällt es aber schwer, sich damit anzufreunden. (Nicht zuletzt auch, weil viele falscherweise Preis und Wert gleichsetzen .) Sie nehmen die alten Rahmenbedingungen und wenden darauf basierende Erkenntnisse auf die neuen an, als hätte sich nichts geändert. Shirky:

Because abundance can remove the trade-offs we’re used to, it can be disorienting to the people who’ve grown up with scarcity. When a resource is scarce, the people who manage it often regard it as valuable in itself, without stopping to consider how much of the value is tied to scarcity.

Wenn ich meine Musik oder meinen Film oder meine Publikation unter das Volk bringen wollte, musste ich hohe Investitionskosten aufbringen, um Kopien erstellen zu lassen und diese dann über den entsprechenden Vertrieb an die Geschäfte liefern zu lassen.

So eine Kostenstruktur mit ihrem hohen Risiko aufgrund der notwendigen Vorleistungen verlangt nach Profis. Deshalb gab es früher in diesen Bereichen kaum Amateure. Deshalb wurde früher vor der Veröffentlichung gefiltert und ausgesiebt und nicht danach.

Alles wollte gemanagt und bezahlt sein. Heute ist das nicht mehr nötig. Ob über Filesharing, Linksharung und/oder über Plattformen wie Youtube und co.: Die Trennung von Produktion und Distribution zieht sich wie ein roter Faden durch die Digitalisierung. Ich als Produzent kann in der Regel keine so effiziente Distribution sicherstellen, wie es andere, oft meine eigenen Leser, Nutzer, Fans, für mich erledigen können.

Die Implikationen sind relativ offensichtlich, werden aber trotzdem noch weitgehend ignoriert. Warum?

Weil wir, nach Shirky, mit historischen Unfällen aufgewachsen sind und diese oft ohne zu hinterfragen als gegeben hinnehmen.

Eine auf so einen Unfall basierende Annahme ist, dass das Publizieren an sich eine wertvolle, ernsthafte Tätigkeit ist. Ist es aber nicht. Wer vor dem Internet Inhalte veröffentlichen wollte – also vervielfältigen und verbreiten -, sah sich enormen Kosten gegenüber. Diese Kosten haben das Publizieren teuer gemacht, folglich musste man sich vorher genau überlegen, was überhaupt publizierenswert ist. Das Internet hat diesen Unfall, die nahezu untrennbare Verknüpfung von Publizieren und kostenintensivem Verbreiten, aufgehoben: Jeder kann ein Blog oder einen Account bei Twitter und co. anlegen und seine Inhalte mit einem Klick auf Publish veröffentlichen und verbreiten. Die Kostensenkung hat dazu geführt, dass das Filtern von vor dem Publizieren auf nach dem Publizieren verschoben werden konnte: Deshalb sind Online-Medien Filter und keine Gatekeeper . Und letztlich ist das auch schon immer sinnvoll gewesen, es war nur früher ökonomisch nicht tragfähig.

Der Akt des Publizierens an sich: nur aus Versehen teuer und damit als wertvoll betrachtet (‘valuable’).

Warum also für diese Tätigkeit bezahlt werden? Oder: warum für diese Tätigkeit bezahlen?

Flattr, Kachingle und co. sind die ersten genuinen Bezahlsysteme für diese Verschiebung in der Wertschöpfung:

  • Sie senken die mentalen Transaktionskosten um der Kleinteiligkeit und hohen Verteilungsrate der Entstehungsorte zu entsprechen.
  • Sie nehmen die Bezahlung nach dem Konsum vor, nicht davor.

Die Implikation: Man bezahlt nicht für das Publizieren sondern für das künftige Produzieren. Letztlich sind ‘Spenden’ auch genau das: Selbst wenn sie als Dankeschön gedacht sind, so sorgen sie bewusst oder unbewusst dafür, dass der Produzent weiter seiner Tätigkeit nachgehen kann – in welcher Form und welchem Umfang auch immer -. Allerdings wäre es für die Debatte rund um Systeme wie Flattr sicher sinnvoll, von der Bezeichnung als Spenden abzusehen, weil dieser Begriff hier etwas irreführend ist. (Auch wiederrum, weil viele Menschen freiwillige Zahlungen als Spenden noch im Kontext industrieller Wertschöpfung sehen und somit missverstehen können.)

Bezahlung lag schon immer in der Regel hinter der Produktion des Gutes, jetzt liegt sie zunehmend auch zeitlich hinter dem Konsum. Oder anders ausgedrückt: Schlicht vor der künftigen Produktion. (Die Produktion von Inhalten ist ein knappes Gut, das Publizieren und Verbreiten von Inhalten nicht. Bei der Konzeption von Geschäftsmodellen im Internet muss man immer die Unterscheidung zwischen knappen und nichtknappen Gütern einbeziehen.)

Bezahlschranken für Newsangebote dagegen etwa setzen vor dem Konsum an. Sie funktionieren nach der Logik der industriellen Rahmenbedingungen: Es kostet mich etwas, das bereit zu stellen, ich gehe ein Risiko ein, also Bezahlung vor Lieferung oder mindestens vor Konsum.

Bei der Auslieferung von Printpresse-Erzeugnissen war das gar nicht anders möglich: Die Finanzierung findet zwar seit Jahrzehnten mehrheitlich über Werbung statt, aber der Restposten von Kosten und Profit, der von den Konsumenten kommt – der Preis pro Kopie -, musste vor dem Konsum abgegolten werden. Die Distribution von Tageszeitungen etwa verschlingt schließlich eine Menge Geld und die Vervielfältigung will geplant und mit Vorschuss umgesetzt sein.

Online ist das aber nicht der Fall. Nicht nur sind die Distributionskosten und Vervielfältigungskosten der Newsseiten für die einzelnen Seitenaufrufe im Vergleich zu den anderen Kostenposten vernachlässigbar. Zusätzlich trennen Bezahlschranken auch noch mit ihrer Platzierung vor dem Konsum das Produkt von seinem wichtigsten Distributionskanal: Der Verbreitung durch die eigenen Leser.

Das Bezahlen bevor man wusste ob das Produkt überhaupt die erwartete Qualität hatte, war früher für Informationsgüter notwendig, weil sie an physische Güter mit ihren entsprechenden Kosten gekoppelt waren. Andere Geschäftsmodelle waren für die Anbieter oft nicht ökonomisch sinnvoll. Das ist heute nicht mehr so. Die Kopplung ist nicht mehr notwendig. Ohne die Kopplung sehen die zugrunde liegenden Kosten auf einmal komplett anders aus. Sie erlauben andere Herangehensweisen und nehmen den Konsumenten, Nutzern, Lesern, Hörern, Fans in der Regel das Risiko des (relativ) blinden Kaufs eines Magazins oder eines Albums ab. Wenn ich einen Artikel flattr, dann habe ich ihn bereits gelesen und für gut befunden.

Wenn ich einen Artikel bei faz.net und co. aus dem digitalen Archiv kaufe, weiß ich vorher nicht, ob der Artikel überhaupt die Informationen enthält, die ich erwarte. Das kann ich erst mit letzter Gewissheit wissen, wenn ich ihn gelesen also konsumiert habe. Dieses Risiko ist neben anderen Gründen ein wichtiges Hemmnis für Paid Content, das online mit frei zugänglichen und damit risikolosen Inhalten konkurriert. Dass die deutschen Presseverlage also ihre Inhalte mehrheitlich hinter Bezahlschranken verstecken, ist keine kluge Entscheidung.

Historische Unfälle haben unser normales Verhalten zurückgehalten. Ein Beispiel von Shirky für einen historischen Unfall (S. 101): Früher haben wir uns Telefonnummern eingeprägt, weil sie notwendig waren, um uns nahestehende Personen immer anrufen zu können. Aber wir haben das nicht gemacht, weil wir wollten sondern weil wir mussten. In dem Moment, in dem Telefonnummern in Mobiltelefonen abspeicherbar wurden, verschwand die Notwendigkeit, sich Telefonnummern einzuprägen. Das Einprägen der Nummern war eine unbequeme Notwendigkeit, kein natürliches Verhalten.

Wenn diese historischen Unfälle aufgehoben werden, wird das von ihnen zurückgehaltene Verhalten sichtbar, weil möglich (S. 101):

We did those things for decades or even centuries, but they were only as stable as the accidents that caused them. And when the accidents went away, so did the behaviors.

[..]

Those bits of new behavior, though, are extensions of, rather than replacements for, much older patterns of our lives as social creatures.

Filesharing: Unautorisiertes Filesharing existiert nicht, weil die heutigen Jugendlichen moralisch verwerfliche Egoisten sind. Generationen unterscheiden sich vor allem aufgrund der unterschiedlichen Möglichkeiten, die sie in ihrer Zeit zur Verfügung haben, so Shirky. Sie unterscheiden sich nicht durch Charaktereigenschaften, die angeblich für alle Mitglieder einer Generation zutreffen, weil diese generationsvereinenden Eigenschaften gar nicht existieren.

Filesharing findet nicht statt, weil die heutigen Jugendlichen moralisch verfallen sind. Wenn das so wäre, dann wären auch Ladendiebstahl und andere Verbrechen ähnlich stark angestiegen. Der Grund wieder: Die Kostenstruktur digitaler Güter. Musik kann heute so leicht mit anderen geteilt werden wie Gedanken oder Telefonnummern. Reine Information. Dieser Umstand hat ein zutiefst menschliches Verhalten freigesetzt.

Man kann mit anderen etwas teilen, ohne dass einem selbst Nachteile entstehen. Weder muss man auf den jeweiligen Gegenstand verzichten, noch entstehen einem zusätzliche Kosten. Wer unter solchen Vorbedingungen nicht teilen will, erscheint als kein guter Mensch. Shirky (S. 125):

The decision not to make someone else’s life better when it would cost you little or nothing has a name: spite. The music industry, in order to preserve its revenues, wanted (and still wants) all of us to be voluntarily spiteful to our friends.

Die Kostenverschiebung durch die Digitalisierung hat mit dem Möglichmachen von Filesharing also ein zutiefst menschliches Verhalten ermöglicht. Und das noch dazu in Verhältnissen, die in der industriellen Gesellschaft nur auf der Ebene großer Unternehmen möglich war.

Dieses Verhalten ist nicht revolutionär angehaucht. Da dieses Verhalten aber das Geschäftsmodell der Plattenlabel, die ihr Vorgehen, für die Weitergabe von Musikaufnahmen Geld zu verlangen, eins zu eins auf das Web übertragen wollen, untergräbt, muss es fälschlicherweise mit Diebstahl gleichgesetzt werden. Nur so kann man die Diskurs-Oberhand behalten.

Sowohl Geschäftsmodell der Plattenindustrie als auch das aktuelle Urheberrecht stehen also einem zutiefst menschlichem Verhalten diametral gegenüber, das durch industrielle Beschränkungen erst auf natürliche Art verhindert und jetzt durch die Digitalisierung in branchenerschütterndem Ausmaß ermöglicht wurde.

Fazit:

Für Geschäftsmodelle im Netz muss man sich lösen von Wertvorstellungen und Vorgehensweisen, die aus der analogen Welt stammen und ebenso vieles, was man als gegeben annimmt, gründlich hinterfragen. Die Verschiebung der Wertschöpfung löst durch ihre neue Flüssigkeit zwischen den Wertschöpfungsebenen historische Unfälle auf. Was vorher untrennbar verbunden war, wird in seine natürlichen Bestandteile aufgedröselt.

Das eigene Geschäftsmodell auf einen historischen Unfall aufzubauen, obwohl dieser obsolet wurde, ist keine gute Entscheidung. Natürliches menschliches Verhalten, das durch die Veränderungen möglich wurde, wird sich nicht einfach wieder abstellen lassen. Wozu auch?

Im Digitalen gehen die Veränderungen tiefer als den meisten klar ist. Denn viele wirtschaftlichen Vorgänge und gesellschaftlichen Vorstellungen basieren auf Knappheiten, die aktuell nach und nach wegbrechen. “Überfluss zerstört mehr Dinge als Knappheit.”

Weitere Artikel zum Thema:

(Foto: loop_oh, CC-Lizenz)

Ähnliche Artikel:

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  2. Zweiseitige Märkte: flattr, Kachingle und AdTaily
  3. Shirky: “Institutionen werden versuchen, die Probleme zu erhalten, für die sie die Lösung sind.”
  • mo.
    Hehe, lese in den letzten Wochen auch das Shirkey Buch. Hast Du interessant in Deine Überlegungen eingebaut, die Du seit Monaten immer weiter verfeinerst. Das mit den "historischen Unfällen" ist ein wirklich erstklassiger Gedanke von Shirkey. schön, dass Du den noch einmal so hervorgehoben hast.
  • Juergen_frey
    BBC Video: "The businessmodell for young composers is collapsing."
    http://www.bbc.co.uk/news/ente...
  • Juergen_frey
    @Marcel Weiss:

    Auch hier ist Deine Antwort leider wieder nur sehr ausweichend. Du konntest mir bis jetzt auf keine meiner Fragen und Einwände eine befriedigende Antwort geben, die mir Deine Ansichten besser erläutert.

    Und keine Angst, ich will Dir hier nichts unterschieben. Ich sage nur, dass ICH es, ganz allgemeinen, als eine Utopie empfinde, wenn man denkt dass eine Gesellschaft für etwas zahlt, wenn sich es nicht explizit muss. Ein paar wenige, ja, vielleicht. Aber das sind dann eben die Ausnahmen. Also muss man sein Recht irgendwie durchsetzen.

    Vielleicht hat sich bei eBay auch deshalb die Sitte eingebürgert, dass man seine Ware erst dann vom Verkäufer zugeschickt bekommt, wenn bei ihm das Geld auf dem Konto eingegangen ist. Weil man eben weiß, wie die Leute sein 'können', aber nicht, weil man kategorisch alle als Feinde ansieht. Ist nur eine reine Vorsichtsmaßnahme.
    Im anonymen Internet ist der konkrete Mensch hinter den Files, hinter der Ware oder den abstrakten Informationen dem Konsumenten eben mehr oder weniger egal. Aber das führt jetzt zu weit.

    Wie Du sagt, neue Geschäftsmodelle müssen etabliert werden. Doch es liegt alleine nur daran, weil die Industrie Schadenbegrenzung betreiben muss, um wenigstens noch eine Kleinigkeit für ihre Ware zu bekommen. Weil der Konsument sich nun einfach nehmen kann, was er will und sich nicht, so wie früher auch mal in Verzicht üben muss.

    Klar, durch diese neuen Umstände muss dann eben die Firma oder der Laden, den man führt abgespeckt werden. Dann müssen halt 'n paar Leute entlassen werden. Vielleicht ja auch nur die Putzfrau, weil man die nicht mehr bezahlen kann. Irgendeiner hat eben Pech.
    Da man als reiner Konsument aber zum Glück Distanz zu diesen Dingen hat und sie einen selbst nicht betreffen, kann einem das alles ja zum Glück alles egal sein, solange man seine Musik, Spiele und Filmchen hat. Das Sein bestimmt das Bewusstsein.
  • Juergen_frey
    Nein, die Urheberrechte sind erst einmal die Rechte des Urhebers.
    Dass sie nur ein Mittel zum Zweck sind, das ist Deine Interpretation. Vielleicht solltest Du wirklich mal, wie oben erwähnt einen eigenen Artikel darüber schreiben. Ich bin gespannt.

    Und sicher, die Musikindustrie hat Fehler gemacht, aber sie ist ja auch im Begriff, sich neu zu definieren. Natürlich auch, weil sie es muss.
    Doch es ist eine naive Utopie zu denken, dass ins Netz gestellte Wertschöpfungen von der Allgemeinheit fair und angemessen entlohnt werden, wenn man ihr die Chance gibt.
    Schönes Beispiel: Trent Reznor. Der hat sicher viele Fans, aber als er ein Album kostenlos ins Netz gestellt hat, mit der Aufforderung "Pay what you want", da wollte wohl kaum einer etwas zahlen (Auszug aus Wikipedia):

    "Trent Reznor produzierte das Ende 2007 erschienene Album The Inevitable Rise and Liberation of Niggy Tardust des amerikanischen Spoken-Word-Künstlers Saul Williams, welches über das Internet gegen freiwillige Zahlung heruntergeladen werden konnte. Er äußerte sich enttäuscht, dass nur 18 Prozent aller Downloader eine Zahlung geleistet hätten.[7]"

    Auf Deine Frage:
    ein Künstler muss seine Fans nicht zwingend lieben, wenn diese ihn umgekehrt auch nicht wertschätzen, oder?
    Und ein Kunde ist ja streng genommen nur ein Kunde, wenn er für ein Produkt oder eine Dienstleistung etwas zahlt. Somit hat die Musikindustrie ja nicht die ehrlichen Kunden als ihre Feinde deklariert. Vielmehr ist es so, dass der Ehrliche unter den Reaktionen der Musikindustrie gelitten hat, weil sie sich ja in irgendeiner Form gegen die sich etablierenden Zustände wehren musste. Verständlicherweise, wie ich finde.

    Ein vergleichendes Beispiel: bevor CD-Brenner und MP3's etabliert waren, war es z. B. möglich, CD's auch dann noch umtauschen zu können, selbst wenn das Siegel geöffnet war. Ich habe Leute gekannt, die haben sich CD's "gekauft", zuhause gebrannt und am nächsten Tag wieder umgetauscht. Heute kann auch ein ehrlicher Kunde kein Xbox-Spiel, CD's oder Software umtauschen. Dafür können sie sich aber bei diesen schwarzen Schafen bedanken.

    Dass also die Musikindustrie oder wie im Beispiel oben Geschäfte tatenlos zusehen sollen, wenn sich gewisse Konsumenten schamlos bedienen, muss man auch verstehen. Wie würdest Du denn umgekehrt reagieren, wenn Dir die Dinge einfach weggenommen werden? Dinge, von deren Verkauf Deine Existenz abhängt.
  • "Doch es ist eine naive Utopie zu denken, dass ins Netz gestellte
    Wertschöpfungen von der Allgemeinheit fair und angemessen entlohnt
    werden, wenn man ihr die Chance gibt."

    Schiebe mir bitte nicht Sachen unter, die ich so nie geäußert habe.
    Die Vorstellung selbst von einer "fairen und angemessenen" Entlohnung
    ist eine naive Utopie. Marktpreise und damit Entlohnungen sind immer
    Kompromisse der Marktparteien. Je nachdem wen man danach fragt, wird
    man immer einen anderen "fairen" Betrag genannt bekommen.
  • Juergen_frey
    Im letztn Absatz meine ich natürlich, dass die Musikindustrie und Geschäfte NICHT tatenlos zusehen...
  • Juergen_frey
    @Marcell Weiss:

    "Um das Urheberrecht sinnvoll diskutieren zu können, muss man es als
    das benennen, was es ist.
    Das Urheberrecht hat _Vorteile_, deswegen existiert es, und
    _Nachteile_, deswegen entstehen der Gesellschaft nicht nur Nutzen
    sondern auch Kosten damit, deswegen ist es in seiner heutigen Form
    modernisierungswürdig, und deswegen sind als ein konkretes Beispiel
    die heutigen Fristen bis zum Erlöschen viel zu lang.
    Aber das ist eine Diskussion für einen anderen Artikel."

    Nein, das gehört hierher!
    Denn im Kern sollen die neuen Geschäftsmodelle, die Du gutheißt, die Urheber- und Verwertungsrechte so aufweichem, dass der Urheber nur noch dasRecht hat, Dinge für eine selbstgerechte Allgemeinheit zu produzieren. Um auf die Gnade zu hoffen, _vielleicht_ über Flattr und Co. ein paar Almosen für seine Ideen und Kunst zu bekommen.

    Du mißverstehst in Deiner von mir zitierten Aussage etwas grundlegendes und weichst damit wieder sehr schwammig meiner konkreten Frage und Argumentation aus.
    Sinn und Zweck des Urheberrechts ist es nicht, der Gesellschaft zu nutzen, ihr etwas zu schenken, sondern die Rechte des Urhebers zu wahren, den Künstler vor Ausbeutung durch die Gesellschaft zu schützen.
    Deine Argumentation unterstreicht somit eigentlich nur meine Ansicht, dass das Urheberrecht heute sogar noch wichtiger ist, als in früheren Zeiten. Denn früher musste man sich "nur" gegen die Verwertungsindustrie durchsetzen. Heute sind auch noch die Konsumten hinzugekommen, die sich die Dinge einfach nehmen und keinen Respekt mehr vor geistigen Wertschöpfungen haben.
  • Die Ansicht, die eigenen Kunden zu Feinden zu erklären, vor denen man
    sich schützen muss, hat der Musikindustrie die letzten 12 Jahre keine
    guten Dienste geleistet.

    Sinn und Zweck des Urheberrechts ist die Sicherstellung der Erstellung
    von Kultur jeglicher Art. Das oberste Ziel ist nicht der Schutz der
    Künstler. Der Schutz ist Mittel zum Zweck.

    In erster Linie ging es im Text um Verschiebungen in der Wertschöpfung
    in verschiedenen Branchen und auf Zufällen basierende
    Werteinschätzungen, nicht um unautorisiertes Filesharing.

    Ehrlich gemeinte Frage: Wenn Du Deine Kunden und Fans für Deine Feinde
    hältst, warum willst Du dann weiterhin versuchen, ihnen etwas zu
    verkaufen?
  • Diese Freund/Feind Kiste ist doch albern. Meine Kunden, oder besser die zahlenden Kunden meines Verwerters, sind natürlich Kunden. Jemand, der meine Werke unlizenziert verbreitet, ist weder mein Kunde noch mein Feind. Der ist einfach asozial.

    @"Sinn und Zweck des Urheberrechts ist die Sicherstellung der Erstellung
    von Kultur jeglicher Art. "

    Aber genau das ist doch Kern meiner Argumentation! Das Urheberrecht ist für die Schaffung von Kulturgütern notwendig! Der Schutz von Künstlern und Verwertern lässt sich davon nicht abkoppeln.

    Werteinschäzungn basieren vielleicht im Falle von Spenden oder PayWhatYouWant auf Zufällen, Preise nicht!


  • nabend marcel. oben beim thema "künstliche verknappung" bzw. alternativen bzw. deinem lösungsvorschlag hatte ich noch um ein beispiel gebeten. mich interessiert deine ansicht hier brennend, ich fand deine antwort allerdings zu abstrakt und würde mich deshalb wie gesagt um ein beispiel sehr freuen. thx!
  • Das wurde im Artikel teilweise bereits angesprochen. Die Produktion von Inhalten ist zum Beispiel ein knappes Gut. Die Verbreitung von jetzt digitalen Gütern ist es nicht mehr. (Ein wichtiger Punkt des Artikel ist die beobachtbare Trennung von Produktion und Verbreitung.) Deswegen sind Flattr und co. quasi als Vorschuss für die künftige Produktion spannende erste Ansätze für institutionalisierte, genuine Bezahlansätze, die sich ohne Konflikt in das System des Internets einbetten lassen.
    Womit natürlich weder gesagt ist, dass Flattr und Kachingle die Lösung für alles sind oder dass ausgerechnet sie den Sprung in den Mainstream schaffen. Es geht hier mehr um das zugrunde liegende Konzept und den allgemeinen Ansatz, der in welcher Form auch immer eine wichtige Säule für den digitalen Güterverkehr werden kann.

    Andere knappe Güter für Musiker: Konzerte, Merchandise, limitierte Editionen von LPs, Zugang zum Musiker jeglicher Art.

    Knappe Güter z.B. für Blogger, die ihre Texte kostenfrei anbieten: Vorträge, Beratung.

    Der Unterschied zwischen echter Knappheit und künstlicher Knappheit wird in den Beispielen auch offensichtlich:
    Die Tatsache, dass nicht unendlich viele Personen auf ein Konzert gehen oder eine Beratung von Person XY erhalten können, ist nicht Folge einer Entscheidung des Anbieters (Musiker, Blogger, etc.) sondern eine Folge der realen Gegebenheiten.

  • Peterthemeter33
    Das liest sich für mich als eine ausgefeilte Begründung dafür, weshalb man für jegliche Leistungen nicht mehr zahlen sollte, obwohl man sie in Anspruch nimmt.

    Du hast leider nicht geschrieben, dass das Internet dank der Möglichkeit alles schnell und gratis zu veröffentlichen im MÜLL erstickt, siehe Youtube: Billige Handyvideos mit Artefakten und Rauschen, statt tauglicher Produktion.

    Solange es gute Künstler gibt die gute Kunst produzieren, werde ich dafür zahlen. Auch für die Verbreitung. Übrigens sind die CD und DVD Preise in anderen Ländern viel niedriger und da verdienen alle(!) auch genug daran. Sonst wäre das nicht möglich.
  • "Du hast leider nicht geschrieben, dass das Internet dank der Möglichkeit alles schnell und gratis zu veröffentlichen im MÜLL erstickt, siehe Youtube: Billige Handyvideos mit Artefakten und Rauschen, statt tauglicher Produktion."

    Darüber hat Shirky in seinem Buch auch geschrieben. Wenn die Schwelle zur Produktion gesenkt wird, ist das Abfallen der durchschnittlichen Qualität eine logische Folge, weil die Banbreite der Qualität zunimmt. Das war beim Buchdruck seinerzeit nicht anders.
    Sicher müssen die Filterwerkzeuge noch besser werden.
  • @"Sicher müssen die Filterwerkzeuge noch besser werden."

    Ach und ich dachte Verwerter (im Sinne von Finanziers, Veredlern, Marken) seien überflüssig...
  • "Ach und ich dachte Verwerter (im Sinne von Finanziers, Veredlern,
    Marken) seien überflüssig..."

    Das wurde von mir nicht behauptet. Abgesehen davon, waren nicht
    Verwerter mit "Filterwerkzeugen" gemeint.

    Verschiebung in der Aufgabenteilung bedeutet nicht immer automatisch,
    dass jemand überflüssig wird. Überflüssig wird allerdings, wer sich an
    die Marktbedingungen nicht anpasst.
  • Juergen_frey
    "Überflüssig wird allerdings, wer sich an die Marktbedingungen nicht anpasst."

    Sprich: die Künstler.
  • Hierzu passt ein Kommentar, den ich schonmal an anderer Stelle hinterlassen habe, der aber einen Aspekt anspricht, den du vergessen hast:
    "Es macht einfach volkswirtschaftlich keinen Sinn, Objekte, die teuer zu entwickeln aber billig zu reproduzieren sind, restriktiv nur einem Teil der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen.
    Zu dieser Frage kommt noch ein weiterer Aspekt. Wir sind durch die Digitalisierung an einem Punkt angelangt, an dem die Ausschließbarkeit der Nutzung geistigen Eigentums de facto nicht mehr gegeben ist, bzw. allenfalls durch enormen technischen Aufwand und die Abschaffung etlicher Grundrechte sicherzustellen wäre. Was ist damit gemeint? Einen Tonträger (alternativ Text- oder Filmmedium) konnte man kaufen, und wenn man ihn weitergab, war man sein Examplar los. Heute kann man von Dateien unendlich viele Kopien machen und weitergeben, ohne dass es etwas kostet, und ohne dass es jemand effizient verhindern kann. Damit sind Text, Bild und Ton zu einem öffentlichen Gut geworden, und die Produzenten dieser Güter sollten sich nach anderen Einnahmequellen umsehen. Und die gibt es ja! An jedem der genannten hängen “ergänzende” private Güter dran, deren Einnahmen die Produktion des öffentlichen Gutes finanzieren können. Der Kinobesuch ist das private Gut zum rohen Film. Der Konzertbesuch das private Gut zu puren Musik. Das Buch ist das private Gut zum Text. Für diese Dinge sind die Leute bereit zu zahlen, und die Ausschließbarkeit der Nutzung lässt sich ohne weiteres gewährleisten."
  • Danke für den Kommentar. Welchen Aspekt hatte ich vergessen?
  • Ich meinte den Aspekt, dass Informationen (und darunter fallen bei mir auch Musik und Film) im digitalen Zeitalter "public goods" geworden sind, es also keine Rivalität im Konsum gibt (da sich Dateien unendlich vervielfältigen lassen), und de facto auch keine Ausschließbarkeit (allenfalls unter sehr großem Aufwand). Gemäß der "Lighthouse"-Theorie von Coase müssen sich die Produzenten dieser öffentlichen Güter jetzt also damit zusammenhängende private Gute suchen, die die anderen querfinanzieren. Der Rest ist oben beschrieben.

    Ich war der Meinung, dass du diesen Aspekt nicht in deinem Artikel angesprochen hast. Habe ich mich geirrt?
  • Juergen_frey
    "Ich möchte Platten verkaufen, um leben zu können, ohne bei Mc Donalds arbeiten zu müssen." - Aphex Twin
  • Juergen_frey
    Es wird immer als "Lösung" in den Raum geworfen, dass der Künstler sich halt nach anderen Möglichkeiten umsehen MUSS, wenn er Geld verdienen will. Als wäre die Arbeit am Werk schon nicht genug. Nein, er soll halt mal zusehen, dass er mal eben so, irgendwie noch einen Mehrwert bietet, wenn er für seine eigentliche Arbeit schon nichts mehr bekommt.

    Es wird immer vergessen, dass nicht jeder Musiker Zeit oder Energie hat, ständig Konzerte zu geben. Vielleicht tüftelt er lieber im Studio an seiner Musik. Oder vielleicht ist er auch aufgrund eines Gebrechens nicht dazu in der Lage ist. Aber dann kann er ja zum Glück T-Shirts verkaufen. Merchandising und so.

    Oder es ist beispielsweise auch gar nicht so abwegig, dass ein Markt entsteht, in dem es sich für Verlage einfach nicht mehr lohnt, Bücher zu drucken oder eben nur noch eine Bruchteil dessen, was heute noch auf den Markt kommt. Somit bekommen auch kleinere Autoren keine Chance mehr sich zu etablieren.
    Wenn man dann auch die Möglichkeit hat, sich deren eBooks kostenlos zu kopieren, was hat dann der nicht auf Papier gedruckte Schriftsteller noch für Möglichkeiten, Geld mit seiner Kunst zu verdienen? Ach stimmt, soll er eben Lesereisen machen, die Sääle füllen und dann das Hütchen herum gehen lassen. Die Reisekosten hat er ja zum Glück schon vorher mit dem Verkauf von T-Shirts gedeckt.
  • Es mag gut sein, dass in der "neuen digitalen Ökonomie" einige Künstler weniger verdienen werden (obgleich die Empirie bislang das Gegenteil beweist). Aber es ist schließlich nicht das erste mal, dass eine Berufsgruppe aufgrund fortschreitender technischer Entwicklung ihre Daseinsberechtigung verliert oder zumindest in Frage gestellt sieht.

    So ging es den Pferdezüchtern, als sich die Automobile verbreiteten; so ging es den Fährleuten, als Brücken gebaut wurden; so ging es den Bankmitarbeitern am Ein- und Auszahl-Schalter, als der Geldautomat erfunden wurde. Sowie in tausenden anderen Fällen.

    Wozu braucht es Plattenfirmen, wenn sich Musik losgelöst vom Medium sowie von jeder physischen Beschränkung verbreiten lässt? Gleiches gilt für jene Tageszeitungen, deren einzige "Dienstleistung" darin besteht, die Agenturmeldungen vom Vortag auf Papier zu drucken. Beide werden auf mittlere Frist verschwinden.
  • Juergen_frey
    Das lässt sich schön nüchtern und sachlich sagen, wenn man selbst wohl nicht zu dieser "Zunft" gehört.

    Weil heutzutage die Arbeit der Produzenten z. B. über Filesharing illegal "publiziert" und dadurch wertlos gemacht wird, soll der Künstler also "einfach" mal gucken, wie er sonst noch Mehrwert generiert, damit er überhaupt eine Gegenleistung für seine eigentliche Arbeit bekommen kann?
    Ich kann es nicht anders sagen: das ist einfach nur respektlos und arrogant. Man merkt bei Deiner Argumentation (so wie bei vielen), dass Du selbst nicht zu der Berufsgruppe der Produzenten, Künstler und sonstigen Medien gehörst. Anders kann ich mir die kurzsichtigen und ignoranten Argumentationen nicht erklären.

    Hier wird z. B. Filesharing propagiert, wodurch Labels überflüssig werden. Filesharing lässt aber nicht nur Labels überflüssig werden, es führt auch dazu, dass der Produzent bzw. Künstler auch nichts mehr an seiner Arbeit verdient. Oder nur mit viel Glück.
    Wenn also diese Berufsgruppe keine Erwerbsmöglichkeit mehr hat, dann hat sie auch irgendwann keinen Bock mehr, etwas für einen "auf-gut-Glück"-Almosenbetrag zu produzieren. Oder es gibt nur noch Grütze.

    Deine Argumentation (Vergleich mit den Pferdezüchtern) ist also absurd. Wenn es sich nicht mehr lohnt, geistige Wertschöpfungen zu produzieren, gibt es für die selbsternannten Kulturvberbreiter auch bald nix neues oder nix gutes mehr zu sharen.
    Denn die Konsumenten bekommen irgendwann dann als Gegenleistung auch nur noch das, was sie zu investieren bereit ist.

    Und nochmal: eine Plattenfirma kümmert sich nicht nur um den Vertrieb, sie managed unter anderem auch den Künstler in anderen Belangen, kümmert sich um neue Verwertungsmöglichkeiten, usw.
    Sie kümmert sich eben um all das, worum sich der Künstler Deiner Meinung nach nun in Zukunft auch noch kümmern soll.
  • Zum Thema "Telefonnummern merken":
    Ich bin so jung, dass ich mir nie Telefonnummern merken musste, weil ich schon in jungem Alter ein Handy hatte, in dem man Kontakte einspeichern konnte. Ich glaube aber, ich würde mir heute noch Nummern merken, weil es einfach cool ist und dem Gegenüber auch eine gewisse Wertschätzung ausdrückt. Lange Handy-Nummern kann sich aber doch kein Mensch mehr merken, deswegen ist man wohl auf den Kontaktspeicher seines Handys angewiesen.
  • Interessant - aber die Terminologie "Unfall" setzt einen "Normalfall" voraus. Darin steckt eine anthropologische Normativität, die ich hier nicht nachvollziehen kann. Anders gesagt: es müsste deutlicher gemacht werden, warum das eine der Unfall und das andere der wiederherzustellende Normalfall sein soll. Aus Sicht der Musikindustrie etc. dürfte das Netz der historische Unfall und der status quo ante der Normalfall sein.
  • Über die Wortwahl kann man sicher diskutieren. Mir ist schlicht kein besseres Wort als 'Unfall' eingefallen. Man kann allerdings in der Tat einen "Normalfall" feststellen, wenn man beide Situationen (vor und nach der Veränderung der Rahmenbedingungen) und ihre Auswirkungen auf das Verhalten gegenüberstellt. Siehe das Beispiel mit den Telefonnummern im Artikel.
  • Genau an dem Telefonnumern-Beispiel bin ich halt über die Wortwahl gestolpert: die Fähigkeit, sich relativ lange Zahlenketten einzuprägen, haben wir gelernt, als es wichtig war, sich so Telefonnummern zu merken, und wir verlernen sie gerade wieder. Aber weder das Merken-Können langer Zahlenreihen noch das Nicht-Merken-Müssen sind - so jedenfalls meine Sicht - ein "Normalfall", sondern es sind beides Anpassungsleistungen sozialer Praktiken an bestimmte sozio-technische Arrangements (und damit ein schöner Beweis für die Fluidität von Gehirn und Sozialstruktur).

    Wir haben jetzt neue soziotechnische Arrangements, die sich zudem noch in einem massiven Wandel befinden. Diese erfordern individuelle und strukturelle Anpassungs- und Aneigungsleistungen; die Konflikte darüber, ob und wie im Netz für vorher knappe Inhalte bezahlt werden soll, sehe ich als Aushandlungsprozess im Rahmen dieser Anpassungen und Aneignungen. Was dabei am Ende herauskommt, hängt von jeder Menge Faktoren ab - von den politischen Rahmenbedingungen und herrschenden kulturellen Leitbildern bis hin zu dem technisch abgesteckten Möglichkeitsraum. Zwingend und "technisch besser" sind aber weder Commons-Ansätze, noch Bezahlinhalte, noch soziales Mikropayment. (Auch dieser Blogbeitrag ist ein Bestandteil dieses Aushandlungsprozesses). Und da ist mir "Unfall" - und mehr noch die Annahme eines (histoirschen) Normalfalls - halt doch etwas zu kurz gegriffen.
  • "die Fähigkeit, sich relativ lange Zahlenketten einzuprägen, haben wir gelernt, als es wichtig war, sich so Telefonnummern zu merken, und wir verlernen sie gerade wieder. Aber weder das Merken-Können langer Zahlenreihen noch das Nicht-Merken-Müssen sind - so jedenfalls meine Sicht - ein "Normalfall", sondern es sind beides Anpassungsleistungen sozialer Praktiken an bestimmte sozio-technische Arrangements"

    Ich sehe es mehr als einen A-B-Vergleich: Wenn vor die Wahl gestellt, bevorzugen die meisten, sich Telefonnummern nicht mehr einzuprägen. Also war das Einprägen der Nummern ein von den technischen Beschränkungen ausgelöstes Verhalten.
    (Was mit der Fähigkeit, sich lange Zahlenreihen zu merken, nichts zu tun hat.)
  • Uwe
    Die Verlage verlieren ja gerade auch ihre Berechtigung als Informationsvermittler zwischen Unternehmen und Konsumenten, da Word of Mouth übers Netz glaubhafter wirkt als nachgedruckte Pressemitteilungen. Verlage haben immer noch kein Online-Geschäftsmodell, mit dem sich die gewachsenen Strukturen verteidigen lassen. Und jetzt werden nicht nur die Einzelpersonen sondern auch Unternehmen zu Konkurrenten, die immer mehr Content produzieren und selbst verteilen. Insofern stimme ich absolut zu: Das Bezahlen journalistischer Inhalte nach deren Konsum wird funktionieren, wenn die Qualität stimmt. Alles andere ist gratis oder von gestern.
  • Ich finde an der Stelle interessant, dass ja gerade die Presse sich ja dieser Kostenloskultur völlig unterworfen hat und zunächst ihre Inhalte frei ins Netz gestellt hat. Und das hat nicht funktioniert und jetzt kassieren die auch noch Prügel im Netz, weil sie sich neue Geschäftsmodelle überlgen. Da ist auch Unsinn dabei, ganz sicher. Die Presse ist aber der Beweis, dass gratis und werbefinanziert nicht funktioniert!
  • Zumindest die deutsche Presse hat sich dieser 'Kostenloskultur' nicht unterworfen.
    http://www.neunetz.com/2010/06...
  • Und trotzdem hat fast jede Regionalzeitung eine Website wo kostenlos Inhalte angeboten werden. Außer SpiegelOnline sind die alle defizitär...
  • Und deine Argumentation ist, dass sie defizitär sind, weil sie noch eine Handvoll kostenfrei zugängliche Inhalte nicht hinter die Bezahlschranke gesteckt haben?

    Könnte es nicht vielleicht anders herum sein? Oder könnten nicht andere Gründe, wie zu wenig Mehrwert für die Kunden und ineffiziente Akquise bei den Werbeplätzen etc. verantwortlich sein?
  • Zunächstmal sind Bezahlschranken bei Websites von Zeitungen nicht sonderlich verbreitet,
    und dass in der gesamte Presselandschaft nur Vollidioten arbeiten, die noch nie Werbeakquise gemacht haben, halte ich für ein Gerücht...

  • Die weiterführenden Links im Artikel könnten hilfreich sein, um sich in das eine oder andere Feld einzulesen, besonders was das Thema Bezahlschranken angeht.

    Niemand hat etwas von 'Vollidioten' geschrieben. Die Sales-Abteilungen der etablierten Presseverlage arbeiten schlicht suboptimal, wenn es um den Verkauf der Online-Werbeplätze bei ihren Angeboten angeht, weil sie viele zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nicht nutzen.
  • Peter
    http://de.wikipedia.org/wiki/R... - Auf diesem Niveau bewegt sich die Diskussion. Da ist nichts neues, absolut nichts.
    Heute steht folgende Frage: Brauchen Unterhaltung, Bildung, aktuelle Information und gesellschaftlicher Diskurs Autoren, die da davon leben, also Professionelle oder nicht?
    Ich beantworte diese Frage mit ja.
    Wenn wir professionelle Autoren brauchen, muss der Refinanzierung sichergestellt sein.
    Also muss es einen "ersten Preis" geben, den die Autoren erzielen, b e v o r ihr Werk in die Welt wandert. Dieser erste Preis ist natürlich sehr hoch, niemand wird ihn als erster zahlen wollen, wenn dann alle anderen auf seine Kosten weiter kopieren können.
    Eine Blockade würde eintreten. Flattr und Kachingle sind viel zu schwach und unberechenbar, diese Blockade zu durchbrechen.
    Um Lösungen dieses Problems wird derzeit überall gerungen. Da gibt es zum Beispiel die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten in Deutschland, die haben das ganz einfach gelöst: Ministerpräsidenten beschließen und alle haben zu bezahlen. Das Ergebnis ist ein riesiger Apparat der Unmengen von Überflüssigem produziert. Das kann also nicht der Weg sein.
    Aber die Botschaft dieses hier so hochgelobten Beitrages ist doch offenbar: Verschenkt euch und schafft euch damit allmählich ab! Das wäre der eigentliche historische Unfall.
  • "Heute steht folgende Frage: Brauchen Unterhaltung, Bildung, aktuelle Information und gesellschaftlicher Diskurs Autoren, die da davon leben, also Professionelle oder nicht?
    Ich beantworte diese Frage mit ja."

    Ja.

    "Wenn wir professionelle Autoren brauchen, muss der Refinanzierung sichergestellt sein.
    Also muss es einen "ersten Preis" geben, den die Autoren erzielen, b e v o r ihr Werk in die Welt wandert."

    Nein. Musiker wie Buchautoren etc. sind Unternehmer, die nicht im Vorfeld festlegen können, wie viel sie an Kulturgut XY verdienen werden. Niemand weiß vorher ob ein Werk kommerziell erfolgreich wird oder nicht.

    Abgesehen davon finanzieren die ersten Musiker in den USA bereits die Aufnahme neuer Alben allein mit Spenden von ihren Fans, die sie _vorher_ erhalten haben.

    "Aber die Botschaft dieses hier so hochgelobten Beitrages ist doch offenbar: Verschenkt euch und schafft euch damit allmählich ab! "

    Nein. Die Botschaft würde wenn schon dann eher lauten: 'Verschenkt' Eure nichtknappen Güter und baut Eure Geschäftsmodelle auf echten, knappen Gütern, so wie es in der Marktwirtschaft immer schon der Fall war.
  • WIr können nicht festlegen, was wir erwirtschaften. Aber wir müssen einen funktionierenden Markt als Anreiz für Investitionen vorfinden. Investition darf kein Glückspiel sein! Und es lassen sich die Risiken ja ermitteln. Im Schnitt gehen dann zum Beispiel zu viele Labels in die Insolvenz, als dass Banken da leicht Kredite rausrücken.
    Musiker in der Selbstvermarktung (und ich hab da mehr als eine Band beraten) kriegen GAR KEIN Geld von den Banken.
    Wenn ich 'nen 1Click Sharehost aufmachen wöllte hätte ich da weniger Probleme...


    Einge Musiker finanzieren mit Spenden... Wer? Welche Summen? Wieviele Musiker im Verhältnis zur allem anderen? Newcomer? Etablierte?
  • Ich hatte, als ich noch bei netzwertig war, dort einige Beispiele zusammengetragen:
    http://netzwertig.com/2009/01/...

    "Jill Sobule hat von ihrem Experiment berichtet, ihre Fans verschiedene Bezahl-”Levels” für die Vorfinanzierung ihres letzten Albums anzubieten. Sie hat nahezu 90.000$ auf diese Art zusammenbekommen – weit mehr als ihr ursprüngliches Ziel. Selbst das höchste Level, das nur als Scherz gedacht war, hatte jemand bezahlt: Für 10.000$ erwarb ein weiblicher Fan das Privileg, auf einem der Songs des Albums mitzusingen."
  • Das ist niedlich...
    Wenn du mir jetzt erklärst, wie ich da ein Modell für sagen wir mal 2500 Bands in Deutschland gebastelt bekomme, dann geb' ich dir auf der A2N 'ne Mate aus.
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