Kommunikationshub: Facebook Messages werden mit Email-Anschluss rückwärtskompatibel

„A messaging service that includes email.“ – Mark Zuckerberg

Das neue (gestern angekündigte, über die nächsten Monate verfügbar werdende) überarbeitete Facebook Messages verbessert nicht nur die facebookinterne Kommunikation, sondern wird eine eigene Email-Adresse mit unter anderem IMAP anbieten. Das ist aus zwei Gründen bedeutend:

  1. Würde man als User keine Email zur Anmeldung bei Facebook benötigen, würden die heutigen Jugendlichen im Netz wohl spätestens ab der Verfügbarkeit der Facebook-Mailadresse nie eine separate Email anlegen. Facebook kann jetzt ein weiteres wichtiges Stück Online-Kommunikation übernehmen.
  2. Daran anschließend: Email-Funktionalität für die Facebook Messages ist im Grunde nichts anderes als Rückwärtskompatibilität. Viele Nutzer von Social Networks haben den Einsatz von Email bereits merklich zurückgefahren. Mit einem Facebook Messages, das über Email nach draußen kommunizieren kann, also an Grundfunktionalität merklich aufgebessert wird, dürfte bald für viele Facebook-User kein Bedarf mehr für eine zusätzliche Email-Adresse bestehen.

Für bestehende Facebook-Nutzer hat das neue Facebook Messages also das Potential, die bereits marginalisierte persönliche Email-Adresse komplett zu ersetzen. (Im Gegensatz zur geschäftlich eingesetzten Email-Adresse, die davon zumindest vorerst unberührt bleibt.)

Nico Lumma über die Gründe, warum Facebook Messages ein Erfolg wird:

– Facebook hat 500 Mio User und ein stabiles, aber auch simples Messaging-System am Laufen, das durch Instant-Messaging ergänzt wird.
– XMPP im Backend erlaubt eben genau die Art der Konversationen, wie sie Facebook vorschwebt: unterschiedliche Übertragungswege, unterschiedliche Teilnehmer, eine Inbox.
– die Marktdominanz von Facebook wird dafür sorgen, daß sich dieses System durchsetzen wird, insbesondere, wenn es eben auch mit normaler Email funktioniert.

Charlene Li fasst die Features und Veränderungen auf ihrer Site sehr gut zusammen (via Carsten Pötter):

It’s basically chat with email interoperability added in.

But the biggest feature for me will be the early integration of chat, text, and email messages from anyone into one place. I can already use Facebook Chat with people outside of Facebook as it’s interoperable with major platforms like Jabber and AIM. But now if a friend sends me a message and I’m signed into Facebook, the system will deliver it as a chat as it recognizes we can talk in real time. Ditto with text messages from friends – by linking my Facebook account to my mobile number I already get messages from Facebook friends.

Messages from my friends will thus begin to be centralized into one place, no matter where they originate. My friends and I won’t have to know or worry about where we each are – Facebook will figure it out.

Etwas ähnliches macht Gmail heute bereits schon: In GTalk versendete Messages an Kontakte, die offline sind, erhalten diese Kontakte in ihrer Email-Inbox.

Weitere Zusammenfassungen der Features findet man auf TechCrunch und InsideFacebook.

Nennenswert ist noch das wohl offensichtlichste Email-Feature für Facebook: Der Spamfilter auf Social-Graph-Basis:

Facebook is confronting this by using the social graph — only people who are a user’s friends or friends of friends can e-mail them.

If a person not connected to a user e-mails them, it will go to the ‘Other’ part of the inbox. If they find those messages important, they can move them from that folder into the main part of the inbox. From then on, they’ll get all emails from that person immediately.

Charlene Li über die Implikationen der überarbeiteten Facebook Messages:

But more importantly, without the context of the social interactions that take place very day on Facebook chat, and other platforms, email alone simply falls short. The current spat between Google and Facebook over email address portability is just the beginning of this new portal war. But the war isn’t going to be just over the raw social data. Rather, it’s going to be a rush to see who can capture more of the overall consumer communications and that requires that they be more open in the infrastructure to integrate with other platforms.

Om Malik:

Facebook did the exact opposite [of GMail] – it imagined email only as a subset of what is in reality communication. SMS, Chat, Facebook messages, status updates and email is how Zuckerberg sees the world. With the address book under its control, Facebook is now looking to become the “interaction hub” of our post-broadband, always-on lives. Having trained nearly 350 million people to use its stream-based, simple inbox, Facebook has reinvented the “communication” experience.

Facebooks langfristiger Weg

Facebook setzt damit seinen Weg fort, die bestmögliche Infrastruktur für die Kommunikation der User bereitzustellen. Was mit dem Newsfeed anfing, und zum Beispiel mit den neuen Gruppen ausgeweitet wurde, wird jetzt mit den Facebook Messages weiter verfeinert. Das Gesamtprodukt wird weiter iterativ verbessert (und das bis dato immer sinnvoll).

Facebooks Motto ist immer gewesen, möglichst aus dem Weg zu gehen und den Usern so in kürzester Zeit das Maximum an Nutzen bieten zu können. Etwas, das die Betreiber deutscher Social Networks leider entweder nicht machen wollten, die Chancen darin nicht erkannten oder zugunsten kurzfristiger Ziele eine andere Strategie wählten.

Es ist kein Wunder, dass Facebook im Gegensatz zu deutschen Social Networks also etwa seit langem den Inhalt der Privatnachrichten in den Benachrichtigungsmails mitschickt. Facebook war immer auf Langfristigkeit ausgelegt. Nicht Pageviews, sondern Nützlichkeit standen im Mittelpunkt. Etwas, das auch die neuen Facebook Messages antreibt. Die Ironie: Mit der Nützlichkeit kommen irgendwann auch die Pageviews und andere Einnahmequellen außerhalb von Werbung (Facebook Credits). Und deshalb gewinnt Facebook auch gegen die kleinen Netzwerkanbieter langfristig; in weiten Teilen hat es das bereits. Etwas, das Beobachter ab 2007 voraussehen konnten.

Frühere Beiträge zu Entwicklungen bei Facebook:

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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