Die 5 interessantesten Webdienste 2010

netzwertig.com hat neulich das „beste Webstartup 2010“ gekürt. Für die Abstimmung wurden vorher 20 „Experten“ gebeten, ihre Top 5 zu nennen. Martin Weigert bat unter anderem auch mich um meine Top 5 der Webdienste 2010, die ich hier kurz vorstellen und meine Wahl begründen will. Interessanterweise hat bei der Leserabstimmung auf netzwertig.com letztlich Dropbox das Rennen gemacht. Dropbox hatte ich nicht in meinen Top 5 genannt. Ich benutze es aber regelmäßig um kleinere Dateien wie etwa PDFs einfach auf das iPad übertragen zu können.

Im Folgenden stelle ich die fünf interessantesten Webdienste des Jahres 2010 vor. Interessant heißt: Die Webdienste waren erfolgreich, haben Neuland betreten und werden uns auch weiterhin beschäftigen. (Und unter anderem hier auf neunetz.com weiter begleitet werden.)

Die 5 interessantesten Webdienste 2010

Groupon

Was für ein sensationeller Aufstieg: Groupon ist nicht nur das am schnellsten wachsende Unternehmen in der Geschichte. Die Führung hat neulich auch eine Übernahme von Google in (vermuteter) Höhe von sechs Milliarden US-Dollar ausgeschlagen. Verrückt? Nicht unbedingt. Groupon geht aktuell mit seiner Plattform-Strategie in eine extrem spannende Richtung (die ich auf Exciting Commerce ausführlich dokumentiere: Vorstellung der Groupon-Plattform und ihre Möglichkeiten ). Bei Erfolg wird Groupon zu einer Hausnummer wie Google und Amazon: das unverzichtbare Bindeglied zwischen lokalen Geschäften und dem Internet. Der Umsatz könnte – erfolgreiche Plattform vorausgesetzt – in wenigen Jahren den von Google übersteigen.

2010 war bereits ein unglaublich erfolgreiches Jahr für Groupon. 2011 könnte noch besser werden. Spannend wird es auf jeden Fall für Groupon. Ein Unternehmen, das man im Auge behalten sollte.

Flattr

Flattr hat (im Gegensatz zum sich nicht so glücklich entwickelnden Kachingle) eine neue Art von Bezahlung im Web eingeführt und zumindest hierzulande sich damit einen Namen gemacht. Die Entwicklungen rund um Flattr, Kachingle (und entfernt auch zu Kickstarter und seinen deutschen Pendanten) gehört aktuell zu den zweifelsfrei spannendsten ökonomischen Entwicklungen im Web. Hier entstehen Transaktionsmodelle die in dieser Größenordnung vorher nicht möglich waren.

Zweifellos wird sich 2011 zeigen ob Flattr weiter wachsen und sich etablieren kann, oder ob Flattr selbst doch nicht der Erfolg ist, den sich viele wünschen. Notwendig für den Erfolg wird vor allem mehr Arbeit von Flattr an Funktionen für Reputation und Anreizschaffung für die User sein.

Unabhängig von Flattr wird das zugrundeliegende Prinzip aber, so viel bin ich mir sicher, im Web bestehen bleiben.

SoundCloud

SoundCloud ist das zur Zeit spannendste Startup aus Deutschland. SoundCloud denkt das Thema Musik beziehungsweise Audio allgemein im Web radikal neu und ist damit extrem erfolgreich. SoundCloud könnte bald das sein, von dem vor Jahren viele lange Zeit irrtümlicherweise glaubten, dass es MySpace wäre: Das unverzichtbare Online-Tool für Musiker und Labels. Die Innovationsgeschwindigkeit des Berliner Startups ist bemerkenswert. SoundCloud ist auch eines der sehr wenigen deutschen Startups mit einer erfolgreichen API. Ich begleite SoundCloud kritisch seit geraumer Zeit hier auf neunetz.com und seit einiger Zeit auch auf neumusik.com .

Foursquare

Foursquare hat wie kein anderes Startup den Bereich der Location Based Services (LBS) 2010 vorangetrieben. Man könnte sagen, es hat ihn erst geformt: Mit dem Prinzip des Checkins hat Foursquare dem LBS-Markt ein probates Mittel an die Hand gegeben, das weitaus flexibler einsetzbar ist als das passive Loggen der Position von etwa Google Latitude. (Abgesehen davon krank letzteres noch an der aktuellen Technik wie etwa zu schwachen Akkus für permanent im Hintergrund laufende Applikationen.)

Foursquare wächst massiv (aktuell 5 Millionen Mitglieder, 25.000 pro Tag) und entwickelt sich auch mit der API/Plattform interessant weiter. Interessant genug auf jeden Fall, dass man davon ausgehen kann, dass Foursquare sich auch neben Facebook Orte behaupten kann.

Flipboard

Flipboard (als iPad-App eigentlich mehr RIA denn Webdienst) hat mit der unsinnigen Annahme aufgeräumt, dass nur von großen Presseverlagen Inhalte hübsch aufbereitet werden können. Flipboard ist wie kaum eine andere Applikation der Beweis, dass Multitouch-Oberflächen die zugrundeliegenden Marktdynamiken der Digitalisierung wie etwa Zunahme der Arbeitsteilung nicht aufhalten .

Flipboard ist auch nach der jüngsten Hinzunahme des GoogleReaders kein Tool für Poweruser. (Unter anderem überträgt Flipboard keine „Beitrag gelesen“-Daten an GoogleReader.) Aber das soll und muss es auch überhaupt nicht sein. Flipboard könnte dem Medienwandel 2011 noch einen gehörigen Spin mitgeben. Verlags-Apps müss(t)en intelligent ihr Alles-Aus-Einer-Hand weiterdenken, um gegen Flipboard und co. bestehen zu können – schnödes Eye Candy reicht nicht aus.

Interessant wird vor allem das Geschäftsmodell von Flipboard werden, das wohl auf zusätzliche Werbung in der App setzen wird, deren Erträge dann zwischen Flipboard und teilnehmenden Publishern geteilt werden.

Außerdem 2010 im täglichen Gebrauch

Der GoogleReader ist nach wie vor das Webtool, mit dem ich die meiste Zeit verbringe. Er ist Dreh- und Angelpunkt meines Informationsmanagements. Der GoogleReader und das zugrundeliegende RSS sind aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken.

Twittertimes ist unersetzbar, um auf dem Laufenden darüber zu bleiben, was in der eigenen Twitter-Timeline passiert, ohne dass man permanent am 140-Zeichen-Tropf hängt. Es gibt einige ähnliche Aggregatoren (Paper.li und Rivva Social etwa). Aber keiner arbeitet die Inhalte so übersichtlich auf wie Twittertimes.

Der us-amerikanische Technews-Memetracker Techmeme und mittlerweile zusätzlich die Mediennews-Ausgabe Mediagazer sind unverzichtbar, um im wuseligen US-Newssektor die Übersicht zu behalten. (Bonus-Erwähnung für hiesige Blognews: Das deutsche Äquivalent Rivva.)

Das deutsche Linguee setze ich mittlerweile regelmäßig ein, um Wörter und Wortgruppen zu übersetzen. Ein extrem nützliches Tool besonders für ungewöhnliche Wörter und Wendungen.

Seit Jahren und auch wieder 2010 läuft hier regelmäßig nebenbei der Musikblog-Aggregator Hypemachine .

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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