Das Versagen der deutschen Medien beim Thema Ägypten

Das Herangehen der Onlineableger der etablierten deutschen Massenmedien an ein nicht nur online wellenschlagendes Thema lässt erneut zu wünschen übrig:

Was Spiegel-Online und Welt-Online in ihren Live- oder Nachtichtentickern bringen, ist in der Ignoranz des Potentials von Onlinejournalismus mehr als befremdend. Es drückt sich aber auch schon in den Begrifflichkeiten aus: Das Wort Live-Blog wird vermieden. Beide Websites, nach Bild-Online die Meistgelesenen – setzen im Jahr 2011 kein einziges Link auf Quellen außerhalb ihres eigenen Angebots.

Es geht natürlich auch anders, nur eben nicht in Deutschland:

Bleibt zu hoffen, dass diese Art von Berichterstattung den Redaktionen zumindest etwas peinlich ist – in Anbetracht dessen, was Al Jazeera, Guardian sowie New York Times auf ihren Websiten bringen Diese Medien beziehen sich in ihrem Live-Blogging aufeinander, binden Videos, Audio, Fotos und Tweets ein. Und linken fleißig auf andere Quellen.

Erstaunlicherweise sieht es im deutschen TV noch schlimmer aus:

Nach Tunesien jetzt Ägypten: Erneut stemmt sich ein Volk gegen ein diktatorisches Regime und die Welt schaut zu. Nur die deutschen TV-Sender nicht. Die lieferten am Wochenende einen journalistischen Totalausfall von beschämendem Ausmaß.

Derweil wird Al Jazeera, mittlerweile die wichtigste Nachrichtenquelle zum Thema, in den deutschen Medien eher kritisch beäugt (als genutzt). Don Dahlmann dazu:

Aber das Problem ist nicht Al Jazeera, sondern es sind die anderen Medien. Die BBC berichtet mit angezogener Handbremse, ebenso CNN. Und die Berichterstattung der deutsche Sender ist ein absolutes Desaster. Während sich die Situation über das Wochenende zuspitzte, kam auf allen deutschen Sender kaum etwas.

[..]

Wenn aber kaum andere Stimmen aus Ägypten zu hören sind, und wenn keine Sender den Aufwand betreiben, den Al Jazeera zeigt, bzw. sich nicht trauen gegenüber der Regierung trotz Arbeitsverbot weiter zu senden, dann bleibt eben nur diese Quelle. Dass Al Jazeera eine eigene Politik mit ihrer Berichterstattung betreiben könnte mag sein, aber möglich wird das dann auch, weil die anderen Sender untätig sind und Al Jazeera das Feld komplett überlassen.

Das Internet ermöglicht globalen Wettbewerb und kann interessierten Bürgern so sehr leicht aufzeigen, wie ihre heimischen Medien im internationalen Vergleich abfallen. Etwas, das vor 20 Jahren noch nicht möglich gewesen wäre. Da wäre auch der interessierteste Bürger in der Regel auf dem sitzen geblieben, was ihm das deutsche TV anbietet.

In den USA sieht das ganz ähnlich aus: Al Jazeera hat dort keinen Zugang zum Kabelnetz von den Kabelbetreibern bekommen und macht deswegen nun über das Web CNN und co. gehörig Konkurrenz:

Without access to the majority of TV households, Al-Jazeera turned to the next best thing: the Internet. I did an interview with Russell Merryman in 2007, when he was working as the editor-in-chief of web and new media at Al-Jazeera English. Merryman told me a big part of embracing new media was an attempt to win over the hearts and minds of Americans, and he quoted from a review that called Al-Jazeera “the best cable news channel Americans can’t watch” as an early proof of success for that strategy.

Al-Jazeera embraced YouTube early on for daily news clips, and soon after, opened a 24/7 live feed on Livestation. The network also more recently embraced Creative Commons licenses for some of its raw footage, and Nanabhay said it will make some of Friday’s footage from Cairo available under a Creative Commons license.

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann, lebt in Berlin und ist seit 2007 als Analyst der Internetwirtschaft aktiv. Er arbeitet als (Senior) Strategy Analyst bei Exciting Commerce, schreibt für verschiedene Publikationen, unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
Marcel Weiß auf Twitter und auf Facebook abonnieren. (Mehr)