// (function($){ var options = {"info_link":"http:\/\/heise.de\/-1333879","txt_help":"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an [...]"/>

Kommunikation und Organisation: Facebook, Twitter und Ägypten

Welche Auswirkungen haben Social Networks wie Facebook und Twitter auf Revolutionen wie man sie aktuell in Tunesien und Ägypten sehen kann? Bis Ägypten das Internet im Lande abstellte, dürften verschiedenste Internet-Tools massgeblich zur Verbreitung von Informationen geholfen haben und die Revolution in Ägypten schneller in Gang gebracht haben, als die Regierung erwartet hat.

Inhalt:

Kommunikationstools sind Verstärker nicht Auslöser sozialer Interaktion

Nein, was in Ägypten passiert, ist keine Facebook-Revolution. Es ist auch keine Twitter-Revolution oder eine Internet-Revolution. Es ist eine ägyptische Revolution aufgrund ägyptischer Probleme. Und entgegen den Artikeln in deutschen Massenmedien behauptet niemand im Netz, es wäre eine Web-Revolution, der zumindest eine gewisse Autorität inne hat.

Die Nutzung von Facebook oder Twitter, oder allgemein die Nutzung des Internets, spielt allerdings trotzdem eine wichtige Rolle: Es sind Tools, die die Kommunikation enorm erleichtern. Eine effizientere Kommunikation erleichtert die Organisation von losen oder sich erst bildenden Strukturen enorm. Das ist besonders wichtig, wenn Gruppen von Menschen anfangen, sich zu formieren und erste gemeinsame Ziele sichtbar werden, die den Menschen entsprechend wichtig sind.

Matthew Ingram bringt es auf GigaOm auf den Punkt:

Did Twitter or Facebook cause the Tunisian revolt? No. But they did spread the news, and many Tunisian revolutionaries gave them a lot of credit for helping with the process. Did Twitter cause the revolts in Egypt? No. But they did help activists such as WikiLeaks supporter Jacob Appelbaum (known on Twitter as @ioerror) and others as they organized the dialup and satellite phone connections that created an ad-hoc Internet after Egypt turned the real one off — which, of course, it did in large part to try and prevent demonstrators from using Internet-based tools to foment unrest. As Cory Doctorow noted in his review of Evgeny Morozov’s book, even if Twitter and Facebook are just used to replace the process of stapling pieces of paper to telephone poles and sending out hundreds of emails, they are still a huge benefit to social activism of all kinds.

[..]

In the end, the real weapon is the power of networked communication itself. In previous revolutions it was the fax, or the pamphlet, or the cellphone — now it is SMS and Twitter and Facebook. Obviously none of these things cause revolutions, but to ignore or downplay their growing importance is also a mistake.

Effizientere Kommunikation hilft natürlich, das Formen von Ad-Hoc-Formierungen und -Entscheidungen zu beschleunigen. Die erhöhte Geschwindigkeit der Vorgänge dürfte geholfen haben, die Regierungen auf dem falschen Fuß zu erwischen.

The Atlantic bietet weitere Einsichten:

Technology magnifies the underlying intent and capacity of people and institutions. But it doesn’t in and of itself change human intent, which evolves through non-technological social forces. (Witness how no amount of FoxNews and MSNBC converts opposing opinions; if anything, they polarize.) Successful revolutions are tipping points, which mark the point when the power of capable citizens frustrated with their governments exceeds the will and physical might of a government intent on power. An avalanche’s underlying cause is a flake-by-flake accumulation of snow; similarly, the tipping point of revolution is the culmination of a person-by-person accumulation of frustration and middle-class security.

Technology can communicate and spread frustration, but it also amplifies government propaganda and misinformation. Technology can accelerate a revolution once it begins, but it can’t feed or educate an enfeebled population to the point of rebellion

Wer Zugang zu Möglichkeiten hat, Flugblätter in großer Stückzahl zu drucken, wird erfolgreicher sein als ohne diese Möglichkeit. Wer Freunde und Familie über Telefon erreichen kann, wird erfolgreicher sein als ohne. Wer Freunde, Familie und Bekannte über das Internet mit verschiedensten Tools ausgewählt anschreiben und Informationen über diese Wege auf verschiedenste Arten verbreiten kann, wird erfolgreicher sein als ohne.

Sind die Menschen erst einmal in großer Zahl auf der Straße, sinkt die Bedeutung dieser Tools zur Kommunikation und damit zur Organisation. Wer nur aus dem Fenster schauen muss, um zu sehen, dass Zehntausende genau so unzufrieden sind mit der eigenen Regierung, braucht keine Facebook-Gruppe mehr, um Gleichgesinnte zu finden.

Am Anfang einer Bewegung sieht das allerdings anders aus. Alles, was hilft, Informationen von A nach B zu transportieren, kann potentiell helfen.

Ägyptens Abschaltung des inländischen Internets war ein radikaler Schritt. Aber jeder, der aktuell einmal auf Al Jazeera reinschaut, sieht, dass dieser Schritt wahrscheinlich auch zu spät kam.

Unterschiede in Informationsarchitekturen: Twitter vs. Facebook

Twitter wird wahrscheinlich bei solchen Revolutionen, wie wir sie aktuell beobachten können, in den betroffenen Ländern aus dem selben Grund weniger wichtig sein, aus dem Twitter außerhalb des jeweiligen Landes bedeutend ist: Twitter ist per default öffentlich.

Das hat zwei Auswirkungen:

  1. Menschen im Ausland bekommen einen direkten Zugang zu Augenzeugen und erfahren im Idealfall mehr als ihre heimischen Medien ihnen bieten können. Im Regelfall erhalten sie so aber auf jeden Fall einen emotionaleren, weil direkteren, Zugang.
  2. Öffentlichkeit führt dazu, dass nicht nur Freund sondern auch Feind zuhören und mitlesen kann.

Diese zwei Auswirkungen der Öffentlichkeit per Default führen also wohl zu einer Überschätzung von Twitter für solche Transformationen, wie man sie aktuell in Ägypten beobachten kann. Denn der Sichtbarkeit im Ausland (Überschätzung im Ausland) steht die Sichtbarkeit beim ‘Feind’ gegenüber (geringere Bedeutung im Inland der stattfindenden Revolution), die den Nutzen des Tools zumindest in vielen Einsatzzwecken einschränkt.

Facebook erscheint mir dagegen als ein weitaus geeigneteres Kommunikationstool. Nicht nur sind die Inhalte auf den Pinnwänden in der Regel privat. Auch bieten Funktionen wie das Versenden von privaten Nachrichten gleichzeitig an viele Mitglieder und die neuen Facebook-Gruppen Möglichkeiten, schnell und effizient privat Informationen zu verbreiten.

(Dass Facebook nicht nur bei Newsgeeks sondern auch im Mainstream populär ist, spricht natürlich auch stärker für Facebook als Kommunikationstool mit spürbaren Auswirkungen.)

Richard Gutjahr, der sich aktuell in Kairo befindet, berichtet von einem jungen Ägypter, der ihm Folgendes erzählt:

Es ist eine Revolution der jungen Menschen, das ist bekannt – aber ist es auch eine Facebook-Revolution, wie viele Medien berichtet haben? “Facebook spielte in der Tat eine große Rolle” sagt Mohammed, “Wir hier sind alle bei Facebook”. – “Und heute?” will ich wissen. Das Internet funktioniere doch nicht mehr. “Das hier ist jetzt unser Facebook!” grinst der junge Mann und deutet auf den Tarhir-Platz um uns herum.

Man achte auch darauf, wie Facebook als wichtig am Anfang bezeichnet wird. Aktuell wird es nicht mehr so sehr benötigt als Kommunikationswerkzeug. Ägyptens Kill-Switch kam wohl zu spät.

Zu guter Letzt sollte man traditionelle Internet-Kommunikationsmittel wie Email nicht vergessen. Wer weiß, wie viele Informationen im Vorfeld der Internet-Abschaltung schlicht mittels Forward via Email verbreitet wurde?

Zu guter letzt spielt auch die Hardware wie erwartet eine wichtige Rolle:

Und noch eine Beobachtung: vielleicht handelt es sich nicht mehr um eine Facebook- , sondern um eine Handy-Revolution. Jetzt, wo die Leute auf der Straße sind, knipsen und filmen sie sich gegenseitig, was die Speicherkarte hergibt.

Wahrscheinlich sind es auch eher Mobiltelefone mit möglichem Internetzugang, die das Web erst so gefährlich für Regime in Revolutionszeiten machen.

Dominoeffekt dank ‘Umsonstkultur’

Es ist ausgesprochen wahrscheinlich, dass die Informationsverbreitung über das Internet, massgeblich Facebook in Verbindung mit verlinkbaren, frei zugänglichen Presseangeboten aus verschiedensten Ländern, dazu beigetragen haben, dass nach Tunesien in Ägypten die Menschen in immer größerer Zahl auf die Straße gingen.

Wie gefährlich für Diktaturen das erscheinen muss: Die Menschen in ihren Ländern können sehen, wie Menschen in anderen Ländern, vielleicht sogar in benachbarten Ländern, auf die Straße gehen und damit gar erfolgreich die Regierung stürzen. Wie gefährlich das erscheinen muss, wenn es nicht in einem sondern in zwei, drei Ländern gleichzeitig passiert und man diese womöglich motivierende Information nicht vor der eigenen Bevölkerung zurückhalten kann. Wenn die eigene Bevölkerung diese Informationen nicht nur konsumiert (z.B. TV), sondern auch noch gleich untereinander diskutieren kann (z.B. Link zu einem Bericht auf Facebook).

China hat bereits reagiert und blockt aus Angst das Wort ‘Ägypten’ auf dem größten Mikroblogging-Dienst Chinas.

Nun hat auch der König von Jordanien die Regierung entlassen, wohl aus Angst vor einer Eskalierung der Proteste im eigenen Land. Pseudo-Reform als Präventiv-Verteidigung:

Nach Protesten von Oppositionellen in Jordanien hat König Abdullah II. den Regierungschef ausgetauscht. Samir Rifai werde durch Maruf Bachit ersetzt, der eine neue Regierung bilden solle, teilte das Königshaus am Dienstag in Amman mit.

Auch im Sudan wird verstärkt zensiert.

Kann das noch funktionieren? Wir werden sehen:

I do wonder how effective that move actually is. Once people realize it, won’t that just make them wonder why, and make them more likely to seek out info on Egypt?

Welche Ironie der Geschichte das wäre: Nicht der Einmarsch der US-amerikanischen Armee in den Irak führt zu dem von den US-amerikanischen Neocons seinerzeit (angeblich) gewünschten Domino-Effekt in der arabischen Welt weg von Diktaturen hin zu demokratischen Nationen (oder zumindest zu anderen Diktaturen) sondern jene Dynamik der Internetwirtschaft, die von deutschen Presseverlegern oft abschätzig und missverständlich als eine die Medien und damit die Demokratie bedrohende ‘Umsonstkultur’ abgetan wird: Freier, weltweiter Zugang zu, nicht nur aber auch journalistischen, Informationen. Aggregierbar, verlinkbar und vielerorts kommentierbar.

Es folgt ein Artikel zu Ägyptens Internet-Kill-Switch-Strategie und den Implikationen.

Ähnliche Artikel:

  • Ägyptische Demonstranten feiern Twitter und Facebook
  • Google+ bedroht mehr Twitter als Facebook
  • Twitter wird Facebook nicht mehr einholen
  • About Marcel Weiß

    Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
    Er ist Diplom-Kaufmann und lebt in Berlin. Marcel Weiß ist seit 2007 als Analyst zu Themen der Internetwirtschaft aktiv. Er ist einer der Autoren bei Exciting Commerce. Artikel vom ihm erscheinen unter anderem in Publikationen wie "Musikmarkt" und "Der Freitag". Texte von ihm sind erschienen unter anderem in "Medienwandel kompakt 2008-2010" und im beim Springer Vieweg Verlag verlegten "Erfolgreich publizieren im Zeitalter des E-Books". Er unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
    Marcel Weiß auf Twitter und auf App.net folgen und auf Facebook abonnieren.
    Mehr Möglichkeiten zur Vernetzung finden sich hier.