Die wiederkehrende AGB-Hysterie. Dieses Mal mit TwitPic.

Es ist bemerkenswert, mit welcher Regelmäßigkeit irgendein Dienst seine Terms of Service (TOS) ändert oder ein Journalist sich die TOS eines Dienstes anschaut, und dann jemand feststellt, dass die Nutzer angeblich alle Rechte an allen Inhalten an den Dienst abgegeben haben, und dann das große Entsetzen durch das Netz geht. Immer wieder aufs Neue.

Panik bricht aus bei den Nutzern. Die Pageviews gehen hoch.

Dabei ist es in der Regel recht einfach:

1. Jeder von uns ist nach aktuellem Urheberrecht hierzulande und Copyright im angelsächsischen Raum automatisch ein Urheber, sobald sein Werk die notwendige Schöpfungshöhe erreicht und er das veröffentlicht. Und das ist in der Regel auch bereits bei Urlaubsfotos der Fall.

2. Urheberrecht als auch Copyright kommen aus einer Zeit, in der das Kopieren mit erheblichen Kosten verbunden war. Die aufgrund  der Kosten der Verbreitung und der Erstellung notwendigen Investitionen wurden als schützenswert erachtet, um den Fortschritt und die Kultur zu unterstützen.

3. Fast forward zum heutigen Tag: Ein Dienst, der Usern das Hochladen eigener Inhalte ermöglicht, kann in der Regel auf verschiedensten Geräten abgerufen werden, vielleicht bietet er auch zusätzlich noch eine API (Programmierschnittstelle), die das Verbreiten der Inhalte an andere Dienste erlaubt. Aber auch ohne die API sieht sich der Dienst einem Problem gegenüber: Er muss in einem rechtlichen Rahmen agieren, der immer noch darauf setzt, dass Kopieren teuer ist (und das Kopieren ist streng genommen jeder Abruf der Inhalte auf der Plattform) und die Urheber geschützt werden müssen.

Wir alle sind Urheber und müssen vor jedem Kopiervorgang unserer Werke, den wir nicht genehmigt haben, geschützt werden.

Damit unter diesen archaischen Bedingungen ein Dienst wie TwitPic agieren kann, benötigt er weitreichende Befugnisse.

Eigentlich will der Dienst diese Befugnisse gar nicht. Er hat gar nicht vor, sie zu nutzen. Macht er das, verliert er das Vertrauen der Nutzer. Die wechseln dann zu einem Konkurrenten und das Geschäft ist vorbei. Deshalb werden diese Befugnisse auch auf das Geschäftsfeld des Dienstes eingeschränkt. (siehe unten)

TwitPic, das auch von Prominenten über Twitter benutzt wird, befindet sich in einer besonderen Lage: Die von (prominenten) Usern hochgeladenen Fotos wurden von kommerziellen Publikationen oft unrechtmäßig verwendet. Für diesen Fall hat man eine Lösung (und eine eigene Erlösquelle) gesucht:

 

To clarify our ToS regarding ownership, you the user retain all copyrights to your photos and videos, it’s your content. Our terms state by uploading content to Twitpic you allow us to distribute that content on twitpic.com and our affiliated partners. This is standard among most user-generated content sites (including Twitter). If you delete a photo or video from Twitpic, that content is no longer viewable.

As we’ve grown, Twitpic has been a tool for the spread of breaking news and events. Since then we’ve seen this content being taken without permission and misused. We’ve partnered with organizations to help us combat this and to distribute newsworthy content in the appropriate manner. This has been done to protect your content from organizations who have in the past taken content without permission. As recently as last month, a Twitpic user uploaded newsworthy images of an incident on a plane, and many commercial entities took the image from Twitpic and used it without the user’s permission.

Das ist weitaus konsistenter mit dem grundlegenden Geschäft von TwitPic als der Webdienst, der sich entschieden hat, alle hochgeladenen User-Schnappschüsse an jeden zu verkaufen, der anfragt. Das stellt eine Ausnahmeregelung zur allgemeinen Regelung dar. (siehe folgendes Zitat)

Wie immer stellt Christoph Kappes eine der wenigen vernünftigen Stimmen dar und hat sich die etwa von SPON und netzpolitik.org ausgelassenen Passagen der TwitPic-TOS angeschaut:

Wichtig ist also der Passus, der nicht bei SpOn zitiert wird, nämlich “in connection with the Service and TwitPic´s … business”, sowie der anschliessende Halbsatz, der sich auch auf “the Service” bezieht. Ich verstehe darunter andere Versionen, die den Inhalt ja auch speichern und wiedergeben müssen, z.B. ein nativer Handy-Client, ein ActiveX für WindowsMediaCenter, eine Whitelabel-Version und ähnliches sowie in irgendeiner Art angrenzende neue Dienste. Das ist natürlich auslegbar und die Bedeutung folglich bestreitbar. Es wird aber hoffentlich dem interessierten Technik-Blogger klar, was wohl gemeint ist und dass die Weitergabe an Bildagenturen jedenfalls kein Selbstgänger ist, weil ebendiese Nutzung eine wäre, die in keinem Zusammenhang mehr mit dem (techn.) “Service” steht und auch “Business” eine solche Nutzung nicht deckt, weil “Business” nicht so definiert sein kann, dass jede Tätigkeit von TwitPic automatisch “Business” ist, sonst macht die ganze Klausel keinen Sinn.

Ein bisschen gesunder Menschenverstand und die Frage, was ein Unternehmen für sein langfristiges Überleben machen kann und was nicht, reichen in der Regel aus, um AGB-Hysterien zu begegnen.

Wie TwitPic genau die Ausnahmeregelung für besondere Fälle behandeln wird, wird sich noch zeigen. Es ist aber wahrscheinlich, dass TwitPic für die kostenpflichtige Nutzung von Fotos durch kommerzielle Publikationen mit den Urhebern zusammenarbeiten wird und diese auch beteiligen wird. Wenn es das nicht tut, ist TwitPic Geschichte. Und bei TwitPic weiß man das sicher.

Wer tatsächlich glaubt, dass es wahrscheinlich ist, dass Facebook, TwitPic oder irgendein anderes Unternehmen auf einmal entscheidet, es könnte langfristig am besten überleben, in dem es die von den eigenen Nutzern hochgeladenen Inhalte an Dritte etwa zur Verwertung in deren Publikationen veräußern, sollte aufhören, Webdienste zu verwenden, die nicht auf den eigenen Servern liegen. Alles andere ist recht inkonsequent.

Wer jetzt auf Facebook und Twitter, alles Dienste mit ihren eigenen potentiell hysterieermöglichenden AGBs, über TwitPic krakeelt, macht sich in erster Linie selbst lächerlich.

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann und lebt in Berlin. Marcel Weiß ist seit 2007 als Analyst zu Themen der Internetwirtschaft aktiv. Er ist ein Autor bei Exciting Commerce, schreibt Artikel für verschiedene Publikationen und ist unter anderem ein Coautor von im Springer Vieweg Verlag verlegten "Erfolgreich publizieren im Zeitalter des E-Books". Er unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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