Es müssen nicht alle Kunden gehen, damit TV und Print kollabieren

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In der gestern erwähnten Präsentation findet sich noch eine Aussage, die ich auch regelmäßig zum Medienwandel mache, deren Tragweite aber oft unterschätzt wird. Ein Umstand, der von vielen immer ignoriert wird: Wenn die Frage kommt, ob es immer Tageszeitungen, konventionelles TV und Bücher geben wird, gehen die meisten davon aus, dass immer eine kleine Zahl an Menschen diese Medien weiter benutzen wollen und deswegen diese Angebote in ihrer heutigen Form mehr oder weniger bestehen werden. Das ignoriert aber die dahinter liegenden Geschäftsgrundlagen.

Man kann nicht nur nicht das gleiche Geschäft weiterbetreiben, wenn man nur noch ein Zehntel oder die Hälfte der Kunden erreicht. Die Hälfte der Kunden bedeutet oft sogar nicht nur die Reduktion der Tätigkeiten auf die Hälfte, sondern das Ende: Oft sind die notwendigen Prozesse an sich (Ausliefern der Printaussgabe zum Beispiel) nur dank positiver Skaleneffekte kostendeckend. Das heißt, man arbeitet oft erst ab einem bestimmten Umsatz, einer bestimmten Menge abgesetzter Einheiten, kostendeckend.

Noch weitaus extremer sieht das bei auf Werbung setzenden Geschäftsmodellen aus. Wenn die attraktive Zielgruppe abwandert, werden irgendwann auch die Werbekunden gehen. Und wenn die gehen, ist es relativ irrelevant wie viele restliche Kunden dank Haptik oder warum auch immer an den klassischen Medien festhalten. Der Punkt, an dem das Geschäft in ein Verlustgeschäft kippt, ist hier in der Regel noch schneller erreicht.

Die Werbe-Etats hinken der Internetnutzung in der Medienverteilung noch hinterher. Das ist aber kein Grund zur Hoffnung für die klassischen Medien, sondern eher ein Grund zur Sorge. Denn die Internetnutzung steigt an. Und irgendwann werden die Agenturen ihren Werbekunden nicht mehr glaubhaft versichern können, dass teure Kampagnen in TV und Print noch die notwendigen Zielgruppen erreichen können.

Und dann wird alles ganz plötzlich ganz schnell gehen.

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann und lebt in Berlin. Marcel Weiß ist seit 2007 als Analyst zu Themen der Internetwirtschaft aktiv. Er ist ein Autor bei Exciting Commerce, schreibt Artikel für verschiedene Publikationen und ist unter anderem ein Coautor von im Springer Vieweg Verlag verlegten "Erfolgreich publizieren im Zeitalter des E-Books". Er unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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  • http://twitter.com/Relevancer Relevancer

    Das erinnert mich an die Diskussionen zum Einsatz von Geldausgabeautomaten: Ja soll denn am Ende des Tages auch noch die alte Oma mit der Karte zum Automat gehen müssen?

    Fakt ist: Für alte Omas alleine rechnet sich der Betrieb einer Bankfiliale nicht.

    Es wird den Tageszeitungen in gedruckter Form nicht anders ergehen: Die paar übrig gebliebenen non-iPad User werden die Werbeumsätze nicht mehr verdienen, auf denen das Geschäftsmodell beruht.

  • Martin Seytz

    Aber…

    … es IST eben nicht so, dass die finanziell interessante Leserschaft komplett ins Netz abwandert.

    Demographisch gesehen haben die Älteren im Schnitt mehr Geld. Auf dem Dorf liest man das örtliche Käsblättchen auch nicht mit dem iPad. Und der brave Dorfhandwerker mit Realschulabschluss hat unter Umständen mehr Kohle als der IMM-Fuzzy aus Berlin.

  • http://www.neunetz.com/ Marcel Weiss

    Alles richtig, aber grundsätzlich würde ich bezweifeln, dass es

    mittelfristig so bleiben wird, dass die wohlhabenderen/attraktiveren

    Bevölkerungsschichten die sind, die dem Internet fern bleiben. Man schaue

    sich etwa den Medienkonsum von Studenten an. Wie viele heutige Studenten

    werden je eine Tageszeitung abonnieren?

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