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Anmerkungen zum offenen Brief von Mark Chung (VUT)

Mark Chung, der Vorsitzende des VUT (Verband unabhängiger Musikunternehmen e.V.), hat in einem offenen Brief auf einen Artikel von Berthold Seliger reagiert. Der offene Brief wurde unter anderem auch auf Spreeblick veröffentlicht.

In diesem Brief finden sich einige diskutable Ansichten wieder, auf die hier eingegangen werden soll, weil sie Sichtweisen und Argumentationen darstellen, die mir in Gesprächen häufiger begegnen.

Mark Chung schreibt am Anfang über den seiner Meinung nach offensichtlichen Interessenkonflikt:

Der grundlegende und offensichtliche Interessenkonflikt besteht seit einigen Jahren zwischen Technologiekonzernen, die von der Verbreitung von Inhalten profitieren OHNE in Künstler oder die Produktion neuer Inhalte zu investieren einerseits und Medienunternehmen und Künstlern, die diese Inhalte produzieren, andererseits.

Er zählt dann als Technologieunternehmen Google, Accessprovider und Hoster wie Megaupload und Rapidshare auf.

Das ist eine Ansicht, die mir in letzter Zeit recht häufig begegnet. Sie ist leider irreführend. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass man als Problem für die eigene Branche keine einer Naturgewalt gleichende Veränderung der gesamten Rahmenbedingungen ausmachen will und stattdessen lieber Gegner mit Gesichtern bevorzugt.

Aber genau so, wie Napster Ende der Neunziger und später Soulseek, Kazaa und wie sie alle hießen nicht das Problem gewesen sind, so sind auch heute Technologiekonzerne wie Google nicht das Problem. Oder anders: Sie sind eher Manifestationen der Folgen nicht die Auslöser.

Es ergibt keinen Sinn, seine Kraft darauf zu verwenden, die einzelnen Tauschbörsen zu schliessen, weil, wie viele Beobachter von Anfang an verwiesen, schlicht neue Systeme an ihre Stelle treten.

Die Musikindustrie hat immer wieder vermeintliche Siege gegen Filesharing gefeiert, als sie erst Napster zur Schliessung brachten und später als sie etwa große BitTorrent-Tracker in die Knie zwang. Kein in der Presse zelebrierter Sieg hat die zugrundeliegende Entwicklung aufgehalten.

Wie viele Jahre müssen noch vergehen, wie viele vermeintliche Siege müssen noch kommen, die sich später als etwas herausstellen, über das sich selbst Pyrrhus noch freuen würde, bis die Erkenntnis reift, dass hier sich etwas ganz grundlegend ändert?

Natürlich profitiert Google von geringeren Urheberrechten oder kürzeren Fristen, so dass Inhalte frei auf ihren Plattformen wie etwa YouTube zirkulieren können. Na und? “Ja aber dann verdienen die noch mehr Geld.” ist kein Argument.

Sind Megaupload, Rapidshare und co. ein Problem? Sicher. Aber warum sind sie das? Weil es unglaublich billig geworden ist, Kopien von Dateien auf Servern vorzuhalten und zum Download anzubieten. Deshalb sind auch Box.net und Dropbox und viel andere Hosting-Anbieter ebenso auf dem Vormarsch wie auf dem Radar der Tonträgerindustrie.

Filesharing, One-Click-Hoster und Streamingplattformen, das gehört alles mehr oder weniger in den selben Digitalisierungstopf.

Natürlich gibt es Unternehmen, die Profit aus der Digitalisierung und manche davon dabei auch teilweise aus gesetzlichen Grauzonen oder gar aus Umständen ziehen, die zwar illegal, aber nicht sinnvoll verfolgbar sind.

Aber das Problem vieler aus Film- und Musikbranche bleibt bestehen: Sie verwechseln Ursache und Wirkung.

Mark Chung verweist als nächstes auf das gestiegene Durchschnittsalter der erfolgreichsten Live-Künstler:

Als Veranstalter von Konzerten könnte Dir allerdings aufgefallen sein, dass das Durchschnittsalter der 50 erfolgreichsten Live-Künstler 2010 mittlerweile 46 Jahre beträgt, mit mehr Künstlern in ihren 60ern als in ihren 20ern [2]. Und dass nur 2 der 10 erfolgreichsten Livekünstler 2010 in den letzten 20 Jahren populär geworden sind (Lady Gaga und Michael Buble) [3].

Greg Kot von der Chicago Tribune beschreibt in seinem lesenswerten Buch Ripped: How the Wired Generation Revolutionized Music (Affiliate-Link) wie erfolgreiche junge Künstler dank Internet und dank Filesharing, Musikblogs und Onlinmedien wie Pitchfork vor einem Problem stehen, das so gar nicht in die Narration der Branche passt: Sie werden zu schnell zu groß. Ihre Konzerte sind ausverkauft, bevor das erste Album veröffentlicht ist und bevor sie im Auftreten geübt sind.

Es gibt sie also, die erfolgreichen jungen Musiker. Was aber ist los mit den alten Konzert-Topverdienern?

Dafür kann es viele Erklärungen geben:

  • Die Unternehmen, die an großen Tourneen mitverdienen, stecken entsprechend große Marketingbudgets rein.
  • Die großen Stars sind die Stars einer ehemaligen industriellen Musikbranche, die natürlich aufgrund der Rahmenbedingungen (begrenzte MTV-Zeit, begrenzte Regalflächen) gar nicht anders konnte, als den kleinsten gemeinsamen Nenner immer stärker hervorzuheben -> Superstars
  • Heutzutage gibt es seltener neue Superstars, dafür mehr Stars in ihren jeweiligen Genres, beziehungsweise eine stärkere “Zersplitterung” (eigentlich Normalisierung, Heterogenisierung), weil die Begrenzungen der industriellen Prozesse (siehe vorhergehenden Punkt) weitestgehend weggefallen oder zumindest stark verringert wurden
  • Die Verteilung an der Spitze sagt wenig über den gesamten Markt aus. Es gibt einen lebendigen Long Tail im Livesektor. (Wie weiter unten ausgeführt, sind die Gesamtumsätze er Branche in mehreren Ländern gestiegen, nicht zuletzt dank der Zuwachsraten im Livegeschäft.)

Egal was der Grund ist: Aus der Verteilung des Livegeschäfts lässt sich nicht automatisch eine Grundlage für ein notwendiges Handeln im Urheberrecht oder in den gesetzlichen Rahmenbedingungen für das Onlinegeschäft ableiten. Eine solche Forderung würde die Komplexität des Sachverhalts vollkommen verkennen.

Mark Chung weiter:

Aber jeder, der heutzutage erwägt in junge Musiker zu investieren, jeder der darüber nachdenkt, den Job aufzugeben um sich der Musik mit aller Kraft und Energie zu widmen – in meiner Welt fast immer eine Voraussetzung für Weiterentwicklung und herausragende Ergebnisse – jeder, der  versucht die Finanzierung für einen etwas ungewöhnlichen oder bahnbrechenden Film zusammenzubekommen und Augen, Ohren und ein Hirn dazwischen hat, weiß, dass hier massive Probleme entstanden sind, die wir lösen müssen.

Das ist alles nicht falsch. Und sicher wurde es nicht einfacher, seit die Unternehmen, die für die Vorfinanzierung verantwortlich sind, mit ihren Geschäftsmodellen straucheln.

Aber bei den Majorlabels war die Risikobereitschaft auch bereits in den Neunzigern weniger der Rede wert. Dort hat sich maximal marginal etwas geändert.

Und für die Filmbranche lässt sich sagen, dass nicht nur die Gesamtanzahl der in den USA veröffentlichten Filme in den letzten zehn Jahren kontinuierlich gestiegen ist, sondern Hollywood zusätzlich zumindest 2009 historische Rekordprofite verzeichnen konnte:

In 2009, the leading Hollywood studios made more films and generated more revenue than ever before, and for the first time in history the domestic box office grosses will surpass $10 billion.

Natürlich versuchen die Filmstudios ihre Situation anders darzustellen als sie ist. Davon sollte man sich aber nicht beirren lassen. Filesharing hatte praktisch keine, oder wenn dann nur marginale Auswirkungen auf die Geschäftsentwicklung im Filmsektor. (Das ist auch relativ leicht erklärt: Das kollektive Kinoerlebnis ist nicht kopierbar.)

Die Filmbranche ist noch für einen weiteren Vergleich gut: In Nigeria, China und Indien entwickelt sich die Filmbranche nicht trotz sondern aufgrund von illegalen Filmkopien sehr gut.

Die Entwicklung einer Branche, die vermeintlich auf das Urheberrecht und dessen Achtung angewiesen ist, ist also nicht immer so stark auf Gedeih und Verderb auf dieses Recht angewiesen, als vielmals vermutet. (Und mit ‘vermutet’ meine ich ‘als unumstössliche Wahrheit angenommen, deren Infragestellung bereits als Sakrileg ausgelegt wird’.)

Weiter im Text:

Die objektiven Interessen der Künstler und Produzenten sind ebenfalls offensichtlich: Für die Nutzung der von Ihnen hergestellten Inhalte eine angemessene Vergütung zu erhalten und – im Erfolgsfall – Profite zu erzielen.

Was ist angemessen?

  • Ist es angemessen, eine geringe/mittlere/hohe Bezahlung von YouTube zu verlangen, wenn diese Plattform das eigene Musikvideo 14 Millionen Mal abgespielt hat?
  • Hat MTV früher für das Abspielen der Videos bezahlt?
  • Welches Independent-Label könnte sich eine Website leisten, auf der die eigenen Musikvideos millionenfach abgerufen werden?
  • Wo würde die Community, also die Reichweite, für die eigene Lablvideoseite herkommen?
  • Wenn ein Musiker mit seiner Musik auf einer Plattform populär ist, sollte er dann nicht die Reichweite durch diese Plattform nutzen, um daraus Gewinn zu erhalten, der weit über die wenigen Werbepennies hinausgeht, die die meisten kostenfreien Plattformen pro Inhalt verdienen?
  • Was wäre, wenn YouTube allen Forderungen der Musiklabels nachgibt und gleichzeitig für die offiziellen Labelaccounts einen neuen Preis von sagen wir 500€/Monat aufwärts einführt? Die Labels müssen nicht auf YouTube sein. Sind sie es nicht, fehlen aber dort auch ihre Videos. Wären alle Labels dann zufrieden?

Ich sage nicht, dass es auf diese Fragen eindeutige Antworten gibt. Ich möchte damit nur darauf hinweisen, dass in der Musikbranche oft sehr einseitig argumentiert wird:

Es wird die vermeintliche Kostenloskultur beklagt, weil man hier und da nicht für das Bereitstellen der Musik direkt bezahlt wird. Es wird gleichzeitig als selbstverständlich akzeptiert, dass man für Plattformen wie YouTube, Twitter und Facebook nicht bezahlt.

Mark Chung weiter:

Künstler und Medienunternehmen sind Nutzer und Lieferanten von Inhalten des Internets wie alle anderen inklusive derjenigen, die hieraus eine Weltanschauung machen. Aus objektiver Sicht gibt es kein spezifisches Interesse von Künstlern oder Musikunternehmen, bürgerliche Freiheiten einzuschränken. Ihr Interesse besteht darin, für die Nutzung ihrer Werke Vergütungen zu erhalten. Hier gilt es Lösungen zu finden.

Das ist richtig. Das Dilemma ist nur: Um tatsächlich das Urheberrecht, wie es im 19. Jahrhundert erdacht wurde, auch im 21. Jahrhundert durchzusetzen, müssen online Bürgerrechte beschnitten werden.

Entweder Urheberrecht oder Privatsphäre.

Entweder totale Überwachung des Datenverkehrs oder nicht kontrollierbare Distribution.

Es geht nur das eine oder das andere.

Und dieser zwingende Zusammenhang führt dann natürlich dazu, dass die Forderungen der Entertainmentindustrie Beschneidungen von Bürgerrechten bedeuten. Es ist vollkommen egal, wie oft man beteuert, daran kein Interesse zu haben, wenn man gleichzeitig in genau diese Richtung die eigenen Lobbyisten losschickt. Und natürlich fällt das Aktivisten und Bürgerrechtlern auf und natürlich wehren sie sich dagegen. Dieser Interessenskonflikt ist real, und nicht, wie Mark Chung mutmasst, ein Konstrukt der PR-Strategen von Technologiekonzernen.

Natürlich nutzen letztere diesen Konflikt, um die eigenen Interessen zu unterstützen. Das führt aber nicht dazu, dass dieser Kampf nicht real sei.

Das Prinzip von Propaganda hat sich nicht verändert – man muss Dinge vor allem oft genug wiederholen, dann glaubt die Mehrheit der Bevölkerung sie irgendwann – unabhängig vom Wahrheitsgehalt.

Stimmt. So hat sich der unsinnige Begriff der Raubkopie etablieren können. Und noch immer gibt es viele Leute, die irreführenderweise Filesharing und Diebstahl gleichsetzen, weil sie entweder nicht wissen, wovon sie reden, oder weil sie eigene Interessen verfolgen, für deren Zwecke eine leichte Dehnung der Realität ganz hilfreich sein kann.

Interessant, um die Argumentationslinie vieler aus den Kreativbranchen zu verstehen, ist auch folgender Absatz:

Dagegen ist 100% sichergestellt, dass Künstler ÜBERHAUPT KEINE Beteiligung erhalten, wenn Unternehmen wie Rapidshare, Megaupload (aber auch Google [8]) unlizensiert substantielle Beträge mit ihren Werken verdienen.

Verlinkt ist ein Artikel auf Digital Music News, der einige AdWords-Partner von Google auflistet. Darunter befinden sich BitTorrent-Tracker und One-Click-Hoster.

Mit AdWords und AdSense kann praktisch jeder werben, der von Google nicht ausgeschlossen wird. Das System ist so weit es geht automatisiert.

Was Mark Chung hier also sagt: Google verdient mit, wenn diese mit unautorisiert bereitgestellten Inhalten Geld verdienen, weil Google für Werbung Geld von ihnen nimmt.

Das ist auf der Oberfläche richtig, und darüber kann man sich schön echauffieren. Aber was sollte denn die Alternative sein?

Googles Werbesystem funktioniert so gut, weil es auf den Long Tail abzielt, weil es dort einen neuen Markt geschaffen hat. Das wiederum funktioniert in der Masse nur, wenn vieles automatisch abläuft. Das wiederum bedeutet, dass eben nicht alles immer überprüft werden kann. Wie sollte es auch? Und warum?

Sollte Google Unternehmen die Werbemöglichkeit untersagen, weil auf deren Plattformen Urheberrechtsverstösse möglich sind?

Ist Mark Chung auch der Meinung, dass Kreditkartenunternehmen ‘unlizensiert substantielle Beträge mit den Werken der Künstler verdienen’, weil viele dieser Anbieter Premiumaccounts mit Kreditkartenbezahlung anbieten?

Der Vorwurf von Herrn Chung ist exemplarisch für viele Argumentationen von Vertretern aus der Film- oder der Musikbranche:

  • es erscheint auf der richtigen Seite der Moral
  • oberflächlich erscheint es schlüssig, ja geradezu offensichtlich
  • die Komplexität des Sachverhalts und die Implikationen des implizit Geforderten werden komplett ausgeblendet/nicht erkannt

Mark Chung zählt schließlich viele Studien zu Filesharing und den Auswirkungen auf Verkäufe auf. Er leitet sie mit folgenden Worten ein:

Die Auswirkungen unvergüteter Musiknutzungen wurden seit Jahren in unabhängigen wissenschaftlichen Studien untersucht und dokumentiert. Alle nachstehend genannten Untersuchungen sind nach wissenschaftlichen Richtlinien entstanden und von anerkannten Fachzeitschriften mit peer review publiziert worden.

Die nachfolgenden Studien (siehe auch hier für eine Liste) habe ich noch nicht alle gesichtet (Die meisten sind von 2004 und 2005 und damit bereits recht alt). Aber es lässt sich bereits sagen, dass seine Aussage über die Verlässlichkeit seiner Quellen nicht so ganz stimmt.

Er bezieht sich zum Beispiel auf einen BASCAP-Report. Was Wikipedia über BASCAP zu sagen hat:

The Business Action to Stop Counterfeiting and Piracy (BASCAP) was established in 2005 by the International Chamber of Commerce (ICC) to take a role in the fight against counterfeiting and piracy.BASCAP aims to unite global business community to more effectively identify and address intellectual property rights issues and petition for greater commitments by local, national and international officials in the enforcement and protection of IPR.

BASCAP zählt zu den Institutionen, die das undemokratische internationale ACTA-Abkommen vorantreiben.

Über BASCAPs Ziele sagt Wikipedia:

BASCAP’s long term goal is to press governments to take concrete action to reduce and ultimately eliminate counterfeiting and piracy. Shorter term, BASCAP’s priority is to push for significantly higher benchmarks for government performance at the national, regional, multi-lateral and international level.

Das ist in meinen Augen so weit von einer ernst zunehmenden wissenschaftlichen Quelle entfernt wie es nur geht.

Mark Chung fasst die Ergebnisse seiner zusammengesuchten Studien so zusammen:

Man kann davon ausgehen, dass es wie immer multiple Ursachen für Umsatzrückgänge gibt, nur wurden andere Faktoren bisher nicht zuverlässig identifiziert und nachgewiesen. Der gegenwärtige Stand der Forschung spricht dafür, dass unlizensierte Musiknutzungen den größten bisher bekannten Anteil an den Schäden und Einkommensminderungen verursacht haben.

Unabhängig von den Quellen, die ich jetzt nicht im einzelnen überprüft habe, die aber, wie oben am Beispiel von BASCAP gezeigt, nicht zwingend dem Bild entsprechen müssen, das Herr Chung anfangs gezeichnet hat: Natürlich hat Filesharing einen Einfluss auf den Rückgang des Tonträgerverkaufs gehabt.

Ich hoffe, dem geneigten Leser ist zu diesem Zeitpunkt etwas aufgefallen, dass Mark Chung entgangen zu sein scheint: Wir reden auf einmal von Filesharing, nicht mehr von den bösen Technologiekonzernen und ihren gewieften PR-Strategen.

Die Musikbranche hat Feinde an allen Fronten. Oder ist es etwa doch ein grundlegender Wandel, der sie betrifft?

Mark Chung übersieht etwas weiteres: Es spielt fast keine Rolle, welche Auswirkungen Filesharing auf den Tonträgerverkauf haben, denn:

1. Jede ‘stärkere’ Durchsetzung des Urheberrechts im Internet bedeutet ein Verlust von Bürgerrechten (siehe oben). Selbst wenn illegales Filesharing zu 100 Prozent entgangenen Verkäufen entsprechen würde, was definitiv nicht der Fall ist, würde das nichts daran ändern, dass auch die größten Musikfans wie ich nicht private Kommunikation zugunsten eines wirtschaftlichen Erfolgs der Musikbranche aufgeben werden.

2. Der Tonträgerverkauf stellt nur einen kleinen Teil der gesamten Musikbranche dar.

Ich zitiere den Teil der Studie von Felix Oberholzer-Gee von Harvard und Koleman Strumpf von 2010, den ich bereits auf neumusik.com letztes Jahr zitiert hatte:

Data on the supply of new works are consistent with our argument that file sharing did not discourage authors and publishers. The publication of new books rose by 66% over the 2002-2007 period. Since 2000, the annual release of new music albums has more than doubled, and worldwide feature film production is up by more than 30% since 2003. At the same time, empirical research in file sharing documents that consumer welfare increased substantially due to the new technology.
[..]
While file sharing disrupted some traditional business models in the creative industries, foremost in music, in our reading of the evidence there is little to suggest that the new technology has discouraged artistic production. Weaker copyright protection, it seems, has benefited society.
[..]
The decline in music sales — they fell by 15% from 1997 to 2007 — is the focus of much discussion. However, adding in concerts alone shows the industry has grown by 5% over this period. If we also consider the sale of iPods as a revenue stream, the industry is now 66% larger than in 1997.

Aktuelle Zahlen sind gar nicht so wichtig, wie die Erkenntnis, dass über Filesharing verbreitete Güter als komplementäre Güter verstanden werden sollten, die Einnahmen an anderen Stellen unterstützen. Techdirt:

One of the key points that the paper makes is that many people have difficulty (especially beforehand) in recognizing whether certain products are substitutes or complements. If products substitute for others (i.e., downloads take away from sales), then a market can be harmed. However, if the products are actually complements (i.e., more content boosts other parts of the market), then a market can actually be helped. The detailed research that Oberholzer-Gee and Strumpf go through clearly shows (pretty unequivocally) that file sharing is a complementary good that has massively boosted many different ancillary markets, and created a fantastic consumer surplus without actually decreasing output. In fact, quite to the contrary, as noted above, creative output has risen at a dramatic pace.

Der Gesamtumsatz der Musikbranche, also nicht nur Tonträgerverkäufer, ist nachweislich in mehreren Ländern (Norwegen, Schweden, UK, USA) aus verschiedenen Gründen in den letzten Jahren gewachsen. Der Output der Branche hat auch quantitativ zugenommen.

Das ist alles gut. Das ist sogar sehr gut für die Branche. Denn es ist für die Gesetzgebung mehr oder weniger irrelevant, ob die Musikbranche wächst oder eingeht, ob alte Musiker mehr verdienen oder ob junge Musiker zu schnell Publikum finden:

Die Musikbranche wird nicht auf dem Rücken von Bürgerrechten mit brachialer Gesetzesgewalt ihr heißgeliebtes Gestern wiederbekommen.

Was für ein Glück, dass sie das auch gar nicht benötigt!

Es ist frustrierend mit anzusehen, wie selbst der Vorsitzende der Vereinigung der unabhängigen Unternehmen auch 2011 noch so viel Energie darauf verwendet, an den falschen Fronten zu kämpfen und auf die falschen Lösungen zu hoffen.

Die Branche muss endlich die Realitäten erkennen, die seit Jahren offensichtlich sind:

  • Der Tonträgerverkauf in großem Umfang wird nie wieder ein wichtiges Standbein der Branche werden.
  • Man kann nicht digital das Analoge simulieren und glauben, das sei eine gute Grundlage für ein Geschäftsmodell.
  • Das Internet ist eine riesige Kopiermaschine, die das Kopieren immer einfacher macht.
  • Die wirtschaftliche Erlösung der Musikbranche wird niemals in einem wie auch immer ‘modernisierten’ Urheberrecht liegen.

Je länger es dauert, bis man das akzeptiert, desto mehr alte Strukturen werden ersatzlos verschwinden. Sie werden verschwinden, weil sie Kämpfe kämpfen, die weder gewinnbar noch zwingend in ihrem Interesse sind. Sie werden verschwinden, weil sie ihre Zeit nicht sinnvoll damit verbracht haben, einen neuen Platz in einer neuen Umgebung zu finden.

Wir befinden uns im Jahr 12 nach Napster und die Majors fallen wie Dominosteine. Den VUT-Mitgliedern wird es nicht anders ergehen, wenn sie der gleichen Meinung wie ihr Vorsitzender sind und sich entsprechend verhalten.

(Abschließende Anmerkung: Auf die impliziten verschwörungstheoretischen Anschuldigungen von Mark Chung gegen diverse etablierte Institutionen und Publikationen bin ich aus Gründen ihrer offensichtlichen Realitätsferne und allgemeinen Murksigkeit nicht eingegangen. Nichtsdestotrotz will ich darauf hinweisen, damit nicht der Eindruck entsteht, ich würde dem stillschweigend zustimmen.)

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  • About Marcel Weiß

    Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
    Er ist Diplom-Kaufmann und lebt in Berlin. Marcel Weiß ist seit 2007 als Analyst zu Themen der Internetwirtschaft aktiv. Er ist einer der Autoren bei Exciting Commerce. Artikel vom ihm erscheinen unter anderem in Publikationen wie "Musikmarkt" und "Der Freitag". Texte von ihm sind erschienen unter anderem in "Medienwandel kompakt 2008-2010" und im beim Springer Vieweg Verlag verlegten "Erfolgreich publizieren im Zeitalter des E-Books". Er unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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    Mehr Möglichkeiten zur Vernetzung finden sich hier.

    • Jojoschi

      “Hat MTV früher für das Abspielen der Videos bezahlt?”

      Bei einzelnen Musik-Sendungen (also keinen Vollprogrammen) bin ich mir relativ sicher, dass diese die Videos erst “kaufen” mussten. Ich fand diese Praxis schon damals merkwürdig, da ein Musikvideo ja eigentlich nur Werbung für das Album ist.

    • http://www.mittelstern.de Sebastian

      at marcel: “Hat MTV früher für das Abspielen der Videos bezahlt?”Ja, MTV hat an die GEMA bezahlt. Einen vermeintlich geringen Betrag im Vergleich zu ÖR  - aber durchaus ordentlich. Hat sich damals aber auch nur für major-artists ausgezahlt. at all: bitte vergesst bei euren überlegungen nicht, dass es da draußen texter und komponisten gibt, die nicht von live-gagen oder merchandise profitieren sondern nur und ausschließlich von gema-einnahmen. es muss einen weg geben, deren schaffen zu vergüten… die permanente vermengung von “band” und “gema” schafft ein falsches bild. die große mehrheit aller top 100 titel (also auch die mit den meisten views bei youtube) werden nicht von den ausübenden künstlern geschrieben. das songwriting (text und musik) darf nicht zu einem almosen-produkt werden. es ist die höchste kunst der musik, einen song zu schreiben! damit will ich nicht die arbeitsweise und die höher der forderungen der gema (also der major-verlage) verteidigen. gott bewahre.. aber es muss bitte sauber zwischen künstler und urheber getrennt werden

    • sipofwater

      auch wenn noch soviel Mühe in der Antwort auf den offenen Brief steckt – ohne die Literatur zu verstehen wird das leider nichts:

      Der BASCAP Report verwendet in Bezug auf die Hinweise aus der Literatur (die ja die Marktdaten nach UNTEN korrigieren) ausschließlich Studien die im peer-review Verfahren publiziert wurden.

      Zu Oberholzer-Gee und Strumpf (2007): Diese Studie weist wie nun mehrfach dargestellt schwere methodische Mängel auf da die Ergebnisse ein Erliegen der amerikanischen Downloads außerhalb der deutschen Schulferien implizieren. Die Autoren weigern sich bis heute mit wechselnden Begründungen die Rohdaten einer erneuten Analyse zur Verfügung zu stellen. Für eine ausführliche Kritik siehe bitte Liebowitz 2010.

    • http://marrai.de Martin Raißle

      Diesen Text finde ich von allen drei Texten am besten – vor allem, weil er einen sachlichen Ton hat. Allerdings muss ich @1856d361bd28520f52dad9f0e4ee53b6:disqus an den beiden kritisierten Stellen zustimmen.

    • http://www.neunetz.com/ Marcel Weiss

      Ich beziehe mich _nicht_ auf die Studie von 2007 sondern auf eine Studie der Autoren von 2010. Siehe auch hier zur Studie:
      http://arstechnica.com/tech-po

    • http://www.neunetz.com/ Marcel Weiss

      Siehe mein Kommentar zu sipofwater. Ich beziehe mich nicht auf die Studie von 2007 sondern auf eine andere der Autoren von 2010.
      Mit dem BASCAP-Report habe ich mich nicht näher beschäftigt. Das liegt aber auch daran, dass es sich meinen Erfahrungen nach nicht lohnt, das bei solchen Quellen zu machen. Dafür habe ich viel zu viel Haarsträubendes in den letzten Jahren erlebt.

    • sipofwater

      Oberholzer-Gee und Strumpf gelten seit ihrer 2007er Studie als unseriös. Im Übrigen haben sie in ihrer 2010er Studie versucht die Kurve zu kriegen (akademisch salopp formuliert) in dem sie dort erstmals zugaben dass eine Reihe wissenschaftlicher Studien nun übereinstimmend Schäden in Höhe von 20% durch Filesharing feststellten. Dies geschah aber nur weil sie unter immensem Rechtfertigungsdruck standen und ihre bis dahin eherne Auffassung dass Filesharing und Umsatzverluste gar nichts miteinander zu tun hatten sich einfach nicht mehr aufrechterhalten ließ. Es ist aber auffällig dass gerade diese Autoren  total schmerzfrei immer wieder ihre eigenen 2007er Befunde zitieren, so, als ab es gar kein Problem damit gegeben hätte. Was immer diese Autoren publizieren sollte doppelt und dreifach geprüft werden da sie die gravierenden Vorwürfe bis heute eiskalt ignorieren und sich sowohl einer Aufklärung als auch einer fachlichen Auseinandersetzung verweigern.

      Es gibt immer Studien die interessengeleitete Ergebnisse “erzeugen”, hier muss man die Spreu vom Weizen trennen und sich die Originalliteratur anschauen. Dies gilt für tendenziöse Forschung egal aus welcher Richtung sie kommt. Gefälligkeitsstudien bringen niemandem etwas. Wenn man nur mit dem abstract arbeitet oder sich nur auf die Darstellungen Dritter verläßt kann man die Literatur aber oft nicht wirklich beurteilen.

      Insofern:

      Das Kapitel über “Musik” im BASCAP-Report ist nur sieben Seiten lang und sehr einfach und übersichtlich strukturiert. Wenn man den Wert eines Reports anzweifeln möchte (was ja vollkommen legitim ist und die Grundlage jeder wissenschaftlichen Arbeit darstellt) dann muss man dies inhaltlich vornehmen. Es reicht also nicht zu sagen, dass der Report z.B. “abhängig” ist, sondern man muss dann herausarbeiten an welchen Stellen nun die Fehler vorliegen und wie es “richtig” heißen müsste.

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    • http://www.onlineshop-hosting.info/ Fiona

      Ich gebe da Martin vollkommen Recht, ich finde den Text auch am Besten, weil er sehr gut formuliert ist!

    • http://twitter.com/RJonathan Jonathan

      Hallo, zum ersten Punkt: Es geht Chung doch um das entscheidende Wort “investieren”. Wenn Google und Co. Urheberrechtsabgaben zahlen und an ihren Gewinnen diejenigen beteiligen, die den gewinnbringenden Content produzieren, sind doch alle glücklich. Beispiel Simfy/Spotify.

    • http://twitter.com/RJonathan Jonathan

      PS: Und weil ich erst jetzt weitergelsesen habe: Ich denke er meint wenn er Google sagt nicht Ads sondern Youtube. Ich jedenfalls meine das.