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Was ist uns wichtiger? Die Disneys dieser Welt oder unsere private Kommunikation?

Vor einigen Tagen hatte ich darüber geschrieben, dass Kopien, das Kopieren und das Verteilen zum Internet dazugehören. Der Akt des Filesharings und der Akt der (bewussten oder unbewussten) Urheberrechtsverletzung, wenn hier ein Foto geteilt wird oder dort ein Video neu verwurstet hochgeladen wird, lassen sich nicht aufhalten.

Dieser Fakt wird regelmäßig in Frage gestellt mit dem Hinweis darauf, dass wir mit unseren Gesetzen unsere Welt selbst formen. Wir also entscheiden, wie unsere Welt funktionieren soll.

Zuletzt hat Johnny Haeusler auf Spreeblick (via wirres.net) diese Frage wieder aufgeworfen:

Unbestritten ist, dass das Netz vieles verändert, doch wo steht geschrieben, dass diese Veränderungen per se gut sind? Und wenn: Für wen? Und wieso gehen offenbar viele Menschen davon aus, dass sich alles andere an das Netz anpassen muss, seit wann lassen wir uns von Technik diktieren? Immer, wenn ich davon lese, dass das Netz nunmal so und so sei, und dass Technik nun mal dieses und jenes möglich machen würde und man sich daran eben anzupassen hätte, dann frage ich mich, ob diese Meinungen auch für andere Gesellschaftsbereiche gelten. Wie steht es um Mindestlöhne, um Urlaubszeiten, um Elternzeiten, um Sozialabgaben, um Renten? Müssen sich diese auch an die Markt- und Technik-Umstände anpassen, oder lohnt es sich nicht doch, sich für ein möglichst faires System einzusetzen, eines, das eben nicht die äußeren Gegebenheiten als Status Quo akzeptiert, sondern das sich bemüht, einen für alle Beteiligten gangbaren Kompromiss zu finden? Und wenn sich nun doch alles dem Markt unterwerfen muss und das prima ist: Wieso wählt dann niemand mehr die FDP?

Natürlich können wir das Filesharing aufhalten. Wir können einfach das Internet abschalten und die Nutzung von Computern stark regulieren. Problem gelöst.

Nur so bekommt man die Bewegung des Zeigefingers in Wohnzimmern in den Griff.

Wir könnten auch abgestuftere Antworten nutzen: Wir behalten das Internet. Aber jeder Dienst, auf dem sich Privatpersonen öffentlich äußern können, wird von Rechteverwertern überwacht. Notfalls greifen diese ohne weitere Überprüfung ein und löschen, denn die Überprüfung ist bekanntlich bei all den Verbrechern da draußen wirtschaftlich nicht tragfähig.

Wie klingt das?

Nicht so gut? Besser nicht?

Zu spät. UMG darf bereits nach Belieben Material von YouTube löschen.

Trotzdem lesen wir allerorten, dass Google und YouTube die Bösen sind. Was soll YouTube noch machen? Was soll es mehr machen, als Rechteinhabern den unbeschränkten Zugang zur Plattform zu geben, damit diese die Existenz der Konzerne gefährdende Urlaubsvideos löschen können?

Die Antwort ist klar: YouTube soll aufhören, jede Minute 60 weitere Stunden Video von Nutzern zu akzeptieren. YouTube soll keine Plattform für User Generated Content mehr sein. Weil das nicht kontrollierbar ist. Nicht einmal, wenn der Rechteverwerter kompletten Zugriff auf die Plattform hat. Nein, die Möglichkeit selbst muss weg. Denn Plattformen werden ab einer Größenordnung wie der von YouTube unkontrollierbar. YouTube soll Hulu werden. Dann geben die rechteverwertenden Konzerne Ruhe. Wenn die Kontrolle wieder hergestellt ist.

Natürlich können wir das Kopieren von Inhalten stoppen. Indem wir das Internet, wie wir es kennen, stoppen. Partizipation, die nicht von Konzernen auf Rechtmäßigkeit geprüft wird, wird immer auch Urheberrechtsverletzungen beinhalten. Weil Werke leicht kopiert werden können. Weil sie sich zum kopieren anbieten. Weil wir kreativ sein wollen. Und weil wir tolle Geschichten mit unseren Freunden teilen wollen. Und weil wir, natürlich, auch nicht einsehen, warum wir für eine Dienstleistung bezahlen sollen, die wir selbst erledigen können, ohne dass irgendjemandem dafür zusätzliche Kosten entstehen. Das ist der Grund für unautorisiertes Filesharing. Das ist auch der Grund, warum wir gern viel Geld für Konzerte ausgeben, warum wir aufwendige limitierte Editionen oder T-Shirts kaufen, oder warum wir über Crowdfunding neue Werke finanzieren. Weil wir nicht die ignoranten Egoisten sind, zu denen wir von Lobbyisten und Moralaposteln abgestempelt werden. (Und selbst wenn wir das sind, ändert das nichts an den Rahmenbedingungen und ihren Folgen.)

Auch nach der Trockenlegung der öffentlichen Kommunikation wäre das Problem noch nicht gelöst. Denn dann gibt es immer noch die private Kommunikation. Egal ob über Facebook-Vernetzung oder über Bluetooth. Auch privates Filesharing muss trockengelegt werden.

Es kann schließlich nicht angehen, dass die Menschen etwas untereinander ausmachen, für das sie nach dem Gesetz einen Dritten bezahlen sollen.

Nach den öffentlichen Diensten wäre also die private Kommunikation dran, die überwacht werden müsste. Geht doch. Kann man machen. Wir entscheiden selbst, wie unsere Welt gesetzlich flankiert werden soll.

Schlussendlich müsste man dann noch Bluetooth und andere Vernetzungsarten in den Griff bekommen. Denn wenn man die nicht in den Griff bekommt, dann hat das Musiklabel das eine 10-MB-Datei  an den Mann bringen will oder der Buchverlag, der eine 1-MB-Datei verkaufen will, ein Problem, wenn in zehn Jahren jeder Zwölfjährige ein Smartphone mit 20 Terabyte in der Hosentasche mit sich herumträgt.

Wobei, man könnte auch den Besitz von Smartphones regulieren. Warum nicht ein Smartphonefüherschein? Erst ab 18 darf man ein Smartphone mit sich führen. Nur ein gedrosseltes, versteht sich. Den Führerschein erhält man nach dem erfolgreichen Abschluss an der Urheberrechtsschule, deren Inhalte vom Börsenverein und dem Bundesverband der Musikindustrie ‘gesponsort’ werden. Immerhin sind sie die Hauptbetroffenen von den Verbrechen der Smartphonehersteller. Also sollten sie neben der aktiven Beteiligung an der Gesetzgebung auch unsere Kinder nach ihren Vorstellungen erziehen.

Sicherheitshalber wird trotzdem jede Kommunikation über die Smartphones mitgeschnitten und ausgewertet. Sie wissen schon, man kann diesen ignoranten Egoisten doch nicht vertrauen.

Ein Kompromiss, damit wir den Verkauf von Dateien sichern können?

Der muss doch zu finden sein.

***

Dass das Urheberrecht längst zu einem Recht für die Verwerter geworden ist, scheint kaum jemanden zu interessieren. Dass das Urheberrecht unsere Kultur in eine von Exklusivrechten bestimmte Geißelhaft geführt hat, wird mit einem Schulterzucken akzeptiert. Gemeinfreiheit ist ein Konzept, das den meisten fremd ist, obwohl es die Norm sein sollte. Wie sollte es auch bekannt sein? Keiner von uns hat die Entstehung eines Werkes miterlebt und ebenso gesehen, wie dessen Schutzfrist ausläuft. Man stelle sich vor, man könnte mit einem Werk, das die eigene Kindheit geprägt hat, 20 Jahre später als Erwachsener machen was man will. Der Vergleich, er bleibt abstrakt.

Aber die Tatsache, dass Dateien ohne zusätzliche Kosten kopiert werden können und dass diese einfache Tätigkeit einfach ist? Das steht zur Debatte?

Ja, wir stehen vor der Frage, wie wir mit diesen Veränderungen umgehen wollen.

Exklusive Rechte helfen immer den Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf die Anhäufung dieser Rechte setzt. Denn diese können mit immer größeren Anhäufungen dieser Rechte zunehmend mehr Geld verdienen, weil die Verteilung der Rechte innerhalb des Unternehmens zu den Grenzkosten stattfinden kann: Und die betragen Null. Disney kann also ohne zusätzliche Investitionskosten Variationen von Mickey Maus und anderen Charakteren und Geschichten erstellen.

Um das einmal auszuformulieren: Ein großer Konzern wie Disney ist auch so erfolgreich und profitabel weil innerhalb der Organisation praktisch eine Welt ohne Urheberrechte existiert. Informationen, Kultur, Kunst kann darin frei zirkulieren. Das Argument, warum weniger restriktive Urheberrechte gut für die Gesellschaft sind, ist das gleiche Argument, warum eine immer größere Anhäufung von Rechten für Unternehmen in einer restriktiven Urheberrechtswelt für diese Unternehmen profitabel ist.

Darauf kann man von allein kommen. Spätestens seit Yochai Benklers “The Wealth of Networks” (2006) sollte es jeder an dieser Debatte Interessierter wissen.

Die Gesellschaft, in der viel Wissen, Kultur und Kunst abseits des Marktes entsteht (wir nutzen hier gerade eines der Ergebnisse), wird mit diesen Anhäufungen von exklusiven Rechten des wahren Potentials dieser Produktionsformen beraubt, denn aufgrund des Wesens von Kultur entsteht nichts im luftleeren Raum. Und Exklusivität bedeutet eben Ausschluss.

Exklusive Rechte sind toxisch für alle nichtmarktlichen Organisationsformen. Und deren potentielle Wirkungsgrade sind gerade dank des Internets explodiert.

***

Natürlich lässt sich der eingangs formulierte Umstand, Dateien sind kopierbar, wenn schon nicht aufhalten, dann doch eindämmen. Aber zu welchem Preis? Sind die Bürgerrechte im Netz ein akzeptabler Preis für das hohe Gut der Rechteverwertung?

Die Fragestellung lautet:

Was ist uns wichtiger? Die Disneys dieser Welt oder unsere private Kommunikation?

Viacom oder unsere Möglichkeit, miteinander kollaborativ abseits des Marktes zusammenzuarbeiten? Adam-Sandler-Filme oder mit einer ausgefallenen Idee für die Hochzeit die eigenen Gäste, Freunde und unbeabsichtigt Millionen andere Menschen begeistern?

Und was, wenn es kein Entweder-Oder sein muss? Wenn kommerzielle Produktion von Werken mit Finanzierungsmodellen wie Crowdfunding auch ohne Urheberrecht möglich ist?

Müssen wir dann trotzdem weiter über die Kopierbarkeit von Dateien reden?

***

Mehr zum Thema Urheberrecht auf der Übersichtsseite.

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    Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
    Er ist Diplom-Kaufmann und lebt in Berlin. Marcel Weiß ist seit 2007 als Analyst zu Themen der Internetwirtschaft aktiv. Er ist einer der Autoren bei Exciting Commerce. Artikel vom ihm erscheinen unter anderem in Publikationen wie "Musikmarkt" und "Der Freitag". Texte von ihm sind erschienen unter anderem in "Medienwandel kompakt 2008-2010" und im beim Springer Vieweg Verlag verlegten "Erfolgreich publizieren im Zeitalter des E-Books". Er unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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