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Eine Art bildungsinterne Wikipedia für Schulmaterialien

Marion Schmidt in der Financial Times Deutschland über Digitales Lernen: Copy and Pay in der Schule:

Doch die Schule selbst, sagt Schaumburg, “ist beinahe der letzte analoge Raum”. Denn obwohl mittlerweile fast alle Schüler Computer und Smartphones haben, müssen sie weiterhin ausschließlich von Papier lernen. “Wenn ich nur eine einzige Seite aus einem Schulbuch einscanne und für die Klasse ins Wiki stelle”, sagt er, “mache ich mich strafbar.”

Das klassische Dilemma mit dem Urheberrecht heute: Was eigentlich verboten, aber im analogen Alltag üblich ist, wird digital zum Problem hochstilisiert.

Die Argumente sind die gleichen:

Für die Verlage entsteht dadurch “ein erheblicher Schaden”, sagt VB-Geschäftsführer Christoph Bornhorn, denn jede Kopie bedeutet potenziell ein weniger verkauftes Buch. Sein Kollege Andreas Baer schätzt, dass dadurch jährlich ein Verlust von etwa 400 Mio. Euro entsteht.

Nehmen wir einmal an, die aus der Luft gegriffene Lobbyistenzahl (der jährliche Gesamtumsatz der Branche liegt bei 370 Mio. Euro) würde zutreffen, dann könnte man es auch anders sehen: Kein Lehrbuchverlag ist bisher pleite wegen Kopien in der Schule gegangen und gleichzeitig entstehen dem chronisch von Geldknappheit geplagten Bildungssystem keine zusätzlichen Kosten in Höhe von 400 Mio. Euro.

Die pareto-optimale Lösung könnte, mehr noch als in anderen Bereichen, allmendebasiert sein:

“Ich tausche ständig mit Kollegen Arbeitsblätter aus. Wie sollen wir arbeiten, wenn dieses Tauschen im digitalen Bereich strikt untersagt ist?” Manche Lehrer sind mittlerweile so genervt von dem Hin und Her zwischen Verlagen und Ministern, dass sie selbst erstellte Materialien ins Netz stellen. “Wenn die Verlage uns keine guten Angebote machen”, sagt Schaumberg, “nutzen wir einfach mehr frei zugängliche Unterrichtsmaterialien im Internet.” 

Ein staatlich aufgesetztes und betriebenes System, auf dem Lehrer online kollaborativ eigene, gemeinfreie Lehrmaterialien entwickeln und miteinander tauschen könnten. Das wäre ein Projekt, bei dem alle, Lehrer, Schüler und der Staat als Geldgeber, gewinnen würden. Es wäre quasi eine bildungsinterne Wikipedia für Schulmaterialien.

Die einzigen Verlierer wären die Lehrbuchverlage, die in ihrer heutigen Form dann niemand mehr bräuchte.

Ich würde bezweifeln, dass das Betreiben eines solchen Systems auch nur annähernd 370 Millionen Euro im Jahr kosten würde.

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  • About Marcel Weiß

    Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
    Er ist Diplom-Kaufmann und lebt in Berlin. Marcel Weiß ist seit 2007 als Analyst zu Themen der Internetwirtschaft aktiv. Er ist einer der Autoren bei Exciting Commerce. Artikel vom ihm erscheinen unter anderem in Publikationen wie "Musikmarkt" und "Der Freitag". Texte von ihm sind erschienen unter anderem in "Medienwandel kompakt 2008-2010" und im beim Springer Vieweg Verlag verlegten "Erfolgreich publizieren im Zeitalter des E-Books". Er unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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      “Ein staatlich aufgesetztes und betriebenes System…wäre ein Projekt, bei dem alle…gewinnen würden.” #findedenfehler

    • http://twitter.com/tecoscr TheEconomicScribbler

      [...] denn jede Kopie bedeutet potenziell ein weniger verkauftes Buch. Sein Kollege Andreas Baer schätzt, dass dadurch jährlich ein Verlust von etwa 400 Mio. Euro entsteht. [...] Zuletzt machten die Verlage 370 Mio. Euro Umsatz.

      Ich frage mich wirklich wie man auf derartige “Verluste” kommt. Das ist ja schon jenseits von Copyright Math. Schlichtweg reine Phantasiezahlen.

      Man stelle sich mal vor, die deutsche Automobilindustrie würde vorrechnen: “… jeder Fahrgast des öffentlichen Nahverkehrs bedeutet potenziell ein weniger verkauftes Automobil.” Bei jährlich 11 Mrd. ÖPNV-Fahrgästen sowie knapp 25.000 Euro pro Fahrzeug wären das stolze 275 Billionen Euro, die der Automobilindustrie an “Verlusten” entstehen. Phantastisch, nicht wahr?

      (Bevor sich jemand beschwert: natürlich sind es nicht 11 Mrd. individuelle ÖPNV-Fahrgäste, sondern eher einige Mio. mit jeweils mehreren dutzend oder hundert ÖPNV-Fahrten. An der Stelle argumentiere ich aber analog zu den Buchverlagen, die sich nach meiner Interpretation des oben angeführten Zitats offenbar auch nicht vorstellen können, dass mehrere Kopien aus dem selben Buch stammen können, wo doch schließlich “jede Kopie” ein weniger verkauftes Buch bedeutet.)