Die Realität der Buchautoren in Deutschland

Juli Zeh und Ilija Trojanow in einem lesenswerten Text in der FAZ über die Erklärung “Wir sind die Urheber”:

Der ökonomische Alltag eines Autors zeichnet ein anderes Bild, denn kaum einer lebt vom Buchverkauf. Ein paar Zahlen zur Aufklärung: Ein belletristisches Werk, das sich dreitausend Mal verkauft, ist in Deutschland kein Flop. Fünftausend verkaufte Exemplare sind ein Achtungserfolg, zehntausend ein richtiger Erfolg. Mit zwanzigtausend verkauften Büchern wird man bereits als „Bestsellerautor“ tituliert. Bei branchenüblichen Tantiemen von zehn Prozent und einem Ladenpreis von rund 20 Euro liegt der Gesamtverdienst eines „normal“ erfolgreichen Autors also zwischen 6.000 und 40.000 Euro – vor Steuern. Geht man von zwei bis drei Jahren Arbeitszeit für die Fertigstellung eines Romans aus, kommt man auf ein Monatsgehalt zwischen „fast nicht vorhanden“ und „äußerst bescheiden“. Mit dem Internet oder Raubkopierern hat diese missliche Lage überhaupt nichts zu tun.

Stattdessen stellt ein Geflecht aus Förderungen für die meisten die Basis:

Trotzdem leben in Deutschland Tausende freiberuflicher Autoren. Der Grund liegt in einem Subventionssystem, das aus Literaturpreisen (etwa 1500), Arbeits- und Aufenthaltsstipendien, Sozialleistungen (Künstlersozialkasse), Auftragsarbeiten von Theatern und öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern, Poetikvorlesungen und Gastprofessuren der Universitäten sowie den weit verbreiteten Lesungen besteht, die meist ebenfalls von der öffentlichen Hand oder Stiftungen gefördert werden.

Noch ausgeprägter ist die Abhängigkeit von Förderungen bei der deutschen Filmwirtschaft.

Warum auf eine Zugangsbeschränkung pochen, die den meisten vergleichsweise wenig Geld einbringt? Vor einem solchen Hintergrund müssten sich die meisten in diesen Feldern eigentlich über zusätzliche Verbreitung der eigenen Werke freuen und überlegen, wie sie diese maximieren und dann auf deren Basis kreativ zum Geld verdienen nutzen können. Aber dafür müsste man die Scheuklappen ablegen und alle bisherigen Abläufe auf den Prüfstand stellen.

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann und lebt in Berlin. Marcel Weiß ist seit 2007 als Analyst zu Themen der Internetwirtschaft aktiv. Er ist ein Autor bei Exciting Commerce, schreibt Artikel für verschiedene Publikationen und ist unter anderem ein Coautor von im Springer Vieweg Verlag verlegten "Erfolgreich publizieren im Zeitalter des E-Books". Er unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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    “Scheuklappen” ;)

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    Hoppla. Danke.

  • Klothilde

    Sie beklagen den geringen Verdienst von Buchautouren und schlagen als Lösung ihre Enteignung vor? Das erschließt sich mir nicht. Welche der vorgeschlagenen “kreativen neuen” Wege zum Geldverdienen sind realistisch. Öffentliche Lesungen gegen Eintritt? – Die meisten konsumieren Bücher lieber in Bett, Bahn oder sonstwo. Ist gerade der Vorteil es Buchs, dass es überall und jederzeit gelesen werden kann und nicht nur dann, wenn der Autor gerade in der Stadt ist. – Crowdfunding? Für einen Roman? Keinen Cent von mir. Nachher bekommt der Autor einen “Schaffenskrise” und schreibt das Ding nicht fertig. Ich will das fertige Werk erstmal durchblättern, querlesen. Dann entscheide ich, ob ich das Teil ganz lesen will. – Welche kreativen Möglichkeiten hätte der Autor noch? Endgültig nur noch Rosamunde-Pilcher-Drehbücher fürs ZDF schreiben? Was bleibt?