FAZ und Süddeutsche planen Bezahlschranken. Wofür braucht es noch ein Leistungsschutzrecht?

dpa/newsroom.de:

Immer mehr Tageszeitungen in Deutschland wollen Bezahlschranken für ihre Online-Angebote einführen. “Selbstverständlich wollen wir das”, sagte der Sprecher der “FAZ”-Geschäftsführung, Tobias Trevisan, am Donnerstag beim “Publishing-Gipfel” der Medientage München. Bisher gebe es dafür aber noch kein einfaches und kostengünstiges Bezahlsystem.Auch der Geschäftsführer der Südwestdeutschen Medien Holding, Richard Rebmann, kündigte neue Paywalls an. Das bisherige Geschäftsmodell, das auf Werbung setze, funktioniere nicht. Die Zeitung “Die Welt” hatte vor kurzem bereits bekanntgegeben, dass sie Gebühren für Online-Beiträge erheben will.

Als ich diese Nachricht las, hatte ich zwei Gedanken:

1. Die Genannten setzen wie die Mehrheit der deutschen Presseverlage bereits seit Jahren auf ein restriktives Bezahlmodell, bei dem wenige Artikel frei online sind, die Mehrheit der (Print-)Inhalte aber maximal auf Artikelbasis oder im anachronistischen Format des ePapers erworben werden kann. (siehe dazu etwa “Deutsche Printpresse existiert online fast gar nicht und zieht sich noch weiter zurück“)

Ist es nicht eher so, dass bisher dieses mehrheitlich auf Bezahlschranken setzende Modell gescheitert ist? Wie kann man vor diesem Hintergrund behaupten, das werbebasierte Modell funktioniere nicht?

Bis auf wenige Ausnahmen wie das (profitable) Spiegel Online und die taz, die als einzige alle Printinhalte frei verfügbar online stellt, wurde das werbefinanzierte Modell in Deutschland gar nicht wirklich ausgetestet. (Ich will damit nicht sagen, dass dieses Modell automatisch für die besagten Presseverlage funktionieren würde. Es geht hier mehr um das Framing der Ausgangsituation, das schlicht nicht der Realität entspricht. Das bringt uns direkt zu meinem zweiten Gedanken:)

2. Warum zur Hölle, don’t pardon my French, brauchen wir noch ein Presseleistungsschutzrecht, wenn alle großen Presseverlage in Deutschland planen, auch ihre wenigen frei verfügbaren Online-Inhalte hinter eine Bezahlschranke zu stecken?

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann und lebt in Berlin. Marcel Weiß ist seit 2007 als Analyst zu Themen der Internetwirtschaft aktiv. Er ist ein Autor bei Exciting Commerce, schreibt Artikel für verschiedene Publikationen und ist unter anderem ein Coautor von im Springer Vieweg Verlag verlegten "Erfolgreich publizieren im Zeitalter des E-Books". Er unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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    Warum lieber Marcel machst du Dir darüber überhaupt noch Gedanken? Das lohnt doch gar nicht … Das ist, als wenn der Kapitän von einem löchrigen sinkenden Segelschiff sagt: “Mist – kein Wind – ab jetzt wird gerudert”.