Google Glass oder wie ‘Duke Nukem Forever’ die Welt veränderte

Duke Nukem war eine populäre Spielereihe in den Neunzigern des letzten Jahrhunderts. 1996 wurde Duke Nukem Forever als nächstes Game der Serie angekündigt. Duke Nukem Forever wurde die folgenden Jahre zu einem running gag unter Gamern und Geeks, weil es mit konstanten Ankündigungen und Verzögerungen das beste Beispiel für ‘Vaporware’ wurde; für ein angekündigtes Produkt, das nicht auf den Markt kommt. Duke Nukem Forever kam schließlich heraus, als niemand mehr damit rechnete. Nämlich 2011, 15 Jahre nach der Ankündigung. In Spielbranchenjahren ist das vergleichbar mit einem 2011 in die Kinos kommenden Film, der 1950 angekündigt wurde. Duke Nukem Forever ist, um die Tragödie zu vervollständigen, kein gutes Spiel geworden.

Bevor Duke Nukem Forever herauskam, konnte niemand vorhersagen, ob das Spiel gut oder schlecht wird, oder ob es überhaupt jemals herauskommt. Nichts an Duke Nukem Forever war von außen vorhersehbar. Es kommt 2011 heraus, ist abstoßend sexistisch und rundherum ein schlechtes Spiel? Wer hätte das in den Jahren davor vorhersagen können?

Wearable Computers, also kleine Computer, die man immer dabei hat, die man trägt wie die eigene Kleidung, werden eine wichtige Kategorie in der Post-PC-Welt, in der wir uns zunehmend bewegen.

Wie diese Kategorie aussehen wird, ist noch relativ offen. Es ist unbekanntes Terrain. Google pusht allerdings recht erfolgreich sein eigenes Google-Glass-Projekt und die Tech-Beobachter, Journalisten wie Blogger, sind weltweit begeistert. Weil Computer im Gesicht, Panik, Zukunft, alles anders, schlechter, besser, hurra, Pageviews.

Beispielsweise sind auf netzwertig.com allein bisher 12 Artikel über Google Glass erschienen, auf Mobilegeeks über 15 Artikel. Und sie sind nicht allein. Google News zählt bereits 80.000 Erwähnungen von Google Glass. Es wurden also unzählige Artikel verfasst, ein Großteil davon Spekulationen über die gesellschaftlichen Auswirkungen, über ein Produkt, das weder am Markt ist, noch von dem bekannt ist, zu welchem konkreten Preis und mit welchen Spezifikationen es erscheinen wird.

Jetzt bastelt Google, das selbst nur marginale Hardwareerfahrungen hat, an einem Computer, der der erste seiner Kategorie sein wird. Es ist weder bekannt, wie Google Glass ausgestattet sein wird, welche unterschiedlichen Preisstufen es geben wird, noch welche Batterieleistung man etwa erwarten kann. Carsten Drees steigt also folgerichtig in den jüngsten Google-Glass-Artikel auf Mobilegeeks mit diesem Satz ein: “Google Glass wird eine große Nummer, dessen bin ich mir sicher.”

Es gibt nichts, dessen man sich bei Google Glass aktuell sicher sein kann.

Vor allem nicht, ob Google Glass tatsächlich das gesellschaftliche Erdbeben auslösen wird, von dem so viele Beobachter auszugehen scheinen. Wenn überhaupt, dann deutet diese bizarre Debatte im Vorfeld des  Produktlaunchs (<- die letzten Wörter formen einen Euphemismus) darauf hin, dass die Unterkategorie Smartbrille nicht die populärste Form von Wearable Computing wird, weil Kontroverse und damit Unpraktikabilität bereits eingebaut sind. Ich persönlich glaube, dass Smartwatches als Kategorie sehr viel besser geeignet sind populär zu werden, aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel.

Smartbrillen (ja, gewöhnt euch daran) sehe ich nicht im Alltag von Menschen ankommen, die keine verrückten Geeks sind. Zumindest nicht in absehbarer Zeit. Ich sehe die Anwendungsfälle für Smartbrillen eher wie John Gruber bei spezifischen Szenarien wie in der Chirurgie oder ähnlichen Situationen, in denen eine Computerunterstützung sinnvoll ist, die Inputmöglichkeiten aber beschränkt sind.

Das ist natürlich weitaus unaufregender als die Vorstellung einer Gesellschaft, in der jeder eine Kamera im Gesicht hat.

Google Glass soll am Anfang voraussichtlich um 1.500 US-Dollar kosten. 1.500 US-Dollar, vielleicht ein bisschen mehr, vielleicht ein bisschen weniger.

Wie lang wird die Batterie von Google Glass halten? 5 Stunden? 10? 15?

Wie viele Personen werden sich Google Glass kaufen, wenn es in einem oder zwei Jahren vielleicht auf ein Drittel fällt? Kann der Preis überhaupt so schnell so weit fallen? Wären 500 US-Dollar, für die man bereits gute Tablets bekommt, dann schon ein Schnäppchen? Wie leicht kann Google Glass im Alltag kaputt gehen? Wer übernimmt den Hardware-Support? Google?

Wie viele Millionen Menschen werden weltweit einen teuren Brillencomputer kaufen, der leicht kaputt geht und dessen tatsächliche Nutzung auf wenige Stunden beschränkt ist? “Millionen”?

Wie kann man all diese Fragen ausblenden und sich allein auf die PR von Google stützen? Ist es die Angst, einmal nicht das nächste große Ding voherzusagen und deshalb lieber im Zweifel alles als das nächste große Ding zu sehen?

Es wäre einfacher gewesen, das 2011er Duke Nukem Forever vorherzusagen als die Marktchancen und, noch eine Nummer größer, die gesellschaftlichen Implikationen eines erfolgreichen Google Glass. Die unbekannten Variablen bei Google Glass könnten vielfältiger kaum sein.

“Wer heute täglich über Google Glass spekuliert, spekulierte auch: -2009 über die Auswirkungen von Microsoft Surface auf die Tischindustrie.”

Microsoft Surface war ursprünglich ein Tisch mit einem großen Multitouch-fähigen Monitor bevor das Tisch-Projekt zu PixelSense umbenannt wurde, weil Microsoft eine Antwort auf das iPad und für diese Antwort wiederum eine passende Marke brauchte. Als Microsoft 2007 seinen Surface-Tisch mit Video vorstellte, bekamen sie unglaublich viel Aufmerksamkeit in der  Presse dafür. Der Surface-Tisch spielt heute keine Rolle. Nirgendwo. Ich wäre überrascht, wenn Microsoft in den sechs Jahren seit der Vorstellung weltweit eine hohe vierstellige Zahl der Tische verkaufen konnte.

Prototypen spielen keine Rolle.

Designstudien spielen keine Rolle.

Und es spielt besonders keine Rolle, was Unternehmen den lieben langen Tag gern ankündigen.

Und das alles spielt erst recht keine Rolle, wenn man über die gesellschaftlichen Auswirkungen von Produkten oder Technologien sprechen möchte. Nicht Konzepte entscheiden über die gesellschaftlichen Implikationen, sondern die Inkarnationen der Konzepte, also die Produkte. Apple ist das beste Beispiel dafür: Apple war weder der erste Hersteller von mobilen Musikplayern, von Smartphones noch von Tablets. Aber in allen drei Kategorien war es die konkrete Umsetzung, die die Musikindustrie (iPod) und das mobile Web (iPhone) und schließlich die Computerbranche (iPad) und mit ihr sehr viel mehr veränderte. Diese konkreten Produkte hatten in den entscheidenden Dimensionen der Nutzung (Handhabbarkeit, Features, Kompromisse für die konkreten Einsatzzwecke) genau die richtigen Ausprägungen. Und zu diesen Dimensionen zählen langweilige Aspekte wie Preis und Akkulaufzeit. Zwei Langweilerthemen, die gern im Techsektor übersehen werden aber den Unterschied zwischen Hit und Flop ausmachen können. (Bezeichnenderweise wurden alle drei Produkte mit mal mehr, mal weniger ausgeprägtem Gähnen in der Techpresse begrüßt.)

 “Wenn Ihr fertig seid mit Google Glass würde mich dringend interessieren, welche Folgen die Singularität auf den Finanzmarkt haben wird.”

Die anhaltende, spekulative Berichterstattung über Google Glass ist ein erneuter Tiefpunkt der Tech-Berichterstattung. Wie so oft in letzter Zeit bewegen sich die populären Techblogs dabei leider qualitativ auf einem ähnlich niedrigen Niveau wie die klassischen Medien.

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann und lebt in Berlin. Marcel Weiß ist seit 2007 als Analyst zu Themen der Internetwirtschaft aktiv. Er ist ein Autor bei Exciting Commerce, schreibt Artikel für verschiedene Publikationen und ist unter anderem ein Coautor von im Springer Vieweg Verlag verlegten "Erfolgreich publizieren im Zeitalter des E-Books". Er unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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  • Hannes Schleeh

    Anscheinend hat Google diesen Artikel gelesen, denn einen tag später wurde die technischen Daten der AR-Brille veröffentlicht:

    http://support.google.com/glass/answer/3064128?hl=en

  • http://twitter.com/judithmp Judith Mühlenhoff

    Ich gehe da ganz gerne mit Roy Amara: “We tend to overestimate the effect of a technology in the short run and underestimate the effect in the long run.”