Alles selbst hosten ist keine Antwort auf Prism und co.

Auf Facebook hat sich eine Diskussion mit unter anderem Markus Beckedahl zu den Themen Prism, Datenschutz und dezentrale Plattformen entsponnen. Ein Auszug aus einer Aussage von mir:

Wenn wir alles selber hosten, dann gehen die Regierungen und Nachrichtendienste eben zu den Hostern. Und dann? Die Ebene des Selbermachens und die Ebene der wirtschaftlichen Wertschöpfung zu verschieben und damit den Ansprechpartner zu ändern, löst dieses Problem nicht, weil es eben [..] eine politische Frage ist. Man muss das aufdröseln um zu Lösungen zu kommen. Oder zumindest um zu sehen, was keine Lösungen wären.

Der ewig gleiche Ruf etwa aus CCC-Kreisen, man solle die Dienste die man nutzen will auf dem eigenen Server hosten, ist nicht nur weltfremd gegenüber der Nutzerseite* und der Angebotsseite** sondern auch und vor allem keine Antwort auf Prism, Tempora und andere solche Programme.

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* Wo der Aufwand ausgeblendet wird.

** Nicht alles kann auf vergleichbarem qualitativen Niveau dezentral betrieben werden. Spam-Schutz ist etwa immer im Aggregat effizienter. Dezentralität erhöht außerdem die Komplexität, sprich die Anzahl der Mittelsmänner und damit die potentiellen Einfallstore. Es ist also allein vom Architekturmodell betrachtet nicht a priori datenschutzfreundlicher als zentrale Systeme, eher im Gegenteil. Es geht hier natürlich um eine Frage der Kontrolle. Die wird aber, wie im Zitat ausgeführt wird, nicht durch Dezentralität gelöst sondern nur verlagert. Gelöst würde die Kontrollfrage nur, wenn 100(!) Prozent der debattierten dezentralen Lösung peer to peer realisiert würden.

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann und lebt in Berlin. Marcel Weiß ist seit 2007 als Analyst zu Themen der Internetwirtschaft aktiv. Er ist ein Autor bei Exciting Commerce, schreibt Artikel für verschiedene Publikationen und ist unter anderem ein Coautor von im Springer Vieweg Verlag verlegten "Erfolgreich publizieren im Zeitalter des E-Books". Er unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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  • http://zen.konstantinklein.com/ Konstantin Klein

    “Selbst hosten” funktioniert nur, wenn man tatsächlich selbst hostet, mit einem eigenen Server im Besenkämmerchen. Abgesehen davon, dass das Probleme wie die Anerkennung der Legitimität dieses Servers bzw. im Mailverkehr bringt (es gibt immer noch genug Blacklists bzw. oberschlaue Admins, die Mail nur von bekannten Mailversendern und großen Firmen ohne Verzögerung annehmen), ist das eine Forderung, die das Fachwissen von geschätzt 98% der Netz-Nutzerschaft überfordert – und die erforderliche Bereitschaft von mindestens der Hälfte der verbleibenden 2%.

    Ich denke, die Forderung nach Selbsthosting können wir inzwischen vergessen. Eine politische Lösung wäre hilfreich. Aber wer bietet sie uns?

  • Adam Pyschny

    also mit richtig konsequenter verschlüsselung von traffic könnte man die kiste beim hoster schon recht sicher bekommen. die nsa würde dann eben nur zahlensalat mitschneiden. würde darauf dann noch ein häufig frequentierter öffentlcher dienst laufen, könnte man die eigenen verbindungsdaten in einem wust an traffic verschleiern.
    Nur, wie der beitrag schon richtig anmerkt, cryptografie betreiben ist aufwendig. und verdammt schwierig wenn man es richtig macht.

  • tradem

    Das Problem ergibt sich jeweils aus der Perspektive, die in dem Diskurs scheinbar häufig eingeschlagen wird.

    Die Befürworter der Zentralität stehen den Befürwortern der Zentralität diametral gegenüber. Strukturell erinnert diese an Frontstellung Linux versus Windows zu geben, die Mitte/Ende der 1990er Jahre stark geführt wurde und heute nicht mehr diese Relevanz besitzt.

    Fruchtbar ist die Fortführung des Diskurses auf der Basis dieer Fronstellung auf keinen Fall; sie wird sich nur weiter verhärten. (Die Debatte, ob das Primat der Ökonomie immer die einzig angesessenes Perspektive ist möchte ich jetzt lieber nicht auch noch anschneiden.)

    Es ist allerdings richtig, sich gegenseitig auf den eigenen bias, den Blindfleck hinzuweisen. Es ist nur schade, dass das von allen Seiten meist nur zynisch kommuniziert werden kann. Da bin ich selbst leider keine Ausnahme.

    Beispiel ist der Musterknaben Facebook. Facebook wird von sehr vielen jungen Menschen nicht dazu eingesetzt gesellschafts-politische Diskurse zu führen oder wirtschaftliche Entwicklungen zu kommentieren. Facebook wird als Selbstdarstellungsmedium verwendet und das ohne Bewusstsein für ihre Struktur als semi-privater Raum, als private “Hinterbühne” (Goffmann) missgedeutet wird. Mit der Konsequenz sich unbewusst zu kompromittieren.

    Es wäre hilfreicher, wenn die Befürworter jener zentralen Dienste, die an ökonomische Vernutzungsprozesse gekoppelt sind, auf die sicherheitstechnischen Aspekten und deren Konsequenzen hinweisen würden. Wenn sie in ihren Aussagen deutlich machen würden: Ja, ihr könnt Facebook nutzen, aber das bedeutet für eure Privatssphäre dies und das usw. An dieser Forderung erkennt man den aufklärerischen Impetus, aber der ist der Betonung des Individuums in ökonomischen Perspektiven durchaus kompatibel. ;-)

    Befürworter der dezentralen Dienste und Plattformen müssen, denke ich, versuchen ihre rein technisch orientierte Expertenperspektive zu verlassen. So finde ich es auch immer sehr anstregend, wenn mich jeder zu WhatsApp missionieren will und ich die schlampigen Umsetzung dieser Software auf der Ebene von Sicherheitsarchitektur nicht verständlich kommunizieren kann. Den meisten Menschen geht es im Alltag aber häufig um eine Reduktion von Aufwänden (und da wären wir wieder bei deiner ökonomischen Perspektive). Und die kommerziellen Anbieter zentraler Dienste haben es gut verstanden ihre Dienste so zu bündeln, dass unserer Gewohnheit (schnell, fix, einfach) gerecht werd. Zudem muss man bedenken, wie neu diese Werkzeuge aus seiner historischen Perspektive noch neu sind und ungeachtet aller Mühen und Ressourcen immer noch instabli sein können. Und da überraschst es nicht, dass die Leute ihre Routinen (“Gewohnheiten”) nicht so einfach auf GPG-Verschlüsselung oder Xabber mit OTR statt WhatsApp umstellen können. Und schon gar nicht, wenn man dabei gegen Konformitäten (Gruppenzwang) verstößt (“Alle sind doch bei Whatsapp und Facebook.”) Es hat dann immer etwas von der Attitüde eines heterodoxen, protestantischen Predigers, der die Leute von dem nahenden Ende warnt. Und das ist keine gute Ausgangslage um Verhaltensveränderung innerhalb des Diskurses zu thematisieren.

    Kurzum: Was in diesem Diskurs fehlt ist die gemeinsame, neutrale Grundlage um das öffentlich gemeinsame Ziel einer zumindest gewissen Hoheit und Selbstbestimmtheit für die eigene Kommunikation zu besitzen. Wir müssen aufhören in diesen Frontstellungen zu denken, sondern an einer gemeinsamen Perspektive arbeiten, in der beide Konzepte ihre Funktion und ihre Räume/Nischen haben können.

    Es fehlt bei Facebook usw. z. B. an Normen und Praxen um den Umgang individueller und selbstbestimmter zu gestalten. Und es fehlt dort vor allem an gesetzlichen Korrektiven, wo die die schwache “Kraft” der Selbstorganisation nicht mehr greift, weil sich Hegemonien oder Monopole herausgebildet haben (Facebook ist nun mal ein Defacto-Monopol, Google auch und Twitter hat auch keine Nutzerpartizipation, siehe Haircut von API 1.0)

    Dezentrale Lösungen müssen zugänglicher, verständlicher und vor allem Teil der Bildung werden (insbesondere End-zu-End-Verschlüsslung). Gerade für politische Aktivsten (nicht Terroristen oder Kriminelle!) sind unabhängige, nicht-kommerzielle Kommunikationswege notwendig. Aber wir müssen aufhören, denke ich, sie als Lösungen für Massenphänomene zu betrachten, die dann auch noch in globale, makro-ökonomische Wertschöpfungsketten integrieren ließen.

    Das Dezentrale wird zunächst die Nische der Mikroebenen erobern und wohl eher nicht aus sich selbst heraus einen die massenmedial, kritische Masse erreichen. Das hat auch mit dem Expertenwissen zu tun, die deren Verwendung erforderlich macht.

    Nun könnte es eines Tages eine ähnliche Entwicklung wie bei Linux o. Firefox einsetzen, also eine Kooperative zwischen Strukturen, die solche Lösungen in die ökonomischen Wertschöpfungsprozesse integrieren und solchen, die sie sich wie gehabt der kollaborativen Soziogenese widmen. Und sollte dieser Prozess nicht eintreten, dann kann man das Expertenwissen zumindest versuchen in nicht-missionarischer Weise (schwierige Forderung!) zu verbreiten, wie das etwa in Form von CryptoParties geschehen könnte, wobei der Effekt eher eine Sensibilsierung größer Gruppen von Nicht-Experten wäre, als deren Verhaltensveränderung erhoffen zu können. Auch das wäre schon immer etwas mehr als der Istzustand.

    So viel zum sozialromantischen, langen Wort zum Freitag. :-P

  • http://www.neunetz.com/ Marcel Weiss

    Kann ich zu großen Teilen unterschreiben.

    “Die Befürworter der Zentralität stehen den Befürwortern der Zentralität diametral gegenüber.”
    Da liegt bereits das Problem. Ich bin weder noch. Es gibt immer einen sweet spot, ab dem entweder Hierarchie, Markt oder Netzwerk die zu bevorzugende Organisationsform ist. Dieser Punkt liegt immer an einer anderen Stelle. Man muss darüber diskutieren, wo er liegen sollte, um gesellschaftlich gewünschte Ziele (die ebenfalls erst einmal formuliert werden müssen, Bürgerrecht zählen heute ja auch nicht mehr so viel) zu erreichen.

    Der Punkt ist: Diese Grenze liegt fast nie eindeutig auf der einen oder anderen Seite. Und: Diese Debatte wird nicht geführt.

  • http://www.neunetz.com/ Marcel Weiss

    Hängt das nicht zu einem großen Teil auch von den Tools ab, die der Hoster bereit stellt? Wie er zum Beispiel den Zugriff auf die Datenbank regelt?

  • tradem

    Es ist immer ein Problem mit der perspektivischen Wahrnehmung, nicht wahr. Wie die meisten anderen, die sich in virtuellen Räumen herumtreiben, müssen wir wohl ehrst selbst noch herausfinden, wie wir die Kommunikation möglichst multi-perspektivisch gestalten und reflektiven, auch wenn das anstrengend ist. :-P

    In Bezug auf die Organisationsform: Das ist es in der Tat, was wir aushandeln müssen. Und ich gehe mit dir, dass wir diesen Ausgangspunkt, also die Gestaltung der Organisationsform(en) in unseren Filterblasen-Diskursen nicht thematisieren oder immer nur äußerst vage skizzieren.

    Bürgerrechte sind eher Abwehrrechte (gegenüber denn Staat und man müsste überlegen, ob man sie nicht auch gegenüber transnationale Konzerne verteidigen muss). Und ihre eher defensive Konstitution stehen sie häufig einem ungleichen Machtgefüge gegenüber, in dem die unterschiedlichsten Interessen und Begehrlichkeiten gebündet aber auch die unterschiedlichen Bilder und Ideen von Individuum und Gesellschaft kodiert sein können.

    An dieser Stelle müssen wir uns fragen, wie über ein rein zweckorientiertes Handeln hinaus, unsrer wertrationales Handeln aussehen könnte, d. h. wann und unter welchen Umständen sind bereit bestimmte Normen und Werte in politisches und wirtschaftliches Handeln zu transformieren und was für Normen und Werte sind das dann überhaupt.

    Es ist, denke ich, ein nicht zweckdienlicher Irrtum zu erwarten, dass sich __ein__ Setting von Strategien herauskristallistiert, weil eben auch diese normative Dimension da ist, es also um das Seinsollen geht und nicht nur um Abwägungsprozesse oder rationale Entscheidungen. Diskurse können die Funktion der Catalysis solcher Normierungsversuche leisten, so dass wir im Laufe er Zeit immerhin über eine ungefähre Orientierung (das Seinsollen) verfügen könnten. Aber etwas diffus wird das wohl immer bleiben.

    Letztlich stimme ich dir aber voll und ganz zu: Wir müssen diese Debatte führen und uns nicht an Frontlinien aufhalten, die gar nicht so entscheidend sind, wenn es um Bürgerrechte und Partizipation an Macht und Gestaltungsspielräume in Politik und Wirtschaft geht. (Wobei die Frage ist, ob Geheimdienste überhaupt republica sind, denn mir scheint, die wurden bei der Konezption von Gewaltenteilung mal eben einfach “vergessen”.) Vorausgesetzt wir wollen (einigermaßen mündige) Bürger bleiben und nicht CashCows oder potentiell, verdächtige Straftäter oder Terroristen.

  • tradem

    Politische Lösungen auf diesem Gebiet müssen wir uns wohl selbst verschaffen. :-P Die derzeitige “Sortiment” sieht ja eher düster aus. ;-)

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  • Adam Pyschny

    durchaus. ich hatte auch mehr serverhoster, denn webhoster im sinn.
    Im optimalen fall würde ich einen 19″ Server kaufen und alles zu hause einrichten wo die keys und certs sicher zu generieren und zu übertragen sind.
    Dann sucht man sich nen hoster dem man die kiste schickt und der sie dann in seinen schrank schraubt und strom sowie netz anschliesst.
    Das sollte schon einen verdammt abhörsicheren server abgeben, egal ob die nsa die leitungen anzapft oder nicht.

  • Pingback: Aus den Tiefen des Netzes 14.07.13 | .-

  • http://www.neunetz.com/ Marcel Weiss

    Klingt nach einem Produkt für den Mainstream.

  • Adam Pyschny

    aber so richtig..