Netflix kommt nach Deutschland. Die Frage ist nur noch, wann.

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Netflix kommt nach Deutschland. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. 

Laut einem Bericht von Reuters haben Manager des Videostreamingdienstes Netflix auf ihrer Reise nach Frankreich, bei der es um Regulierungsfragen für einen Frankreichstart ging, auch Deutschland besucht.

In Stellenausschreibungen nennt Netflix außerdem explizit Deutsch als eine der Sprachen, die vorausgesetzt oder mindestens als Plus gesehen werden:

Language Specialist in Los Gatos, Kalifornien: „We are looking for highly motivated individuals with the right mix of technical, organizational and communication skills to provide localization for the Netflix experience in the following languages: Arabic, Vietnamese, French, Japanese, Brazilian Portuguese, Korean, German, Swedish, Polish, and Hungarian.”

Manager für Europe Media Relations und New Markets, Amsterdam: „Ability to speak/write English. Dutch, the Nordic languages, German and French are a plus.”

Senior Manager, Europe Media Relations, ebenfalls in Amsterdam: „Ability to speak/write English. Dutch, the Nordic languages, German and French is a plus.”

Netflix plant offenbar eine europäische Expansion für die nächste Zeit und setzt auf Amsterdam als Ort für die Europazentrale.

Netflix ist in Europa bereits in Großbritannien, Irland, Norwegen, Finnland, Schweden und den Niederlanden verfügbar. Die zwei großen Märkte Frankreich und Deutschland stehen noch aus. Belgien scheint als nächstes auf dem Plan zu stehen.

Netflix, das mit mehr als 40 Millionen Abonnenten weltweit Marktführer im Videostreamingsektor üfr professionelle Inhalte ist, macht aus seinen Expansionsplänen kein Geheimnis. Janko Röttgers auf GigaOm:

And on Monday’s earings call, Hastings got even more specific, saying that he’d expect Netflix to generate between 70 and 80 percent of its revenue in international markets in the future. That’s significant because Netflix has said in the past that it expects to have between 60 and 90 million customers in the U.S.. Based on those numbers, Netflix seems to hope that it will grow its international markets up to a total of 450 million subscribers. 

[..]

In their letter to investors, Hastings and Wells said Monday that the company plans to launch in “new markets” in 2014, and during their Q3 earnings call, Hastings said: “When we look forward next year, we definitely will be looking at some larger expansions.”

Fraglich bleibt, wie Netflix mit den speziellen Gegebenheiten in Deutschland und Frankreich umgehen wird. In beiden Ländern werden ausländische Serien und Filme vorwiegend synchronisiert konsumiert, was zu entsprechenden Branchenstrukturen führt. Es wird spannend werden, wie Netflix sich im Lizenzkampf gegenüber hiesigen TV-Sendern, die oft Online-Lizenzen im Gesamtpaket gleich mitkaufen, und anderen Konkurrenten wie Lovefilm, Maxdome und Watchever behaupten wird.

Der Vorteil eines internationalen Players wie Netflix: Es kann den Rechteinhabern länderübergreifende Lizenzabkäufe anbieten. Etwas, was der traditionell landspezifische traditionelle Fernsehmarkt nicht tun kann.

Eine signifikante Kriegskasse hat Netflix zumindest. Eigenproduktionen von Netflix wie “House of Cards” und “Orange is the new Black” werden dabei ebenfalls helfen, stehen aber noch am Anfang und sind deshalb ohne großen Backkatalog noch eher Tropfen auf den heißen Stein als Wunderwaffe.

Wichtiger ist die Tatsache, dass Netflix auf allen wichtigen Plattformen mit guten Apps, also mit einfacher Bedienbarkeit und einer guten Empfehlungsmaschine, vertreten ist und reichlich Erfahrungen beim Streaming auch in Primetime-Zeiten gesammelt hat. Watchever, das neben anderen wie etwa Lovefilm die letzten Folgen der Hitserie Breaking Bad drei Tage nach der US-Erstausstrahlung in Deutschland zum Streaming anbot, war dem Ansturm der Fans der Serie nicht gewachsen, und fiel regelmäßig aus, wenn neue Folgen bereitgestellt wurden. Das dürfte den Marketingeffekt stark reduziert haben.

Für das schwache deutsche Breitbandnetz wird Netflix gemeinsam mit seinen Konkurrenten von Amazons Lovefilm bis Vivendis Watchever die Belastungsprobe werden, die es nicht bestehen wird.

Der Einzug von On-Demand-Videostreaming im großen Stil in Deutschland könnte der deutschen Bevölkerung endgültig zeigen, wie jämmerlich die hiesige digitale Infrastruktur aufgestellt ist und was ihr dadurch entgeht.

Über Netflix und den deutschen Online-TV-Markt allgemein habe ich auch ausführlich mit dem Webvideoexperten Bertram Gugel im Podcast gesprochen:

Mehr zum Thema:

 

Disclosure: Ich besitze Netflix-Aktien.

About Marcel Weiß

Marcel Weiß, Jahrgang 1979, ist Gründer und Betreiber von neunetz.com.
Er ist Diplom-Kaufmann und lebt in Berlin. Marcel Weiß ist seit 2007 als Analyst zu Themen der Internetwirtschaft aktiv. Er ist ein Autor bei Exciting Commerce, schreibt Artikel für verschiedene Publikationen und ist unter anderem ein Coautor von im Springer Vieweg Verlag verlegten "Erfolgreich publizieren im Zeitalter des E-Books". Er unterrichtet als Gastdozent an der Popakademie Mannheim und hält Vorträge zu Themen der digitalen Wirtschaft. Mehr zum Autor.
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  • http://dentaku.wazong.de/ dentaku

    Mit dem Zusammenbruch des deutschen “Breitbandnetzes” bin ich mir gar nicht sicher: wissen wir denn eigentlich, wie gut oder schlecht das hinter der “letzten Meile” ausgebaut ist?
    Jeder einzelne Hausanschluss mit wenigstens 6MBit/s würde ja für den Stream reichen, wenn die Rohre dahinter dick genug sind.

  • http://www.neunetz.com/ Marcel Weiss

    Ich meinte keinen technischen Zusammenbruch sondern einen Wandel der Wahrnehmung von der Infrastruktur in Deutschland. Ich meinte damit die vielen ländlichen Gegenden, in denen selbst der schnellste Internetzugang kein YouTube oder Skype-Video ermöglicht. Dort wird das fehlende Breitbandnetz noch stärker weh tun, wenn alle anderen davon reden, wie toll ‘Netflix Deutschland’ ist.