Exchanges #45: Readmill und andere Weckrufe für die Buchwelt

Exciting Commerce:

In den neuesten Exchanges befassen sich Jochen Krisch und Marcel Weiß anhand der jüngsten Entwicklungen mit der Buchbranche – vom Niedergang von Weltbild und Thalia bis zum Aus für die Social-Reading-App Readmill.

 

Ebooks & Printbücher: Trägermedium sagt nichts über die Qualität des Inhalts

Die Buchautorin und Verlegerin Zoë Beck schreibt im Culturmag über eine Debatte, die 2014 eigentlich nicht mehr geführt werden müsste:

Ich schätze das schön gestaltete Buch, es erfreut mich, aber welches Trägermedium mir den Inhalt vermittelt, ist mir sehr häufig egal, sofern der Inhalt stimmt. Der interessiert mich nämlich vor allem. Und das kann ich trennen: Schöne Dinge, die mich umgeben. Inhalte, die mich beschäftigen. Aber das bin ich, das hat keine Allgemeingültigkeit. Ich will damit nur sagen: Können wir uns mal kurz bitte darauf einigen, dass das Trägermedium rein gar nichts über die Qualität des Inhalts sagt?

Täte es das, wären viele unglaublich großartige Texte heute nicht out of print (und andere hätte man nie drucken dürfen).

Die Buchpreisbindung hilft Amazon

Steffen Meier fasst lesenswert den historischen Hintergrund der Buchpreisbindung und die aktuelle Situation zusammen. Im Falle eines Wegfalls der Buchpreisbindung sieht er eine zunehmende Monopolisierung des Marktes, weil große Marktteilnehmer wie Amazon1 ihre Position noch stärker in den Verhandlungen mit Buchverlagen ausspielen könnten:

In Zeiten, in denen hierzulande eine komplette Generation jede Suche bei Google und einen Kauf bei Amazon beginnt (man verzeihe diese plakative Zuspitzung, möge sich doch aber bitte unter den Jüngeren im eigenen Bekanntenkreis einmal umsehen) kann dies nur zu weiterer Marktkonzentration führen. Um etwa im E-Book-Bereich mit niedrigen Preisen wirtschaftlich sinnvoll zu operieren und damit sowohl Nachfrage zu wecken als auch zu befriedigen braucht es den Zugang zu großen potentiellen Käufergruppen – und eine möglichst große Portokasse. “Kampfpreise” würden hier zu weiterer Monopolisierung oder Oligopolisierung führen. Allein die Konditionenverhandlungen zwischen Verlagen und großen Plattformen mag man sich gar nicht vorstellen. Oder, wie Volker Oppmann ergänzt: “Dazu operiert Amazon aufgrund der unterschiedlichen Steuersätze aus Luxemburg (3%) heraus mit 16% Margenvorteil gegenüber deutschen Wettbewerbern (19%) – im Falle eines Wegfalls der Preisbindung würde es eine massive Rabattschlacht geben und es würde ein einziger Anbieter am Markt übrig bleiben. Game over.”

Ich sehe das etwas anders. Es ist überhaupt nicht gegeben, dass die Buchpreisbindung gegen Amazon hilft. Tatsächlich gehe ich vom Gegenteil aus. Amazon ist zuvorderst ein Onlinehändler, bei dem seine Kunden davon ausgehen, dass sie
a.) nahezu alle Produkte vorfinden &
b.) diese Produkte kaufen können.

Man sollte nicht den Fehler machen und in diesen Dimensionen darüber nachdenken, wie man Amazon gefährlich werden kann. Ein Amazon-Nachbau wird Amazon nicht vom Thron stoßen. Erst recht nicht, seit Amazon mit Prime auf Produktbündelung auf einer Ebene setzt, auf der fast niemand mit ihnen aufgrund ihrer Größenordnung konkurrieren kann.

Nein, man kann nur und muss Amazon asymmetrisch angreifen, wenn man es denn angreifen will. Das heißt, mit Geschäftsmodellen, die sich nicht mit dem Sortimentsverkauf von Amazon vertragen. Ansätze, die Amazon im besten Falle den Boden unter den Füßen wegziehen. Zum Beispiel Abomodelle, etwa auch gekoppelt mit neuen Produktionsprozessen, spezialisiertes, vertikal integriertes Crowdfunding und spezielle Serviceansätze, die direkt an das E-Book/Buch gekoppelt sind. Alles, was möglich wird, wenn man sich auf den Inhalt und nicht auf dessen Container konzentriert.

Die Buchpreisbindung verhindert diese Experimente.

Ein weiteres Problem2: Amazon experimentiert mit neuen Ansätzen wie Kindle Worlds. Das Modell hinter Kindle Worlds wäre zum Beispiel etwas, das Amazon Probleme bereiten könnte, wenn es von einem Konkurrenten kommen würde. Denn es würde am Komplettangebot kratzen. Dass Amazon aber trotz Marktführerschaft innovativ bleibt, macht es für die Konkurrenten nicht einfacher.

Würde all das etwas gegen den Vormarsch von Amazon ausrichten? Vielleicht, vielleicht nicht. Das ist aber auch die falsche Frage.

Die Frage ist, wie nachhaltige digitale Strukturen auch in der Buchbranche entstehen können. Dort wie in anderen Branchen können sie nur aus Experimenten in der Wildbahn erwachsen. Alles, was diese Experimente zurückhält, hat tendenziell weitreichende negative Nebeneffekte.

Was man zumindest festhalten kann: Es sieht aktuell nicht danach aus, als würde die Buchpreisbindung den Vormarsch von Amazon spürbar aufhalten. Sie ist, wenn überhaupt, dann nur ein weiterer Grund für Amazon, um selbst ins Verlagsgeschäft einzusteigen.


  1. Oder eigentlich: Nur noch Amazon. 

  2. “Problem”, wenn man es aus der Sicht der von Amazon Herausgeforderten betrachtet. 

Weltbild-Insolvenz: Die europäischen “Identitätsindustrien” unter Druck

Rüdiger Wischenbart im Virtualienmarkt-Blog des Perlentauchers über die Insolvenz von Weltbild:

Weltbild hat Insolvenz angemeldet. Der Scherbenhaufen ist groß. Wie hoch er in den Buchhimmel wächst, und wie umfassend die Auswirkungen an seiner Basis sind, lässt sich kaum erahnen. Immerhin hieß es immer wieder, dass der Weltbild-Konzern mit einem Umsatz von 1,6 Milliarden Euro für rund 18 Prozent des gesamten deutschen Buchmarktes von etwas über 9 Milliarden Euro Gesamtwert stehe, wenn auch bei fallender Tendenz.

Damit kommt eine Lawine auf die deutsche Buchbranche zu:

Zum einen stehen dann Unternehmensteile von Weltbild sowie ganz Thalia zum Verkauf, und damit wird auch recht argwöhnisch nach der Stabilität so mancher kleinerer Regionalkette gefragt werden.

[..]

Der Scherbenhaufen nach der Weltbild-Pleite wird hoch sein, mit einer breiten Basis, welche die gesamte Buchbranche zu einem denkbar dummen Zeitpunkt trifft. Über zwei Jahre, seit dem Spätherbst 2011, ließ sich das Vorspiel in immer neuen Verschlingungen beobachten, wie die Eigentümer eines der wichtigsten Kultur- und Medienunternehmens sich mit allen möglichen Dingen beschäftigten, nur nicht mit einer nüchternen Analyse des Umbruchs, welcher Kultur, Medien und Inhalte – gewissermaßen die europäischen “Identitätsindustrien”- erfasst hat, sowie mit der Planung eines professionellen Vorgehens, um die ihnen anvertrauten Unternehmungen dafür fit zu machen. Dieses Scheitern wird wohl in die Lehrbücher eingehen. Für alle davon Betroffenen – die Mitarbeiter, aber auch Kunden und Publikum – ist dies ein schwacher Trost.

Interessant wird auch, was die Ereignisse bei Weltbild für die Tolino-Allianz, bei der Weltbild dabei ist, bedeuten werden.

Wie bereits neulich angemerkt: Wenn einzelne, große Unternehmen wegbrechen, kann das den Umbruch enorm beschleunigen, weil die bestehenden Strukturen ruckhaft geschwächt werden.

2014 wird ein turbulentes Jahr für die deutsche Buchbranche werden.

Seemann und Co.: Crowdfunding als Finanzierung urheberrechtsfreier Kultur

Michael Seemann auf ‘Was mit Büchern’ über sein Crowdfunding für sein Buch:

Ich wurde von allerlei Menschen (einer so genannten »Crowd«) beauftragt, ein Buch zu schreiben. Die Beauftragung kam allerdings zu Stande, weil ich auf der Crowdfundingplattform Startnext freundlich danach fragte, jedoch wurde meine Frage mit einem euphorischen »Ja!« beantwortet. Ich habe die angepeilte Summe von 8.000 Euro innerhalb von 28 Stunden zusammengesammelt und steuere gerade auf 14.000 zu. Ich will bis Ende Januar mindestens noch 15.000 Euro schaffen, um mit dem zusätzlichen Geld ein Audiobook zu produzieren. Ab Angfang Februar werde ich also Autor sein und mein erstes eigenes Buch schreiben.

Seemanns Buch wird in seiner digitalen Form so frei von urheberrechtlichen Exklusivrechten sein wie für einen deutschen Autor möglich. (Im Gegensatz zu ihren nordamerikanischen Kollegen können deutsche Urheber ihre Werke nicht in die Gemeinfreiheit entlassen.)

Interessant für die aktuelle Zeit des Umbruchs, in der Offlinekanäle und Online noch parallel existieren, ist das Lizenzmodell, das zwischen den Sphären unterscheidet:

Ich habe mir extra eine Lizenz ausgedacht, die es mir erlaubt, die Nutzung meiner Inhalte in der digitalen Sphäre so frei wie möglich zu gestalten und mir gleichzeitig alle Rechte für die analoge Form vorzubehalten: die WTFPDL (wtfpdl.net). Sie erlaubt es mir, die analoge Form – also die Printversion des Buches – exklusiv zu verkaufen und gleichzeitig das Momentum einer freien eBookversion auszunutzen.

Crowdfunding ist eines der vielversprechendsten Finanzierungsmodelle für Kunst und Kultur im digitalen Zeitalter, weil es, wie wir hier bereits mehrfach erörtert haben, dort ansetzt, wo die Kosten entstehen: Bei der Produktion der Kulturgüter. Immaterielle Güter, die in digitaler Form keine Distributionskosten besitzen, sind nicht knapp in der Verbreitung sondern ‘nur’ noch in der Produktion. Deshalb ist meine Prognose seit einigen Jahren, dass immer mehr urheberrechtsfreie Kulturprojekte über Crowdfunding finanziert werden. Eine Entwicklung, die man bereits seit geraumer Zeit an unterschiedlichsten Beispielen wie etwa den copyrightfreien Aufnahmen von Bachs Goldberg Variationen beobachten kann.

Das Projekt von Michael Seemann kann auf Startnext noch die nächsten 23 Tage unterstützt werden.

Studie: Mehrheit der Verbraucher erwartet Tod von Buchhandlungen

Buchreport:

Das Projekt „Zukunft des Handels“ wurde von Ebay 2012 gestartet und soll  im Rahmen von regelmäßig stattfindenden repräsentativen Konsumenten- und Experten-Befragungen sowie Workshops (z.B. mit Jugendlichen) langfristige Trends beim Ein- und Verkaufen analysieren. Die aktuellen Daten basieren auf einer repräsentativen Online-Konsumentenbefragung (1005 Personen ab 18 Jahren) durch das Marktforschungsinstitut Innofact. [..]

Während sich insgesamt nur knapp mehr als ein Drittel (genau: 38%) der Befragten vorstellen kann, künftig Waren ausschließlich im Internet zu bestellen, liegt der Anteil mit Blick auf  elektronische Medien, Reisen und Bücher weitaus höher: 55%  glauben, dass Bücher in zehn Jahren aus dem Regal im Geschäft verschwunden sein werden.

Da die Konsumenten der Erhebung nur online befragt wurden, also die Nicht-Internet-Nutzer in der Umfrage fehlen, dürfte der Anteil derjenigen, die den Tod der Buchhandlungen vorhersagen, in der gesamten Bevölkerung niedriger ausfallen – zumindest etwas niedriger, denn nach der aktuellen ARD/ZDF-Onlinestudie 2013 sind 77,2% der erwachsenen Deutschen (ab 14 Jahren) online unterwegs.

Überraschen dürfte das niemanden außer direkt Betroffene wie Börsenvereinsmitglieder und Buchhändler selbst. Nur sie könnten auf den hoffenden Gedanken kommen, dass Buchhandlungen in ihrer klassischen(!) Form eine Zukunft haben. Haben sie aber, leider, nicht.

Dass diese Erkenntnis sogar bei den Endkunden mittlerweile angekommen ist, spricht Bände über den Stand der Entwicklung.

Auch interessant für den gesamten Einzelhandel:

Sage und schreibe 78% der Befragten (48% „ja“, 30% „vielleicht“) können sich vorstellen, dass Einzelhandels-Geschäfte in Zukunft vor allem als Showrooms – also sozusagen als Auslage der Internetshops – fungieren.

Singles erobern die Buchwelt

Matthias Hell auf Exciting Commerce:

„Singles go from being a publishing experiment in short-form, low-priced content to the standard model of content creation and consumption. Prices for Singles content go up over time too as Amazon realizes competition is limited and ‘short’ really doesn’t have to mean ‘cheap’.”

Nicht nur Amazon setzt mit seinen Kindle Singles auf das elektronische Kurzformat, auch viele andere Publisher sind im Netz mit Kurztexten erfolgreich. Für Joe Wikert handelt es sich dabei nicht nur um einen Verkaufstrend, sondern um das Publishingformat der Zukunft, wie der ehemalige TOC-Chef in einem Blogbeitrag ausführt.

Klassische Disruption von unten.

Die Form des kürzeren Textes ergibt auch sehr viel Sinn, wenn sie erst einmal von den Kostenstrukturen und den damit verbundenen notwendigen Margen (und aus ihnen folgenden Preisen) der Distribution von Papierbüchern losgelöst sind.

Es ist auch, wenn man rein auf den Inhalt schauen möchte, kein Zufall, dass sich akademische Papers ebenfalls in der Größenordnung der Kindle Singles bewegen. 

Social-Reading-Plattform Sobooks konkurriert mit Amazon. Ist sie dafür aufgestellt?

2013 10 14 um 17 21 54

Das Gründerteam von Sobooks kann sich sehen lassen: Sascha Lobo (Deutschlands bekanntester Alpha-Kolumnist, mit Frisur), Christoph Kappes (u.a. Pixelpark), Oliver Wagner (u.a. BuzzRank) und Oliver Köster (ebenfalls Buzzrank) starten eine Plattform zum Verkauf von E-Books und dem gemeinsamen Lesen.

Plattform statt Verlag

Sobooks, das am 9. Oktober in die Private Beta ging, wurde in der Berichterstattung, die für eine deutsche Buch-Plattform wohl noch nie so ausgiebig war, oft als neuer Verlag bezeichnet. Zurückzuführen ist das auf die Eigendarstellung des Dienstes. Mitgründer Sascha Lobo bezeichnete sich selbst etwa oft als Verleger in den Interviews, die er zum Launch gab. Sobooks ist zwar zu einem kleinen Teil auch Direktverlag, also Anbieter, der Werke verlegt/verlegen wird, aber im Kern handelt es sich um eine Plattform, auf der Verlage ihre Bücher verkaufen und damit automatisch mit Zusatzfunktionen anreichern können. Zu den Verlagen zum Launch zählen unter anderem Rowohlt und Random House.

Der Buchreport hat die wichtigsten Punkte zu Sobooks zusammengefasst:

Die Bücher, die auf Sobooks (steht für Social Books) zum Verkauf angeboten werden, stehen vollständig im Internet – jede Seite eines Buchs hat eine eigene URL.
Zu den Titeln werden Leseproben (mindestens fünf Seiten) angeboten.
Der Käufer hat die Wahl, ob er das Buch im Browser lesen oder in den Formaten Epub oder PDF herunterladen möchte.
Sobooks verzichtet auf DRM, bietet Verlagen aber eine Personalisierung der Epubs an (Wasserzeichen).
Bezahlt werden kann in der Startphase mit Paypal express, künftig auch mit anderen Zahlungsmethoden.
Sharing: Der Nutzer kann Zitate aus Büchern z.B. auf Facebook teilen, der Link führt direkt in das Buch hinein.
Der Leser kann mit anderen Lesern interagieren und auf einzelnen Seiten des Buchs Kommentare hinterlassen und auf andere Kommentare antworten.
Im Fuß der Seite sieht der Nutzer eine „Heat Map“ (Foto): Linien, die signalisieren, über welche Passagen im Buch aktuell besonders intensiv diskutiert wird.

Es ist vor diesem Hintergrund erstaunlich aber nicht überraschend, dass viele Journalisten die Wortwahl der Gründer angenommen haben. Für die Gründer ist es sinnvolles, cleveres Wording gewesen. Denn Sobooks will in der schwierigen Medienwandelsdebatte, in der praktisch nie vorurteilsfrei über Internetunternehmen in den klassischen Medien berichtet wird, eher mit dem Rowohlt Verlag assoziiert werden als mit  dem allseits außer bei den Kunden gehassten Amazon.

Sobooks ist Amazons Buchrundumangebot aber näher als jedem Buchverlag. Wie Amazon ist Sobooks eine Plattform, auf der E-Books verkauft werden, also ein Mittelsmann zwischen Buchverlagen und Lesern. Wie bei Amazon ist das der Kern des Geschäfts. Wie bei Amazon hat Sobooks auch einen Verlagsbereich, in dem eigene E-Books verlegt werden.

Sobooks konkurriert deshalb auch eher mit Amazon als mit einem Buchverlag.

Hier liegen auch die Probleme, oder Herausforderungen, für Sobooks. Ebenso wie Readmill, die Berliner Social-Reading-Plattform, steht Sobooks vor dem Problem, dass die eigenen Zusatzfunktionen, die soziale Ebene, in der Mehrheit der Fälle nur mit einem Medienbruch genutzt werden können.

Nur im Browser, Apps sollen kommen, keine E-Reader-Integration

Wenn Sascha Lobo Sobooks im ZEIT-Interview als das “Post-Amazon-Konzept” bezeichnet, dann ist das tatsächlich, wie er meint, ‘mittelgrößenwahnsinnig’. Denn das Konzept von Sobooks wird nur erfolgreich sein, wenn es vertikal integriert ist. Man kann zwar Bücher auf Sobooks im Browser lesen, aber die meisten E-Book-Fans lesen auf diese Art selten ihre Bücher. Nicht nur benötigt man ohne native Apps (für Tablet oder Smartphone) eine Internetverbindung um zu lesen, man ist so auch weit weg von E-Readern mit angenehmem E-Ink. Also den Geräten, auf denen akku- und augenschonend ausgiebiges Lesen möglich ist. Immerhin sollen native Apps für Android und iOS mit Offline-Modus noch kommen.

Man kann zwar die E-Books auf Sobooks als EPUB oder PDF erwerben, verliert aber so den sozialen Mehrwert der Plattform beziehungsweise kann ihn nur im Browser und später in den Apps auf den Nicht-E-Readern bekommen.

Hier steht Sobooks vor der gleichen Herausforderung wie Readmill. Amazon ist  auch bei E-Books der Platzhirsch mit seiner Kindle-Plattform. Das Problem für Neueinsteiger sind nicht nur die aufgebauten Marktanteile. Die sind in einem noch jungen Wachstumsmarkt wie diesem nicht alles entscheidend. Es gibt einen Vorteil für Firstmover, aber der ist aufgrund der verschiedenen Richtungen, die das Produkt E-Book gehen kann, nicht so groß wie man vielleicht vermuten könnte. Entscheidender ist, wie gut Amazon technisch und bei den Ressourcen aufgestellt ist.

Der E-Reader von Amazon ist integriert in den Amazon-Shop, rudimentäre Social-Features gibt es auch schon (Man kann sich von vielen Lesern unterstrichene Passagen direkt im E-Book anzeigen lassen), und der Onlinehandelsriese hat dieses Jahr mit Goodreads die größte Community rund um Bücher übernommen. Mittelfristig wird Amazon Goodreads auf die eine oder andere Art in seine Kindle-Plattform integrieren. Es wird nicht so gut sein wie Sobooks oder Readmill, aber dafür wird es _auf dem E-Reader_ sein.

Auf Kindle kann man Bücher nicht nur im E-Reader und synchronisiert im Browser lesen sondern auch synchronisiert auf nativen Apps für iOS und Android. Das ist eine sehr viel bessere Ausgangslage für eine soziale Ebene über der klassischen Buchebene.

Es geht nicht ohne Hardwarestrategie

Um das Problem mit dem Medienbruch zu veranschaulichen, schauen wir uns ein Alltagsbeispiel an:

Eine Sobooks-Leserin besitzt einen E-Reader. Sie kauft auf Sobooks ein Fachbuch als E-Book. Um es auf ihrem Gerät lesen zu können, lädt sie die EPUB-Version herunter. Jetzt beginnt sie zu lesen. Macht sie nun beim Lesen Hervorhebungen und Anmerkungen direkt auf ihrem Gerät im EPUB? Oder sucht sie jedes Mal die entsprechende Seite und Stelle auf Sobooks im Browser auf einem anderen Gerät heraus, um sie dort zu markieren und zu annotieren? Scrollt sie beim Lesen auf dem Zweitgerät mit, um etwaige Kommentare anderer Leser zu sehen? Was macht sie unterwegs in der Bahn? Zwei Hände, zwei Geräte?

Was Sobooks, ebenso wie Readmill und vergleichbare Angebote, benötigt, ist ein E-Reader, in den sich zumindest die Grundfunktionen des Angebots integrieren lassen.

Das heißt, um gegen Amazon eine Chance zu haben, braucht Sobooks eine Hardwarestrategie.

Das muss nicht heißen, dass Sobooks einen eigenen E-Reader entwickelt. Spätestens das txtr-Debakel, Marke Duke Nukem Forever, dürfte jedem gezeigt haben, dass das nicht so einfach zu bewerkstelligen ist.

Denkbar wäre vielmehr ein Joint Venture mit verschiedenen Marktteilnehmern oder eine Beteiligung an einem solchen Projekt.

Konkret heißt das: Was die Buchbranche braucht, ist ein E-Reader mit einer integrierten Plattform für Social-Reading-Dienste. Also zum Beispiel ein E-Reader, der von Haus aus oder über eine Art Appstore die Integration der Kommentare und andere Parallellektürefunktionen von zum Beispiel Sobooks und Readmill integriert.

Aus Sicht des E-Reader-Anbieters liesse sich das technisch mit einer allgemeinen Parallellektürefunktionen-API für alle Social-Reading-Plattformen umsetzen. Noch besser (aber noch schwieriger und deswegen für den aktuellen Marktzustand wohl zu zeitaufwendig) wäre ein API-Standard. Konzeptionelle Herausforderungen bezüglich der Urheberrechte und der Abgleichung der Daten und der etwaig notwendigen Querverknüpfung von Diensten und Shops blenden wir hier einmal aus Platzgründen aus.

Das ist eine der wenigen Möglichkeiten, wie ein Lock-in dank Social-Reading-Integration bei Amazon verhindert oder zumindest gemindert werden kann.

 

Zum Thema Social Reading allgemein

2008 schrieb ich über die mit E-Books möglich werdende Social-Ebene:

All die Möglichkeiten, die jetzt auf öffentlich zugängliche Artikel im Web beschränkt sind, auf Bücher – auf Romane und Sachbücher – auszuweiten, wird uns eine völlig neue Welt offenbaren. Auch wenn es widersinnig und überflüssig erscheint, wie einst delicious, als es die Bühne betrat und man sich fragte, warum zum Teufel man seine Lesezeichen online ablegen sollte, so entsteht mit der Möglichkeit der öffentlichen Annotation eine völlig neue Dimension des gemeinsamen Wissens.
Wenn mir ein Freund ein Buch empfiehlt und ich während des Lesens direkt seine Anmerkungen und die von meinen anderen Freunden mit anzeigen lassen kann, dann bekommt das Lesen und der Austausch über das Gelesene einen Mehrwert gegenüber dem Lesen von bedrucktem Papier.

Denken wir diese Richtung noch einen Schritt weiter.

David Weinberger schreibt in seinem Buch “Das Ende der Schublade” über elektronische Bücher (S. 267):

“Wir werden unsere Bücher dazu auffordern können, die Passagen zu markieren, die von Dichtern, Einser-Schülern, Literaturprofessoren oder buddhistischen Priestern am häufigsten noch einmal gelesen werden.”

Weinberger führt noch weitere Möglichkeiten an: Wenn wir anzeigen und aggregieren können, wo Bücher gelesen werden, können wir automatisch Listen für Bücher für den Strand oder für Reisen zusammenstellen.

Will man das immer? Immer die Metaebene mit dazu sehen und denken? Sicher nicht. Aber die Möglichkeit dazu zu haben, wird irgendwann einfach dazugehören. Ohne die Möglichkeit dazu wird etwas fehlen, sobald es dem Leser in den Sinn kommt, die Freunde auf etwas zu verweisen oder zu schauen, was andere zum letzten Kapitel zu sagen haben.

Sobooks deckt bereits einiges von dem ab, über das wir in diesem Bereich seit Jahren sprechen.

Christoph Kappes im Interview mit irights.info:

Der eigene Direktverlag ist unser Spielbein, mit dem wir Innovationen voranbringen wollen, wie neue Formate und die Autoren-Leser-Kommunikation. Die „Cobooks“ sind ja so entstanden; die haben wir uns selbst ausgedacht und sind sehr gespannt, ob Autoren diese Idee aufgreifen, eine quasi „mitkaufbare“ Rezension zu schreiben.

[..]

Was passiert mit einem Essay, wenn er online steht und unmittelbar kommentiert wird, wie Zeitungsartikel oder Blog-Beiträge? Hierfür haben wir ein „Sobooks-Lab“ für Autoren und Verlage;sie sollen experimentieren und an der Entwicklung teilhaben. Geplant sind auch Autorenabonnements, so dass Autoren über die Community ihrer Abonnenten neue Ideen entwickeln oder gar unterstützen lassen können.

An der ersten(!) Inkarnation der Social-Komponenten von Sobooks gibt es auf den ersten Blick wenig auszusetzen.

Erstaunlicherweise kommen gemeinfreie Bücher auf Sobooks bis jetzt nicht vor. Mitgründer Christoph Kappes bestätigte mir gegenüber, dass man sich durchaus die (dem Sobooks-Prinzip entsprechend selektive) Aufnahme gemeinfreier Bücher in die Sobooks-Plattform vorstellen kann. Mir scheint, dass man darüber aber noch nicht weitergehend nachgedacht hat.

Der Aufwand sollte sich dank der Vorarbeit von Project Gutenberg in Grenzen halten.

Hier liegen auch Chancen für Social-Reading-Plattformen wie Sobooks und Readmill im Bildungssektor. Entsprechende Gruppenfunktionen vorausgesetzt (also nichtöffentlich, auf gruppeninterne Interaktionen beschränkt), könnten Schulklassen etwa online gemeinsam im Unterricht und in kollaborativen Hausaufgaben direkt im Werk von Goethe, Shakespeare oder Schiller arbeiten und diskutieren.

Update: Christoph Kappes hat mich darauf hingewiesen, dass in den Sobooks Labs mit Franz Kafkas “Der Prozess”  ein gemeinfreies Buch zu finden ist. /Ende des Updates

Fazit

Amazon ist ein globaler Konzern, der seit Jahren seine Gewinne in neue Geschäftsfelder reinvestiert. Dem muss man sich bewusst sein, wenn man mit Amazon konkurrieren will. Besonders wenn es um einen Markt geht, der von Amazon verhältnismäßig geringe Investitionen verlangt. Die Übernahme von Goodreads mag die Branche erschüttert haben. Die vermuteten 150 Millionen US-Dollar, die Amazon dafür bezahlt haben soll, sind Peanuts für das Unternehmen, bedenkt man die strategische Bedeutung. Zum Vergleich ein paar Zahlen: Amazon-CEO Jeff Bezos hat persönlich 100 Mio. $ mehr für die Washington Post bezahlt. Amazon hat 2010 etwa für 540 Mio. US-Dollar Diapers.com übernommen. Zappos wurde mit Amazon-Aktien mit einem damaligen Gegenwert von umgerechnet 807 Mio. $ übernommen. Weit über 175 Millionen $ hat Amazon in LivingSocial investiert. Goodreads, die größte Community im Buchbereich: 150 Millionen US-Dollar.

Stellt man dem die Investitionen in Sobooks gegenüber, wird deutlich dass bei dem deutschen Dienst sehr viel kleinere Brötchen gebacken werden und man sich doch nicht richtig auf den direkten Kampf mit Amazon einlassen will. Christoph Kappes laut Buchreport:

Laut Kappes liegt das bisherige Investitionsvolumen im sechsstelligen Bereich, nehme man das Arbeitsvolumen hinzu, sei die Summe siebenstellig.

Es ist natürlich nicht grundsätzlich notwendig, in der gleichen Höhe wie ein etablierteres Unternehmen Investitionen zu tätigen, um mit diesem erfolgreich zu konkurrieren können. In diesem speziellen Fall verlangt der Hardwarehintergrund, siehe die Ausführungen zum Medienbruch, allerdings leider eine investitionsintensivere Herangehensweise als Sobooks (oder etwa auch Readmill) bis jetzt bereit ist zu gehen oder gehen kann. Das lässt sich unter Umständen mit Kooperationen, wie oben beschrieben, abfangen. Aber solang diese nicht kommen, wird der Erfolg beschränkt sein.

Social Reading ist ein spannendes Feld und Sobooks hat interessante Ansätze geplant. Aber Sobooks fehlt aktuell die Ausstatttung und vielleicht auch der Wille, um langfristig gegen Größen wie Amazon erfolgreich sein zu können.

Ein “Post-Amazon-Konzept” kann man erfolgversprechend nur angehen, wenn man bereit ist, auf der gleichen Ebene wie Amazon zu spielen. Den Eindruck macht Sobooks leider noch nicht.

US-Buchmarkt: Self-Publisher erzeugen doppelt so viel Umsatz wie klassische Verlage

Update: Die Aussage im ersten Zitat und in der Überschrift scheint so wohl nicht zu stimmen.

Warner hat die unten zitierte Textstelle geändert. Jetzt steht auf e-books-news.de: “Wie es in Zukunft aussehen könnte, verrät der vom Beratungsunternehmen herausgegebene „State of Independence“-Report: das potentielle, bisher unausgeschöpfte Marktvolumen liege bei 52 Milliarden Dollar, und damit etwa doppelt so hoch wie der aktuell von klassischen Verlagen erzeugte Umsatz.”

Er führt die inhaltlich signifikante Änderung seines Textes leider nicht aus. (und macht sie auch nicht kenntlich.) Den Report selbst habe ich nicht gelesen, weil er kostenpflichtig ist. Dank für den Hinweis an Markus Spath.

/Ende des Updates

Ansgar Warner auf e-book-news.de:

Eine schlichte Nachricht, doch sie hat es in sich: „Traditionelle Methoden, mit denen die Größe des Buchmarktes gemessen wird, haben den Einfluss der Self-Publishing-Bewegung bisher verdeckt“, so James O’Toole, Chef von New Publisher House. Wie es wirklich aussieht, verrät der vom Beratungsunternehmen herausgegebene „State of Independence“-Report: mit einem jährlichen Volumen von 52 Milliarden Dollar erzeugen selbstverlegte Titel in den USA doppelt so viel Umsatz wie alle Verlagstitel zusammen. Selbst wenn man Reprint und gemeinfreie Klassiker herausrechnet, werden via Self-Publishing acht mal mehr Titel verlegt als auf klassischem Weg. Die Zahl der Independent-Autoren übersteigt die der Verlagsautoren sogar um das 100-fache.

Ein wesentlicher Grund für die rasante Geschwindigkeit des Wandels ist auch Amazon als Verkaufsplattform.

Auch interessant:

Die Verlagsbranche, so der Report, leidet an diesem Umbruch gleich doppelt, denn im Verlauf des Strukturwandels gefeuerten Mitarbeiter werden als selbständige Verlagsdienstleister und Startup-Gründer „ironischerweise zum Wettbewerber ihrer früheren Arbeitgeber“. Die dankbarste Klientel dabei: Self-Publisher. Denn die Independent-Szene professionalisiert sich, der Bedarf an „professional publishing services“ vom Cover-Layout über das Lektorat bis zum Marketing soll alleine in der ersten Hälfte des Jahres 2013 um mehr als 50 Prozent gewachsen sein.

Diese Entwicklung wird so nicht nur in der Buchbranche stattfinden.

Wäre das Netflixvorgehen mit Abomodell und Filesharinganalysen auch etwas für die Buchbranche?

Bezüglich des eben berichteten Netflixvorgehens der Nutzung von Filesharingnetzwerken zur Marktanalyse schreibt Ansgar Warner auf e-book-news.de:

Prinzipiell dürften solche Mechanismen auch im bestseller-gesteuerten Buchmarkt wirken – dort werden wichtige Teile des Umsatzes mit literarischen Blockbustern von „Harry Potter“ bis „50 Shades of Grey“ generiert, deren elektronische Versionen auch längst in der File-Sharing-Szene zirkulieren. Allerdings fehlen bisher noch mit Netflix oder Spotify vergleichbare legale Flatrate-Angebote. Neu angetretene Flatrate-Apps wie Oyster und eReatah locken in den USA zwar mit niedrigen Monatsraten, konnten bisher jedoch nur eine Minderheit der großen Verlage ins Boot zu holen. Noch magerer sieht’s in Deutschland aus – zumal die einzige überhaupt ernstzunehmende Plattform Skoobe nun auch noch die kostenlose Testphase abgeschafft hat. Man hat den Eindruck: viele Verlage wollen ihre Bestseller nicht via Flatrate „verramschen“. Doch damit erreichen sie am Ende nur das Gegenteil.

Der Grundgedanke ist richtig. Man sollte sich aber nicht selbst überholen. Zunächst bräuchte es in der deutschen Buchwelt erst einmal einen Abostreaminganbieter wie Netflix oder Spotify. Skoobes Buchpreisbindungsworkaround “bis zu fünf Bücher gleichzeitig ausleihen” qualifiziert es nicht als Anwärter. (Was nicht die Schuld von Skoobe ist.) Angesichts der noch immer zögerlichen deutschen Buchverlage was den regulären Verkauf von E-Books angeht (noch immer gibt es nicht alle Neuerscheinungen auch als E-Books zu kaufen, auch nicht alle jüngeren Erscheinungen), sind wir in der Buchbranche ungefähr 3 Schritte von so etwas wie einem Buchnetflix entfernt. Was mindestens ebenso vielen Jahren entsprechen dürfte.

Dass ein ‘richtiger’, erfolgreicher Aboservice hierzulande aufgrund der Buchpreisbindung schwierig bis unmöglich sein dürfte, sollte man hierbei auch nicht ausblenden.

Ein solcher Dienst, der entgegen aller Wahrscheinlichkeiten1 in Deutschland auf eine signifikante Größe wachsen würde, hätte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen langwierigen Rechtsstreit darüber, ob hier nun die Buchpreisbindung verletzt wird oder nicht, an der Backe. Das macht es zu einem sehr unattraktiven Segment. (Besonders wenn man den potenziellen Umsatz bedenkt, der unter dem von Musikstreaming und weit unter dem von Videostreaming liegen dürfte.)

Das Einzige, was solche (durchaus sinnvollen) Branchenvergleiche zeigen ist, wie weit der Weg der deutschen Buchbranche noch ist.


  1. Die Zögerlichkeit der Buchverlage würde sich auf die Lizenzierung ausweiten. Man kann die Reibungen zwischen den Parteien aktuell recht gut im Musiksektor beobachten. Die Wahrscheinlichkeit, dass hier überhaupt ein kostendeckendes Angebot möglich ist, ist auf Jahre hin eher gering.
    Am wahrscheinlichsten ist eine Disruption durch Amazon mit eigenen Inhalten. (Kindle Worlds etc.)

Althergebrachtes Wunschdenken

Marie-Astrid Langer verweist in der NZZ auf Zahlen aus den USA, die auf einen Rückgang des Wachstums von Umsätzen mit E-Books in den USA hinweisen, verschweigt aber die Quelle und kommt zu folgendem Schluss:

Auch im Zeitalter der iPads und Kindles scheint es also noch oft Situationen zu geben, in denen ein gedrucktes Buch seinem elektronischen Pendant den Rang abläuft. Anscheinend muss die Zukunft nicht immer digital sein – Althergebrachtes bewährt sich manchmal eben doch.

Wer heute solche Artikel schreibt, schreibt in zwei Jahren verwunderte Texte darüber, wie Amazon und co. die Buchbranche so ‘überraschen’ konnten. Interessant an diesen Umbrüchen ist auch, wie schlecht die Berichterstattung in den Establishmentmedien ist und wie wenig Selbstreflektion dort stattfindet.

(Das Feuilleton der FAZ etwa hat beispielsweise jahrelang das Internet als Ganzes als nutzloses Spielzeug abgetan und dann in der Narration von heute auf morgen zum Vorläufer von Skynet gemacht. Es gibt praktisch nie eine Aufarbeitung der eigenen vergangenen Berichterstattung, auch nicht in Nebensätzen. Ähnliches lies sich letztens auch an dem großen Amazon-Bashing in der ZEIT beobachten.)

Man beachte auch die Kommentare zu dem verlinkten Artikel.

Amazon-Verlage setzen Buchverlage preislich unter Druck

Amazon setzt mit seinen eigenen Verlagen und damit seinen eigenen Inhalten Buchverlage preislich unter Druck. Eine naheliegende Plattformtaktik.

Buchreport:

Aktuell sind im deutschen Amazon-Shop rund 100 ins Deutsche übersetzte Amazon-Crossing-Titel verfügbar, darunter über 50 E-Books im Single-Format (5000 bis 30.000 Wörter). Unter den Autoren sind bekannte Namen wie Jeff Jarvis, Karin Slaughter und Hugh Howey (dessen „Wool“-Saga über Amazon bekannt wurde).

Während die „Singles“ ohnehin niedrigpreisig (ab 0,99 Euro) sind, bietet Amazon selbst opulentere Crossing-Romane, die seit Sommer 2012 auf Deutsch erscheinen, befristet (bis 29. Juli) extrem günstig an: 20 E-Books für je 2 Euro. In der Kindle-Bestsellerliste hat dies dazu geführt, dass die Crossing-Titel bereits das Ranking dominieren: In der Top-10 sind 6 Crossing-Titel für 2 Euro zu finden. Der einzige Top-10-Titel jenseits von 4 Euro: „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes, bei Rowohlt als E-Book für 12,99 Euro erschienen.

Nicht nur bei den Verlagen, die mit den bisherigen Preispunkten zunehmend Schwierigkeiten bekommen, ihre Titel ins Kindle-Ranking – die wichtigste E-Bestsellerliste Deutschlands – zu bringen, sondern auch bei Selfpublishern sorgt die Amazon-Aktion für Kritik.

Den Buchverlagen bleibt nur die Wahl zwischen dem Verzicht auf größere Umsätze  auf dem wachsenden E-Book-Markt, indem sie an ihren (zu hohen, am Print-Markt orientierten) Preisen festhalten, oder sich auf den Preiskampf mit Amazon einzulassen, und damit den Printmarkt zu untergraben.

Amazon spielt Plattformschach. Und es zeigt, dass den Plattformanbietern oft gar nichts anderes übrig bleibt, als in eigene Strukturen (hier Buchverlag) zu investieren, um das eigene Angebot auch gegen die Widerstände der etablierten Unternehmen (und ihrer Wertschöpfungsnetzwerke) voranbringen zu können.

Siehe zu Amazon und den kürzlich gestarteten Amazon Kindle Worlds auch neunetzcast #26 mit Leander Wattig.

Zum Selfpublishingerfolg mit „One Chapter per Week“

Matthias Hell auf Exciting Commerce:

Neun Jahre klopfte die Mystery-Autorin Brittany Geragotelis an verschlossene Verlagstüren – und begann schließlich, ihre Texte im Fortsetzungsformat über die Literatur-Community Wattpad zugänglich zu machen. Heute steht Geragotelis bei Simon & Schuster unter Vertrag und zieht bei Good eReader ein überzeugendes Fazit ihrer Selfpublishing-Erfahrungen:

„After posting around one chapter per week on the platform, a fan base developed in which she had had six million reads of the first book in her series. Nearly a year later, Geragotelis had over 18 million reads of her book.

As fans began to clamor for the book edition, wanting it to be available for purchase, the author had a revelation about readers that rings true across a number of issues facing the publishing industry: readers are willing to pay for great content.”

Zu den am offensichtlichsten zum Wunschdenken der etablierten Unternehmen zählenden Argumentationslinien gehört die Aussage, dass man nur über traditionelle Wege von unbekannt zu Bekanntheit gelangen kann. In diesem Falle also als Autor nur über einen Buchverlag. Die Argumentation ist, dass nur über traditionelle Wege (Buchverlag, Musiklabel) Bekanntheit erlangt werden kann. Wer so bekannt wurde, kann dann den DYI-Weg gehen, aber eben nur wer den Druchbruch erlangt hat.

Das ist aber natürlich kompletter Quatsch. Das Internet hat die Wege zum Erfolg/Bekanntheit/etc. vervielfacht und den Zugang so erleichtert. Geragotelis ist ein weiteres Beispiel dafür.

Leander Wattig hat in der letzten Ausgabe des neunetzcasts auch auf den Fall der Bertelsmann-Tochter Random House verwiesen, welche dank Übernahme des Selfpublishing-Erfolgs “50 Shades of Grey” ins Programm ein Rekordgewinn 2012 erzielen konnte.

Amazon dominiert Selfpublishing-Markt

buchreport fasst eine Umfrage unter Selfpublishern von Matthias Matting (508 komplett ausgefüllte Fragebögen) zusammen:

Amazon (Kindle Direct Publishing) führt bei den befragten Selfpublishern, die ohne Distributor ihre E-Books an die Shops liefern, mit einem Anteil von 64%, gefolgt von Kobo (10%), Beam (9%), Google (7%) und Apple (6%).

Wenn die Selfpublisher einen Dienstleister nutzen, um ihre E-Books in die Shops zu liefern, ist Neobooks (29%) mit deutlichem Abstand erste Wahl, dahinter folgen gleichauf Xinxii (14%), Epubli, Booxrix (je 13%), Books on Demand (11%) und etwas abgeschlagen Smashwords (8%). Ciando und Libreka landen bei 4% bzw. 2%.

Amazon führt auch beim Print an. Dort hat die Amazon-Tochter Createspace mit 32% den größten Marktanteil, und das obwohl diese Titel nicht über den Buchhandel vertrieben werden. Das zeigt den Bedeutungsverlust des traditionellen Buchhandels recht deutlich, zumindest für den Selfpublishingsektor.

Bemerkenswert, wie weit vorn Amazon in diesem (Zukunfts-)Bereich ist.

Amazon bahnt den Weg für legale Fanfiction

Ok, das habe ich nicht kommen sehen. Jedenfalls nicht zu meinen Lebzeiten:

The new Kindle Worlds platform will enable any author to publish stories based on these characters and then make them available for purchase through the Kindle Store. Amazon will then pay royalties both to the author of the fan fiction and the original rights holder. The standard author’s royalty rate — for fiction that is at least 10,000 words in length — will be just over a third (35 percent) of net revenue.

(Amazon finds a way to monetize fan fiction » Nieman Journalism Lab - via Christoph Koch)

Zwei Bücher über den Verkauf von Büchern

Zwei nicht neue, aber aktuelle und empfehlenswerte Bücher über den Handel mit Büchern. Ich würde gern angeben, wo ich die Hinweise her hatte, weiß es aber nicht mehr.

The Late Age of Print: Everyday Book Culture from Consumerism to Control” von Ted Striphas (2010), der Link führt zu Amazon UK, bei DE gibt es momentan nur das Hardcover. Hier eine ausführliche Rezension
und
Reluctant Capitalists: Bookselling and the Culture of Consumption” von Laura J. Miller (2006)

Beiden Büchern kann man entnehmen, dass die Buchbranche nicht so konservativ ist, wie ihr gern (von Leuten wie mir) unterstellt wird. Bei einigen Entwicklungen war sie ganz vorn mit dabei: Bücher gehörten zu den ersten kommerziellen Weihnachtsgeschenken. “Not only that, but they were integral to the development of a modern Christmas holiday primarily organized around familial gift exchange. (…) Selecting a mass-produced consumer good, in other words, became a meaningful expression of one’s consideration and goodwill in no small part through the popularity of gift books. Second, the bookplates allowed the gift giver the opportunity to further personalize his or her selection, for they generally included a small amount of blank space upon which to pen an inscription. These pages, however, were preprinted at the factory, again suggesting a blurring of boundaries between mass industrial production and personal sentiment.”

Bücher waren unter den ersten Artikeln, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf Kredit gekauft wurden. Buchhandlungen funktionierten nach dem Selbstbedienungsprinzip der Supermärkte, bevor es Supermärkte gab. Die Einführung der ISBN, die Entstehung der großen Buchhandelsketten, die Rolle von Oprah Winfrey in der US-Buchbranche, das alles und noch einiges mehr steht bei Striphas. Insgesamt fand ich es das schwächere Buch der beiden; manchmal will Striphas unbedingt etwas Politisches über Unterprivilegierte sagen, hat dafür aber leider im Unterschied zu seinen anderen Themen nur dürftiges Belegmaterial.

Bei Laura Miller geht es im Wesentlichen um den Konflikt, in dem alle Buchbranchenangehörigen stecken: wie man das Buch gleichzeitig als Ware und doch nicht als Ware behandelt. Ich streiche mir die Hälfte jeder Seite an und kann hier nicht alles Interessante aufzählen, aber ich habe daraus unter anderem gelernt, dass der Übergang von der “autoritären” Buchempfehlung “dies sollst du lesen, denn es ist gut für dich!” zum Versuch einer individuellen Beratung ohne Besserungsanspruch wesentlich älter ist, als ich dachte. Es geht um das Spannungsfeld zwischen un-elitärer Ansprache der potenziellen Käufer und gleichzeitiger Kulturelitenkulisse, die Gründe für den Wandel in Organisationsstruktur und Inneneinrichtung der Buchhandelsketten, und die Probleme “unabhängiger” Buchhandlungen, zu erklären, welche Vorteile ihre Existenz den Kunden bietet. Ich habe, glaube ich, zum ersten Mal so einigermaßen verstanden, warum es die Buchpreisbindung gibt. (Am Beispiel der USA, wo ihre Einführung mehrfach und bis heute gescheitert ist.) Obwohl das Buch 2006 erschienen ist und die Recherche offenbar um 2004 endete, die heute aktuellen Entwicklungen rund um Amazon und E-Book also noch keine große Rolle spielen, kann man von Miller mehr über die gegenwärtige Situation der Branche lernen als aus vielen neueren Beiträgen.

(Disclosure, man sieht es ja eh bei Goodreads: Das zweite Buch habe ich noch nicht zu Ende gelesen.)

Nachrichten aus der Steinzeit der Empfehlungsalgorithmen

Nur so zum Spaß, meine aktuellen Buchempfehlungen in der Android-Kindle-App nach 15 Jahren Amazonkundschaft und etwa 150 Kindle-Käufen, die – man muss es eigentlich nicht dazusagen – nichts mit dem Folgenden zu tun hatten:

Plato: The Collected Works
Musil: Der Man (sic) ohne Eigenschaften
Marx: Das Kapital
Proust: A la recherche du temps perdu
Balzac: Œuvres complètes
Kafka: Sämtliche Werke
Carl von Clausewitz: Vom Kriege
Cambridge Medieval History Volumes 1-5
iRef Guide German Grammar, Kindle Edition
The Complete Aristotle
Plotinus: The Enneads
The Works of Jean-Jacques Rousseau

Und so weiter. Die Amazon-Empfehlungen waren nie gut, die Kindle-Empfehlungen waren noch schlechter, aber dieses vollständig generische Niveau ist neu. Falls jemand über Geheiminformationen aus der Amazon-Algorithmenabteilung verfügt: eine Erklärung würde mich interessieren.

Neue Ebook-Allianz von Thalia, Weltbild/Hugendubel, Telekom & Bertelsmann?

Johannes Haupt auf lesen.net:

Im Vorfeld von CeBIT und Leipziger Buchmesse bahnt sich eine spektakuläre E-Reading-Allianz an. Die beiden größten deutschen Buchhandelsketten Thalia und Weltbild/Hugendubel, die Deutsche Telekom sowie Bertelsmann haben zu einer gemeinsamen „E-Reading-Pressekonferenz” geladen. Was wird präsentiert? [..]

„Ein richtig großes, neues Projekt im Bereich eBook/eReading” wird vorgestellt, kündigte eine Weltbild-Sprecherin lesen.net an.

Mehr weiß man nicht. Aber:

a.) Es braucht anscheinend mittlerweile die geballte Marktpower von Thalia und Weltbild/Hugendubel, Deutsche Telekom sowie Bertelsmann, um auf Augenhöhe mit Amazon mitspielen zu können. Das ist auch eine Aussage für sich selbst.

b.) Kartellamt.

Buchfinanzierung über Sponsoren

Leander Wattig über die Finanzierung des neuen Buches von Robert Scoble und Shel Israel:

Da die beiden aber schon hohe persönliche Reichweiten besitzen, gehen sie einen anderen und sehr interessanten Weg. Sie lassen sich von namhaften Unternehmen wie Microsoft und Autodesk sponsern:

To date, we have raised approximately $100,000. This is about three-times what we heard as a best offer from a traditional publisher. It is enough for me to suspend my consulting practice and focus full time on writing the book and will be sufficient to get it designed, edited and published in hardcover and ebook formats.

Scoble erwähnt noch einen Vorteil des Sponsorings: Dass sie so ebenso flexibel und schnell am Markt sind wie beim ‘normalen’ Self-Publishing, was gerade bei diesem Kontext-Thema wichtig ist

Das könnte tatsächlich ein attraktiver Weg für bereits bekannte, pragmatisch handelnde Autoren werden. Das funktioniert natürlich besser bei Sachbüchern als bei Romanen.

Letzten Endes ist es eine Art Werbefinanzierung für Bücher, wie man sie bereits von anderen kommerziellen Textproduktionen kennt. ( z.B. Blogs oder diese..papiernen Blogs, wie hießen die gleich noch mal?)

Das “pay-as-you read”-Preismodell bei E-Books

Burkhard Schneider:

Diese Idee hat das StartUp Totalbox aufgegriffen und versucht sein Glück mit dem “pay-as-you read”-Preismodell. Demnach können die Leser die EBooks bei Totalbox runterladen und anschliessend via Totalbox-App online- oder offline lesen. Bezahlt wird nachträglich und zwar nur anteilig. Wenn also jemand ein Buch nur zu 10 % gelesen hat, muss er auch nur 10 % des EBook-Preises bezahlen. Wenn das Buch ganz gelesen wurde, erwirbt der Leser quasi das EBook und kann es so häufig lesen wie er will. Die App erkennt auch, wenn der Leser nur schnell zwischen den Seiten springt und stellt dies nicht in Rechnung.

Meinen Lesern kommt das Konzept von Totalbox sicherlich bekannt vor, denn PaperC verfolgt schon seit vielen Jahren einen ähnlichen Ansatz. Hier kann sogar zeitlich begrenzt das EBook kostenlos gelesen werden, allerdings noch nicht offline, sondern nur online. Man kann bei PaperC nach Durchsicht einzelne Seiten, ganze Kapital oder das ganze EBook erwerben. Dieser Prozess ist aber deutlich komplizierter als bei Totalbox. Erst wenn die Bedienung kinderleicht und auf allen üblichen EBook-Readern möglich sein wird, wird sich aus meiner Sicht das “pay-as-you read”-Preismodell durchsetzen.

Klingt spannend. Ich frage mich bei all diesen Entwicklungen allerdings immer, ob und wie sich das mit der Buchpreisbindung verträgt.