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Die fehlerhafte Berichterstattung der Medien im Fall OiNK

Fassen wir noch einmal zusammen: Gestern wurde der BitTorrent-Tracker OiNK geschlossen und der Admin verhaftet. In der Berichterstattung kam es ausnahmslos (so weit ich das überblicken kann) zu fehlerhaften Agenturmeldungen von AP (u.A. auf NZZ), AFP (u.A. auf SZ) und Reuters und höchstwahrscheinlich weiteren.

In allen Agenturmeldungen wurde fälschlicherweise behauptet, OiNK sei eine Seite gewesen, zu der man nur gegen Bezahlung Zugang erhielt.

Nun könnte man die Verbreitung dieser falschen Tatsache als zwar ärgerlich aber nicht schwerwiegend abtun. Es stimmt zwar (gelinde ausgedrückt) bedenklich, dass Nachrichtenagenturen offensichtlich das Zweiquellenprinzip bei einigen Meldungen ignorieren und willentlich einer vorbelasteten Seite blind vertrauen. Auch bleibt man etwas grübelnd zurück, was die Agenturmitarbeiter von einer fünfminütigen Googlesuche abgehalten hat, um die Informationen, die man wohl von der IFPI-Pressemitteilung übernahm, gegenzuchecken. Denn es hätten sich schnell unzählige Beweise für das Gegenteil gefunden.

Nun, wie gesagt, bedenklich, das Ganze, aber damit ist diese Thematik auch durch, oder?

Nicht ganz.

Denn es scheint, genau diese (man könnte fast denken, bewusst so verbreitete) Fehlinformation scheint es erst ermöglicht zu haben, dass die Musikindustrievereinigungen IFPI und BPI in Zusammenarbeit mit verschiedenen Polizeidiensten die Seite schließen und den Admin verhaften konnten (er wurde mittlerweile freigelassen).
Torrentfreak:

The FIOD-ECD - Fiscal Investigation Unit of the Dutch Police is a worrying inclusion to the list of people involved in the closure of OiNK. FIOD-ECD is a Dutch government agency dedicated to chasing down people alleged to be involved in fiscal, financial and economic fraud - usually major criminals. With these people involved, getting access to records from hosts wouldn’t have proven too difficult - FIOD-ECD are not just another BREIN, they have some serious powers.

(Hervorhebung von mir)

Demnach scheint eine Polizei-Einheit involviert gewesen zu sein, die auf schwerwiegende Wirtschaftsverbrechen und dergleichen spezialisiert ist. Warum? Weil behauptet wird, der OiNK-Betreiber habe mit der Seite “Hundreds of Thousands of Pounds” gemacht (siehe BBC-Bericht). Und womit hat er das Geld gemacht? Mit den Zahlungen für den Zugang! Herrjeh. Und das nach angeblich 2 Jahren Ermittlung. Und niemand scheint sich zu fragen, warum jemand, der angeblich Hunderttausende von britischen Pfund verdient, nebenbei noch seinem Tagesjob nachgeht.

Diese falsche Prämisse erklärt auch das unverhältnismäßig harte Vorgehen gegen OiNK. Mir erscheint es so, als wenn dieser Vorfall im Großen und Ganzen ein erstaunlicher Publicitystunt seitens der Industrievereinigungen war. Bevor der OiNK-Admin verhaftet wurde, informierten die Musikindustrievereinigungen IFPI und BPI die Presse, für Bilder und Video live von der Verhaftung (Can you say Witchhunt?). Die Presse folgte dem gern und gerierte sich als kritikloser Erfüllungsgehilfe der Verwertungsindustrie.

Man schaue sich nur diesen absurd einseitigen Bericht von der BBC auf youtube an.

Einen weiteren interessanten Punkt sprechen Piratebay-Admin Brokep und auch Torrentfreak an:

They [The British and Dutch Pirate Parties] also condemn the police forces for allowing the presumption of innocence to be discarded, in that the domain of the website, has been effectively hijacked, and replaced by a page insinuating guilt on the part of the site owner. The ‘Presumption of Innocence’, better known as “innocent until proven guilty” is a cornerstone of law both in the Netherlands and UK. Surely, if anyone should have put a temporary website under the Oink domain, then it should have been the Cleveland police, or the Dutch police, not the record label owners union.

In der Tat, ‘unschuldig bis zum Beweis des Gegenteils’ scheint bei Filesharing nicht mehr zu gelten.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass bei der hier beobachtbaren Mischung aus polizeilicher Inkompetenz, einem Verhalten von Lobbyvereinigungen, das sie als über den Gesetz stehend wähnend entlarvt, und einer blind der Industrie vertrauenden Presse ein sehr fahler Beigeschmack zurückbleibt.

Bonuslink: Dj Rupture, selbst Musiker, nagelt das Thema OiNK:

More than anything else this year, music & software file-sharing site Oink changed the way I thought about the music industry & BitTorrent technology. [..]

In many cases, I believe that downloading an album from Oink would be both faster (more on this in a bit) and give you more information about the CD than sites like iTunes. [..]

Think about that… a free website, which gives fast downloads of music at equivalent or higher quality than the paid music sites. And this free site has an incredibly deep collection of both new and old releases, usually in a variety of file formats and bit-rates. It’s overwhelming! [..]

My library metaphor for Oink makes more sense than economic analogies: for digital music & data, there’s lots of demand but no scarcity at all, which either requires that we rebuild an economic model not based on supply & demand, or start embracing commons analogies. I like living from my music but I also like libraries, the ideas behind of libraries… [..]

Oink didn’t offer solutions; it highlighted the problems of over-priced, over-controlled music elsewhere. Oink was an online paradise for music fans.

BitTorrent-Seite Oink ist down, Admin verhaftet [UPDATE]

Die BitTorrent-Landschaft erbebt:

Der auf Musik und Musikprogramme spezialisierte BitTorrent-Tracker Oink wurde von der Polizei heute geschlossen, die Server beschlagnahmt und der 24-jährige Administrator verhaftet:

The British and the Dutch police both contributed to the investigation that was initiated by the IFPI and the BPI, two well known anti-piracy organizations. The operation was supported by Interpol who coordinated the international cooperation.

Eine Aktion im großen Stil.

According to early reports OiNk’s servers were confiscated in Amsterdam last week.

Das stimmt so nicht. Die Seite war gestern noch online.

Was ist Oink?

Oink ist/war ein privater BitTorrent-Tracker. Das heißt, man bekam in der Regel nur durch Einladung eines anderen Mitglieds Zugang. Trotz dieser einschränkenden Struktur hatte Oink zuletzt eine Mitgliederanzahl von über 180.000. Oink war damit einer der größten privaten BitTorrent-Tracker überhaupt.

Da man bei privaten Trackern ein angemessenes Verhältnis zwischen Upload und Download aufrechterhalten und dementsprechend seeden (=Anbieten von gesamten Dateien) muss, um nicht ausgeschlossen zu werden, sind die Downloadraten bei privaten Trackern ausgesprochen gut. In der Regel liegen bei ihnen die Downloadraten an der Obergrenze des eigenen Internetanschlusses.

Man kann also bei privaten BitTorrent-Trackern ab einer bestimmten Größe mit Fug und Recht von einer der vielleicht effektivsten P2P-Varianten überhaupt sprechen.

Es verwundert also nicht, dass die großen privaten BitTorrent-Tracker zu Zielen der Urheberrechtsindustrie werden.

BBC-Meldung:

Users were only invited to join the site if they could prove that they had music to offer, according to an IFPI spokesman.

Bullshit. Falschinformationen, die man natürlich so auch in der IFPI-Pressemitteilung findet:

OiNK operated an exclusive membership scheme by which users were only invited to join the site if they could prove that they had music to offer.

Weitere Meldungen zum Thema, teilweise leider falsch:

- Onlinekosten.de - Schlag gegen illegale Internet-Musikbörse OiNK:

Die Server der Website seien vergangene Woche in Amsterdam von der Polizei beschlagnahmt worden.

Das kann wie gesagt nicht sein, da die Seite Anfang dieser Woche noch erreichbar und funktionsfähig war.

Die Bedingung für eine Mitgliedschaft bei OiNK war, dass der Anwärter selbst Musik anzubieten hat.

Gah!

- NZZ Online copy&pastet die AP-Meldung:

Die Website OiNK, die nur auf Einladung zugänglich war, hatte sich darauf spezialisiert, Alben vor ihrem offiziellen Start zu verbreiten.

Die Spezialisierung lag auf Musik. Der hier erwähnte Aspekt wurde nur in der IFPI-Pressemitteilung hervorgehoben.

Die 180′000 Mitglieder «spendeten», um die Alben hoch- oder herunterzuladen, die auf der Website oft schon mehreren Wochen früher zu haben waren.

Spenden konnte, wer die Ratio nicht aufrechterhalten konnte wer sich vor Deaktivierung wegen Inaktivität schützen wollte. Quasi ein ‘Freikaufen’. Man konnte sich so auch einen höheren Status erkaufen, der das Einladen anderer User erlaubt. Notwendig zur Nutzung der Seite war das nicht.

- futurezone.ORF.at (wo man lediglich die Reuters-Meldung umformuliert und zur BBC und zur IFPI-Meldung linkt, nicht aber zum Torrentfreak-Blog, von dem man weitere Informationen indirekt zitiert)

UPDATE:

Ich mache es mir jetzt hier zur Aufgabe, die Schlampigkeit und Industriehörigkeit der Agenturen (wurde da mehr gemacht als die IFPI-Pressemitteilung zu übernehmen?) an diesem Fall beispielhaft zu dokumentieren:

Süddeutsche copy&pastet die AFP-Meldung:

Die Bedingung für eine Mitgliedschaft bei OiNK war, dass der Anwärter selbst Musik anzubieten hat.

Nochmal: Man musste selbst keine eigene Musik in das Oink-System einspeisen, um dort beizutreten.

Eine der Bedingungen für eine andauernde Mitgliedschaft war zwar das Uploaden runtergeladener Musik. Das Verhältnis Up- zu Download wurde aber zum ersten Mal erst ab 5GB Download überprüft.

Das heißt, solange man 5GB Download nicht überschritt, hatte man nicht die Verpflichtung, selbst Musik hochzuladen.

Die Ratio-Tabelle von Oink fand ich gerepostet mangels Alternativen eben hier (heh, Recherche):

Level | Download Amount | Minimum Required Ratio | Grace Period
0 Less than 5GB None None
1 5.00 GB - 10.00 GB 0.15 14 days
2 10.00 GB - 25.00 GB 0.20 None
3 25.00 GB - 50.00 GB 0.25 None
4 50.00 GB - 75.00 GB 0.30 None
5 75.00 GB - 100.00 GB 0.35 None
6 100.00 GB - 125.00 GB 0.40 None
7 125.00 GB - 150.00 GB 0.45 None
8 150.00 GB or more 0.50 None

(Falls jemand eine gecachete Version der Rules/FAQ/wieauchimmerdashieß direkt von Oink findet, wäre ich sehr froh. Bin mir aber nicht sicher, ob das überhaupt öffentlich zugänglich war.)

Dass man allerdings bereits uploadet, während man noch runterlädt, ist nebenbei systemimmanent bei BitTorrent und vom User nur bedingt beeinflussbar.

Ich denke, dass mit der ‘Verpflichtung zur Bereitstellung von Musik’ in allen Meldungen eine simplifizierte, leider irreführende Beschreibung für das Ratio-System gemeint ist. Oder es ist eine blinde Übernahme der IFPI-Pressemitteilung. Je nach dem, wie viel Glauben man noch in das Agenturwesen und den Journalismus allgemein hat.

Heise-Serie zu freien Inhalten

heise.de hat eine Serie zu freien Inhalten mit umfangreichen Ausführungen zum Hintergrund und etlichen Links zusammengestellt:

Sehr lesenswerte Lektüre. Leider wieder mal auf absurd viele Seiten klickverwertbar verteilt.

New York Times sagt Adieu zu paid content

..und geht damit den konsequenten, einzig möglichen Weg.

TimesSelect, das PaidContent-Angebot der New York Times wird geöffnet:

After much internal debate, Times executives - including publisher Arthur Sulzberger Jr. - made the decision to end the subscription-only TimesSelect service but have yet to make an official announcement, according to a source briefed on the matter.

Scott Karp von publishing2.com analysiert das recht treffend:

The ability to charge for content in non-digital media like newspapers, magazines, and cable TV was based on a limited supply of content and monopoly control of distribution. The web and digital media have generated an overabundance of content — not just a spike in high-quality content but, more disruptively, and even larger spike in “pretty good” or “good enough” content. The web has of course utterly destroyed destroyed distribution monopolies. Anyone can create and distribute content on a meaningful scale.[..]

As smart, talented, and insightful as the New York Times columnists behind the paid wall are, the are too many other smart, talented, insightful commentators publishing their thoughts on the web for free.

(Hervorhebungen von mir)

Neben dem Fehlen des persönlichen Mehrnutzens für den einzelnen Konsumenten, der den Preis für ihn rechtfertigen würde, wie Karp ausführte, kommt noch eine weitere Komponente dazu, die gegen Nichtzahler ausschließenden Paid Content im Netz arbeitet:

Die fehlende Sichtbarkeit des Bezahl-Inhaltes. Sowohl in den Suchmaschinen (hat Karp auch erwähnt) als auch auf Aggregatoren, wie Techmeme oder Rivva beispielsweise, muss dieser walled content zwangsläufig fehlen. Was aber lediglich ein Indiz dafür ist, dass er außerhalb der Diskussion, und damit der Aufmerksamkeitsströme, im Netz läuft.

Mit der Zunahme an partizipativen Medien geht der Erfolg von Bezahlcontent somit zwangsläufig zurück. Denn Erstere entziehen Zweiterem Aufmerksamkeit und damit die Existenzgrundlage, muss ihre stetig zunehmende netzumspannende Diskussion doch ohne ihn stattfinden.

 

(via hackr)

Eine interaktive Filmproduktion made in Mittweida

Der folgende Artikel wurde für das Chemnitzer Stadtmagazin 371 geschrieben. Er ist damit an ein nicht so webaffines Publikum gerichtet, wie es unsere treuen neunetz-Leser in der Regel sind. Das unter filmtrip.de mit Blog, Video- und Podcast entstandene interaktive Filmprojekt halte ich allerdings für äußerst spannend und durchaus für ein Beispiel, wie man künftig auch ohne großes Budget online ‘Buzz’ erzeugen kann. Wenn das dann auch noch so sympathisch geschieht, umso besser. Deshalb wollte ich diesen Artikel Neunetzanhängern außerhalb von Chemnitz nicht vorenthalten:

Das Internet ist schon ne Wucht. In Zeiten, in denen das Fernsehen von billigen Reality- und Gerichtsshows überflutet wird, flüchten viele zur Unterhaltung ins Netz. Und da kann man sich nicht nur berieseln lassen. Sondern auch aktiv am Geschehen teilnehmen, wenn man das möchte.

selfmade movie mittweide

Wo sonst hat man schon die Möglichkeit, sich direkt am Entstehen eines Kinofilmes zu beteiligen? 4 kurzfilmerprobte Studenten des Fachbereichs Medien an der FH Mittweida haben unter filmtrip.de ein beeindruckendes Filmprojekt auf die Beine gestellt. Das Roadmovie mit dem vorläufigen Titel ‚Mitfahrgelegenheit’ handelt vom wohlhabenden Studenten Frank, dem einfach gestrickten Automechaniker Tom und ihrer gemeinsamen Reise im Wohnmobil von Deutschland nach Spanien. Es geht um gesellschaftliche Spannungen und die Bedeutung von Freundschaft.

Der Film wurde auf außergewöhnliche Weise umgesetzt: Die gesamte Crew fuhr die im Film thematisierte Strecke selbst ab und filmte die Szenen in chronologischer Reihenfolge. Zusätzlich konnten Interessierte über Blogeinträge, Videos und Podcasts (zeitunabhängiges Webradio) die Entstehung des Filmes mitverfolgen und sogar darauf Einfluss nehmen. 80 bis 90% des Castingprozesses wurde durch das Onlinevoting bestimmt, so Tino Kreßner, Produzent und Verantwortlicher für alle Webangelegenheiten. Das habe sich im Ergebnis als sehr glücklich erwiesen. Als Darsteller konnte man den noch relativ unbekannten Martin Kaps und den aus der ersten Staffel von ‚Verliebt in Berlin’ bekannten Matthias Dietrich gewinnen. Beide sind von Anfang bis Ende begeistert und mit vollem Einsatz dabei gewesen, erzählte uns Kreßner. Auch in den begleitenden Videos auf der Seite kann man sehen, mit wie viel Spaß die Crew bei der Sache war. Kleinere Probleme, wie die Tatsache, dass Teile der Ausrüstung auf einem Rastplatz gestohlen wurden oder dass Dietrich aufgrund der Bekanntheit von ‚Verliebt in Berlin’ in Frankreich öfters mit Autogrammgeben vom Drehen abgehalten wurde, konnten die umtriebigen Studenten nicht vom erfolgreichen Abschließen des Films abhalten. Nun stehen die Postproduktion und Alles was zu ihr gehört noch an. Einen endgültigen Filmtitel sucht man noch. Und auch hier wird das Publikum wieder einbezogen. Bis Ende Juli werden Vorschläge gesammelt und bis zum 15. August wird man über diese abstimmen können, so Kreßner. Wenn der Film in den Kinos gut ankommt und ein Erfolg wird, können sich die Studenten ein weiteres Projekt dieser Art gut vorstellen.

Denn den fertigen Film wird man nicht nur im Internet sehen können. Die Macher werden nach der Fertigstellung einen Verleiher suchen und, wie wir hoffen, auch finden. Im Frühjahr 2008 wird man dann in gut sortierten Kinos sehen können, was aus der Mitarbeit zwischen Mittweida und dem Internet entstanden ist. Vorher wird es aber bereits am 25.8.07 eine Premierenparty zum Trailer des Films im Freibad in Sachsenburg geben. Neben einem standesgemäßen roten Teppich werden dort neben dem Trailer unter Anderem auch Kurzfilme von der Chemnitzer Filmwerkstatt zu bewundern sein.

www.filmtrip.de

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