Zeitungen verlieren Werbeeinnahmen an Google und Facebook, weil diese besseren Gegenwert liefern

Ben Thompson analysiert knallhart die Situation der Presseverlage:

newspapers are paying the price for having long ago divorced the cost of their content from the value readers place upon it. To put it another way, it’s not that “the Internet has unbundled advertising from content creation,” it’s that advertisers (rightly) don’t give a damn about journalistic ideals. It is incredibly tiring to hear newspaper defenders talk as if advertising dollars are their god-given right, and that Google and Facebook are somehow stealing from them, when in reality Google and Facebook are winning in the fairest way possible: providing better value for the advertiser’s dollar.

Betrachtet man die Diskussion hierzulande, kann man regelmäßig zu dem Schluß kommen, dass sowohl die Presseverleger als auch diejenigen, die meinen, ihnen gute Ratschläge zu ihrem Geschäft geben zu können, vollkommen verkennen, wie schwierig bis aussichtslos die Lage für fast alle Presseverlage sein wird.

Das Problem, das Dilemma hinter dem Buzzwort 'Disruption', liegt in der Unfairness der neuen Situation. Die Konkurrenz wird bestenfalls ignoriert weil sie nicht als Konkurrenz wahrgenommen wird:

You may consider the comparison unfair – an entire newsroom putting out a daily edition as compared to a solo blogger posting one article – but the unfairness is the point. No one shared my article because it was from Stratechery, but then again, no one shares an article today just because it’s from the New York Times; all that matters is the individual article and its worth to the reader and potential sharer. As a writer, this is amazing. When it comes to reader attention, I am competing on an equal footing with The New York Freaking Times! Unfortunately for The New York Times, when it comes to making money they’re competing with Google and Facebook. Most distressingly, though, when it comes to costs, they’re competing with the last 150 years. Everything from printing presses to sales and marketing is deadweight if advertising is not a sustainable model.

Die Chancen für Autoren1 sind enorm. In Deutschland könnten wir allerdings vor einer dunklen Zeit stehen, weil von den freiwerdenden Journalisten bisher kaum auch nur ein zartes Interesse daran zu erkennen war, die neuen Möglichkeiten beim Schopfe zu packen.2 Im Gegensatz, wie so oft bei diesen Themen, zu den USA natürlich.


  1. Es ist vielleicht an der Zeit, die Bezeichnung 'Journalist' nicht mehr konstant zu benutzen, weil das damit verbundene mentale Bild Scheuklappen mit sich bringt. “Wie kann Journalismus überleben?” ist zum Beispiel bereits eine Frage, die dank ihrer irreführenden Prämissen nie zu der Antwort führen wird, die man eigentlich sucht. 

  2. Stattdessen könnte man den Eindruck bekommen, dass jede Entlassungswelle im Printsektor dazu führt, dass die Betroffenen geschlossen in den PR-Bereich wechseln. Dieser Schritt ist nachvollziehbar, lässt aber auch Hunger auf Neues in der journalistischen Branche vermissen. Nebeneffekt: Die deutsche PR-Branche war noch nie so gut mit Kontakten zu den (noch) bestehenden Redaktionen ausgestattet. 

Nuzzel: Der beste persönliche Linkaggregator für Twitter und Facebook

In den letzten Jahren sind einige Werkzeuge gekommen und gegangen, mit denen man bei Twitter und Facebook auf dem Laufenden bleiben kann. Ein Prinzip, das naheliegend und deshalb von vielen Unternehmen getestet wurde, ist die simple Aggregation von Links. Verlinken viele meiner Kontakte die gleiche Adresse, wird sie, weil populär in meinem Bekanntenkreis, als eben solche dargestellt.

Auf diese Weise lassen sich Zusammenfassungen erstellen. Sieben Freunde verlinkten hierhin, drei Freunde verlinkten dorthin.

Twitter selbst bietet zum Beispiel die Möglichkeit an, jeden Tag eine solche Zusammenfassungs-Email zu bekommen, die die Aktivitäten in der eigenen Timeline vom letzten Tag zusammenfasst. Diese Emails sind für jeden, der zwar grundsätzlich an den auf Twitter zirkulierenden Informationen interessiert ist, aber den Twitter-Client nicht den ganzen Tag nebenbei laufen lassen möchte, unersetzlich.

Beispiele für Startups, die diese Emailzusammenfassungen und deren Funktionalität auch per Website bieten, sind etwa Paper.li und The Tweeted Times. Leider gehen sie nicht darüber hinaus und denken das Prinzip nicht weiter.

Seit einem dreiviertel Jahr nutze ich Nuzzel. Nuzzel ist innerhalb kürzester Zeit zu einem unverzichtbaren Werkzeug für meinen täglichen Nachrichtenkonsum geworden. Ich bin damit nicht allein. Nuzzel hat eben die Private Beta verlassen und kann nun von jedem genutzt werden. Die Reviews sind mehrheitlich begeistert. The Verge:

Abrams, who is best known as the creator of the early hit social network Friendster, is the developer behind Nuzzel, a daily recap of your social media feeds that brings an element of the RSS reader to Twitter and Facebook. The service, which comes out of beta today, is an easy way to see what your friends are talking about. I’ve used the service for more than a year, and it’s a surprisingly effective tool for staying on top of the news.

Das Besondere an Nuzzel ist die Funktionsvielfalt. Die einzelnen Stories erhalten etwa mehrere weiterführende Links:

2014 03 19 um 11 03 27

Nuzzel kann ebenfalls eine tägliche Zusammenfassung per Email versenden.

Das Beste aber sind die Einstellungsmöglichkeiten: Statt auf einen täglichen Rhythmus festgesetzt zu sein, kann man auf Nuzzel die populärsten Links der letzten Woche aber auch der letzten 8, 4, 2 Stunden oder der letzten Stunde anzeigen lassen. Ohne ständig von Twitter und Facebook, das ebenfalls integriert werden kann, abgelenkt zu werden, lässt sich hier einstellen wie tief man just in diesem Moment in das Geschehen eintauchen will.

Nuzzel ist ein unverzichtbares Werkzeug in meinem Arbeitsalltag geworden. Jeder Twitter- oder Facebook-Nutzer im Nachrichtengeschäft sollte sich Nuzzel anschauen.

Niggemeier durfte nicht im Spiegel über Leistungsschutzrecht berichten, weil er zu kritisch war

Stefan Niggemeier im Journalist:

Ich bin Unterstützer der Initiative gegen ein Leistungsschutzrecht (IGEL). Bevor der Bundestag ein entsprechendes Gesetz für die Presseverlage verabschiedet hat, hatte ich einen entsprechenden Button auf meiner Internetseite, mit dem ich mich als Gegner dieses Vorhabens erkennbar machte.

Nach Ansicht maßgeblicher Kollegen beim Spiegel, für den ich eineinhalb Jahre schrieb, hat mich das disqualifiziert, im Blatt über das Thema zu berichten. Mein öffentliches Bekenntnis zu meiner Position machte mich in ihren Augen zu einem nicht mehr unabhängigen Berichterstatter über das Thema. (Der Spiegel-Verlag ist übrigens für das Leistungsschutzrecht.)

Wohlgemerkt: Ich war unabhängig. Ich wurde nicht von Google oder anderen Leistungsschutzrecht-Gegnern in irgendeiner Form bezahlt. Ich war kein Mitglied eines Vereins und habe an keinen Gruppentreffen oder Ähnlichem teilgenommen. Ich war nur der Meinung, dass ein solches Gesetz falsch und schädlich ist. Und insbesondere angesichts der Art, wie Verlage und die in ihren Diensten stehenden Journalisten ihre Macht ausnutzten, fand ich es richtig, den Kampf dagegen auch aktiv und sichtbar zu unterstützen – durch das Logo auf meiner Seite.

Die maßgeblichen Kollegen beim Spiegel hatten offenbar kein größeres Problem damit, wie die deutsche Presse fast ausschließlich über das Leistungsschutzrecht berichtet hat; nämlich einseitig positiv, durchsetzt mit Verschleierungen von Eigeninteressen, vielen Halbwahrheiten und Lügen. Niemand könnte behaupten, dass die Berichterstattung sich auch nur in der Nähe einer den journalistischen Ansprüchen genügenden Darstellung befunden hätte. Was Stefan Niggemeier beschreibt, zeigt beispielhaft, wie wenig unabhängig Redaktionen tatsächlich von den Unternehmen sind, in die sie eingebettet sind, wenn es darauf ankommt.

Das Leistungsschutzrecht und die Kampagne in der deutschen Presse dazu ist ein besonders hervorstechendes Beispiel dafür, wie strukturell schwach eine massenmediale Öffentlichkeit ist.

Mediendisruption: Französische Nachrichtenmagazine brechen zusammen

Frédéric Filloux, General Manager für Digitales bei Les Echos, einer großen französischen Finanzzeitung, berichtet auf Monday Note über die Lage bei den französischen Medien:

Two weeks ago, with a transaction that reset the value of printed assets to almost nothing, the French market for newsmagazines collapsed for good. Le Monde acquired 65% of the weekly Le Nouvel Observateur for a mere €13.4m ($18m), at a valuation of €20m ($27m). In fact, thanks to convoluted transaction terms, Le Monde will actually disburse less than €10m for its controlling share.
[..]

I discussed this situation with financial analysts in Paris and London. They are unforgivingly critical of the causes for this unprecedented value depletion. For a start, newsweeklies paid the price of deteriorating copy sales (roughly -15% for 2013) and of an anemic advertising market. But the real sin, these analysts point out, is the delay in transforming and restructuring companies. One put it bluntly: “It is clear there won’t be a single euro left for shareholders who didn’t do their job. Today, every acquisition on the French market is first and foremost weighed down by the need for a costly restructuring, which, in addition, will take three or for times longer than in the UK or elsewhere in Europe”.

Und was kann man potentiellen Käufern empfehlen? Die Antwort ist vergleichbar mit dem Häuserkauf. Es ist oft aufwendiger und damit teurer ein verfallenes Haus aufzubauen als ein neues Haus von Grund auf hochzuziehen:

Those who advise potential buyers are quick to point out that, if the goal is to take a position in the digital world, their money would better be spent in building a pure player from the ground up. With €20 or 40 million, you can definitely build something powerful in the journalistic field.

Ähnliches gilt für Deutschland.

Warum manche Journalisten Glenn Greenwald hassen

David Sirota hat auf PandoDaily eine lesenswerte Zusammenfassung der Verflechtung des alten Presseoligopols mit der Macht und der daraus erwachsenden Abneigungen der Insider gegen Menschen wie Glenn Greenwald, die das etablierte Machtgefüge aufbrechen, verfasst:

For obvious reasons, this teetering power structure remains sacrosanct to everyone in media and government that it still so loyally serves. It has quite literally made billionaires out of legacy media owners, millionaires out of the laziest pundits, hundred-thousandaires out of the oligopoly’s careerist correspondents who never even try to break real news — all while helping reduce the flow of information and, by extension, protecting the most powerful government officials from public scrutiny. Not surprisingly, all of these players have a vested political and financial interest in protecting this system.

Thus, when from outside the oligopoly, a swashbuckling muckraker like Greenwald drops huge stories in multiple outlets, and those stories keep going global without the involvement of the gatekeeping oligopoly, these players go apeshit on him. They see him not merely as an intrepid journalist, but even more as a kind of Teddy Roosevelt-esque trust-buster representing the end of oligopoly and the beginning of a new reality. And that scares the crap out of the old order.

In Deutschland wurde Grennwald selbst kaum angegriffen. Das liegt aber auch daran, dass er als Amerikaner vornehmlich in einer britischen Zeitung über zuvorderst amerikanisch-britische Themen berichtet, die aufgrund der ausgenutzten Möglichkeiten der Digitalisierung auch uns direkt betreffen.

Wäre er ein deutscher, journalistisch arbeitender Außenseiter, der über die deutschen Geheimdienste eine Ungeheuerlichkeit nach der anderen aufdeckt, würde das ganz anders aussehen.

(via Hugo E. Martin)

Was der Guardian plant und was er nicht plant

Dirk von Gehlen:

Im britischen Independent gibt es ein interessantes Stück über Andrew Miller, Verlagschef beim Guardian

He is against the idea of a hard digital paywall (such as that used by The Times) and considers a “freemium” soft paywall (as used by The Daily Telegraph) to be “the worst loyalty scheme in the world” because regular users are charged.

His own preference is a “membership”, with users signed up to have “deeper engagement” with the paper. Mr Miller also wants members to be “participating in little events” which are Guardian-branded.

Das klingt alles sehr vernünftig. Besonders die Beschreibung von abgestuften Bezahlschranken, wie sie etwa die New York Times und die NZZ einsetzen, trifft es recht gut.

Der Guardian gehört mit The Atlantic aktuell zu den spannendsten etablierten Massenmedien, weil beide sich innovativ neu erfinden und in vielen Bereichen weiter denken als ihre Konkurrenten.

Studie: 30% aller US-Amerikaner bekommen News über Facebook, 10% über YouTube, nur 8% über Twitter

Das Pew Research Center hat unter 5.100 Befragten untersucht ob und wie Nutzer verschiedener Netzwerke diese für den Konsum von News nutzen:

Roughly half of both Facebook and Twitter users get news on those sites, earlier reports have shown. On YouTube, that is true of only one-fifth of its user base, and for LinkedIn, the number is even smaller. And Pinterest, a social pin board for visual content, is hardly used for news at all.

Die absolute Größe der Netzwerke spielt logischerweise eine Rolle, wenn es um die Bedeutung für den gesamten Newsbereich geht:

Facebook is by far the largest social networking site among U.S. adults, and with half of its users getting news there, is also the largest among U.S. adults when it comes to getting news. As discussed in an earlier report, roughly two-thirds (64%) of U.S. adults use the site, and half of those users get news there—amounting to 30% of the general population. YouTube has the next greatest reach in terms of general usage, at 51% of U.S. adults. Thus, even though only a fifth of its users get news there, that amounts to 10% of the adult population, which puts it on par with Twitter. Twitter reaches just 16% of U.S. adults, but half (8% of U.S. adults) use it for news. reddit is a news destination for nearly two-thirds of its users (62%). But since just 3% of the U.S. population uses reddit, that translates to 2% of the population that gets news there.

30 Prozent aller US-Amerikaner bekommen also ihre News zum Teil über Facebook. Bei YouTube liegt die Zahl immerhin bei 10 Prozent der US-Amerikaner. Twitter kommt mit seiner geringen Verbreitung auf nur 8 Prozent.

Das zeigt erneut, wie sehr das oft als wichtigstes Newsnetzwerk angesehene Twitter in Journalistenkreisen überschätzt wird. Journalisten, Analysten und Blogger mögen ihre News über Twitter bekommen, aber je mehr man in andere Kreise der Bevölkerung reingeht, desto schneller verschwindet Twitter von der Bildfläche. In Deutschland dürften die Unterschiede zwischen den Netzwerken (Facebook, YouTube auf der einen Seite, Twitter auf der anderen) sehr viel größer sein.

Ebenso faszinierend wie beunruhigend ist die Erkenntnis, dass recht viele Nutzer nur ein Netzwerk benutzen. Besonders Facebook-Nutzer scheinen ihren Social-One-Stop-Shop gefunden zu haben:

A look at the five social networking sites with the biggest news audiences shows that a majority of news consumers on those sites (65%) get news from just one, and for 85% of those, it is Facebook. About a quarter (26%) gets news on two of those sites. And 9% get news on at least three.

Auf Facebook findet man sie alle:

More than half of adults who get news on Twitter, Google Plus, LinkedIn and YouTube also get news on Facebook. Aside from that, the shared audience between these sites is relatively small.

Google macht mehr Umsatz als US-Tageszeitungen oder US-Magazine

(Update am Ende des Artikels) Bemerkenswerte Grafik auf Business Insider:

In allen Fällen wird mit Werbung das meiste Geld verdient.

Anmerkungen:

  • Noch einmal: der rasante Fall der Werbeeinnahmen der US-Tageszeitungen.
  • Wie gering Googles Einnahmen gemessen am gesamten Werbekuchen (oder dessen potenzieller Größe) sind.
  • Es gibt eine klare Lücke hoher Einnahmen, die bei Tageszeitungen und Magazinen weggebrochen sind aber nicht zu Google gegangen sind.
  • Was ist in den letzten Jahren in den USA mit Branding passiert? Auf Markenbildung konzentrierte Werbung ist weg von Tageszeitungen und Magazinen gegangen, aber sie konnte nicht in die Textwerbung von Google gehen.
  • Zum vorherigen Punkt auf heute bezogen: Dollarzeichen in den Augen der Manager von Facebook und Twitter.

Update: Kommentar von Hugo E. Martin:

Die Werbeeinnahmen der Medien 2012 in den Staaten betrugen laut ZenithOptimedia insg. 159,7 Mrd. USD. Auch wenn alle Anmerkungen stimmen, die Zahlen selbst sind nicht wirklich vergleichbar. Die Google Zahlen stammen aus dem Annual Report Form 10-K, die NAA Zahlen sind Prognosen, die Aufteilung beruht auf Angaben von 15 Unternehmen und im PIB (MBA) werden lediglich “über” 200 Consumer Magazine (von rd. 7.000) ausgewertet.

Leistungsschutzrecht: Axel Springer setzt auf VG Media, VG Wort hat auch Interesse

Henning Kornfeld auf kress.de:

Die Axel Springer AG will Abgaben aus dem Leistungsschutzrecht für Presseverleger von der Verwertungsgesellschaft VG Media eintreiben lassen. [..] Neben der VG Media hat auch die VG Wort den Finger gehoben: Sie will Ende November bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung die Voraussetzungen dafür schaffen, das neue Leistungsschutzrecht der Presseverleger wahrnehmen zu können.

Für die Urheber in der VG Wort wäre es aufgrund der Interessenskonflikte außerordentlich ungünstig, wenn die VG Wort sich noch stärker in Richtung Presseverlage bewegt.

Quartz: Wie eine rein digitale Publikation erfolgreich sein kann

Quartz, die neue, rein digitale Wirtschaftspublikation von Atlantic Media, dem Publisher des renommierten Monatsmagazins The Atlantic, ist beeindruckend. Sie zeigt nicht nur mit dem konsequenten Streamdesign und einer ‘simplen’ responsiven Site statt Apps für alle Plattformen, welche Prioritäten man als Publisher technisch haben sollte sondern überzeugt auch inhaltlich mit ihrer Konzentration auf ‘Obsessionen‘ statt Beats. All das macht sich in den Zahlen bemerkbar.

Frédéric Filloux in seiner lesenswerten Analyse auf Monday Note:

according to Kevin Delaney, 85% to 90% of its traffic is “earned” and social referrals account 50% of the site’s traffic. In other words, the traffic coming from people typing http://qz.com in their browser accounts for only 10-15% of the volume. To put things in perspective, on a legacy media site, social traffic weighs about 5% — in some rare cases 10% — and around 40% to 50% of the pages views are generated via the home page.

Man könnte auch sagen, die traditionellen Medien leben bei ihren Onlineauftritten noch immer mehrheitlich von der über Jahrzehnte aufgebauten Printmarke, ohne dass sich das in der (geringen) Interaktion mit ihren Inhalten online widerspiegeln würde.

Konkret: Wer es nicht schafft, die direkten Zugriffe so zu steigern, dass der Homepagetraffic auf mindestens ein Drittel sinkt, bleibt online hinter den Möglichkeiten der lesergetriebenen Distribution auf Artikelbasis (vulgo Viralität) zurück. (Meines Wissens nach ist das in Deutschland noch keinem traditionellem Presseverlag online gelungen. Falls jemand anderes weiß, bitte ich um Hinweise in den Kommentaren.)

Digitaler Reichweitenerfolg relativiert sich vor diesem Hintergrund schnell und das zeigt, eigentlich, auch Marktpotenziale für Neueinsteiger auf. Auch und besonders hierzulande.

(via unter anderem Carsten Pötter)

Fotosharingwebsite Imgur erreicht jetzt 100 Millionen Besucher pro Monat

Imgur übersteigt damit sogar Reddit um ein Vielfaches. (Boulevard-)Medien wie Bild.de konkurrieren bei den Werbeplätzen auch mit Anbietern wie Imgur. Das sei nur erwähnt, falls irgendjemand glaubt, es würde irgendwann für Massenmedien wieder einfacher auf dem Werbemarkt.

Venturebeat bringt noch etwas Kontext ein:

For perspective, that puts Imgur into the top 30 most trafficked websites in the U.S. alongside IMDb, Apple.com, Yelp, Netflix, and AOL, according Alexa’s traffic rankings. Imgur also gets about 27 million more unique visitors per month than community news sharing site Reddit. This is particularly impressive because in many ways, Imgur owes its origins to Reddit – which is where Imgur first rose to popularity and continues to be the preferred image hosting service of Reddit members today. Additionally, Imgur generates 2 billion daily image views, too.

Googles ‘Chefökonom’ Hal Varian erklärt Mediendisruption

Hal Varian hat gemeinsam mit Carl Shapiro mit dem Buch "Information Rules" 1998 einen der ersten Klassiker der Internetökonomie vorgelegt. Seit einigen Jahren arbeitet der ehemalige Professor nun als ‘Chefökonom’ für Google.

In Italien hat er vor ein paar Tagen in einer Präsentation noch einmal die aktuell stattfindende Mediendisruption erklärt.
In Kurzform:

  • Die Zeitungsauflagen fallen seit langer Zeit. In den USA war der Auflagenhöhepunkt 1972. Das Internet ist nicht der Auslöser für die Misere, ‘nur’ ein weiterer Beschleuniger.
  • Für die Verbreitung von Nachrichten in Textform (und in jeder anderen Form) ist das Internet als Transportkanal Papier (und bei anderen Formen linearem Radio und Fernsehen) schlicht überlegen.
  • Tageszeitungen sehen sich einer immer größer werdenden Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der potenziellen Leser gegenüber. (Facebook, Twitter, Blogs, etc.)
  • Presseverlage haben nie mit den Nachrichten selbst Geld verdient, sondern über die Möglichkeiten, die aus der Bündelung entstanden sind, die online nicht mehr funktioniert. (Immobilienanzeigen stehen nicht neben Artikeln auf FAZ.net sondern auf Immoscout zum Beispiel.)

Mathew Ingram fasst die Punkte auf PaidContent.org noch einmal zusammen. Hier der in der Debatte so oft wiederholte wie ignorierte Punkt zur Entbündelung:

Varian also noted something that I and others have tried to argue for some time — that newspapers have never really made money from news, and so the idea that they can suddenly flick a switch and start charging for their news content online (or that some kind of “original sin” was created by not charging for it in the early days of the web) makes no sense. The news business was always cross-subsidized by classifieds and stock listings and the travel, section, Varian says, something media theorist Clay Shirky has also pointed out a number of times. That cross-subsidization doesn’t work as well online:

“Traditionally, newspapers made money from ads in the finance section, home and garden, automotive, entertainment, travel, classified and fashion sections. Why? Because that’s where advertisers could target readers interested in those subjects. But what sorts of ads can a newspaper show next to a “pure” news story on an earthquake in Haiti or a bombing in Baghdad? “Pure news” has very high social value to interested readers, but has low commercial value due to the difficulty of showing contextual relevant ads.”

Lloyd’s List: Älteste Zeitung der Welt stellt Printausgabe ein

The Guardian:

The paper, founded in 1734, is regarded as the leading news, analysis and data source for the global shipping industry.

So the decision by its owning company, Informa, to stop printing is rightly viewed as a landmark moment.

It follows a survey of readers in June this year which showed that more than 97% prefer to access information online. Fewer than 2% of Lloyd’s List readers read the print version.

So it goes.

Impotente Medien

Das starke Abschneiden der CDU/CSU in der Bundestagswahl, die nur knapp an der absoluten Mehrheit vorbeigeschrammt ist, wird an einigen Stellen auch als ein Versagen der Netzaktivistenszene gelesen, die die Bevölkerung nicht erreicht hat. Immerhin hat ausgerechnet die Partei ein für sie historisch gutes Ergebnis eingefahren, die seit Monaten den größten Überwachungsskandal der Menschheitsgeschichte verschleiert.

Es gibt ein Versagen, dieses Thema und seine weitreichenden Folgen der Bevölkerung nahezubringen. Aber es geht weit über die Aktivistenszene hinaus. Seit Monaten schreiben die deutschen Massenmedien von FAZ über Spiegel bis Süddeutsche über dieses Thema. Sie haben sich zum Teil erstaunlich festgebissen. Das ist erfreulich. Aber das Wahlergebnis zeigt uns eine düstere Wahrheit, die kaum jemand in der Presse wahrhaben will:

Die deutsche Printpresse hat anscheinend keinerlei Einfluss auf die Meinungsbildung in der Gesamtbevölkerung. Nicht nur das. Sie scheint auch nicht im Stande, die Stimmung der Bevölkerung erfassen und wiederzugeben können. Ganz zu schweigen davon, die Bevölkerung da abzuholen wo sie ist.

Wie ist es sonst zu erklären, dass trotz der Berichterstattung über einen Skandal, der kaum näher an der deutschen datenschützenden Seele sein könnte, diese Berichterstattung, die offen gegen das Verhalten der amtierenden Regierung anschreibt, dieser amtierenden Partei nicht einen Prozentpunkt kostet? Nicht Rückgang, nicht einmal Stillstand. Zuwachs. Ein historisches Ergebnis. Kurz vor der absoluten Mehrheit. Trotz des konstant medial präsenten Skandals. Und alle sind überrascht.

Was für ein Armutszeugnis für die deutschen Massenmedien.

Man kann sich nun streiten, woran das lag. Gründe gibt es reichlich. Meine Vermutung ist, dass es unter anderem auch an der Datenträgernostalgie der Journalisten liegt. Während die Auflagen der Tageszeitungen rückläufig sind, sind ihre Inhalte online seit Jahren nur bruchstückhaft vertreten. Immer mehr Menschen lesen nicht mehr Zeitungen für ihren Nachrichtenkonsum1. Immer mehr Menschen konsumieren ihre Nachrichten online. Die Zahl der Zeitungsabonnenten, die unter 30 sind, dürfte stark gegen Null gehen. Selbst die Zahl der Zeitungsabonnenten, die unter 40 sind, dürfte tendenziell fallen.

Eigentlich ist es nicht so schlimm und vollkommen normal, dass Leitmedien wie die FAZ oder die Süddeutsche nicht direkt die Mehrheit der Bevölkerung erreichen. Sie informieren die Eliten (und leben auch von der Wahrnehmung, von Eliten für Eliten zu sein. “Was ich hier lese, liest jeder wichtige Mensch im Lande ebenfalls.”). Und sie erreichen die Multiplikatoren, diejenigen, die in ihren Bekanntenkreisen besonders belesen und kundig sind. Wenn ich mich als gebildeter Bürger ausführlich über das Weltgeschehen informieren möchte, kann ich zwischen diversen Tageszeitungen wählen. Als Papier der einzige Datenträger für journalistische Texte war, war das kein Problem. Heute ist das Papier selbst das Problem. Heute wird das Festhalten am Papier ein Problem, weil mein Medienverhalten nicht mehr mit dem Datenträger kompatibel ist.

Das führt zu einer größer werdenden Spaltung der Diskurse. Weil die Durchmischung in der Bevölkerung zurückgeht, was den Konsum angeht. Wer heute eine Tageszeitung abonniert, hat nicht nur Interesse am Weltgeschehen sondern auch ein Faible für das alte Papierformat. Für alle anderen bleiben die verkrüppelten Onlineausgaben und die unbenutzbaren Apps.

Seit längerem vermute und befürchte ich eine größer werdende Diskrepanz zwischen den Medien und denen, die sie erreichen wollen und sollten. Langsam aber sicher scheinen wir zu spüren, was diese datenträgergetriebene Diskrepanz bedeutet.

Man konnte das seit Jahren auch an harten Zahlen beobachten. Während die New York Times über Jahre in den USA die reichweitenstärkste Nachrichtensite war, ist es hierzulande, im vermeintlichen Land der Dichter und Denker, Bild Online.

Auch wenn die hiesigen Massenmedien begonnen haben, sich mit dem Web anzufreunden weil es doch nicht weg gehen will und die Haptik des Papiers doch nicht das Killerargument schlechthin war, scheint der Schaden zumindest mittelfristig angerichtet. Der Datenträgerwechsel im Medienkonsum hat einen tiefen Graben geschaffen, der zu einer stärker werdenden Zersplitterung der Öffentlichkeit führt -nur eben anders als von Status-Quo-Apologeten befürchtet-. Diese Zersplitterung hat in jeder Hinsicht weit von der Realität der Bevölkerung entfernte, impotente Medien2 geschaffen.

Das sind keine guten Nachrichten für die deutschen Netzaktivisten. Da es in Deutschland in den letzten Jahren nicht zu einer starken vernetzten Öffentlichkeit gekommen ist,3 sind deutsche Netzaktivisten darauf angewiesen, ihre Themen über die massenmediale Bande4 in die Öffentlichkeit zu spielen.

Funktioniert die Bande nicht, das erleben sie gerade beim Überwachungsskandal, stehen sie hilflos und machtlos da. Sie sind so weit weg vom Rest der Bevölkerung wie die Journalisten, die gestern noch von der Haptik des Papiers schwärmten.

Und unsere Kanzlerin, die nicht stärker Machtmensch sein könnte, hat gerade den ultimativen Beweis erhalten, dass die Medien als Korrektiv sie im Zweifel nicht aufhalten können.

Einen historischen Skandal verschleiern. Über Wochen und Monate dafür in den Leitmedien angeprangert werden. Und trotzdem ein historisches Rekordergebnis bei der Wahl einfahren. Wer würde nicht machttrunken werden?

Uns stehen dunkle Zeiten bevor.


  1. Remember: Fallende Auflagen. 

  2. Natürlich haben sich die Onlineableger der deutschen Medien in den letzten Jahren gebessert, weil Online trotz geringer Einnahmen mittlerweile als wichtig erkannt wird. Aber dieser leichte Kurswechsel kam sehr viel später als der Umschwung in der Mediennutzung.
    Eine Folge ist unter anderem der nach wie vor unbeholfene Umgang mit dem Medium, weil Erfahrung, Marktexpertise und Experimentierfreudigkeit fehlen. Nur sehr selten wird vom klassischen Artikel, wie er auch im Print erscheinen könnte, abgewichen. Selbst die FAZ-Blogs arbeiten ausnahmslos mit epischen Texten statt mit Leichtfüßigkeit. Marken wie die Süddeutsche, die sich jahrelang mit absurden Klickgalerien lächerlich gemacht haben, verbreiten heute lustige Bilder auf Facebook oder Google+. Man könnte diese Aufzählung noch lang fortsetzen. 

  3. Ein Versäumnis all derer, die daran glauben, dass das Web unter dem Strich gesellschaftlich positiv ist, dies aber nicht als Grundlage für ihr eigenes Handeln genommen haben und über die Zukunft nur (in 140 Zeichen) geredet haben, statt sie zu gestalten. 

  4. Wie sehr die Aktivisten auf die Massenmedien angewiesen sind, hat man schön am Durchmarsch des Leistungsschutzrechts für Presseerzeugnisse sehen können. Selbst eine geschlossene Front nahezu aller Experten von Jura über Ökonomie bis Netzthemen gegen dieses Gesetz hat nicht gereicht, um gegen die Massenmedien eine starke Gegenöffentlichkeit bei diesem Thema aufzubauen. 

Mediendisruption: Öffentlichkeit im 21. Jahrhundert

Andreas von Gunten über Massenmedien:

Interessanterweise wird Öffentlichkeit so definiert, dass es sich um einen “Ort” handelt, wo Dialog und Austausch der Bürger stattfinden kann. Während die vielen Zeitungen des 19. Jahrhunderts, diesem Anspruch noch eher gerecht werden konnten, da wohl tatsächlich die meisten, die sich zu dieser Zeit aktiv an der Demokratie beteiligten auch in ihren Zeitungen zu Wort kommen konnten, sind die Massenmedien, wie wir sie seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kennen, längst keine Dialogmedien mehr. Es sind Broadcaster im wörtlichen Sinne, und die Meinungen die dort ausgetauscht werden, sind nicht, die der Bürger & Bürgerinnen, sondern eher zufällig ausgewählter Protagonisten, wie Sportler, Popstars, Mister & Missen und hin und wieder Politikerinnen und Wissenschaftler.
Wenn wir also wirklich daran interessiert sind demokratische Öffentlichkeit im Sinne der oben genannten Vorstellungen zu realisieren, dann sollten wir wohl kaum an den Massenmedien festhalten, sondern die Netzmedien, die viel besser als Dialogmedien geeignet sind, begrüssen.

Der Punkt ist, dass “Öffentlichkeit”, also Reichweite, in welchen Kreisen und in welcher Größe auch immer, nicht mehr zwingend aus der Publikation selbst heraus kommen muss, sondern von außen kommen kann.
Andreas von Gunten:

Richtig, ein einzelner Blog erreicht kaum relevante regelmässige Leserzahlen, aber darum geht es gar nicht. Die Vorstellung, dass sich “Öffentlichkeit” nur dadurch einstellen kann, weil ein Thema massenmedial verbreitet wird, hält sich wohl nur darum so hartnäckig, weil wir es nicht anders gewohnt sind. Dieser These können wir nur schon die Geschichte entgegen halten. Es hat bereits politische “Öffentlichkeit” gegeben, als es noch kein Radio und kein Fernsehen gab, die Zeitungslandschaft viel stärker fragmentiert war und die einzelnen Blätter nur Bruchteile der Auflagen heutiger Massenmedien erreichten.

Wer, wie etwa FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, Blogs vorhält, sie hätten nicht die Reichweite von Massenmedien erreicht und wären deshalb gescheitert, hat wenig davon verstanden, wie sich eine vernetzte Öffentlichkeit von einer massenmedial organisierten Öffentlichkeit unterscheidet oder verfolgt eine Agenda.1

Öffentlichkeit, im großen wie im kleinen, entsteht auf Aggregatoren wie Reddit, über Social Networks wie Facebook und Twitter und Memetrackern wie Techmeme, Rivva und Google News.2
2010 schrieb ich über Aggregatoren:

Liefern die Aggregatoren doch ein gesellschaftsnäheres Bild ab, weil sie die Themen marktlich anhand der Diskurse der Experten gewichten, statt anhand der gering gesamtgesellschaftlich repräsentativen Diskurse zwischen wenigen Personen mit viel Macht innerhalb einer Hierarchie (vulgo: Redakteur).

Tatsächlich ist der Mechanismus natürlich nicht 'marktlich', weil es hier eben keinen Marktmechanismus gibt, sondern eine Art P2P-Produktion, die auf Kooperation aufsetzt – small pieces loosely joined – und nur auf diese, transaktionskostenarme, Art ihr Potential entfaltet.

Über die meines Erachtens unbegründete Angst vor Fragmentierung und der Bildung von Öffentlichkeit im Web schrieb ich vor drei Jahren:

Die Befürchtung: Wenn jeder nur noch auf der Website seines Anglervereins verweilt, statt die FAZ von vorn bis hinten zu lesen, zerfällt die Gesellschaft. Oder: Wenn sich jeder nur noch auf radikalen Blogs am kollektiven Schulterklopfen beteiligt, statt sich über Massenmedien allgemein zu informieren, zerfällt, zersplittert, die Gesellschaft.

Studien, wie die, die Benkler in seinem Buch zitiert, scheinen die letztgenannten Befürchtungen bereits vor 2006 widerlegt zu haben. Das Abschotten scheint eher ein Randphänomen statt ein systemweites zu sein.

Was die Anglervereinshypothese angeht: Informationen und Diskurse besitzen eine unterschiedlich hohe Interessanz für den einzelnen. Je interessanter oder relevanter etwas erscheint, desto wahrscheinlicher ist es, dass diese Information über Gruppen hinweg verteilt werden, die unter Umständen mit dieser Art von Information oder Diskurs gar nichts oder nur wenig zu tun haben.
Der Unterschied zum Fortpflanzen des Diskurses im Web zum selbigen Vorgang im Massenmedienzeitalter ist folgender:

Im Web entscheiden die Einzelpersonen zunehmend selbst, ob sie die Nachricht für verbreitenswert halten. Im Massenmedienzeitalter entscheidet der an der Spitze der internen Hierarchie stehende Redakteur.

Klassische Massenmedien behalten auch weiter einen Platz, dieser wird aber weniger bedeutend. Spiegel Online und, leider, auch Bild Online werden zu den wenigen gehören, die überleben werden. Aber ihre Bedeutung für die Bildung von Öffentlichkeit wird langfristig sehr viel geringer werden. Genau genommen werden sie die Agenda irgendwann kaum noch setzen können.

Wie genau das in Zukunft aussehen wird, ist noch relativ unklar. Klar ist nur, dass wir die neuen Mechanismen viele Jahre bevor sie nach Deutschland kommen werden in den USA und in andern Ländern werden beobachten können.


  1. Wer behaupten würde, dass ein Fachmagazin für Angler, das hinter der Auflage der BILD zurück bleibt automatisch ein Flop ist, würde dafür ausgelacht werden. Denn hier ist das Verständnis von Erfolg und Misserfolg klar etabliert. 

  2. Das Problem in Deutschland ist natürlich, dass hier just mit dem Presseleistungsschutzrecht ein Gesetz verabschiedet wurde, das diese Öffentlichkeitshersteller bei den alten Institutionen genehmigungspflichtig macht und, wie auf neunetz.com zur Genüge ausgeführt wurde, deswegen hierzulande das Innovationspotenzial an dieser wichtigen Stelle eliminiert wird. 

Mehr als bedrucktes Papier: Guardian hat Haltung

Dirk von Gehlen schreibt über den Guardian als ‘Zeitung der Zukunft’ und ein Ort der Freiheit:

In dem Zusammenhang lohnt die Frage, warum der Amerikaner Snowden das eigentlich bei einer britischen Tageszeitung getan hat. Weil diese britische Tageszeitung weit mehr ist als das bedruckte Papier, das man in London kaufen kann. Der Guardian ist dabei sich zu einer weltweiten Nachrichtenmarke zu entwickeln gerade zu der relevantesten weltweiten Nachrichtenmarke geworden. Und das geht womöglich nur, weil man sich entschieden hat auf Bezahlschranken zu verzichten und konsequent auf weltweite Reichweite zu setzen. Der Guardian war für Snowden der Garant, dass seine Enthüllungen eine weltweite Öffentlichkeit erreichen. So merkwürdig das in dem Zusammenhang klingen mag: Auf dieser Logik basiert das künftige Geschäftsmodell der Zeitung, die heute soviel mehr ist als ein Newspaper. Denn natürlich werden auch Werbetreibende, die auf der Suche sind nach einer weltweiten Öffentlichkeit, diesen Mechanismus verstehen.

Ich würde das nicht komplett unterschreiben, Haltung und Reichweite führen etwa nicht automatisch zum Break Even, aber er hat bei vielem recht. Unter anderem: Was der Guardian gerade macht, und das ist nichts weniger als die wichtigste Geschichte seit dem Niedergang der Sowjetunion vorantreiben, wäre hinter einer Paywall nicht möglich. Selbst wenn der Guardian auf eine Bezahlschranke setzen würde, wären die Artikel über den Überwachungsskandal frei zugänglich.

Was Gehlen auch ausblendet ist, wie schwer es für traditionell organisierte Medien bei diesen Themen dank zunehmender staatlicher Zugriffe auch in westlichen Ländern werden kann.

Staatenlose Medieninstitutionen wie Wikileaks sind so notwendig wie nie zuvor

Matthew Ingram argumentiert auf GigaOm, warum die heute bekannt gewordenen Festplattenvernichtungen beim Guardian durch britische Geheimdienstmitarbeiter und die anlasslose Festhaltung des Partners von Journalist Glenn Greenwald erneut zeigen, warum wir staatenlose Nachrichteninstitutionen wie Wikileaks brauchen:

While the idea of WikiLeaks as a media entity is not universally accepted, I and others have argued that it deserves to be thought of in that way: journalism professor Jay Rosen has called it the “first stateless news organization,” and Harvard legal scholar Yochai Benkler has made a persuasive case — both in his writings and in testimony at the Bradley Manning trial — that WikiLeaks is a crucial part of what he calls “the networked Fourth Estate.”

Es geht auch nicht um Wikileaks im speziellen und den leicht egomanischen Assange sondern um die Organisationsform selbst:

Even if WikiLeaks isn’t the best candidate for this kind of entity, either because of Assange’s personal behavior or his management style — or both — there arguably needs to be something similar. Perhaps a group like the hacker collective Anonymous — a diffused and leaderless movement that shares a common goal — but for journalistic documents might work. Or a combination of Anonymous and the file-sharing outlet Pirate Bay, where leakers can send their information and know that it will not fall into the wrong hands. Media outlets have tried to create such entities but mostly failed.

Am Ende des Tages macht die international im Verborgenen von Regierungen und Geheimdiensten vorbei an allen demokratischen Kontrollmechanismen vorangetriebene Totalüberwachung eine globale Gegenwehr für die Aufklärung notwendig.

Da es sich hier auch um eine Krise des westlichen Rechtsstaates handelt, kann sie nur gelöst werden, wenn die offensichtlichen Missbrauchspotentiale der staatlichen Organe die Informierung der Öffentlichkeit nicht effizient verhindern können.

Es erscheint mir offensichtlich, dass das nur gelingen kann, wenn wir uns nicht allein auf zweifellos herausragende Medien wie den Guardian verlassen, die zunehmend in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt werden.

Die Digitalisierung hat den größten Überwachungsapparat der Menschheitsgeschichte ermöglicht. Nur mit ihr lässt er sich auch wieder aufhalten.

Das einzige, das man über den Kauf der Washington Post durch Jeff Bezos wissen muss

Jeff Bezos hat also als Privatmann die Washington Post gekauft. Viel wurde darüber in den letzten Tagen diskutiert und spekuliert. Das wichtigste aber ist in meinen Augen folgendes:

Jeff Bezos ist einer der erfolgreichsten Geschäftsmänner der Welt. Er hat innerhalb der letzten 19 Jahre mit Amazon einen der größten Konzerne der Welt aufgebaut. Ein Konzern, dessen Wachstumsphase (und damit Eroberungsphase, wenn man so will) noch lang nicht abgeschlossen.

Man mag zu Amazon stehen wie man will, aber das ist eine schlicht sensationelle Leistung. Bezos ist einer der wenigen Visionäre in der heutigen (Tech-)Geschäftswelt. Das Valley spricht oft von Visionären. Ich weiß nicht, wo ich das in den letzten Tagen gelesen habe, aber Bezos zählt eindeutig zu den wenigen, auf die der Begriff zutrifft. (Ich würde Zuckerberg und Crowley noch in die Gruppe der aktuell an der Spitze eines Unternehmens stehenden Visionäre hinzuzählen. Es gibt noch einige andere, aber die Gruppe ist kleiner als uns das Silicon Valley glauben lassen will.)

Er hat mit Amazon bewiesen, dass er wie kaum ein anderer konsequent eine langfristige Sicht verfolgen kann und will.

Die Tatsache, dass Bezos die WaPo als Privatperson gekauft hat und nicht als CEO von Amazon für eine Division des Konzerns, deutet auf ein persönliches Interesse hin. Er hat die Washington Post für gerade einmal ein Prozet seines geschätzten Privatvermögens übernommen. Er kann also im Zweifel weiteres Geld in das Unternehmen stecken. Er kann und wird eine langfristige Strategie verfolgen. Man darf nicht vergessen: Das ist die Zeitung, die unter anderem die Pentagon Papers veröffentlicht hat. Die Washington Post ist neben der New York Times die geschichtsträchtigste Presseinstitution der USA.

Wer nun glaubt, dass Bezos das Amazon-Prinzip 1:1 auf die Washington Post legen würde und ihr somit das Blut aussaugen würde, unterschätzt nicht nur den Geschäftsmann und Visionär Bezos, sondern zeigt auch die eigene Beschränktheit in Wirtschaftsthemen auf. Welche Richtung auch immer Bezos dem Unternehmen vorgeben wird, er wird es mit einem pragmatischen Blick auf die langfristige Zukunft der Washington Post machen. Diese wird Ähnlichkeiten mit Amazon haben, aber nur dort, wo es auch tatsächlich Sinn ergibt.

Kurz: Die Washington Post hätte keinen besseren neuen Eigentümer finden können. Sie hat mit einem Schlag die besten Überlebenschancen aller alteingesessenen Presseinstitutionen abbekommen.

Auf einmal entdecken alle, dass Axel Springer kein Presseverlag mehr sein will

Michael Spreng fasst den Verkauf von “Abendblatt” und anderen Blättern nüchtern so zusammen:

“Abendblatt”, “Hörzu” und die anderen verkauften Blätter erwirtschafteten bei 512 Millionen Euro Umsatz eine Rendite von 95 Millionen. Eine Traumrendite. Die meisten deutschen Unternehmen hätten gerne solche Zahlen. Es gab also keine dringende unternehmerische Notwendigkeit für den Verkauf. Aber der frühere Verlag Axel Springers ist auf dem Weg zum Digitalunternehmen. Print stört dabei nur. Preisvergleichsportale statt gedrucktem Wort. Andere Verlage verkaufen schon Tierfutter. Das wird bei Springer auch noch kommen.

Die Axel Springer AG trennt sich vom Papiergeschäft, von der journalistischen Altlast, solang es noch geht. Nur wer nicht aufgepasst hat, hat den Konzern bereits vor dem Verkauf noch als Presseverlag bezeichnet. Mehr als alle anderen deutschen Medienunternehmen ist die Axel Springer AG pragmatisch auf dem Weg in ein rein digitales Geschäft, das mit Journalismus zu tun haben kann aber nicht muss und es deswegen immer seltener tut.

Das ist so offensichtlich wie vorhersehbar. Im Mai 2012 sagte ich im Interview für die Heinrich-Böll-Stiftung zu dieser Entwicklung auch in Hinblick auf das damals kommende und nun beschlossene Presseleistungsschutzrecht:

Früher war Werbefinanzierung direkt an das Presseprodukt gekoppelt, es war ein festes Bündel. Man musste gezwungenermaßen den Journalismus mit produzieren, um über Werbung Geld einzunehmen. Wenn nun aber ein großer Konzern sein Kleinanzeigenportal von seiner Online-Publikation losgelöst hat, findet ja auch die Kostenrechnung vollkommen anders statt. Wenn es entkoppelt ist, lässt sich natürlich sagen: Wir können mit diesem Anzeigenportal genauso gut oder viel mehr verdienen, warum sollen wir dann unsere Publikation, die keinen Gewinn abwirft, damit noch quersubventionieren?

Das ist auch für die Politik interessant: Wenn der Springer-Konzern seine Gewinne immer weniger mit Journalismus bestreitet und gar nicht mehr darauf angewiesen ist, weil er seine Anzeigenportale und Angebote unabhängig von den journalistischen Angeboten betreiben kann, dann ist es nicht sinnvoll, solchen Unternehmen zusätzliche Rechte zu geben oder Gesetze in ihre Richtung zu formulieren. Der Springer-Verlag ist schon jetzt schon nicht mehr darauf angewiesen. Und die Entbündelung zeigt meines Erachtens deutlich: Man sollte sich nicht zu sehr auf die heute etablierten Institutionen versteifen. Sondern lieber darauf achten: Wie findet der gesamte Prozess des Journalismus und die Aufgabenverteilung statt, was können wir da unterstützen?

Nun haben wir relativ offensichtlich leider eine Politik auf Bundesebene, die an all diesen Themen keinerlei Interesse hat, wahrscheinlich den Geschehnissen intellektuell auch gar nicht folgen kann selbst wenn sie wöllte.

Denn sie informiert sich, wo auch sonst, in den klassischen Printmedien, welche selbst vollkommen überfordert mit ihrer eigenen Branche sind. Als Beweis kann man die vielen aufgeschreckten Berichte zum Verkauf der Axel-Springer-Hefte sehen, die zeigen, wie desolat die hiesige professionelle Medienbeobachtung ist.

In der FAZ etwa, die Seite an Seite mit Axel Springer die Lügenkampagne für das Presseleistungsschutzrecht (LSR) vorantrieb, schreibt nun ausgerechnet Michael Hanfeld, selbst für den einen oder anderen LSR-Hardlinerartikel im Hause verantwortlich, dass der Axel-Springer-Konzern es nun den ‘Online-Oligopolisten’ gleich tun wolle. Man möchte Hanfeld fragen, ob er enttäuscht ist, dass Axel Springer kein gemütlicher deutscher Monopolist, so wie es die Presseverlage die letzten Jahrzehnte waren, mehr bleiben möchte. Michael Hanfeld ist sich schließlich auch nicht zu schade zu fragen, “was Springers Kampf um das Leistungsschutzrecht für Verlage eigentlich sollte” ohne den Versuch einer Antwort zu liefern. Ungläubiges Schulterzucken. Das ist die Reaktion des Expertens, der als Redakteur im FAZ-Feuilleton zuständig für „Medien“ ist .

Man kann Axel Springer um solche unfähigen Kritiker beneiden.

Und Angst haben. Angst um die deutsche Presse, die nicht mehr im Ansatz weiß, wo vorn und hinten ist.

Schweizer Presseverleger wollen kein Leistungsschutzrecht mehr

Nick Lüthi in der Medienwoche:

Als Abwehrinstrument gegen Google und andere «Trittbrettfahrer» im Netz forderten die Schweizer Verleger ein Leistungsschutzrecht. Jetzt buchstabiert die Verbandsspitze zurück. Ein solches Sonderrecht brauche es gar nicht.

Überraschende Töne am Rande einer Medienkonferenz des Verbands Schweizer Medien. Im Gespräch mit der MEDIENWOCHE sagt Geschäftsführer Urs F. Meyer: «Ein Leistungsschutzrecht ist für den Verband kein Thema mehr.» Man meint sich verhört zu haben und fragt nach. Meyer präzisiert: «Uns ist es natürlich weiterhin ein zentrales Anliegen, dass die Inhalte der Verlage angemessen geschützt werden.» Aber dazu sei das Leistungsschutzrecht nicht das geeignete Mittel. Punktuelle Anpassungen des geltenden Urheberrechts reichten vollauf.

Dann wird das deutsche Pressleistungschutzrecht vielleicht doch kein Exportschlager.