Golem wird offen(er)e Publishingplattform und testet neues, umsatzbasiertes Honorarmodell

Golem startet eines der spannenderen Experimente der deutschen (Online-)Medienlandschaft. Die Onlinepublikation öffnet die Plattform für externe Autoren, wird aber nicht zur “User Generated Content”-Plattform. Stattdessen arbeitet man mit externen Autoren zusammen, bietet ihnen die Reichweite des etablierten golem.de und bezahlt diese je nach Text erfolgsbasiert. Die Texte, die Golem auf diesen Weg annimmt, werden weiterhin klassisch redigiert und korrigiert, ‘lediglich’ die Basis der Zusammenarbeit mit Autoren ist neu.

Jens Ihlenfeld auf Golem.de:

Golem.de zählt rund 12 Millionen Visits und 42 Millionen Pageimpressions im Monat und erreicht laut AGOF 1,8 Millionen Unique User. Allein die Homepage von Golem.de wird jeden Werktag rund 600.000-mal abgerufen, denn wir haben eine treue Stammleserschaft, die jeden Tag auf Golem.de guckt. [..]

Wie viel Geld an Autoren ausgeschüttet wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab, zum Beispiel: Wie viele Leser erreicht ein Artikel, wie bekannt ist der Autor und wie viele Fans und Follower bringt er mit, wie viel Arbeit steckt in dem Artikel, wie viel Arbeit muss von uns in den Artikel gesteckt werden, wurde der Artikel bereits an anderer Stelle veröffentlicht und für wie wichtig halten wir ein Thema, ganz unabhängig von der damit erzielbaren Reichweite? Wir schließen auch nicht aus, Projekte mit größerem Aufwand vorzufinanzieren.

In solchen Ansätzen, die zwischen dem klassischen hierarchischen Ansatz und dem offenen Netzwerk liegen, sehe ich enorm viele Potentiale. Golem schlägt hier eine interessante Richtung ein.

Ihlenfeld über die Vorteile, die man sich bei Golem davon verspricht:

Unsere Intention ist es nicht, möglichst günstig an Inhalte zu gelangen, sondern angemessene und damit höhere Honorare für gute Stücke zu bezahlen. Autoren sollen im Gegenzug etwas mehr Risiko übernehmen. Diese veränderte Verteilung von Chancen und Risiken erlaubt es uns, die Kriterien für eine Veröffentlichung leicht zu verschieben und einen Artikel, an den der Autor glaubt und den wir für relevant halten, eher zu veröffentlichen als abzulehnen. Wird der Artikel gut gelesen, wird das Honorar höher ausfallen als bei einem vorher vereinbarten festen Honorar. Interessiert der Artikel die Leser nicht, entstehen uns weniger Kosten, der Autor geht aber auch nicht leer aus.

Die Verteilung des Risikos auf diese Art klingt vielversprechend. Das erlaubt Golem, mehr Experimente einzugehen und führt im Idealfall dazu, dass Autoren mit unterschiedlichsten Hintergründen leichteren Zugang zu Golem und dessen Potentialen (Reichweite, Bezahlung) erhalten.

Es hängt nun natürlich viel daran, wie Golem dieses Modell im Detail umsetzt und ob man damit das Vertrauen guter externer Autoren erlangen und vor allem halten kann. Der direkte Einblick in die internen Statistiken, wie angekündigt, ist ein erster richtiger Schritt. Schwieriger wird es, den passenden Bezahlungschlüssel zu finden.

Disclosure: Ich habe bereits für Golem geschrieben und mein Text wird explizit in der Ankündigung als Beispiel genannt. Das war’s.

Adblock Plus reagiert auf Adblockerkampagne

Die Macher von Adblock Plus haben auf die Medienkampagne gegen Adblocker reagiert:

Wir von Adblock Plus begrüßen es, dass heute die großen Nachrichten-Websites wie Spiegel Online, ZEIT, RP Online, FAZ.NET mit Ihrer Kampagne Aufmerksamkeit auf das Thema Nutzerzufriedenheit mit Onlinewerbung lenken. Die hohen Downloadzahlen und fast zehn Millionen aktive Nutzer unseres Add-ons in Deutschland zeigen, wie groß das Bedürfnis der Nutzer ist, eine neue Art von Online-Werbung zu etablieren. Die Online-Werbeindustrie ist aber leider zu einem großen Teil noch nicht innovationsfreundlich genug, um sich auf Alternativen zu blinkenden Bannern einzulassen. Der Grund ist, dass viele das Internet nicht verstanden haben und einfach das Konzept der TV-Werbung (maximale Aufmerksamkeit erzeugen) kopieren. Das Internet aber ist ein demokratisches Medium: Nutzer lassen sich hier nichts aufzwingen und User können mit Hilfe von Tools wie Adblock Plus selbst entscheiden, wann und welche Art von Werbung sie bereit sind zu akzeptieren.

Fast zehn Millionen aktive Nutzer des Adblockers in Deutschland ist natürlich eine Hausnummer, die sich nur schwer ignorieren lässt.

Man muss den Browseraddon-Machern nicht komplett zustimmen, um zu erkennen, dass sie in einem wichtigen Punkt recht haben: ”Das Internet aber ist ein demokratisches Medium: Nutzer lassen sich hier nichts aufzwingen und User können mit Hilfe von Tools wie Adblock Plus selbst entscheiden, wann und welche Art von Werbung sie bereit sind zu akzeptieren.” Es gibt nicht viel, was die Medienanbieter machen können. Sie können sich natürlich auf relativ sinnloses Wettrüsten einlassen.

Oder sie könnten von der Erkenntnis ausgehend, dass hier etwas auch auf ihrer Seite schief läuft, überlegen, wie sie Werbetreibende und Leser glücklich machen können. (Das ist leider relativ unrealistisch.)

Zwei abschließende Anmerkungen. ‘Häkelschwein’ auf App.net:

Wer seinen Adblocker abschaltet, darf natürlich auch während der Fernseh-Werbepausen nicht aufs Klo, so konsequent muss man sein.

Malte Welding auf Facebook:

Könnte Spiegel online nicht einfach den Werbekunden sagen: “Hier war jemand, der hätte ihre alberne Werbung sonst gesehen und Ihr Produkt extra nicht gekauft, weil er Sie deswegen so hasst oder er hätte die Werbung gar nicht erst gesehen, weil sie so geil unauffällig ist, dass kein Mensch von ihr Kenntnis nimmt. So oder so: Dürfen wir den zählen, weil er uns ja nunmal gelesen hat und Sie uns doch nach Lesern zahlen wollten und wir wollen doch auch so gerne weiter schreiben, welche Sendung gestern im Fernsehen lief.”

Nein, Wettrüsten wird das Problem nicht lösen. Denn Adblocker sind nicht das Problem, sie sind nur eine Folge des Problems. Zu diesem zählt auch, dass viele Presseverlage glauben, ihre Probleme mit Aufrufen an Leser lösen zu können statt in den Abwehrreaktionen der Leser ein Indiz für einen tiefergehenden Missstand zu erkennen.

Ich bin gespannt, wie die nächste Eskalationsstufe aussehen wird. Denn dass eine signifikante Zahl der Adblocker-Nutzer jene nun abschalten werden, ist eher unwahrscheinlich. Die Debatte im Netz zu dieser Kampagne dürfte eher dazu führen, dass noch mehr Leser Adblocker für sich entdecken. Frau Streisand lässt herzlich grüßen.

Siehe zum Thema auch: Die Abwärtsspirale der Online-Werbung

Medium bezahlt erste Autoren

Medium hat begonnen, ausgesuchte Autoren zu bezahlen. Medium ist eine relativ junge Plattform der Twittergründer, die, so wohl deren Hoffnung, für Langformtexte schaffen könnte, was Twitter für Statusupdates erreicht hat; mit den richtigen Ingredienzien aus der Form heraus etwas Größeres schaffen. Das Ziel dürfte nichts weniger sein, als das Magazin für das Internet neu zu denken und das ist dann logischerweise auf der unteren Ebene eine soziale Plattform.

Ich hatte schon seit längerem damit gerechnet, dass Startups in diesem Bereich anfangen, Autoren direkt zu vergüten. Das ergibt neben indirekter Vergütung und Basismechanismen (wir stellen euch Infrastruktur und Distributionsmöglichkeiten mittels Followerprinzip zur Verfügung etc.) einen weiteren Ansatzpunkt für Experimente.

Supporting great writing on Medium:

What we’ve been doing is paying some contributors at competitive freelance rates. As for why: Our goal is to make Medium the best platform possible for everyone to share great ideas or stories. This should certainly include those whose profession is doing so.

In other words, we need to build a sustainable business that provides writers a variety of rewards — from intellectual growth to influence to, at times, money. We’re not there yet, but we figure we should start experimenting sooner rather than later. This effort encompasses a tiny percentage of Medium content today, but, depending on what we discover, it may grow or change over time.

Wenn Medium damit erfolgreich sein sollte, was ein großes ‘Wenn’ ist, würde es zum größten Konkurrenten für Magazinpublisher werden, ohne dass jene diese neue direkte Konkurrenz erkennen würden.
Ich hatte mit Philip Banse letztes Jahr über Medium im neunetzcast gesprochen.

BuzzFeed: Klassische Presse, Memegenerator und Werbeagentur

Lesenswerter Artikel über BuzzFeed im New York Magazine:

Peretti says that twentieth-century media businesses sowed the seeds of their own destruction by treating advertising as a “necessary evil.” He, by contrast, doesn’t care whether a post is produced by a journalist or sponsored by a brand, so long as it travels. He’s a semiotic Darwinist: He believes in messages that reproduce. “Some editorial content sucks, some ads are awesome,” Peretti told me, “and for many readers this line is even more important to them than church and state.” Within BuzzFeed, he’s stressed that creating custom-designed advertising posts is just as important as writing the hard news and soft candy. “People don’t do good work when they feel like losers and are second-class citizens within their own company,” he wrote in a memo distributed last year.(..)
Virgin Mobile is now a constant presence on BuzzFeed, publishing several posts a week. The company acts not only as a sponsor but also as a collaborator in creating the content, working with BuzzFeed in an arrangement Faris likens to a “newsroom.”

BuzzFeed ist sozusagen Publikation und Werbeagentur in einem.

Spannend ist auch BuzzFeeds Konzentration auf die Distribution der Artikel, und damit auch der Werbeartikel, über Facebook und co., welche über die Site selbst hinaus geht:

In return for functioning as a sort of early-warning system, BuzzFeed persuaded partner sites to install programming code that allowed the company to monitor their traffic. (The network now encompasses some 200 sites that serve 355 million users.) This analytical capacity, which the company doesn’t talk about much, has given BuzzFeed an enormous trove of data about what information people are reading and how they are sharing it. This is why one prominent New York digital-media executive described BuzzFeed to me as “a super-big ad tech company with a journalism veneer.”

Die Zahlen, sollten sie stimmen, sprechen für sich:

Currently, BuzzFeed is running 38 ad campaigns, which usually consist of about a month’s worth of posts, and cost an average of around $100,000, according to Steinberg. If those numbers are accurate, and its sales stay constant, a back-of-the-envelope calculation suggests BuzzFeed’s ad revenues could be as much as $40 million this year. (The private company won’t release figures.) That would be about a fifth of last year’s digital revenues for the entire New York Times Company.

Spannend auch, dass mit den ersten Unternehmen, die datenbasiert arbeiten und ihre Erkenntnisse teilen, auch unsere Vorstellungen davon, wer ein wichtiger Knoten im Netzwerk ist, in Frage gestellt werden könnten:

BuzzFeed has found its most popular posts don’t take off because Kim Kardashian shared them but because many people did in small groups—the median figure is just nine Facebook friends.

Insgesamt ist BuzzFeed weniger die eine Zukunft von Werbung und Journalismus und mehr ein weiterer Beweis für die künftig noch stärker zunehmende Diversifizierung. Die unterschiedlichen Wege zum Ziel nehmen zu.

Der Mann in der Pferdekoppel

Für den Mann in der Pferdekoppel, dessen Pflicht darin besteht, den Mist auszukehren, ist der größte Schrecken die Möglichkeit einer Welt ohne Pferde. Ihm zu sagen, es sei scheußlich, sein Leben damit zu verbringen, dampfende Pferdeäpfel zusammenzuschaufeln, ist ein Stück Dummheit. Ein Mensch kann Scheiße lieben lernen, wenn sein Lebensunterhalt davon abhängt, wenn sein Glück dabei auf dem Spiel steht.

Henry Miller, “Wendekreis des Krebses”

Flipboard 2.0 führt Follower-Prinzip für nutzerkuratierte iPad-Magazine ein

Die populäre Magazin-App Flipboard hat in der neuen Version 2.0 eine faszinierende neue Funktion eingeführt.  Nutzer der App können nun eigene Magazine, also Artikelsammlungen, erstellen und diese anderen Nutzern zum Abonnement in Flipboard anbieten.

Richard Gutjahr hat s ich Flipboard 2.0 angeschaut :

Mit nur zwei Berührungen kann ich den Artikel nun zu einem bereits bestehenden Magazin hinzufügen – oder aber ein neues Heft erstellen. Ich kann entscheiden, ob ich die Sammlung nur für mich mache, oder aber mit der Welt (Flipboard, Facebook & Co) teilen möchte.

[..]

Mit der Funktion “Lesezeichen” lassen sich künftig Magazine abonnieren – egal ob von professionellen Anbietern oder von Lesern kuratiert. Praktisch: Die Suchfunktion erleichtert das Aufspüren interessanter Angebote.

Was Flipboard hier umgesetzt hat, ist die vom GoogleReader bekannte, vor einiger Zeit eingestellte Funktion “Shared Items” für den Kontext ‘Magazinapp auf dem Tablet’. Nutzer können sich gegenseitig Links empfehlen und diese Empfehlungen von anderen abonnieren. Der Unterschied etwa zu Twitter: In diesem Umfeld bekommt man ‘nur’ Linkempfehlungen, was die Nutzung dieser Funktionen von beiden Seiten (Empfehler, Empfänger) prägt.

Flipboards neue Funktion der nutzergenerierten Artikelsammlungen, die in der App gleichwertig neben herrkömmlich hierarchisch generierten Magazinen stehen, zeigt noch einmal deutlich die Richtung des Medienwandels auf, dessen Entbündelung von Presserzeugnissen eben auch vor dem iPad nicht halt macht, wie ich bereits 2010 schrieb. Die neue Funktion ist ein logischer, vorhersehbarer Schritt gewesen.

Und jetzt kommt das Presseleistungsschutzrecht

Ich kann Richard Gutjahr allerdings leider nicht zustimmen, wenn er schreibt, dass die neue Flipboad-Version das verabschiedete und nun wohl in wenigen Monaten in Kraft tretende Presseleistungsschutzrecht ad absurdum führe.

Ich habe bereits mehrfach darüber geschrieben, dass das Presseleistungschutzrecht wohl auch mit Hinblick auf Apps und den Tabletmarkt von Axel Springer und Co. erdacht wurde. Christoph Keese, Cheflobbyist bei Axel Springer und damit automatisch in Personalunion Gesetzgeber in Deutschland, legte die Karten bewusst oder unbewusst bereits 2011 in seinem Blog auf den Tisch. Dort schrieb er über MyEdition, eine iPad-App von  Axel Springer:

 Inhalte aus anderen Quellen werden nicht ungefragt integriert. Sie werden nur mit vorheriger Genehmigung eingebaut. Genau das ist ein wichtiger Unterschied zu Flipboard oder Zite: MyEdition ist legal. Das haben wir bei der Vorstellung der Closed Beta mehrfach deutlich gesagt; ich habe es getwittert und es steht auch in diesem Blog.

Die Implikation ist offensichtlich: Angebote wie Flipboard ohne Geldfluss Richtung Axel Springer sollen in den Augen von Axel Springer illegal sein. In den Köpfen der Springerschergen waren sie das schon 2011.

Meine Prognose: Noch dieses Jahr wird bekannt werden, dass deutsche Presseverlage auf Basis des neuen Presseleistungsschutzrechts Verhandlungen mit Flipboard aufnehmen (wollen).

Vielleicht noch vor Ende des Jahres wird im schlimmsten Fall Flipboard auf unbestimmte Zeit aus den deutschen Appstores verschwinden. Im besten Fall kehrt es verkrüppelt in einer deutschen Sonderedition zurück.

Warum? Weil

  • die kommenden Forderungen der Presseverlage,
  • das neue Recht, das die Grundlage für ihre Forderungen darstellt,
  • die mit dem Recht verbundene Rechtsunsicherheit
  • und die Unmöglichkeit für Flipboard, a priori feststellen zu können, ob ein Inhalt Teil eines Presseerzeugnisses ist oder nicht,

Flipboard keine andere Wahl lässt.

Deutschland-Start von Huffington Post verzögert sich

Online PC Magazin über die bisher ergebnislose Suche der HuffPo nach einem Kooperationspartner:

Schon mehrere deutsche Grossverlage, darunter Axel Springer, Burda und Spiegel, haben bereits abgelehnt – offenbar verlangt AOL zu viel Geld von den potentiellen Partnern.

Es überrascht mich irgendwie nicht, dass es ausgerechnet in Deutschland schwieriger zu sein scheint. Spanien, Frankreich, Italien und Großbritannien haben bereits eigene Ausgaben der Huffington Post.

Laut Jimmy Maymann, CEO der Huffington Post, werden weiterhin Gespräche geführt, auch mit Medienhäusern in Österreich und der Schweiz. Sollte sich bis Herbst dieses Jahres noch kein geeigneter Partner gefunden haben, will Maymann den Launch im Alleingang wagen. Als Starthilfe kann er dabei immerhin auf die deutsche AOL-Seite vertrauen, die immerhin noch rund drei Millionen Besucher pro Monat verzeichnen kann.

Eine einmalige Chance für österreichische und schweizerische Medien, sich im gesamten deutschsprachigen Raum stark zu positionieren.

Mehr als die Hälfte des Burda-Geschäfts findet online statt

Alex Hofmann auf Gründerszene:

Diese (Neu-)Ausrichtung spiegelt sich auch im Ergebnis von Burda Media wider. So stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 12,6 Prozent auf insgesamt 2,45 Milliarden Euro an – zum Gewinn äußert sich der Verlag traditionell nicht. “Gewachsen sind wir vor allem im Digitalbereich”, lässt sich der Vorstandsvorsitzende Paul-Bernhard Kallen im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zitieren. Mittlerweile findet mehr als die Hälfte des Burda-Geschäfts online statt.

Hubert Burda Media, das neben der Axel Springer AG massgeblicher Treiber hinter dem Presseleistungsschutzrecht ist, kann genau so wie die Axel Springer AG längst nicht mehr als Presseverlag betrachtet werden.

Irische Verleger wollen pro Verlinkung 300 Euro

Achim Sawall auf Golem.de:

Eine Frauenhilfsorganisation wird in Irland vom Verlegerverband unter Druck gesetzt, für einfache Verlinkungen ohne Textausschnitte Lizenzgebühren zu bezahlen. Ein Link auf urheberrechtlich geschütztes Material verletze das Urheberrecht.

[..]

Für 1 bis 5 Artikellinks sollten nach dem Mahnschreiben 300 Euro gezahlt werden, Lizenzen für 6 bis 10 Links sollen 500 Euro kosten. Die geforderten Preise staffelten sich weiter bis auf 26 bis 50 Links für 1.350 Euro. Ab mehr als 50 Verlinkungen sollte ein Paketpreis verhandelbar sein.

Ein Ausblick, wie es bald bei uns aussehen könnte, wenn das Presseleistungschutzrecht kommen sollte.

Andrew Sullivan: 300.000$, 12.000 Abonnenten in 24 Stunden

Andrew Sullivan über die geplante Paywall für sein bald unabhängiges Blog:

Basically, we’ve gotten a third of a million dollars in 24 hours, with close to 12,000 paid subscribers (at last count). On average, readers paid almost $8 more than we asked for. To say we’re thrilled would obscure the depth of our gratitude and relief.

[..]

That’s still only 1 percent of our total monthly readership – so we have plenty of room to talk more of you into subscribing before the meter hits. And the current number is misleading because of that. We really won’t know how effective this is going to be until we actually have the meter in place.

Mittlerweile sind sie nahe der 400.000 US-Dollar.

Sullivan versucht sich an einer porösen Bezahlschranke (die mehr einer Navigationsgebühr entspricht), wie sie die New York Times eingeführt hat und mittlerweile unter anderem auch von der NZZ eingesetzt wird. Mehr zu den Details bei Stefan Niggemeier.

Felix Salmon über das Modell, das eher nur auf dem Papier eine Bezahlschranke ist:

If you want absolute proof that this is not a paywall, just look here: “our RSS feed won’t be affected by the meter”, he says. Sullivan has, from day one, always served up a full RSS feed, and that is not going to change. So if you want to read every word he writes, without paying a penny, that’s easy: just subscribe to his RSS feed. The purpose of what Sullivan calls “a freemium-based meter” is emphatically not to keep people out: it’s not a wall. Rather, it’s a mechanism for allowing Sullivan’s most loyal readers to pay him for the content they love. So far, about one third of them are paying more than the $19.99/year headline price: they want to support this project, he doesn’t need to threaten them with some kind of if-you-don’t-pay-me-you-won’t-be-able-to-read-my-stuff pitch.

The real parallel here is not media paywalls so much as it is Kickstarter projects. It feels good to support something you love and admire — it feels much better, indeed, than paying some kind of sticker price for the same thing.

Ein konsequent verfolgtes Mitgliedschaftsmodell würde mir erfolgversprechender erscheinen, aber anscheinend fährt Sullivan mit dem gewählten Ansatz recht gut. Der komplette Verzicht auf Werbung dürfte die Zahlbereitschaft massgeblich erhöht haben.

Man sollte bei all dem nicht vergessen, dass Andrew Sullivan selbst für die USA ein Sonderfall ist. Felix Salmon:

And when it comes to income and expenses, Sullivan’s in a pretty unique and special place. His income, for starters: there’s a long list of publications which is happy to pay him top dollar to write for them. And I’m sure he could sell a book any time he wanted, too. 

Nichtsdestotrotz zeigt Andrew Sullivan, dass die Wege zu wirtschaftlichem Erfolg mit dem Netz vielfältiger werden.

(Und in der FAZ erscheint hierzu nur redigierte Missgunst.)

“Ich will aber auch in Zukunft morgens meine Zeitung zum Frühstück haben.”

Peter Littger auf Meedia:

Vielleicht antizipiert Schirrmacher längst den Exodus und sehnt sich nach einem finalen heroischen Moment oder einer magischen Rettung in letzter Sekunde. In jedem Fall schreibt er der F.A.Z. als publizistische Leitinstitution eine Systemrelevanz für die Bundesrepublik ins Stammbuch – als sei die am Gemeinwohl orientierte Grundhaltung der Redaktion durch eine Art Gesellschaftsvertrag garantiert.

Dabei sollte gerade das drohende Ergebnis der FAZ Besorgnis erregen – von bis zu 20 Millionen Euro Verlust im Jahr 2012 wurde bereits berichtet. Wird dieses Ergebnis fortgeschrieben, ist es unter nicht einmal sehr konservativer Betrachtung möglich, dass die FAZ in weniger als zehn Jahren schließen muss.

Vielen Staatsbürgern und loyalen Abonnenten ist die Lage überhaupt nicht bewusst – besonders jenen nicht, die Sätze sagen wie etwa der frühere Chefredakteur der ARD, Hartmann von der Tann: “Ich will aber auch in Zukunft morgens meine Zeitung zum Frühstück haben.”

Besonders erschreckend ist immer wieder das Unverständnis für die Bandbreite der Veränderungen in den oberen Etagen der Medienunternehmen, Öffentlich-Rechtlichen Institutionen und, natürlich, in der Politik.

Unter Peter Littgers Lösungsansätzen findet sich auch Folgendes:

In jedem Fall sollten die Verlage die Öffentlichkeit, ihre Mitarbeiter und Kunden über ihre wahre Situation und die möglichen Konsequenzen informieren und jede Verschleppung des Problems vermeiden.

Das wäre wichtig, ist aber leider vollkommen unrealistisch, da aufgrund der Interessensverquickung keine Berichterstattung über die ‘wahre Lage’ möglich ist. Institutionen, auch Presseinstitutionen, sind in der Regel nur sehr eingeschränkt zur Selbstreflektion in der Lage. Es hat durchaus seine Gründe, warum die durchschnittliche Lebensdauer von Unternehmen weit unter jener von Menschen liegt.

Wie wenig die deutsche Presse zur Berichterstattung über die eigene Situation in der Lage ist*, kann man an den Artikeln zum geplanten Presseleistungsschutzrecht so eindeutig sehen, dass niemand das abstreiten kann, der kein Lobbyist für Presseverlage ist.

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*Wenn ich darauf hinweise, wird das oft als ein genereller Vorwurf an die hiesige Presse gedeutet. Das Ausmaß der teils bewussten Einseitigkeit in der Berichterstattung zum LSR ist tatsächlich etwas, dass man der Presse vorwerfen muss. Aber die Tendenz selbst ist systemimmanent und ihre Erwähnung kein Vorwurf sondern die Feststellung einer Tatsache, die aus welchen Gründen auch immer oft ausgeblendet wird. Es gibt keine Objektivität. Erst recht nicht, wenn es um den eigenen Arbeitsplatz geht.

Dass diese Tatsache, die persönliche Verquickung und der durch sie verstellte Blick, wiederum auch nicht den einzelnen Feuilletonisten auffällt, und etwa auch einmal einen Halbsatz wert wäre, sagt etwas über die Mehrheit der in die deutschen Medien schreibenden Intellektuellen aus, das man nicht mit ‘Das Land der Dichter und Denker’ zusammenfassen kann.

Deutsche Journalisten und das Web am Beispiel Instagram

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Das sind allein die Artikel, die es in den letzten Stunden auf die Startseite von Rivva geschafft haben. Jeder dieser Artikel hat hunderte von Tweets und Facebook-Likes erhalten. Keiner dieser Artikel stellt die Sachlage korrekt dar.

Google News zählt aktuell allein 1.820 Artikel mit den Wörtern “Instagram” und “verkaufen”.

Wird einer der Autoren irgendwann darüber berichten, dass Instagram doch keine Nutzerfotos verkauft? Haben sie sich die Debatten zu anderen ToS-Änderungen angeschaut und darauf hingewiesen, dass die damals beschriebenen Horrorszenarien nicht eingetreten sind, weil dieser Vergleich einen sinnvollen Kontext herstellen würde?  

Denn es passiert immer wieder und die Journalisten, die die Experten sein sollten, die dem im Social Web aufgebrachten Volk erklären, was genau gerade passiert, gehören selbst zu den aufgebrachten Laien.

Die in den meisten Artikeln zur Schau gestellte, hirnrissige Sichtweise auf Webdienste, die tief im Wesen vieler deutscher Journalisten verankert zu sein scheint, informiert die Bürger nicht nur falsch und hat mit gesundem Menschenverstand nichts mehr zu tun, sie ist, glaube ich, auch ein Beweis dafür, warum die Reihen in den Redaktionen beim Thema Leistungsschutzrecht trotz der begleitenden Skandale so geschlossen sind.

Wer sein Wissen über die Internetwirtschaft aus Titelstories im Spiegel und Focus und den Ressorts von Welt bis Süddeutsche bezieht, der bekommt ein erstaunlich einheitliches, verzehrtes Bild: Im Silicon Valley sitzt der amerikanische Feind, der seine Nutzer, diese willfährigen Sklaven, die man vor sich selbst retten muss, ausnutzt, wo es nur geht. Die kalifornischen Datenkraken spähen ihre Nutzer aus und wollen jedes Datenfitzelchen an jeden verkaufen, der sie haben möchte. (Entgegen den deutschen Datenkraken natürlich.) Mit ihrem Erzkapitalismus walzen sie ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Gefangene zu machen über unsere deutschen Unternehmen, die sich doch bemühen, nach Regeln zu spielen, die für die Amis nicht gelten. Die halten sich ja nicht einmal an Gesetze! Google klaut! Die ganze Zeit! Google News nimmt unsere Artikel und macht damit, was es will. Und die anderen sind bestimmt auch nicht besser! Das liest man seit Jahren in jeder Zeitung, also muss es stimmen.

Seit Jahren amüsieren wir uns über oder verzweifeln wahlweise an dieser Berichterstattung. Je renommierter eine Publikation in Deutschland, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie in den letzten Jahren sehr viel einseitigen und oft offensichtlich faktisch falschen Quatsch über Internetunternehmen veröffentlicht hat.*

Manche stricken wildeste Verschwörungstheorien, warum das geplante Leistungsschutzrecht für Presseerzeugnisse, das doch in den Augen von uns, die sich täglich im Web bewegen, so offensichtlich fehlgeleitet ist, trotzdem von den führenden Presseverlagen und ihren Redaktionen vorangetrieben wird.

Dabei ist die Antwort so einfach wie schrecklich: Die überwiegende Mehrheit der deutschen Journalisten hat ein simples, verzerrtes Bild vom Web und den Unternehmen darin. Dieses Bild ist überwiegend negativ bis maximal skeptisch und zeigt sich jedes Mal, wenn über Webdienste berichtet werden muss. Denn dieses Bild formt natürlich Berichterstattung über und Haltung zu allen Internetthemen.

Die deutsche Presse ist mehrheitlich auch nach Jahren nicht in der Lage, halbwegs objektiv über erfolgreiche, also große, in der Regel aus den USA kommende Webdienste zu berichten. Das lässt sich nur mit Vorurteilen gegenüber der Internet-Branche erklären.

Wenn dank eines Leistungsschutzrechts auf user generated content setzende Plattformen wie Instagram, Tumblr oder Twitter aus Deutschland verschwinden würden, weil sie der Lizenzzahlungspflicht nicht nachkommen wöllten, was wäre dann daran so schlimm? Das deutsche Volk würde damit als Nebeneffekt noch dafür beschützt, sich von diesen Diensten ausbeuten zu lassen. Und überhaupt, sind das nicht sowieso alles Klowände, die unserer Hochkultur eher schaden? Im besten Fall sind es Spielzeuge, auf die wir auch verzichten können, wenn der Preis der Erhalt unserer Presse (und, hoppla, wie passend, unserer Arbeitsplätze) ist.

Was wir viel zu lang in seiner Tragweite vielleicht nicht ernst genug genommen haben, ist eine täglich sichtbare Schere, die wir wie den Wald vor lauter Bäumen nicht wahrhaben wollten:

Die Webfeindlichkeit der meisten deutschen Journalisten, worin auch immer sie begründet sein mag, ist das größte Hindernis für Deutschland als Wirtschaftsstandort als auch als Gesellschaft auf dem Weg in ein 21. Jahrhundert. Diese Webfeindlichkeit ist in den letzten Jahren aufgrund der wirtschaftlichen Probleme der Verlage nicht zurückgegangen.

Das geplante Presseleistungsschutzrecht ist die furchteinflößendste Folge dieser destruktiven Einstellung der deutschen Presse.

Aber wir können die Resultate auch an vielen anderen Stellen sehen.

Etwa daran, dass der Politik auch 2012 das Internet noch mehrheitlich egal war. Oder daran, dass die Rahmenbedingungen für Internetunternehmen von Datenschutz über Button-”Lösung” im E-Commerce bis hin zu Cookie-Gesetzen (auf von Deutschland gesteuerter EU-Ebene) und Abmahnwahn dank Impressumswahn tendenziell eher schlechter statt besser werden. Und man kann es eben auch sehen an der schlicht falschen Berichterstattung en masse, wann immer ein Social-Web-Dienst seine ToS ändert, an die Börse geht oder Microsoft eine Studie veröffentlicht.

Wir haben keine angemessene Berichterstattung über diese Themen, weil die Expertise der damit beauftragten deutschen Journalisten so aussieht, dass sie mehrheitlich glauben, ein Webdienst, der darauf angewiesen ist, dass dessen Nutzer ihre Fotos hochladen, diese Fotos ohne Zustimmung der Nutzer an andere verkaufen wollen würde.

Zur Expertise der jeweiligen Journalisten zählt also nicht einmal grundlegende Logik.

 

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*Es gibt natürlich immer Ausnahmen. Zu diesen zählen wie immer bei diesen Themen die Publikationen des heise-Verlags, welche sich schon immer wohltuend vom Rest der deutschen Presselandschaft abgesetzt haben.

“Welt Online” geht von Google-only-Inhalten zur Bezahlschranke

Zeit Online, Reuters, AFP:

Die Skepsis über den Erfolg ist sogar bei Springer groß, dennoch müssen Leser von “Welt Online” ab Mittwoch zum Teil für die Lektüre bezahlen. “Bild.de” soll bald folgen.

Ein Screenshot der Homepage von Welt Online Leser der Online-Ausgabe der Zeitung Die Welt müssen ab Mittwoch für die Lektüre teilweise zahlen. Ab dann können Nutzer der Seite welt.de pro Monat 20 Artikel kostenlos lesen, ab dem 21. angeklickten Beitrag greift ein Bezahlsystem ähnlich einem Abonnement, teilte der Axel-Springer-Verlag mit.

Trotzdem der geballten Manpower schaffen Zeit Online und die Nachrichtenagenturen es nicht*, ein korrektes Vorher-Nachher-Bild des Axel-Springer-Angebots Welt Online zu zeichnen. Die Implikation bei der Berichterstattung zur Einführung einer Bezahlschranke ist immer, dass vorher die Printinhalte komplett kostenfrei auf dem Online-Ableger zu finden waren. So wie es eben viele US-Presseverlage handhaben.

Das ist natürlich auch bei Welt Online so wie bei fast allen Presseangeboten in Deutschland nicht der Fall, egal wie oft Verleger in der Öffentlichkeit ein anderes Bild zeichnen. Welt Online allerdings ist bisher einen besonders Google-freundlichen Sonderweg gegangen.

Thierry Chervel vom Perlentaucher hat mir per Email ein Bild von Welt Online vor der Bezahlschranke geschickt:

[Bisher] war der gesamte Inhalt der Print-Welt online abrufbar. Der Trick war nur, dass Du die Zeitung gewissermaßen vor Dir haben musstest, um die Artikel zu finden. Wir googlen jeden Morgen die Überschriften der Print-Welt, die uns per pdf zugesandt wird, um die Links zu den Artikeln zu finden. Es gibt – so weit ich weiß – kein Online-Inhaltsverzeichnis, das zu diesen Links führt. Was es natürlich gibt, ist die Welt online. Teilweise sind die Artikel mit denen der Print-Welt identisch, teilweise handelt es sich um eigene Artikel der Online-Redaktion. Aber über Welt online lassen sich wie gesagt nicht systematisch sämtliche Artikel der Print-Welt auffinden.

Der Perlentaucher hat dank seiner Produkte, zu denen tägliche Feuilleton-Übersichten und andere Medienüberblicke zählen, eine besondere Position, die ihnen einen Überblick auch über die Onlineableger der Presse ermöglichen, der mit den Printausgaben verglichen werden kann.

Ein Überblick über die Mediensituation, der in der Berichterstattung in den Medien über die eigene Branche praktisch komplett abwesend ist.

Ein weiteres Zeichen für die Bigotterie der Axel Springer AG beim Thema Leistungsschutzrecht ist natürlich auch die Tatsache, dass ausgerechnet die eigene Publikation Welt Online Inhalte nur über Google zugänglich gemacht hat.

Es gibt keine Welt, in der sich dieses Vorgehen mit dem Ruf nach einem Presseleistungsschutzrecht vereinen lässt.

* Wie alle berichtenden Medien, so weit ich das überblicken kann.

Medientransformation verläuft nicht linear

Thomas Koch auf Carta zum Medienwandel allgemein:

Wir erleben gerade die größte Medien-Revolution seit der Erfindung des Buchdrucks. Die Ersten, die vor ein, zwei Jahren mit dieser mutigen Äußerung daherkamen, wurden noch müde belächelt. Man warf ihnen vor, sie neigten doch ein wenig zur Übertreibung…

Geben Sie’s zu: Das haben Sie auch gedacht. Und? Denken Sie das noch immer?

[..]

Tina Beuchler sieht das Drama an ihren Zahlen. Sie ist Head of Media Communication beim Werbe-Riesen Nestlé. Sie beklagt den zu geringen und inzwischen sogar einen sinkenden Return On Media Investment. Sie meint damit TV. Das ehemals überlegene, unverzichtbare und stets zuverlässige Leitmedium der großen Werbemarken gerät in die Bredouille. Es zerfasert in unendlich viele, digitale, mikro-kosmische Einzelfragmente. Die Zeiten hoher TV-Reichweiten und höchster Aufmerksamkeit vor dem Bildschirm sind bald vorbei. Das nenne ich mal Transformation pur.

Egal, ob Print, TV oder Hörfunk: Strukturwandel verläuft nicht linear. Das sollte man bei all diesen Beobachtungen immer im Hinterkopf behalten.

Die Medientransformation wird nicht, sie kann gar nicht, linear verlaufen. Sie ist keine vorhersehbare Straße. Sie ist ein Riss in einem Staudamm, der immer größer wird. Die wichtigste Frage lautet, wann aus dem Riss ein Dammbruch wird. Denn das ist der Punkt, an dem die Wertschöpfungsnetzwerke wegbrechen.

Mittlerweile weiß jeder, dass die Werbebudgets noch dem Konsumverhalten hinterherhinken. Es wird im Verhältnis noch immer sehr viel für Print und TV ausgegeben, obwohl die Reichweiten zurückgehen respektive stagnieren, während dort, wo die Leute heute sind, die Werbeflächen im Überfluß und günstig sind.

An dem Punkt, an dem Print und TV ihre Sonderpositionen qua Tradition verlieren, werden die Branchen mit Entsetzen auf einbrechende Dämme schauen.

Es beginnt mit Zahlen, die belegen, dass die Verteilung der Werbebudgets nicht mehr mit der Konsumverteilung vertretbar korreliert. Es beginnt mit ersten Anekdoten aus Konzernen, in denen Entscheider an der Sinnhaftigkeit von Werbung in Print und TV beginnen zu zweifeln.

Wenn dann die ersten großen Unternehmen beginnen, ihre Budgets immer weiter zu verschieben, dann folgt der Rest schnell, eben ganz die Herde. Die Werbeagenturen, die an dieser Verschiebung aus verschiedenen Gründen kein Interesse haben, können diese Entwicklung verlangsamen, aber nicht aufhalten. (Und die Verlangsamung macht den unvermeidbaren Wegbruch der Werbeeinnahmen perfiderweise noch abrupter, weil sie das graduelle Absinken behindert hat.)

Das Problem ist natürlich auch, dass die Budgets maximal zu einem kleinen Teil in Richtung Bannerwerbung auf den Onlineablegern der Presseverlage wandern. (Der weitaus größere Teil geht mittelfristig in Richtung Facebook-Fanpages, Corporate Medien, YouTube und AdSense und Co.)

Werbekunden sind ein Teil, ein sehr wichtiger Teil, des Wertschöpfungsnetzwerkes von Massenmedien. Und langsam aber sicher stellt dieser Teil fest, dass sich etwas ganz grundlegend verändert.

Egal, wie bitter 2012 für den Journalismus und die etablierten Medien in Deutschland bereits ist, wir haben gerade erst angefangen, kollektiv die Existenz des Risses zu akzeptieren, weil wir nun erstmals auch in Deutschland genügend große Indizien vor uns liegen haben, die wir nicht mehr ignorieren können.

Das ist keine gute Ausgangslage.

‘In Kalifornien steht der Feind, der unser schönes Leben bedroht’

Wolfgang Michal auf Carta:

Wenn Frank Schirrmacher und Frank Rieger z.B. gemeinsam gegen die kalifornische Ideologie opponieren, tanzen wenigstens die Verhältnisse, aber wenn Hajo Schumacher blindwütig auf Apple eindrischt und den Konzern wahlweise mit Nordkorea, einem Mullah-Regime oder Opus Dei vergleicht, sollte man bei Amazon schon mal vorsichtshalber ein paar Sicherheitswesten bestellen. Da macht sich eine Haltung in Deutschland breit, die so gefährlich wie bequem ist: In Kalifornien steht der Feind, der unser schönes Leben bedroht. Ohne ihn könnten wir ruhig schlafen und weiter machen wie bisher. Also auf ihn mit Gebrüll!

Es ist die Auseinandersetzung mit der Digitalisierung für Menschen, die einen Feind mit Gesicht brauchen, auf den sie einschlagen können.

Es ist viel einfacher, auf das ‘erzkapitalistische‘ Google einzuprügeln oder Apple mit Nord-Korea zu vergleichen, als tektonische Verschiebungen im Marktumfeld und der Gesellschaft insgesamt als die Ausgangslage für die eigenen Herausforderungen zu erkennen und zu benennen.Natürlich gehören zu diesem neuen Umfeld neue, aufsteigende Unternehmen. Aber sie sind eben zuerst einmal Folge, nicht Auslöser der Veränderungen.

Nein, die kapitalistischen Kalifornier sind die dankbarere Grundlage für eine klassische Narration des Gut gegen Böse im Hollywood-Stil.

Wolfgang Michals Wetterprognose:

Es ist ein Kennzeichnen von Abstiegsideologien, dass die Anlässe für Erregungen immer kleiner werden, während der dafür aufgewendete Sprachbombast immer größer, pathetischer, wilder und aggressiver wird.

 

News Corp. beendet iPad-Magazin ‘The Daily’ am 15. Dezember

News Corp. beendet The Daily:

The media giant, which also owns this Web site, said it will “cease standalone publication” of the app on Dec. 15.

It says that “technology and other assets from The Daily, including some staff, will be folded into” News Corp.’s New York Post tabloid. The app/newspaper has approximately 120 employees.

Damit konnte niemand rechnen.

Vor einem Jahr schrieb ich in “Institutionen schränken ein”:

Eine Newsapp für das iPad mit dem Namen “The Daily” herauszubringen, hat schon wieder etwas Anrühriges in seiner institutionalen Unbedarftheit. Eine solche App zeigt in Name und Veröffentlichungsrhythmus aber auch schön das Problem der Unternehmen: Sie versuchen krampfhaft ihre Art zu arbeiten auf ein neues Umfeld anzuwenden, für das diese Art nicht zwingend die beste Lösung ist.

Siehe auch ““Verleger-Schreck” Flipboard: Auch auf Tablets gelten Marktdynamiken des Webs” von Juli 2010 zu diesem Thema. Der Text liefert einen zarten Hinweis auf die Gründe, warum deutsche Presseverlage ihre Rettung im geplanten Presseleistungsschutzrecht erhoffen.

Es geht auch darum, neue Anbieter wie Flipboard zu unterbinden oder zumindest zu Kasse zu beten und damit gleichzeitig Rundum-Verlagsangebote wie “The Daily” zu stärken.

 

Wo sind die selbstkritischen Stimmen, wenn es um einseitigen Lobbyismus in eigener Sache geht?

Richard Gutjahr zum Leistungsschutzrecht für und in der Presse:

Wo bleibt der Aufschrei aus den eigenen Reihen unserer Zunft? Wo sind die selbstkritischen Stimmen, wenn es um einseitigen Lobbyismus in eigener Sache geht? Wo sind die Stiftungen, die unzähligen Medien-Organisationen, die Vorsitzenden der Journalistenverbände?

Ähnliches hatte ich vor ein paar Tagen ebenfalls schon angemerkt:

Gibt es keine Journalisten in den jeweiligen Redaktionen, die entsetzt über die Vorgänge sind? Wenn man aus Angst um den Arbeitsplatz den eigenen Arbeitgeber nicht öffentlich kritisieren will und intern keine ausgewogene Berichterstattung forcieren kann, dann gibt es noch andere Wege, an die Öffentlichkeit zu gehen. Warum gibt es keine Leaks über interne Vorgänge an Blogs oder Onlinemedien wie DWDL? Warum gibt es keine anonym geführten Blogs auf wordpress.com oder Tumblr, die über die Vorgänge hinter den Kulissen berichten?

Fast noch erschreckender als die Titelseiten-Propaganda der führenden Presseverlage finde ich die sie begleitende Stille.

In der Tat: Wo bleibt der Aufschrei?

Propaganda statt Journalismus zum LSR in der Presse

Stefan Niggemeier, der aktuell on a roll ist:

Frank Schirrmacher brauchte nur einen einzigen ironischen Satz, um deutlich zu machen, wie wenig erstrebenswert eine Zukunft ist, in der es keine Zeitungsverlage mehr gibt, sondern in der »Konsumhersteller ihre eigenen Nachrichten produzieren«:

Wir freuen uns schon, wenn Apple über die Arbeitsbedingungen in China berichtet oder Coca-Cola über die Segnungen der Globalisierung.

Ja, das ist ein guter Test für die Qualität, für die Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit eines Mediums: Wie es mit Themen umgeht, die es selbst betreffen.

Die deutschen Zeitungen versagen gerade in spektakulärer Weise bei diesem Test. Sie demonstrieren jedem, der es sehen will, dass sie uns im Zweifel nicht zuverlässiger informieren, als es irgendein dahergelaufener amerikanischer Konsumhersteller täte.

Es ist eine bittere Ironie, dass sie diesen Beweis im Kampf für ein Gesetz liefern, dessen Notwendigkeit sie im Kern damit begründen, dass sie als zuverlässige Informanten der Bürger unverzichtbar und unersetzbar sind.

[..]

Die deutschen Zeitungen haben genau den Test nicht bestanden, anhand dessen die Untauglichkeit möglicher Ersatz-Verleger wie Apple und Coca-Cola dargestellt werden sollte. Sie haben ihre eigenen Leser verraten, als würden sie die nicht mehr brauchen, wenn sie nur Google besiegen könnten.

Besonders die FAZ erscheint dieser Tage nicht mehr wie eine journalistische Publikation. Dort schreibt Reinhard Müller auf der Titelseite in einem Text (der voll von faktischen Fehlern ist) über Kritik von breiter Front gegen das geplante Gesetz:

Aber sind nicht auch die Jugendorganisationen aller Parteien dagegen? Erklärt uns nicht der öffentlich-rechtliche Rundfunk, die Verlage müssten eben mehr investieren? Weisen nicht Professoren auf das angeblich überholte »Geschäftsmodell Zeitung« hin? Gewiss: Wer sein Geld nicht selbst verdienen muss oder vom Staat bezahlt wird (also von allen Steuerzahlern unabhängig von seiner Leistung getragen wird), der kann leicht den Marktliberalen spielen. Es kostet ja nichts.

Er bezieht sich auf die gemeinsame Stellungnahme des Max-Planck-Instituts für Immaterialgüter- und Wettbewerbsrecht und 16 führende Urheberrechtler, in der einhellig das geplante Presseleistungsschutzrecht abgelehnt wird.

Stefan Niggemeier dazu:

Reinhard Müller verantwortet bei der FAZ die Seite »Staat und Recht«, auf der vor drei Jahren Jan Hegemann, ein bezahlter Interessensvertreter von Axel Springer, als scheinbar unabhängiger Experte für das Leistungsschutzrecht werben durfte. An gleicher Stelle erschien in diesem Jahr erneut versteckte Eigenpropaganda: ein weiterer Gastkommentar pro Leistungsschutzrecht von einem vermeintlich unabhängigen Experten, der in Wahrheit ein Verlagsvertreter ist.

Das wirkt so irreal, dass man es einmal durchdenken und kurz sacken lassen: Der Leiter der Seite “Staat und Recht” der FAZ spricht führenden Juraprofessoren des Landes implizit die Expertise ab, sich sachkundig zu einem geplanten Gesetz äußern zu können.

Die einseitige Berichterstattung zum LSR schreit nach einer wissenschaftlichen Untersuchung

Stefan Niggemeier über die einseitige Berichterstattung in FAZ, Welt, SZ und Handelsblatt:

Am Dienstagnachmittag hat der geschäftsführende Direktor des Max-Planck-Institutes für Immaterialgüter– und Wettbewerbsrecht eine Pressemitteilung verschickt. Sein Institut, die Deutsche Vereinigung für gewerblichen Rechtsschutz und Urheberrecht (GRUR) sowie mehrere weitere Wissenschaftler üben in einer Stellungnahme vernichtende Kritik an dem Gesetzentwurf, der heute Nacht in erster Lesung im Bundestag beraten werden soll.

Die führenden deutschen Zeitungen haben ihren Lesern die Existenz dieser Kritik namhafter Fachleute an dem geplanten Gesetz bis heute verschwiegen.

Es ist unwahrscheinlich, dass sie ihnen nicht bekannt ist. Die Nachrichtenagentur dpa hat erstmals gestern Vormittag in einer Meldung darüber berichtet (»Wissenschaftler: Leistungsschutzrecht ›nicht durchdacht‹«). In mindestens vier weiteren dpa-Meldungen ist die Stellungnahme erwähnt.

Trotzdem steht kein Wort davon in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, in der »Süddeutschen Zeitung«, in der »Welt«, im »Handelsblatt« — alles Blätter, deren Verlage für ein Leistungsschutzrecht kämpfen und deren Redakteure gestern und heute teilweise wuchtigst Google für seine vermeintliche Desinformation kritisiert haben.

Jens Matheuszik im Pottblog über die einseitige Berichterstattung der WAZ:

Chapeau liebe WAZ-Mediengruppe! Ihr schafft es auf drei Seiten was zum Thema LSR zu schreiben und die Contra LSR-Position wird auf der letzten Seite in einem kleinen Absatz versteckt. Die eigene Pro LSR-Position überlagert quasi fast alles, die negativen Aspekte des LSR fallen unter den Tisch.

Thomas Lückerath im Medienmagazin DWDL über das ‘Printkartell’:

Google soll zahlen, weil Google journalistische Inhalte kostenlos ins Netz stellt, behauptet beispielsweise der Handelsblatt.com-Chef”redakteur” Oliver Stock. Das ist wider besseren Wissens gelogen. Da werden die eigenen Leser bewusst getäuscht, um Stimmung zu machen. Denn wie auch Christoph Keese, Cheflobbyist von Axel Springer, vergisst er zwei Dinge: Die Verlage sind es, die die Inhalte kostenlos ins Netz stellen. Und sie könnten Google ganz einfach mit wenigen Zeichen Quellcode daran hindern, ihre Inhalte etwa bei Google News anzeigen zu lassen.

Journalisten wie Michael Hanfeld polemisieren in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” gegen Google. Scheinheilig wird Google angesichts deren Kampagne gegen das Leistungschutzrecht vorgeworfen, sie würden ja nur eigene Interessen verfolgen. Als wenn das die Verlage nicht tun würden. Für wie dumm halten die “Qualitätsmedien” eigentlich die Leser?

[..]

Aber in diesen letzten November-Tagen verspielen Medien wie u.a. “FAZ”, “Handelsblatt” aber auch “SZ” ihre journalistische Glaubwürdigkeit. Fakten werden ignoriert, Lügen verbreitet und das Ganze als Journalismus verkauft. Wie bitter ist es, dass in einer insgesamt schon schweren Zeit für Journalistinnen und Journalisten in Deutschland dieses Propaganda-Kartell das eigene Grab nur noch tiefer gräbt. 

Das Bemerkenswerte ist nicht, dass Presseverlage ihre Publikationen dazu nutzen, ihre Eigeninteressen durchzusetzen. Das ist weder überraschend noch neu, wie man zum Beispiel an der Existenz des Listenprivilegs sehen kann.

Bemerkenswert dagegen sind zwei Umstände:

1. Wie stümperhaft, wie praktisch überhaupt nicht verdeckt, gelogen wird.

2. Wie wenig von den betroffenen Redaktionen nach außen durchdringt. Gibt es keine Journalisten in den jeweiligen Redaktionen, die entsetzt über die Vorgänge sind? Wenn man aus Angst um den Arbeitsplatz den eigenen Arbeitgeber nicht öffentlich kritisieren will und intern keine ausgewogene Berichterstattung forcieren kann, dann gibt es noch andere Wege, an die Öffentlichkeit zu gehen. Warum gibt es keine Leaks über interne Vorgänge an Blogs oder Onlinemedien wie DWDL? Warum gibt es keine anonym geführten Blogs auf wordpress.com oder Tumblr, die über die Vorgänge hinter den Kulissen berichten?

Ich hoffe, die Medienwissenschaftler des Landes sammeln bereits Material für Untersuchungen zu den aktuellen Debatten zum Leistungsschutzrecht. Ein spannenderes Thema kann ich mir für dieses Feld nicht vorstellen.

Denn im Gegensatz zu früheren Durchsetzungen von Verlagsinteressen, wie etwa dem oben bereits erwähnten Listenprivileg, kann man hier und jetzt einmal direkt die systemischen Nachteile einer über industrielle Massenmedien organisierten Öffentlichkeit mit einer, in Deutschland eher noch rudimentär ausgeprägten, Öffentlichkeit einer vernetzten Informationsgesellschaft vergleichen.

Wie verlaufen die jeweiligen Debatten? Welche Mechanismen werden eingesetzt? Welche Unterschiede zu früher zeichnen sich bei den Ergebnissen ab?

Und warum können es sich die Lügner in den Redaktionen so einfach machen? 

Überregionale Zeitungen brechen am Kiosk ein

der neue vertrieb fasst die IVW-Zahlen vom dritten Quartal 2012 zusammen. Auszug:

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG meldet -7,2 Prozent (Abo: -1,5 Prozent), die FAZ -6,2 Prozent (Abo: -1,8) und die FRANKFURTER RUNDSCHAU verzeichnete einen Rückgang von -7,3 Prozent (Abo: -5,1). Vier Zeitungen erlebten im Einzelverkauf sogar zweistellige Einbußen: DIE WELT/WELT KOMPAKT (-12,8), das HANDELSBLATT (-14,1), die TAZ (-17,1) und die FTD (-15,8), die nun nur noch auf 44.700 hart verkaufte Exemplare kommt.

Die doch recht eindeutigen Zahlen war mir bis jetzt entgangen. Die FTD ist mittlerweile Geschichte. Es könnten sehr bald mehr folgen, wenn man sieht wie schnell es jetzt doch auch in Deutschland geht. Denn bei dieser Geschwindigkeit brechen auch schnell die Skaleneffekte weg.

Wo sind jetzt all die Leute, die jahrelang felstenfest behauptet haben, die deutsche Printpresse könne niemals das gleiche Schicksal erleiden wie ihr US-Äquivalent?

(via Fritz Iversen)