Deezer untergräbt Netzneutralität mittlerweile mit Deals mit 25 Mobilfunkanbietern

Der französische Musikstreamingdienst Deezer,  der sich mit 5 Millionen zahlenden Nutzern schmücken kann, verkündet auch stolz 25 Deals mit Mobilfunkbetreibern, die die Netzneutralität beerdigen:

Along with the product news and catalog/user milestones, Deezer also announced a total of 25 carrier partnerships bundling Deezer music subscriptions with mobile services, with the 11 newest announced today. Deezer was something of a trailblazer in aligning music streaming with mobile usage — with an early deal and investment from France Telecom as part of its first efforts to grow. It’s something that Deezer credits with its wide usage in France and is also a trick that Spotify has used to replicate that success.

Deezer und Spotify tragen die Netzneutralität im mobilen Internet zu Grabe.

Im Januar schrieb ich dazu:

Spotify ist nicht das einzige Webunternehmen, das mit Deals mit den Netzbetreibern die zwar diskutierte, aber weder in den USA noch in Europa gesetzlich festgeschriebene Netzneutralität unterwandert. Facebook verstößt mit Facebook Zero seit 2010 gegen die Netzneutralität. Ein Problem bei all diesen Deals ist auch, dass es bis heute hierzu keine Debatte gibt. Der Grund dafür ist auch offensichtlich: Es gibt kurzfristig kein Empörungspotential. Ohne dieses bleiben viele klassische Massenmedien und Netzaktivisten blind.

Die Strategie der Netzbetreiber ist einfach:

1. Der Kunde freut sich heute. Mit diesem T-Mobile-Tarif kann ich so viel Spotify streamen wie ich will, auch wenn ich unterwegs bin!

2. Der Kunde ärgert sich morgen, wenn es zu spät ist. Mit diesem Tarif bekomme ich Spotify und YouTube inklusive, aber ein langsames Facebook. Bei dem anderen Tarif zahle ich 10 Euro mehr, aber erhalte neben YouTube auch Facebook und SPON in schnell, aber kein Spotify. Und, oh Gott, meine Nase blutet!

Ohne Netzneutralität wird das Abschließen eines Internetzugangs so verständlich wie der Abschluss einer Versicherung werden.

Wer hätte gedacht, dass ein beliebtes Musikstartup aus Schweden das Ende für eine Festschreibung der Netzneutralität auf europäischer Ebene darstellen könnte?

Well played, Netzbetreiber.

“Happy Birthday”: Cash Cow dank Copyright seit 1935

Daniel A.J. Sokolov und Ingo T. Storm auf heise online über eine besonders extreme Folge des pervertierten Copyrightsystems:

Die Melodie von “Happy Birthday” soll 1893 von den Kindergärtnerinnen Patty und Mildred Hill als morgentliches Begrüßungslied zu einem Text “Good Morning to All” komponiert worden sein. Noch im selben Jahr erschien das Lied in einem Kindergartenliederbuch. Wer den geläufigeren Geburtstagstext schrieb und wann dies geschah, ist bis heute nicht sicher geklärt. Dennoch wurde die Kombination aus Melodie und Happy-Birthday-Text 1935 für Copyright registriert und sollte 1991 gemeinfrei werden. Neue Gesetze verlängerten die Schutzfrist in den USA zweimal, und so hält Warner Music das Copyright an der Kombination von Musik und Text zumindest bis 2030. In der EU soll das Urheberrecht Ende 2016 ablaufen, sofern keine weitere Fristverlängerung erfolgt.

Kein vernünftiger Mensch kann behaupten, das Recht wäre hier noch zum Wohl der Gesellschaft. Niemand kann behaupten, “Happy Birthday” wäre nicht entstanden, wenn es nicht bis 2030 nur kostenpflichtig benutzbar bleibt.

Das Free Music Archiv ruft nun zu einem Wettbewerb für ein freies Geburtstagslied auf.

Das Copyright auf “Happy Birthday” ist übrigens höchstwahrscheinlich nicht gültig. heise:

Dass der bayerische Mathematiker, Musiker und Kabarettist Dieter Paul schon 1980 nachwies, dass Happy Birthday das schamlose Plagiat eines bayerischen Volkstanzes ist, verhallte weitgehend ungehört. Doch nun hat der Rechtsprofessor Robert Brauneis die Geschichte des Liedes erforscht. Zwar hält er die Originalität für ausreichend, sieht aber das Copyright nach US-Recht als ungültig an. Es sei nicht erwiesen, wer den Text geschrieben habe, die ursprüngliche Registrierung sei ungültig, und es seien keine ordentlichen Verlängerungsanträge gestellt worden.

Das ficht Warner Music aber nicht an, für öffentliche Aufführungen Geld zu fordern.

Wer kann es Warner Music bei Einnahmen in Millionenhöhe allein in den USA verübeln?

Das ist das Problem mit exklusiven Rechten, egal ob Copyright oder Leistungsschutzrechte. Im Zweifel werden sie wahrgenommen und es wird unrechtmäßig Geld eingezogen. Ein Konzern hat eine Rechtsabteilung, die Public Domain nicht. Letztere ist systemisch so lang im Nachteil, bis die Gesetzgebung geändert wird.

Und diese müsste grundlegend geändert werden, um solche Unverschämtheiten zu beenden oder zumindest einzudämmen.

 

Psy nimmt 8,1 Millionen US-Dollar mit Gangnam Style ein, auch weil er Copyrightverletzungen ignoriert hat

Techdirt über Gangnam Style und die Entscheidung der Macher, Mashups, Parodien und offensichtliche Copyrightverletzungen nicht zu verfolgen:

A couple of months back, Mike wrote about how Psy’s relaxed attitude to people infringing on his copyright helped turn Gangnam Style into one of the most successful cultural phenomena in recent years, and that includes becoming the most-viewed video on YouTube ever.

Ah yes, the maximalists will retort, this free-and-easy, laid-back approach is all very nice, but it doesn’t put food on his table, does it? If you want to make a living from this stuff, you’ve got to enforce copyright to stop all those freeloaders ruining your business.

AP über die wirtschaftlichen Konsequenzen dieses Ansatzes:

With one song, 34-year-old Park Jae-sang — better known as PSY — is set to become a millionaire from YouTube ads and iTunes downloads, underlining a shift in how money is being made in the music business. An even bigger dollop of cash will come from TV commercials.

From just those sources, PSY and his camp will rake in at least $8.1 million this year, according to an analysis by The Associated Press of publicly available information and industry estimates.

Die enorme Bekanntheit hat der Rapper nutzen können, um nicht wenig Geld einnehmen zu können. AP über die Hauptquelle:

It is television commercials that are the big money spinner for the most successful of South Korea’s K-pop stars. PSY has been popping up in TV commercials in South Korea for top brands such as Samsung Electronics and mobile carrier LG Uplus.

Chung Yu-seok, an analyst at Kyobo Securities, estimates PSY’s commercial deals would amount to 5 billion won ($4.6 million) this year.

Gangnam Style ist meines Erachtens nach auch das erste globale Pop-Phänomen nach der Musik-TV-Ära, das nicht zuletzt YouTube und Social Networks seinen Aufstieg verdankt.

An alle Fragmentierung-der-Öffentlichkeit-Unker: Wann hat es das letzte Mal ein südkoreanischer Rapper zu Weltruhm geschafft?

Siehe auch Leonhard Dobusch zu Gangnam Style auf netzpolitik.org.

Wie die Majorlabels Startups bedroht und Innovation getötet haben

Vor einigen Wochen schrieb ich darüber, welche negativen Effekte exklusive Rechte wie das Urheberrecht haben können:

Tatsächlich verlangsamt das bestehende Urheberrecht, weil es rein ökonomisch betrachtet ein Monopolrecht auf Verwertung ist, die Veränderungen in den Geschäftsmodellen. Es hält sie aber nicht auf.

Die Kreativbranchen sind einer Disruption ausgesetzt, der sie sich widersetzen können, weil ihre Prozesse gesetzlich abgesichert sind. Das macht Veränderungen schwerer als in Branchen, in denen keine Gesetze Prozesse schützen. Aufhalten lassen sich diese aber nicht. Warum? Weil die veränderten Rahmenbedingungen die Auslöser sind. Und diese Rahmenbedingungen können nicht mit Gesetzen weggeschrieben werden. (Zumindest nicht in einem demokratischen Rahmen. Letztlich lässt sich gesetzlich auch festschreiben, dass man sich in der Öffentlichkeit nur mittels silly walking fortbewegen darf, wenn man dafür eine Mehrheit findet, die man nicht finden wird.)

Aber wie stark sind diese Effekte tatsächlich? Bisher hat sich noch niemand näher damit beschäftigt. Bis jetzt. Nun liegt eine erste Befragung von Brancheninsidern von sowohl der Startupseite als auch der Labelseite darüber vor, welche Effekte auf die digitale Musikbranche das Gerichtsurteil zu Napster und das daraus folgende Verhalten der Labels gegenüber Startups hatte.

TorrentFreak:

By interviewing 31 CEOs, company founders and VPs who operated in the digital music scene during the past 10 years, Associate Professor Michael A. Carrier at Rutgers University School of Law has produced a most enlightening report on the decade long aftermath of the Napster shutdown.

TorrentFreak hat einige Zitate aus der Studie herausgezogen:

It started with a drain on cash. Interviewees reported that venture capital funding for digital music “became a wasteland”, a “scorched earth kind of place” housing a “graveyard of music companies.” With the big labels choosing where and when to sue, funding was hard to come by.

[..]

One recalled that the labels “don’t license you if you don’t have traffic” but once enough footfall is achieved then “they want to get paid for ‘infringement’ and the longer it takes to license you, the larger the ‘infringement’ number they can justify charging you.”

Another described a litigation “Ponzi scheme” whereby settlements and other fees extracted from startups were used to fund the labels’ ongoing litigation strategy. However, like all Ponzi schemes there was a problem – maintaining momentum. “Once you stop suing new people there are no new settlements to pay for the ongoing litigation,” one interviewee reported.

But the labels weren’t always unreceptive to new ideas – as long as they were bad ones. The report notes that the labels were happy to take “big, up-front fees” of “10, 20 million bucks” from startups they knew wouldn’t make it. Carrier reports that a leading officer from one label admitted that they would “cripple the companies by demanding such advances and guarantees that they go belly up.”

Established services couldn’t make progress with the labels either, even when they did everything they could to avoid copyright issues. One, that boasted several million users and “interest from top-tier VCs – really the top of the top,” was also sued by the labels.

“After they sued us, our opening offer to them was: ‘You guys made your point; we will charge anything you want to charge, and you can take any percentage you want to take,” a respondent reported. “It was literally an offer of a blank check.” The labels refused and said they wanted the service shut down instead.

[..]

“You do what you want until one day you can’t and they come and your tail light’s broken.”

Das ist das fürchterliche, demprimierende Ergebnis einer Branche, die von Monopolisten bestimmt wird.

Man sollte Dieter Gorny kein Wort glauben, wenn er davon spricht, wie seine Industrie, die Tonträger-Riesen, in den letzten zehn Jahren innovativ waren und neue Produkte entwickelt haben. Sie haben wie alle Unternehmen auf Disruption reagiert: Mit Ignoranz und Desinteresse. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass sie rechtlich in die Lage versetzt waren, potentielle Disruptoren einfach auszuschalten; und das knallhart, man könnte auch sagen mafiös, so lang verfolgt haben, wie es möglich war. Ohne das unkontrollierbare Filesharing würde es deshalb bis heute kein Spotify und co. geben.

Das ist ein enorm wichtiges Thema. Denn entgegen der öffentlichen Wahrnehmung dürfte dieses Verhalten der großen Labels wirtschaftlich weitaus schädlicher für den gesamten Musiksektor gewesen sein als illegales Filesharing, weil es jede Form von neuen Angeboten im Keim erstickt hat und keine Investitions- und Innovationskultur zugelassen hat. Schade deshalb, dass die Studie zum Teil von Google finanziert wurde, was ihre Ergebnisse leider für viele sofort invalide macht, und die Interviewten sich nur anonym beteiligten.

Mittlerweile gibt es wieder Millioneninvestitionen in Musikstartups. Ein Grund dürfte auch sein, dass die Majorlabels an Marktmacht verlieren und besonders in den USA langfristig konstante Einnahmequellen abseits des CD-Verkauf benötigen. Die Angst existiert aber weiterhin, wie ich auf neumusik.com beschreibe:

Innovationen geschehen im Musiksektor noch immer mit angezogener Handbremse.

Spannend zu dem Thema könnte auch die kommende Breitband-Sendung werden:

Wir werden nicht über Acta, das Leistungsschutzrecht und Netz-Sperren sprechen, sondern der Frage nachgehen, ob und wie das geltende Urheberrecht Innovation behindert. Warum gibt es kein Spotify für Filme? Hätte Google Books in Deutschland entstehen können? Inwiefern wird Open Access durch geltendes Recht ausgebremst? Wie wirkt sich das geltenden Urheberrecht auf kolaborative Arbeiten mit ungezählten Urhebern aus? Wir gehen auch der Frage nach, was Urheberrecht eigentlich bewirken soll und was diskutierte Alternativ-Modelle verbessern würden. Thema ist sicher auch, wie man eigentlich nicht eingetretene Innovation wissenschaftlich misst.

Urheberrechtsfreie, mit Crowdfunding finanzierte Aufnahme von Bachs Goldberg-Variationen erschienen

neumusik.com: Open Goldberg Variations: Urheberrechtsfreie, fanfinanzierte Aufnahme und digitale Partitur des Meisterwerks von Johann Sebastian Bach:

Open Goldberg Variations hat sich mit Kickstarter finanziert. 15.000 US-Dollar wurde für das Projekt benöitgt,  über 23.700 US-Dollar sind letztlich geflossen.

Die Aufnahmen findet man komplett auf SoundCloud.

Ein weiterer Beweis dafür, dass Musikaufnahmen ohne Urheberrechtsbeschränkungen, ermöglicht durch die neuen Internetplattformen und ihre Vernetzungspotentiale, an Bedeutung zunehmen.

Projekte wie dieses zeigen, in welche Richtung sich die Finanzierung von Musik entwickelt.

Als wäre es nicht schon Paradebeispiel genug, zeigt Sony Music an diesem Beispiel, wie sehr sich restriktionsbasierte Produktionsmodelle industrieller Art mit allmendebasierten Ansätzen beißen können und warum, noch einmal, Plattformproviderhaftung enorme Probleme mit sich bringen kann. Robert Douglass von Open Goldberg Variations in einem Kommentar auf Boing Boing:

You may note that Variation 8 is missing from the SoundCloud widget for the time being. Ironic as it seems, that track was flagged for copyright violation against Sony Music. They make it hard putting stuff into the public domain! The track will be available as soon as it works its way through SoundCloud’s review process.

Update: SoundCloud hat die 8. Variation freigeschaltet.

Musikerin Amanda Palmer sammelt in 3 Tagen über 340.000 US-Dollar über Crowdfunding ein

Die Musikerin Amanda Palmer sammelt in 3 Tagen über 340.000 US-Dollar über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter ein. Die für das so zu finanzierende Studioalbum von ihr veranschlagten 100.000 US-Dollar hatte sie bereits nach 6 Stunden erreicht. Das Projekt läuft noch 29 Tage.

Soviel zu der Aussage, dass außerhalb von klassischen industriellen Strukturen, hier Majorlabels, keine Geldsummen für arbeitsteilige Prozesse in Kreativbereichen zusammenkommen könnten.

Tumblr als wichtigster “Play Button”-Partner von Spotify macht Musikblogs so einfach wie nie zuvor

Spotify hat heute mit dem Play Button ein Widget zum Einbetten von Songs, Alben und Playlists veröffentlicht.

Die vielleicht bedeutendste Play-Button-Kooperation ist jene zwischen Spotify und Tumblr: Jeder Tumblr-Nutzer kann nun einfach Spotify-Tracks bloggen. Audio-Posts erlauben nun neben Soundcloud auch das Durchsuchen von Spotify. Der gewünschte Song, das Album oder die Playlist muss nur noch angeklickt werden, fertig ist die Integration im Blogposting.

Einfacher ist Musikblogging nie gewesen:

2012 04 11 um 12 38 45

Tumblr ist eine extrem populäre, sehr schnell wachsende Bloggingplattform mit über 50 Millionen Blogs.

Die Bedeutung dieser Neuerung kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Musikblogs wurden gerade für technisch nicht versierte Menschen extrem attraktiv.

Weitere Launchpartner von Spotifys Play Button:

Launch partners include The Huffington Post, ShareMyPlaylists, FanRx, Popdust, The Independent, Time Out, The Guardian, NME, Rolling Stone, Mashable, FanBridge, Wonderwall, The Fader, Chegg, ELLE , Noisey.com, Entertainment Weekly, People.com, and SPIN.com.

Künstlereinnahmen von 1995 bis 2011 in Deutschland gewachsen? Zumindest nicht massiv eingebrochen.

Christian Hufgard, Urheberrechtsexperte der Piratenpartei und Vorsitzender des Vereins Musikpiraten, hat sich die Entwicklungen der Künstlereinkommen anhand von Zahlen der KSK (das erwartete jährliche Einkommen der Künstler) und der GEMA über die Jahre von 1995 bis 2011 näher angeschaut.

Die Mitgliederzahl der KSK ist gewachsen:

Von 73.352 Mitgliedern im Jahr 1995 wuchs sie bis 2011 um den Faktor 2,3 auf 169.662.

Es verdienen heute also mehr Menschen ihr (weniges) Geld mit kreativem Schaffen.

Musiker verdienen inflationsbereinigt 2011 mehr als 1995:

Nach einem Abflachen der Einkommen bis 2007 stiegen sie wieder stark an. Bis auf den Bereich Wort, der im Vergleich zu 1995 1,3 Prozent weniger verdient, steht den Künstlern im Durchschnitt mehr Geld zur Verfügung. Am besten steht sogar die Sparte da, deren Rechteverwerter in der Öffentlichkeit am meisten klagen: Musik. Um 5,6 Prozent stieg das Einkommen inflationsbereinigt an.

Interessant ist die fehlende Korrelation zwischen Musikereinkommen und GEMA-Ausschüttungen:

Auffällig ist auch hier, dass gestiegene Einnahmen bei der GEMA nicht zu steigenden Einnahmenerwartungen der Musiker geführt haben. Ebenso ist der Einnahmenrückgang der GEMA nicht bei den Einnahmen der Musiker erkennbar.

Das könnte darauf hindeuten, dass die GEMA mehr Geld an Schlagererben denn an ausübende Musiker ausschüttet.

Die Studie wurde unter anderem auf irights.info von Tobias Schwarz und Matthias Spielkamp kritisiert:

Auch wenn der Zuwachs auf sehr niedrigem Niveau stattfindet, ist das erst einmal erfreulich für die Musiker. Allerdings unterschlägt die Rechnung, dass es in einigen Jahren zwischen 1995 und 2006 auch zu teils großen Einkommensverlusten kam. Der Einkommenszuwachs ist also kein Trend. Im Gegenteil: Legt man ein Szenario zugrunde, bei dem die Musiker seit 1995 jedes Jahr real, also inflationsbereinigt, ein gleichbleibendes Einkommen erwirtschaftet hätten, wären in den 17 Jahren 167.776 Euro pro Kopf zusammen gekommen. Tatsächlich waren es 166.924 Euro – also ein „Verlust“ von 852 Euro.

Und über die KSK-Zahlen und die Schlussfolgerungen:

An die Künstlersozialkasse melden die Musiker das so genannte Arbeitseinkommen, also die Differenz zwischen Betriebseinnahmen und Betriebsausgaben. Betriebseinnahmen sind Einnahmen, die „unmittelbar mit der selbständigen künstlerischen oder publizistischen Tätigkeit zusammenhängen (z. B. Honorare, Tantiemen, Gagen)“, also auch „alle urheberrechtlichen Vergütungen, auch solche, die über Verwertungsgesellschaften bezogen werden (GEMA, GVL, Verwertungsgesellschaft Wort, Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst etc.).“

Somit wäre beispielsweise denkbar, dass Musiker aus Plattenverträgen und GEMA-Einkünften ein geringeres Einkommen beziehen als 1995, etwa weil die Umsätze mit Tonträgern stark gesunken sind, diese Verluste aber durch Musikunterricht und Auftragskompositionen für Werbung ausgleichen konnten. Allein aus der Höhe der bei der KSK gemeldeten Einkünfte können keine Schlüsse gezogen werden, wie sich die Verbreitung des Internets im Detail auf die Zusammensetzung dieser Einkünfte ausgewirkt hat.

Das stimmt. Allerdings zeigen die Entwicklungen der KSK-Zahlen vor allem, dass es den oft beschworenen Einbruch im Einkommen der Kreativen nicht gegeben hat. Hat sich der Einkommensmix im Zeitraum geändert? Mit Sicherheit. Die Zahl der Kreativen ist allerdings zusätzlich gestiegen. Und: gibt es einen Rückgang an veröffentlichter Musik und anderer Kultur in dem Zeitraum? Wenn nicht, wo liegt dann das Problem?

Zu diesem Punkt fehlen meines Wissens nach noch Zahlen für Deutschland. Es würde mich aber überraschen, wenn wir in Deutschland diesbezüglich siginifikante Rückgänge zu verzeichnen hätten.

In den USA ist die Anzahl der Veröffentlichungen von Musik, Büchern und Filmen in den letzten Jahren bekanntlich erheblich angestiegen.

Follower-Prinzip im Musikbereich

In meiner Kolumne für den Musikmarkt habe ich letztens über das Follower-Prinzip im Musikbereich anhand von Musicplayr, Blip.fm, Rdio und Hypemachine geschrieben. Der Text kann jetzt auch auf neumusik.com gelesen werden:

All diesen Beispielen ist gemein, dass die Verfolgbarkeit von Musik, die von Freunden über Blogs bis Accounts von Musikmagazinen oder Labels gehen kann, die Entdeckung von Musik neu formt und damit auf eine mögliche Zukunft der Organisierung des Hörfunks hinweist.

Der selbst zusammengestellte und/oder entbündelbare Stream wird das Gesamtangebot aus einer Hand auch im Hörfunk nach und nach ablösen. Talkradio wird bereits von Podcasts unterwandert.

Anmerkungen zum offenen Brief von Mark Chung (VUT)

Mark Chung, der Vorsitzende des VUT (Verband unabhängiger Musikunternehmen e.V.), hat in einem offenen Brief auf einen Artikel von Berthold Seliger reagiert. Der offene Brief wurde unter anderem auch auf Spreeblick veröffentlicht.

In diesem Brief finden sich einige diskutable Ansichten wieder, auf die hier eingegangen werden soll, weil sie Sichtweisen und Argumentationen darstellen, die mir in Gesprächen häufiger begegnen.

Mark Chung schreibt am Anfang über den seiner Meinung nach offensichtlichen Interessenkonflikt:

Der grundlegende und offensichtliche Interessenkonflikt besteht seit einigen Jahren zwischen Technologiekonzernen, die von der Verbreitung von Inhalten profitieren OHNE in Künstler oder die Produktion neuer Inhalte zu investieren einerseits und Medienunternehmen und Künstlern, die diese Inhalte produzieren, andererseits.

Er zählt dann als Technologieunternehmen Google, Accessprovider und Hoster wie Megaupload und Rapidshare auf.

Das ist eine Ansicht, die mir in letzter Zeit recht häufig begegnet. Sie ist leider irreführend. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass man als Problem für die eigene Branche keine einer Naturgewalt gleichende Veränderung der gesamten Rahmenbedingungen ausmachen will und stattdessen lieber Gegner mit Gesichtern bevorzugt.

Aber genau so, wie Napster Ende der Neunziger und später Soulseek, Kazaa und wie sie alle hießen nicht das Problem gewesen sind, so sind auch heute Technologiekonzerne wie Google nicht das Problem. Oder anders: Sie sind eher Manifestationen der Folgen nicht die Auslöser.

Es ergibt keinen Sinn, seine Kraft darauf zu verwenden, die einzelnen Tauschbörsen zu schliessen, weil, wie viele Beobachter von Anfang an verwiesen, schlicht neue Systeme an ihre Stelle treten.

Die Musikindustrie hat immer wieder vermeintliche Siege gegen Filesharing gefeiert, als sie erst Napster zur Schliessung brachten und später als sie etwa große BitTorrent-Tracker in die Knie zwang. Kein in der Presse zelebrierter Sieg hat die zugrundeliegende Entwicklung aufgehalten.

Wie viele Jahre müssen noch vergehen, wie viele vermeintliche Siege müssen noch kommen, die sich später als etwas herausstellen, über das sich selbst Pyrrhus noch freuen würde, bis die Erkenntnis reift, dass hier sich etwas ganz grundlegend ändert?

Natürlich profitiert Google von geringeren Urheberrechten oder kürzeren Fristen, so dass Inhalte frei auf ihren Plattformen wie etwa YouTube zirkulieren können. Na und? “Ja aber dann verdienen die noch mehr Geld.” ist kein Argument.

Sind Megaupload, Rapidshare und co. ein Problem? Sicher. Aber warum sind sie das? Weil es unglaublich billig geworden ist, Kopien von Dateien auf Servern vorzuhalten und zum Download anzubieten. Deshalb sind auch Box.net und Dropbox und viel andere Hosting-Anbieter ebenso auf dem Vormarsch wie auf dem Radar der Tonträgerindustrie.

Filesharing, One-Click-Hoster und Streamingplattformen, das gehört alles mehr oder weniger in den selben Digitalisierungstopf.

Natürlich gibt es Unternehmen, die Profit aus der Digitalisierung und manche davon dabei auch teilweise aus gesetzlichen Grauzonen oder gar aus Umständen ziehen, die zwar illegal, aber nicht sinnvoll verfolgbar sind.

Aber das Problem vieler aus Film- und Musikbranche bleibt bestehen: Sie verwechseln Ursache und Wirkung.

Mark Chung verweist als nächstes auf das gestiegene Durchschnittsalter der erfolgreichsten Live-Künstler:

Als Veranstalter von Konzerten könnte Dir allerdings aufgefallen sein, dass das Durchschnittsalter der 50 erfolgreichsten Live-Künstler 2010 mittlerweile 46 Jahre beträgt, mit mehr Künstlern in ihren 60ern als in ihren 20ern [2]. Und dass nur 2 der 10 erfolgreichsten Livekünstler 2010 in den letzten 20 Jahren populär geworden sind (Lady Gaga und Michael Buble) [3].

Greg Kot von der Chicago Tribune beschreibt in seinem lesenswerten Buch Ripped: How the Wired Generation Revolutionized Music (Affiliate-Link) wie erfolgreiche junge Künstler dank Internet und dank Filesharing, Musikblogs und Onlinmedien wie Pitchfork vor einem Problem stehen, das so gar nicht in die Narration der Branche passt: Sie werden zu schnell zu groß. Ihre Konzerte sind ausverkauft, bevor das erste Album veröffentlicht ist und bevor sie im Auftreten geübt sind.

Es gibt sie also, die erfolgreichen jungen Musiker. Was aber ist los mit den alten Konzert-Topverdienern?

Dafür kann es viele Erklärungen geben:

  • Die Unternehmen, die an großen Tourneen mitverdienen, stecken entsprechend große Marketingbudgets rein.
  • Die großen Stars sind die Stars einer ehemaligen industriellen Musikbranche, die natürlich aufgrund der Rahmenbedingungen (begrenzte MTV-Zeit, begrenzte Regalflächen) gar nicht anders konnte, als den kleinsten gemeinsamen Nenner immer stärker hervorzuheben -> Superstars
  • Heutzutage gibt es seltener neue Superstars, dafür mehr Stars in ihren jeweiligen Genres, beziehungsweise eine stärkere “Zersplitterung” (eigentlich Normalisierung, Heterogenisierung), weil die Begrenzungen der industriellen Prozesse (siehe vorhergehenden Punkt) weitestgehend weggefallen oder zumindest stark verringert wurden
  • Die Verteilung an der Spitze sagt wenig über den gesamten Markt aus. Es gibt einen lebendigen Long Tail im Livesektor. (Wie weiter unten ausgeführt, sind die Gesamtumsätze er Branche in mehreren Ländern gestiegen, nicht zuletzt dank der Zuwachsraten im Livegeschäft.)

Egal was der Grund ist: Aus der Verteilung des Livegeschäfts lässt sich nicht automatisch eine Grundlage für ein notwendiges Handeln im Urheberrecht oder in den gesetzlichen Rahmenbedingungen für das Onlinegeschäft ableiten. Eine solche Forderung würde die Komplexität des Sachverhalts vollkommen verkennen.

Mark Chung weiter:

Aber jeder, der heutzutage erwägt in junge Musiker zu investieren, jeder der darüber nachdenkt, den Job aufzugeben um sich der Musik mit aller Kraft und Energie zu widmen – in meiner Welt fast immer eine Voraussetzung für Weiterentwicklung und herausragende Ergebnisse – jeder, der  versucht die Finanzierung für einen etwas ungewöhnlichen oder bahnbrechenden Film zusammenzubekommen und Augen, Ohren und ein Hirn dazwischen hat, weiß, dass hier massive Probleme entstanden sind, die wir lösen müssen.

Das ist alles nicht falsch. Und sicher wurde es nicht einfacher, seit die Unternehmen, die für die Vorfinanzierung verantwortlich sind, mit ihren Geschäftsmodellen straucheln.

Aber bei den Majorlabels war die Risikobereitschaft auch bereits in den Neunzigern weniger der Rede wert. Dort hat sich maximal marginal etwas geändert.

Und für die Filmbranche lässt sich sagen, dass nicht nur die Gesamtanzahl der in den USA veröffentlichten Filme in den letzten zehn Jahren kontinuierlich gestiegen ist, sondern Hollywood zusätzlich zumindest 2009 historische Rekordprofite verzeichnen konnte:

In 2009, the leading Hollywood studios made more films and generated more revenue than ever before, and for the first time in history the domestic box office grosses will surpass $10 billion.

Natürlich versuchen die Filmstudios ihre Situation anders darzustellen als sie ist. Davon sollte man sich aber nicht beirren lassen. Filesharing hatte praktisch keine, oder wenn dann nur marginale Auswirkungen auf die Geschäftsentwicklung im Filmsektor. (Das ist auch relativ leicht erklärt: Das kollektive Kinoerlebnis ist nicht kopierbar.)

Die Filmbranche ist noch für einen weiteren Vergleich gut: In Nigeria, China und Indien entwickelt sich die Filmbranche nicht trotz sondern aufgrund von illegalen Filmkopien sehr gut.

Die Entwicklung einer Branche, die vermeintlich auf das Urheberrecht und dessen Achtung angewiesen ist, ist also nicht immer so stark auf Gedeih und Verderb auf dieses Recht angewiesen, als vielmals vermutet. (Und mit ‘vermutet’ meine ich ‘als unumstössliche Wahrheit angenommen, deren Infragestellung bereits als Sakrileg ausgelegt wird’.)

Weiter im Text:

Die objektiven Interessen der Künstler und Produzenten sind ebenfalls offensichtlich: Für die Nutzung der von Ihnen hergestellten Inhalte eine angemessene Vergütung zu erhalten und – im Erfolgsfall – Profite zu erzielen.

Was ist angemessen?

  • Ist es angemessen, eine geringe/mittlere/hohe Bezahlung von YouTube zu verlangen, wenn diese Plattform das eigene Musikvideo 14 Millionen Mal abgespielt hat?
  • Hat MTV früher für das Abspielen der Videos bezahlt?
  • Welches Independent-Label könnte sich eine Website leisten, auf der die eigenen Musikvideos millionenfach abgerufen werden?
  • Wo würde die Community, also die Reichweite, für die eigene Lablvideoseite herkommen?
  • Wenn ein Musiker mit seiner Musik auf einer Plattform populär ist, sollte er dann nicht die Reichweite durch diese Plattform nutzen, um daraus Gewinn zu erhalten, der weit über die wenigen Werbepennies hinausgeht, die die meisten kostenfreien Plattformen pro Inhalt verdienen?
  • Was wäre, wenn YouTube allen Forderungen der Musiklabels nachgibt und gleichzeitig für die offiziellen Labelaccounts einen neuen Preis von sagen wir 500€/Monat aufwärts einführt? Die Labels müssen nicht auf YouTube sein. Sind sie es nicht, fehlen aber dort auch ihre Videos. Wären alle Labels dann zufrieden?

Ich sage nicht, dass es auf diese Fragen eindeutige Antworten gibt. Ich möchte damit nur darauf hinweisen, dass in der Musikbranche oft sehr einseitig argumentiert wird:

Es wird die vermeintliche Kostenloskultur beklagt, weil man hier und da nicht für das Bereitstellen der Musik direkt bezahlt wird. Es wird gleichzeitig als selbstverständlich akzeptiert, dass man für Plattformen wie YouTube, Twitter und Facebook nicht bezahlt.

Mark Chung weiter:

Künstler und Medienunternehmen sind Nutzer und Lieferanten von Inhalten des Internets wie alle anderen inklusive derjenigen, die hieraus eine Weltanschauung machen. Aus objektiver Sicht gibt es kein spezifisches Interesse von Künstlern oder Musikunternehmen, bürgerliche Freiheiten einzuschränken. Ihr Interesse besteht darin, für die Nutzung ihrer Werke Vergütungen zu erhalten. Hier gilt es Lösungen zu finden.

Das ist richtig. Das Dilemma ist nur: Um tatsächlich das Urheberrecht, wie es im 19. Jahrhundert erdacht wurde, auch im 21. Jahrhundert durchzusetzen, müssen online Bürgerrechte beschnitten werden.

Entweder Urheberrecht oder Privatsphäre.

Entweder totale Überwachung des Datenverkehrs oder nicht kontrollierbare Distribution.

Es geht nur das eine oder das andere.

Und dieser zwingende Zusammenhang führt dann natürlich dazu, dass die Forderungen der Entertainmentindustrie Beschneidungen von Bürgerrechten bedeuten. Es ist vollkommen egal, wie oft man beteuert, daran kein Interesse zu haben, wenn man gleichzeitig in genau diese Richtung die eigenen Lobbyisten losschickt. Und natürlich fällt das Aktivisten und Bürgerrechtlern auf und natürlich wehren sie sich dagegen. Dieser Interessenskonflikt ist real, und nicht, wie Mark Chung mutmasst, ein Konstrukt der PR-Strategen von Technologiekonzernen.

Natürlich nutzen letztere diesen Konflikt, um die eigenen Interessen zu unterstützen. Das führt aber nicht dazu, dass dieser Kampf nicht real sei.

Das Prinzip von Propaganda hat sich nicht verändert – man muss Dinge vor allem oft genug wiederholen, dann glaubt die Mehrheit der Bevölkerung sie irgendwann – unabhängig vom Wahrheitsgehalt.

Stimmt. So hat sich der unsinnige Begriff der Raubkopie etablieren können. Und noch immer gibt es viele Leute, die irreführenderweise Filesharing und Diebstahl gleichsetzen, weil sie entweder nicht wissen, wovon sie reden, oder weil sie eigene Interessen verfolgen, für deren Zwecke eine leichte Dehnung der Realität ganz hilfreich sein kann.

Interessant, um die Argumentationslinie vieler aus den Kreativbranchen zu verstehen, ist auch folgender Absatz:

Dagegen ist 100% sichergestellt, dass Künstler ÜBERHAUPT KEINE Beteiligung erhalten, wenn Unternehmen wie Rapidshare, Megaupload (aber auch Google [8]) unlizensiert substantielle Beträge mit ihren Werken verdienen.

Verlinkt ist ein Artikel auf Digital Music News, der einige AdWords-Partner von Google auflistet. Darunter befinden sich BitTorrent-Tracker und One-Click-Hoster.

Mit AdWords und AdSense kann praktisch jeder werben, der von Google nicht ausgeschlossen wird. Das System ist so weit es geht automatisiert.

Was Mark Chung hier also sagt: Google verdient mit, wenn diese mit unautorisiert bereitgestellten Inhalten Geld verdienen, weil Google für Werbung Geld von ihnen nimmt.

Das ist auf der Oberfläche richtig, und darüber kann man sich schön echauffieren. Aber was sollte denn die Alternative sein?

Googles Werbesystem funktioniert so gut, weil es auf den Long Tail abzielt, weil es dort einen neuen Markt geschaffen hat. Das wiederum funktioniert in der Masse nur, wenn vieles automatisch abläuft. Das wiederum bedeutet, dass eben nicht alles immer überprüft werden kann. Wie sollte es auch? Und warum?

Sollte Google Unternehmen die Werbemöglichkeit untersagen, weil auf deren Plattformen Urheberrechtsverstösse möglich sind?

Ist Mark Chung auch der Meinung, dass Kreditkartenunternehmen ‘unlizensiert substantielle Beträge mit den Werken der Künstler verdienen’, weil viele dieser Anbieter Premiumaccounts mit Kreditkartenbezahlung anbieten?

Der Vorwurf von Herrn Chung ist exemplarisch für viele Argumentationen von Vertretern aus der Film- oder der Musikbranche:

  • es erscheint auf der richtigen Seite der Moral
  • oberflächlich erscheint es schlüssig, ja geradezu offensichtlich
  • die Komplexität des Sachverhalts und die Implikationen des implizit Geforderten werden komplett ausgeblendet/nicht erkannt

Mark Chung zählt schließlich viele Studien zu Filesharing und den Auswirkungen auf Verkäufe auf. Er leitet sie mit folgenden Worten ein:

Die Auswirkungen unvergüteter Musiknutzungen wurden seit Jahren in unabhängigen wissenschaftlichen Studien untersucht und dokumentiert. Alle nachstehend genannten Untersuchungen sind nach wissenschaftlichen Richtlinien entstanden und von anerkannten Fachzeitschriften mit peer review publiziert worden.

Die nachfolgenden Studien (siehe auch hier für eine Liste) habe ich noch nicht alle gesichtet (Die meisten sind von 2004 und 2005 und damit bereits recht alt). Aber es lässt sich bereits sagen, dass seine Aussage über die Verlässlichkeit seiner Quellen nicht so ganz stimmt.

Er bezieht sich zum Beispiel auf einen BASCAP-Report. Was Wikipedia über BASCAP zu sagen hat:

The Business Action to Stop Counterfeiting and Piracy (BASCAP) was established in 2005 by the International Chamber of Commerce (ICC) to take a role in the fight against counterfeiting and piracy.BASCAP aims to unite global business community to more effectively identify and address intellectual property rights issues and petition for greater commitments by local, national and international officials in the enforcement and protection of IPR.

BASCAP zählt zu den Institutionen, die das undemokratische internationale ACTA-Abkommen vorantreiben.

Über BASCAPs Ziele sagt Wikipedia:

BASCAP’s long term goal is to press governments to take concrete action to reduce and ultimately eliminate counterfeiting and piracy. Shorter term, BASCAP’s priority is to push for significantly higher benchmarks for government performance at the national, regional, multi-lateral and international level.

Das ist in meinen Augen so weit von einer ernst zunehmenden wissenschaftlichen Quelle entfernt wie es nur geht.

Mark Chung fasst die Ergebnisse seiner zusammengesuchten Studien so zusammen:

Man kann davon ausgehen, dass es wie immer multiple Ursachen für Umsatzrückgänge gibt, nur wurden andere Faktoren bisher nicht zuverlässig identifiziert und nachgewiesen. Der gegenwärtige Stand der Forschung spricht dafür, dass unlizensierte Musiknutzungen den größten bisher bekannten Anteil an den Schäden und Einkommensminderungen verursacht haben.

Unabhängig von den Quellen, die ich jetzt nicht im einzelnen überprüft habe, die aber, wie oben am Beispiel von BASCAP gezeigt, nicht zwingend dem Bild entsprechen müssen, das Herr Chung anfangs gezeichnet hat: Natürlich hat Filesharing einen Einfluss auf den Rückgang des Tonträgerverkaufs gehabt.

Ich hoffe, dem geneigten Leser ist zu diesem Zeitpunkt etwas aufgefallen, dass Mark Chung entgangen zu sein scheint: Wir reden auf einmal von Filesharing, nicht mehr von den bösen Technologiekonzernen und ihren gewieften PR-Strategen.

Die Musikbranche hat Feinde an allen Fronten. Oder ist es etwa doch ein grundlegender Wandel, der sie betrifft?

Mark Chung übersieht etwas weiteres: Es spielt fast keine Rolle, welche Auswirkungen Filesharing auf den Tonträgerverkauf haben, denn:

1. Jede ‘stärkere’ Durchsetzung des Urheberrechts im Internet bedeutet ein Verlust von Bürgerrechten (siehe oben). Selbst wenn illegales Filesharing zu 100 Prozent entgangenen Verkäufen entsprechen würde, was definitiv nicht der Fall ist, würde das nichts daran ändern, dass auch die größten Musikfans wie ich nicht private Kommunikation zugunsten eines wirtschaftlichen Erfolgs der Musikbranche aufgeben werden.

2. Der Tonträgerverkauf stellt nur einen kleinen Teil der gesamten Musikbranche dar.

Ich zitiere den Teil der Studie von Felix Oberholzer-Gee von Harvard und Koleman Strumpf von 2010, den ich bereits auf neumusik.com letztes Jahr zitiert hatte:

Data on the supply of new works are consistent with our argument that file sharing did not discourage authors and publishers. The publication of new books rose by 66% over the 2002-2007 period. Since 2000, the annual release of new music albums has more than doubled, and worldwide feature film production is up by more than 30% since 2003. At the same time, empirical research in file sharing documents that consumer welfare increased substantially due to the new technology.
[..]
While file sharing disrupted some traditional business models in the creative industries, foremost in music, in our reading of the evidence there is little to suggest that the new technology has discouraged artistic production. Weaker copyright protection, it seems, has benefited society.
[..]
The decline in music sales — they fell by 15% from 1997 to 2007 — is the focus of much discussion. However, adding in concerts alone shows the industry has grown by 5% over this period. If we also consider the sale of iPods as a revenue stream, the industry is now 66% larger than in 1997.

Aktuelle Zahlen sind gar nicht so wichtig, wie die Erkenntnis, dass über Filesharing verbreitete Güter als komplementäre Güter verstanden werden sollten, die Einnahmen an anderen Stellen unterstützen. Techdirt:

One of the key points that the paper makes is that many people have difficulty (especially beforehand) in recognizing whether certain products are substitutes or complements. If products substitute for others (i.e., downloads take away from sales), then a market can be harmed. However, if the products are actually complements (i.e., more content boosts other parts of the market), then a market can actually be helped. The detailed research that Oberholzer-Gee and Strumpf go through clearly shows (pretty unequivocally) that file sharing is a complementary good that has massively boosted many different ancillary markets, and created a fantastic consumer surplus without actually decreasing output. In fact, quite to the contrary, as noted above, creative output has risen at a dramatic pace.

Der Gesamtumsatz der Musikbranche, also nicht nur Tonträgerverkäufer, ist nachweislich in mehreren Ländern (Norwegen, Schweden, UK, USA) aus verschiedenen Gründen in den letzten Jahren gewachsen. Der Output der Branche hat auch quantitativ zugenommen.

Das ist alles gut. Das ist sogar sehr gut für die Branche. Denn es ist für die Gesetzgebung mehr oder weniger irrelevant, ob die Musikbranche wächst oder eingeht, ob alte Musiker mehr verdienen oder ob junge Musiker zu schnell Publikum finden:

Die Musikbranche wird nicht auf dem Rücken von Bürgerrechten mit brachialer Gesetzesgewalt ihr heißgeliebtes Gestern wiederbekommen.

Was für ein Glück, dass sie das auch gar nicht benötigt!

Es ist frustrierend mit anzusehen, wie selbst der Vorsitzende der Vereinigung der unabhängigen Unternehmen auch 2011 noch so viel Energie darauf verwendet, an den falschen Fronten zu kämpfen und auf die falschen Lösungen zu hoffen.

Die Branche muss endlich die Realitäten erkennen, die seit Jahren offensichtlich sind:

  • Der Tonträgerverkauf in großem Umfang wird nie wieder ein wichtiges Standbein der Branche werden.
  • Man kann nicht digital das Analoge simulieren und glauben, das sei eine gute Grundlage für ein Geschäftsmodell.
  • Das Internet ist eine riesige Kopiermaschine, die das Kopieren immer einfacher macht.
  • Die wirtschaftliche Erlösung der Musikbranche wird niemals in einem wie auch immer ‘modernisierten’ Urheberrecht liegen.

Je länger es dauert, bis man das akzeptiert, desto mehr alte Strukturen werden ersatzlos verschwinden. Sie werden verschwinden, weil sie Kämpfe kämpfen, die weder gewinnbar noch zwingend in ihrem Interesse sind. Sie werden verschwinden, weil sie ihre Zeit nicht sinnvoll damit verbracht haben, einen neuen Platz in einer neuen Umgebung zu finden.

Wir befinden uns im Jahr 12 nach Napster und die Majors fallen wie Dominosteine. Den VUT-Mitgliedern wird es nicht anders ergehen, wenn sie der gleichen Meinung wie ihr Vorsitzender sind und sich entsprechend verhalten.

(Abschließende Anmerkung: Auf die impliziten verschwörungstheoretischen Anschuldigungen von Mark Chung gegen diverse etablierte Institutionen und Publikationen bin ich aus Gründen ihrer offensichtlichen Realitätsferne und allgemeinen Murksigkeit nicht eingegangen. Nichtsdestotrotz will ich darauf hinweisen, damit nicht der Eindruck entsteht, ich würde dem stillschweigend zustimmen.)

Die Musikbranche wird neu gedacht zwischen Cloudmusik und Playlist

Wie verändert die Digitalisierung bestehende Industrien und Branchen? Das ist eine der spannendsten Wirtschaftsfragen unserer Zeit.

Die Musikbranche wurde dank der MP3 als erste Branche am härtesten getroffen. Zuerst haben wir die kreative Zerstörung gesehen: Filesharing hat das Geschäftsmodell der Musiklabels, einer der bestimmenden Unternehmensklassen der Branche, aus den Angeln gehoben.

Dann kam erstmal lang nichts. Nicht zuletzt, weil jede legale Alternative von den Musiklabels über den Lizenzweg ausgeblutet wurde.

Nun sehen wir langsam, vielleicht auch weil die Majorlabels nicht mehr die Macht haben, die sie einmal hatten, wie erfolgreiche Musikdienste abseits der Simulation des Analogen (Dateiverkauf bei iTunes und Amazon MP3 zum Beispiel) entstehen.

Turntable.fm, Spotify, Soundcloud, um nur drei zu nennen. Aus diesen neuen Angeboten heraus verändert sich die Organisation der Musik, wie sie im industriellen Zeitalter sinnvollerweise stattfand.

Aus dem Album, der starren Playlistvorgabe der Künstler/Label/Anbieter, wird die flüssigere Playlist.

Auf neumusik.com habe ich heute eine meiner letzten Musikmarktkolumnen unter dem Titel Das Musikformat der Zukunft? Die Playlist. veröffentlicht, worin ich schreibe:

Die Playlist. Irgendjemand stellt irgendwo eine Reihenfolge für das Abspielen von Songs auf. Und das oft nicht nur für sich allein: Spotify-Playlists werden bereits heute auf Sites wie sharemyplaylists.com unter Nutzern geteilt. Playlists ersetzen die Alben und die Mixtapes. Man kann sogar sagen, dass das Album eine Playlist ist, die vom Musiker vorgeschlagen wird. Ob On-Demand-Streaming-Dienst oder iPod: Diese Playlist lässt sich heutzutage leichter als in Vinyl-Zeiten abändern. Das gute alte Mixtape dagegen war, wenn wir bei unserer Playlistifizierung der Begriffe bleiben, die erste Playlist von Musikfans für Musikfans.Die heutige viel flexiblere Playlist ist der neue musikalische Kontext für Musikstücke.

Das hat enorme Auswirkungen für den Musikkonsum. Mit Tomahawk wird an einem neuartigen Konzept eines Musikplayers gearbeitet, der nur noch auf die Metadaten angewiesen ist, und die eigentliche Musik von da holt, wo er sie gerade vorfindet, sei es nun Spotify, Soundcloud oder YouTube. Mein Fazit zu Tomahawk auf neumusik.com:

Angesichts des Aufstiegs verschiedenster On-Demand-Streaming-Dienste werden wir sicher noch viel von Tomahawk und anderen Playern hören, die in eine ähnliche Richtung gehen. Die Playlist ist das zentrale Element künftigen Musikkonsums. Auch die Tatsache, dass Tomahawk erweiterbar ist, dürfte in Zukunft noch für einige Überraschungen sorgen.

In ein paar Jahren werden die meisten neuen Musikdienste nur noch auf Metadaten setzen und die Musik von hier und da holen, weil sie einfach aus so vielen Quellen wird abrufbar sein, dass man in 90 Prozent der Fälle die Musik immer irgendwo finden wird. (Und die restlichen 10 Prozent können dann immer noch auf den Festplatten oder Servern  von einem selbst oder von den Freunden liegen.)

Das Interessante ist, dass sich ebenso wie Filesharing, das Symptom für eine tiefgreifende Veränderung, das viele für die Veränderung selbst hielten, auch diese Entwicklung analog auf andere Branchen übertragen lässt, sei es nun Presse, Buch oder Film/TV oder Branchen abseits von Medien und Unterhaltung.

Die Frage(n) für jede betroffene Branche lautet: Was lässt sich im digitalen Kontext besser organisieren als im industriellen Umfeld? Wie würde man heute, ohne Altlasten, dieses und jenes umsetzen? Was wurde zusammengeschweißt aus Notwendigkeit und nicht aus Nutzen?

Der Musikbranche stehen spannende Zeiten bevor. Wer aber glaubt, dass in einer solchen Welt Menschen in fünf oder zehn Jahren noch Dateien erwerben, der hat die Phantasie eines Stücks Waldweg. Spannend ist aber schließlich auch, dass eines der dominierenden Geschäftsmodelle der Branche von der Branche künftig nicht mehr gebraucht wird.

Look closer. The canary is alive.

Amazon Cloud Drive: Die Cloud für die Endnutzer

amazon-cloud-drive-logoGestern hatte ich bereits über die Aussichten von Amazon Cloud Drive und Cloud Player geschrieben:

Meine Prognose ist, dass Amazon über kurz oder lang aus dem Cloud Drive eine Plattform macht, die quasi eine Art AWS für Endkonsumenten darstellt und mittels APIs von Startups integriert werden kann. Man denke etwa an leichte Transfermethoden von Dateien von externem Dienst zu Cloud Drive und in die andere Richtung. Oder man denke auch an Apps zur Bearbeitung von im Cloud Drive abgelegten Dateien (ähnlich Box.net) oder Clients für den Zugriff auf dort abgelegte Dateien (Innovative Musikplayer für verschiedenste Plattformen etwa).

Craig Pape, Director of Music bei Amazon, deutet im Interview mit Billboard auf etwas Ähnliches hin:

We get that more of our customers’ lives are based digitally. So we felt it was important to have a consumer-facing version of cloud storage. Quite honestly, the average customer hasn’t been thinking about the cloud, so we may be the ones that explain it to them in a consumer-friendly kind of way.

Zusätzlich scheint Amazon bereits in Verhandlungen mit Labels zu sein, um Lizenzen zu erwerben, für das, was man mit Cloud Drive und Cloud Player noch vor hat:

Amazon has told the labels that it wants to use today’s launch as a starting point for a more advanced service, which would require licenses — and, presumably, a new revenue stream for the labels.

Aktuell gibt es noch Streit zwischen Majorlabels und Amazon, weil letzteres seinen Onlinemusikspeicherdienst ohne Lizenzen gestartet hat. (Die aber wahrscheinlich auch gar nicht nötig sind.)

Cloud Drive und Cloud Player: Der Anfang von Amazons B2C-Cloud-Plattform?

Auf neumusik.com beschäftige ich mich ausführlich mit den verschiedenen Aspekten zum neuen Onlinemusikspeicher von Amazon. Hier mein Ausblick:

Meine Prognose ist, dass Amazon über kurz oder lang aus dem Cloud Drive eine Plattform macht, die quasi eine Art AWS für Endkonsumenten darstellt und mittels APIs von Startups integriert werden kann. Man denke etwa an leichte Transfermethoden von Dateien von externem Dienst zu Cloud Drive und in die andere Richtung. Oder man denke auch an Apps zur Bearbeitung von im Cloud Drive abgelegten Dateien (ähnlich Box.net) oder Clients für den Zugriff auf dort abgelegte Dateien (Innovative Musikplayer für verschiedenste Plattformen etwa).

Da Amazon mit S3 und AWS allgemein bereits für den B2B-Bereich Erfahrung in der Bereitstellung von Onlinespeicher und Rechenpower im großen Stil sammeln konnte, sehe ich kein Argument, warum Amazon mit Cloud Drive nicht zum neuen Intermediär für diesen Bereich auch auf der B2C-Seite werden kann. Amazon kann zumindest auf Kostenseite/Preise für die Endkonsumenten aufgrund enormer Skaleneffekte punkten. Kein zu unterschätzender Aspekt.

Mittel- bis langfristig kann das enorme Auswirkungen nicht zuletzt auf den Sektor der Onlinemusikspeicher- und Streamingdienste haben. Apple und Google dürften sich also jetzt beeilen, um nicht zurück zu fallen.

Weiterlesen auf neumusik.com.

amazon-cloud-drive

SoundClouds Finanzierungsrunde und die Permission Culture

soundcloud logo

Union Square Ventures und Index Ventures haben in das Berliner StartupSoundCloud investiert. Erst wenige Tage vorher hat SoundCloud mit der Einführung eines Content-ID-Filters für Furore gesorgt.

Beides dürfte wohl zusammenhängen, wie ich auf neumusik.com schreibe:

Das Timing dürfte kein Zufall sein: Eine Bedingung für die Finanzierung war höchstwahrscheinlich, dass SoundCloud sich gegen etwaige Ansprüche von Rechteinhabern absichert. Das heißt präventiv einen Filter für Anspruchsteller bereitstellen und auf der Plattform ‘aufräumen’.

Das ändert natürlich mittel- bis langfristig auch das Wesen von SoundCloud. Bereits im Dezember 2010 hatte SoundCloud angefangen, DJ-Sets vermehrt zu entfernen.

Will SoundCloud weiter wachsen, und dazu auch von externen Investoren Geld aufnehmen können, hat es keine andere Wahl als so zu handeln.

Techdirt merkte zur Einführung des Filters an:

But, of course, the problem with all of this is that it goes back to creating permission culture, rather than a culture where people freely create. You won’t be able to use these popular or useful tools to build on the works of others — which, contrary to the claims of today’s copyright defenders, is a key component in almost all creativity you see out there — without first getting permission. The systems will try to block it, until you make your case that something is fair use — though many will just not bother. This is unfortunate, and really shuts down a major opening for creativity these days. If you look at the history of music, nearly all popular music today is built on earlier works, without first getting permission. It would be a terrible situation if we end up shutting off that form of creativity by requiring permission for everyone first.

Das Problem liegt natürlich nicht bei SoundCloud und auch nicht bei den Investoren. Es liegt im gesetzlichen Rahmen:

The issue isn’t to blame the tools providers for implementing such features, but to look more deeply at the state of copyright law today, where we’re increasingly suffocating the real purpose of fair use, which was to allow such creativity, without first requiring permission. These filters don’t understand fair use, so they assume anything that matches is infringement, and because of that, we all suffer.

Radioheads Erfolg: Kostenlose Downloads sind nicht entgangene Verkäufe, sondern Werbung

inrainbows Auf der Netz:Regeln-Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung am vergangenen Wochenende hat Christian Sommer von der GVU den üblichen Fehler gemacht:

Er verwies auf das Experiment von Radiohead, das Album In Rainbows kostenlos zum Download anzubieten und es denn Fans zu überlassen, was sie bezahlen wollen. (Zu dem Experiment gehörten auch verschiedene Album-Editionen. Das wird aber meist vergessen.) Sommer benannte bedeutungsschwanger die 75 Prozent, die den kostenlosen Download annahmen, ohne zu zahlen. Also ganz klar, so Sommer: Das funktioniert ja wohl gar nicht.

Abgesehen davon, dass nicht klar ist, ob von diesen 75 Prozent nicht einige auf künftige Konzerte von Radiohead gingen und/oder Fans wurden: Diese Zahl ist relativ irrelevant. Die durch die Downloads entstandenen Kosten sind vernachlässigbar.Diese Zahl allein sagt noch nichts über Erfolg oder Misserfolg aus.

Entscheidend ist, welchen Umsatz dieses Vorgehen im Vergleich zur Alternative, dem ‘normalen’ Verkauf des Albums, gebracht hat. (Normal im Sinne von: So haben wir das immer schon gemacht, zumindest seit wir dank Massenfertigung mit Profit so viele Kopien herstellen und verkaufen konnten, wie es ökonomisch sinnvoll war.)

Wie ich bereits auf neumusik.com ausführte, war das Experiment seinerzeit ein voller Erfolg. Music Ally veröffentlichte 2008 eine Zusammenfassung des Ergebnisses:

The publisher will also confirm that Radiohead had made more money before ‘In Rainbows’ was physically released than they made in total on the previous album ‘Hail To the Thief’. It should be pointed out that Radiohead’s existing digital income was of course low, because they had withheld licensing the likes of iTunes.

The topline figure, though, is that there were three million purchases of In Rainbows, including physical CDs, box-sets, and all downloads – including those from the band’s own website and from other digital music stores.

Drei Millionen verkaufte Einheiten von In Rainbows, das von der Band digital kostenfrei beziehungsweise mit dem Zusatz “Bezahl was du willst” angeboten wurde, stehen vorherige Albumverkäufe über das ‘normale’ Vorgehen im Bereich von niedrigen Hunderttausenden gegenüber:

[..]according to Dyball there were a total of three million album purchases including the box sets, CDs and all downloads including iTunes and pay-what-you-like downloads via their official site. That’s an incredible number, given that their previous three albums sold in the low hundreds of thousands.

Wenn man für die Endnutzer kostenfreie Elemente in das eigene Geschäftsmodell einbringt, wird es immer eine hohe Zahl an Zugriffen auf diese geben. Diese ‘Verschwendung’ ist vollkommen normal. Sie ist sogar erwünscht: Erst die maximale Streuung sorgt für maximale Reichweite, und damit für maximalen Umsatz.

Das gleiche Muster lässt sich bei der Aufteilung in kostenfreie Accounts und kostenpflichtige Premium-Accounts beim Freemium-Geschäftsmodell beobachten und ist wie gesagt erwünscht und auch vorhersehbar:

Es sind, wenn man erfolgreich ist, immer (nur) 2-5% der User, die für Premium-Funktionen bezahlen.

Wir müssen uns an diese neuen Verteilungen gewöhnen, wenn wir die neuen Rahmenbedingungen verstehen wollen, innerhalb derer immer mehr Wirtschaftszweige agieren (müssen).

Sie sind die logische Folge extremst niedriger Grenzkosten.

Wie Majorlabels Web-Startups zurückhalten, und sich damit in’s eigene Fleisch schneiden

Darüber habe ich auf neumusik.com geschrieben:

Wenn also jemand fragt, warum das Internet mit seinen so weitreichenden Möglichkeiten so behäbig bei der Schaffung neuer Infrastrukturen für Musikschaffende ist, dann ist die Antwort relativ einfach:

Monopolistische Majorlabels und ihre Forderungen und Vorstellungen behindern die Entwicklung.

[..]

Indem die Majorlabels den Musik-Startups das Geld abgenommen haben, haben sie den Markt frei gehalten für die großen Konzerne wie Apple, Amazon und Google. Genau die, über die sie jetzt lamentieren, weil der Hebel bei den Verhandlungen hier anders aussieht[..]

Weiterlesen auf neumusik.com: Startups: Majorlabels killed the Webmusic-Star

(Foto: cometstarmoon; CC-Lizenz)

Kann man Entwicklung der Internetregulierung mit StVO-Entwicklung vergleichen?

Auf dem all2gethernow letzte Woche war ich auch auf einem Panel mit dem Titel Analyse zur Strukturkrise der Musikwirtschaft – Wohin bewegt sich das Netz?. Im Wesentlichen stellten Lukas Schneider und Stefan Herwig vor der Diskussion eine Analogie vor, die im Anschluss von den Panel-Mitarbeitern diskutiert wurde. Die Analogie fasse ich im Folgenden kurz zusammen:

Wir hatten bereits einmal einen gesellschaftlichen Raum, der unreguliert war und durch technologische Veränderungen zu Veränderungen geführt hat: Die Straßen. Mit der zunehmenden Verbreitung von Automobilen kam es vermehrt zu Verkehrsunfällen. Der mehr oder weniger unregulierte Raum wurde durch die Straßenverkehrsordnung mit Regeln versehen, die allgemein verständlich beziehungsweise erlernbar waren. Die negativen Effekte des Technologiefortschritts wurden so durch die Regulierung minimiert. Ähnliches lasse sich heute beim Internet beobachten.

So weit die Ausführungen von Schneider und Herwig. Ihre aus ihrer Analogie gefolgerten Forderungen waren etwas schwammig, aber grundsätzlich ging es um eine Art von Plattformproviderhaftung, die sicherstellen sollte, das Angebote wie Rapidshare unmöglich werden und Urheber grundsätzlich die Kontrolle über den Distributionskanal ihrer digitalen Inhalte zurückerhalten.

Ich habe auf dem Panel mit einigen Argumenten dem gezeichneten Bild entgegengehalten und fasse diese im weiteren kurz zusammen, da die Diskussion beziehungsweise der Vergleich mit der StVO auch bereits an anderen Stellen gefallen ist. Es ist eine nette, medienkompatible Narration, die sich durchaus durchsetzen könnte. Deshalb gilt es, einiges davon in’s rechte Licht zu rücken:

Marktversagen: Schneider und Herwig warfen das Wort Marktversagen in die Runde, ohne abzugrenzen, um welchen Markt es geht. Tatsächlich wurde ein Marktversagen von ihnen festgestellt, weil Musikaufnahmen in ihrer digitalen Form zu öffentlichen Gütern werden. Was mich gleich zu meinem ersten Einwurf bringt: Wenn wir den Kreativsektor oder hier den Musiksektor als Ganzes betrachten und uns nicht auf den Markt für den Verkauf von Musikaufnahmen beschränken (was angesichts der verschiedenen Erlösströme innerhalb des Musiksektors dringend gegeben ist), stellen wir zunächst fest, dass der Umsatz der gesamten Musikbranche in Ländern wie UK (die PRS-Studie erwähnte ich auch während der Diskussion) und Norwegen steigt. Steigender Gesamtumsatz in einem Markt ist schwerlich mit einem Marktversagen vereinbar, wie ihn Schneider und Herwig sehen: Die Anbieter-Seite kann keine Einnahmen mehr erzielen, weil ihre Güter zu öffentlichen Gütern wurden. Das ist offensichtlich nicht der Fall. Vielmehr findet eine Reallokation und Umstrukturierung der Erlösströme statt. Deswegen hatte ich auch während der Diskussion angeführt, dass wir hier ein wenn schon dann bei einigen Parteien auftretendes Geschäftsmodellversagen statt Marktversagen vorfinden.

Urheberrecht und der StVO-Vergleich: Herwig und Schneider suggerierten mit ihrem Vergleich, dass wir heute ein Recht haben, das sich in einer Situation befindet wie ein Recht, das sich an Kutschen orientiert, aber mit Automobilen mithalten muss. Das Bild ist nicht schlecht. Die Implikation aber, dass mehr Regulation und/oder stärkere Bestrafung wie im Fall der StVO, der richtige Weg sind, ist irreführend. Um das Bild rund zu machen, müssen wir den Vergleich ausbauen, wie ich es auch während der Diskussion getan habe:

Das heutige Urheberrecht und das Internet wären mit dem Straßensystem und dem Entstehen der StVO nur vergleichbar, wenn wir von einer StVO ausgehen, die nur eine Obergrenze von 10 km/h auf den Straßen erlaubt, weil Pferdekutschen in der Regel auf sichere Art gar nicht schneller fahren können. (Willkürlich gewählte Geschwindigkeit) Jetzt passieren vermehrt Verkehrsunfälle, weil wir mit schnelleren Automobilen fahren, die auch wesentlich schneller als 10 km/h fahren können. Das Äquivalent zum Ruf nach umfassender Internetregulierung wäre folgendes: Wir setzen die umfassende Geschwindigkeitsbeschränkung auf 5 km/h herunter. Das eliminiert das Potential für Verkehrsunfälle nahezu komplett, aber jedem sind die gesellschaftlichen Kosten einer solchen drastischen Regulierung ebenfalls klar.

Das Vergleichbare ist, was aktuell im Urheberrecht passiert: Durch das Internet wurden viele Aktivitäten möglich, die vorher in dem Ausmaß nicht möglich waren. Statt dass sich dieses in der Weiterentwicklung des Rechts widerspiegelt, also dass eine Verschiebung an Rechten in beide Richtungen stattfindet, wird das Urheberrecht restriktiver. Mehr Möglichkeiten treffen auf ein zunehmend restriktiveres Recht. Das keine gesellschaftlich wünschenswerte Lösung sein. (Nebenbei: In keinem westlichen Land wurde Urheberrecht oder Copyright seit seiner jeweiligen Einführung jemals gelockert und immer über die Zeit stückweise weiter verschärft.)

Filesharing und der Verkehrsunfall-Vergleich: Das ist einfach: Filesharing, ob autorisiert oder unautorisiert, hat für die ‘Betroffenen’ auch positive Effekte, Verkehrsunfälle nicht. Auf Filesharing (beziehungsweise das kostenlose Bereitstellen von Inhalten wie Musik) lassen sich Geschäftsmodelle aufbauen. Das mag für den einen besser funktionieren als für den anderen. Aber es beweist auch, dass Filesharing kein Diebstahl, keine Verschmutzung oder ähnliches sein kann oder damit verglichen werden kann. Denn auf Diebstahl, Verschmutzung und Verkehrsunfällen lassen sich keine Geschäftsmodelle von den Betroffenen aufbauen.

Verständliche Regeln: Hier stimme ich Herwig und Schneider zu. Das Urheberrecht war ein Recht, das vor allem auf dem Markt agierende Parteien tangierte, also in erster Linie Unternehmen. Jetzt kommt jeder, der einen Internetzugang hat, automatisch in Kontakt mit dem Urheberrecht, und zwar auf eine Art, die das Verletzen des aktuellen Rechts eine Frage der Zeit macht. Das Recht muss nicht nur inhaltlich angepasst werden, sondern auch in seiner Ausformulierung, so dass es für normale Bürger leicht verständlich wird.

Plattformproviderhaftung: Wir wollen, dass Rapidshare aufhört, mit unautorisierten Downloads Geld zu verdienen. Wir wollen von YouTube verlangen können, dass sie erst gar keine unautorisiert hochgeladenen Videos auf ihrer Plattform freischalten. usw.

Das sind nachvollziehbare Forderungen, die man durchaus diskutieren kann. Die Frage, die sich stellt, lautet: Wie sehen Nutzen und Kosten für die Gesellschaft aus? Um diese Frage klären zu können, muss man zunächst definieren, wer umfänglich wofür haftbar gemacht wird. Die Betreiber von Rapidshare und YouTube für Inhalte auf ihren Plattformen? Die Betreiber von Suchmaschinen wie Google für Links zu illegalen Angeboten? Betreiber von BitTorrent-Trackern für Torrents (die selbst nur Links sind)? Betreiber von Webhosting für Inhalte auf bei ihnen gehosteten Blogs?

Eine weitere zu klärende Frage: Wie sollen an der Inhalteproduktion unbeteiligte Plattformprovider wie YouTube wissen, wann ein Video autorisiert oder unautorisiert auf ihre Plattform hochgeladen wurde? Der Fall Sixtus vs. GVU hat gezeigt, dass selbst Urheberrechtsexperten nicht exakt bestimmen können, ob ein publizierter Inhalt mit den entsprechenden Rechten hochgeladen wurde oder nicht. Die Urheberrecht-Situation und mehr noch die Copyright-Situation im angelsächsischen Raum ist weitaus komplexer als oft suggeriert wird. Ein umfängliche Plattformproviderhaftung würde (nicht nur) UGC-Angebote komplett lahmlegen, weil die (juristischen und administrativen) Kosten in den meisten Fällen nicht mehr tragbar wären. So problematisch die dadurch möglich gewordenen Takedown-Notices auch sind, so muss man festhalten, dass der DMCA in den USA bis dato den besten Kompromiss in diesem Feld bedeutet, weil er gleichzeitig einen gewissen Schutz für UGC-basierte Angebot bietet.

Ich habe diese Fragen während der Diskussion gebracht, diskutiert wurden sie allerdings nicht ausführlich.

Plattformproviderhaftung ist ein weites Feld und ein Unterfeld der Thematik der Plattformregulation, die hier zum Thema Plattformneutralität schon mal kurz angeschnitten wurde, und mit der ich mich demnächst auf neunetz.com näher beschäftigen will. Zu fordern, dass auf User Generated Content setzende Plattformen stärker in die Haftung genommen werden müssen, greift zu kurz, weil oft die dadurch entstehenden gesellschaftlichen Kosten ausgeblendet werden. (Wenig verwunderlich, wenn man die Quellen solcher Forderungen betrachtet.)

Fazit: Wilde Vergleiche mit irreführenden Vereinfachungen machen die Debatte nicht unbedingt einfacher.

netzpolitik.org hat auch eine Zusammenfassung der Diskussion veröffentlicht.

Studien: Künstler verdienen im Filesharing-Zeitalter mehr als zuvor

music-wordcloud

1.: Studie aus Norwegen

Torrentfreak weist auf eine Studie aus Norwegen hin (via), die sich mit den Auswirkungen von (autorisiertem und unautorisiertem) Filesharing auseinandersetzt. Das Ergebnis der Studie: Der Umsatz der Musikbranche ist in Norwegen von 1999 bis 2009 inflationsbereinigt um vier Prozent gestiegen. Torrentfreak:

After crunching the music industry’s numbers the researchers found that total industry revenue grew from 1.4 billion Norwegian kronor in 1999 to 1.9 billion in 2009. After adjusting this figure for inflation this comes down to a 4% increase in revenues for the music industry in this time period.

Das entscheidende aber: In der gleichen Zeit sind die Einnahmen der Künstler inflationsbereinigt um 114 Prozent gestiegen.

In the same period when the overall revenues of the industry grew by only 4%, the revenue for artists alone more than doubled with an increase of 114%. After an inflation adjustment, artist revenue went up from 255 million in 1999 to 545 million kronor in 2009.

[..]per artist the yearly income still saw a 66% increase from 80,000 to 133,000 kronor between 1999 and 2009. In conclusion, one could say that artists are far better off now than they were before the digitization of music started.

In der Tat.

Der Verkauf von Musikaufnahmen war nie die Haupteinnahmequelle für eine große Zahl an Musikern gewesen; entgegen der weit verbreiteten Annahme in branchenfernen Kreisen.

In 1999, 70% of the artists made less than 9% of their total income from record sales, and in 2009 this went down to 50%.

Live performances are the major source of income for most artists. 37% of Norwegian artists made more than 50% of their income from live performances in 2009, up from 25% in 1999. That said, it has to be noted that only a few artists make a full living off their music, as most have other jobs aside.

2.: PRS-Studie (UK)

Ein Umsatzwachstum der gesamten Musikbranche ist nicht nur in Norwegen zu beobachten. Die Verwertungsgesellschaft PRS, quasi ein UK-Äquivalent zur GEMA, hat in einer Studie (PDF) festgestellt, dass die Einnahmen der Musikbranche im UK von 2007 auf 2008 um 4,7 Prozent gestiegen sind. Die Zusammenfassung von Techdirt:

Not surprisingly, it found that retail product sales have declined, but the other parts of the industry have grown noticeably more than the decline in retail sales. This growth has come from a few sources. Live show attendance has increased more than retail sales have decreased. Consumers have actually spent more. On top of that, the business to business side of the industry (sponsorships, licensing, advertisements, etc.) has grown as well, opening up new and lucrative means of making money.

In Stichpunkten:

  • CD-Verkäufe sind zurückgegangen.
  • Alle anderen Erlösquellen sind stärker gewachsen.
  • Live-Auftritte sind stärker gewachsen als CD-Verkäufe zurückgegangen sind.
  • Konsumenten haben insgesamt mehr(!) ausgegeben.
  • Zusätzlich haben B2B-Aktivitäten zugenommen. (Sponsoring, Werbung)

3.: Untersuchung der Times

Das Labs-Blog der Times hatte Ende 2009 eine Untersuchung zur Musikbranche auf Grundlage von Zahlen von PRS und BPI veröffentlicht. Leider ist der Artikel aufgrund der Bezahlschranke nicht mehr abrufbar. Auszüge:

Why live revenues have grown so stridently is beyond the scope of this article, but our data – compiled from a PRS for Music report and the BPI – make two things clear: one, that the growth in live revenue shows no signs of slowing and two, that live is by far and away the most lucrative section of industry revenue for artists themselves, because they retain such a big percentage of the money from ticket sales.

[..]

An even more striking thing, perhaps, emerges in this second graph, namely that revenues accrued by artists themselves have in fact risen over the past 5 years, despite the fall in record sales.

Das Labs-Blog wies seinerzeit auch auf die notwendige, aber oft leider unterlassene Unterscheidung zwischen Plattenlabeln und der gesamten Musikbranche hin:

It’s interesting too that, overall, industry revenues have grown in the period – though admittedly not by much – which arguably adds strength to the notion that, when the BPI releases its annual report claiming how much ‘the music industry’ has suffered from the growth in illegal file-sharing, what it perhaps should be saying is how much the record labels have suffered.

Fazit

Jeder, der aktuell mit einem Marktversagen im Musiksektor argumentieren will, hat es zunehmend schwerer, seine Position glaubhaft mit Fakten zu untermauern. Die Realität spricht eine andere Sprache.

Tatsächlich hat der Strukturwandel in der Branche nicht nur zu einem höheren Gesamtumsatz sondern auch insgesamt zu mehr Einnahmen bei Musikern selbst geführt. Nicht jedem im Musiksektor geht es damit automatisch gut, aber die Zahlen zeigen, dass es bei weitem nicht so um die Musikbranche bestellt ist, wie die Plattenlabel es gern öffentlich hinstellen.

Der Kuchen wird durch die Digitalisierung und ihre Folgen nicht kleiner, er verändert vielmehr seine Form.

Natürlich gibt es einzelne Parteien, die durch die Digitalisierung schlechter gestellt sind. Diese einzelnen Akteure repräsentieren aber nicht den gesamten Musiksektor.

Update: Weitere Studien mit ähnlichen Ergebnissen auf neumusik.com: Gesamtumsatz der Musikbranche wächst in Norwegen, Schweden, UK und USA

(Hervorhebungen in den Zitaten von mir)

Erstes Fazit zum all2gethernow

a2n-logoErstes Fazit zum im Rahmen der Berlin Music Week stattfindenden all2gethernow (a2n) beziehungsweise zum Campteil, also den ersten zwei Tagen des a2n und dem ersten Kongresstag, der heute neben der Popkomm stattfand (meine Güte, ist das kompliziert):

Während die Deutschen mehrheitlich weiterhin im “Alle, die nicht meiner Meinung sind, sind unmoralisch”-Stadium festhängen (wie beispielsweise Sascha Lobo) und/oder die Lösung für eine angemessene Reaktion auf die Veränderungen in der Regulierung selbiger sehen (Stefan Herwig et al), orientieren sich diejenigen, die aus dem Ausland angereist sind, an konkreten, realen Lösungen und Möglichkeiten (Mike Masnick, Andrew Dubber et al).

Es gibt natürlich positive Ausnahmen, aber der Unterschied zwischen dem allgemeinen Stand der hiesigen Debatte und dem Stand der Debatte in den USA/UK wurde leider wieder sehr oft deutlich.

Umso bemerkenswerter und begrüßenswerter ist das wieder überaus progressive und vielfältige Programm des all2gethernow , das wirklich viele wichtige Aspekte von guten Sprechern vortragen und diskutieren lässt und damit dem deutschen Publikum näherbringt. (Und das sage ich jetzt nicht nur, weil ich insgesamt dann am Ende der Woche auf drei Panels rumgesprungen bin.)

Bisherige Artikel zum a2n auf neumusik.com:

YouTube vs. Majorlabels: Die Zeit ist auf der Seite von Google

Als vor längerer Zeit die heute übliche Praxis begann, nicht autorisierte oder nicht lizensierte Musikvideos auf YouTube massenhaft zu sperren, dachte ich mir, wie brillant die Vorgehensweise von YouTube-Betreiber Google ist: Statt die entsprechenden Videos komplett zu entfernen und dem verdutzten Nutzer eine leere Suchergebnisseite vorzusetzen, behält man den Kontext bei und sagt dem Nutzer etwas in der Art von: “Die Spielverderber von den Majorlabels wollen nicht, dass wir Dir zeigen, was Du sehen willst.”

Eine für die Belange von Google geniale Strategie. Je länger die aktuelle Situation bestehen bleibt, desto schlechter stehen die von YouTube benannten ‘Spielverderber’ in der Öffentlichkeit da. Das heißt, die Verhandlungsposition der Majorlabels wird über die Zeit schwächer, wenn auch sicher nicht massgeblich.

Die Majorlabels und Verwertungsgesellschaften wie die GEMA, die sich seit über zehn Jahren schwer mit dem Internet tun, sehen nicht, in welche Image-Falle sie da tappen. Aber wie könnte eine Industrie, die seit über einem Jahrzehnt die eigenen Kunden mit Massenklagen überzieht, das auch bemerken?

Die teilweise drastisch formulierten Reaktionen auf das aktuelle Vorgehen und seine Folgen nehmen zu und dürften die Einstellung der Nutzerschaft des mit Abstand beliebtesten Videodienstes aber gut widerspiegeln.

Am besten sieht man es vielleicht am folgenden diesen Umstand behandelnden Musikvideo und der Reaktion des Publikums, das bei der bloßen Andeutung bereits sofort wusste, dass es um das Sperren von Videos mit auf Majorlabels lizenzierter Musik geht:

“Anscheinend zählt nur deren Recht auf Umsatz, nicht unser Recht auf Kultur.”

[..]

“Denken die, wenn ich das auf YouTube nicht seh, renn ich los und kauf die CD?”

Man kann jetzt lang und breit darüber diskutieren, ob die Höhe der von der GEMA geforderten Lizenzbezahlung gerechtfertigt ist oder nicht. Unabhängig davon kann man aber festhalten: Die Zeit ist auf Googles Seite.

Kommen wir nun zu etwas völlig anderem: Gericht lehnt Verfügungsantrag der Gema gegen Youtube ab