Netzwerkeffekte sind wichtiger als alles andere für den Erfolg von Webdiensten

Sascha Lobo schreibt in einem lesenswerten Text auf Spiegel Online über die Bedeutung von Einfachheit und Verständlichkeit von Interfaces und die Bedeutung von UIs generell.

Das ewige Ziel der einfachstmöglichen Benutzbarkeit aller digitalen Dinge ist noch fern, denn die technologieformende Wirtschaft orientiert sich bisher zu wenig am Idioten.

Es ist richtig, dass Interfaces und User Experience generell in der Techwelt noch zu wenig wichtig genommen werden. Apple ist nicht zuletzt deswegen so erfolgreich, weil sie weit mehr als der Rest der Industrie auf die Gestaltung von User Interface (UI) und User Experience (UX) achten. (Siehe Quora für die Unterschiede zwischen den beiden Begriffen.)

Man kann die Bedeutung des Interfaces leicht unterschätzen. Sascha Lobo macht das selbst anhand des ersten iPhones:

Das erste iPhone von 2007 bestand aus zusammenmontierten Fehleinschätzungen, Unzulänglichkeiten und Zumutungen. Das Basismodell musste mit vier Gigabyte Speicherplatz auskommen – weniger als der erste iPod von 2001. Das schon zwei Jahre zuvor selbstverständliche UMTS hatte Apple ignoriert, genau wie die MMS, eine Videofunktion und benutzbares Bluetooth. Nicht einmal eigene Klingeltöne ließen sich installieren. Die brillante, weltverändernde Idee des neuen Bedienungskonzepts war zu Beginn eingesperrt in einen Käfig aus veralteten Bauteilen. Trotz dieser offensichtlichen Mängel fanden sich in den ersten drei Monaten anderthalb Millionen Käufer, die so die Idee am Leben hielten.

Das iPhone war das erste Smartphone, mit dem man tatsächlich mobil in’s Netz gehen konnte, ohne Kopfschmerzen zu bekommen. Das hat für den Erfolg ausgereicht. Alles andere war nebensächlich neben dieser Funktion.

Der Kommentar von Slashdot zum ersten iPod, der – ganz Nerd-Sicht – nur auf die Features schaut, und UI und UX ausblendet, ist mittlerweile legendär:

No wireless. Less space than a nomad. Lame.

Also: Ja, die Benutzbarkeit und die Verständlichkeit von Angeboten sind enorm wichtig. So wichtig, dass sie mehr oder weniger allein für den Erfolg verantwortlich sein können.

Netzwerkeffekte ftw

Aber: Im Zusammenspiel mit anderen Funktionen und Dynamiken ist es bei Webdiensten ganz und gar nicht so, dass allein das beste, weil einfachste und am wenigsten missverständliche, Interface über Erfolg und Misserfolg entscheidet.

Zwei Beispiele, die jeder nachvollziehen kann:

Erstes Beispiel:Twitter hatte von 2007 bis 2009 mit teilweise massiven Ausfällen zu kämpfen, die nicht nur regelmäßig auftraten sondern oft auch einen halben Tag oder länger anhalten konnten.

Trotzdem hat sich Twitter gegen Jaiku, Pownce und andere Konkurrenten behaupten können.

Der Grund: Netzwerkeffekte. Twitter hat relativ schnell relativ erfolgreich User (direkte Netzwerkeffekte) als auch Entwickler für die API (indirekte Netzwerkeffekte ) an Bord bekommen.

Deswegen sind die Leute auch in den Zeiten absurdester Ausfälle immer wieder zurück zu Twitter gekommen. Weil sie nur dort ihre eigenen Follower und Freunde, ihren dort aufgebauten Social Graph, vorfanden. Alles andere war wesentlich unwichtiger, sogar die Instabilität des Angebots und damit die Verfügbarkeit selbst.

Zweites Beispiel: Wer einzig auf die Verständlichkeit der Oberfläche schaut, kann seit 2007 Facebook anschauen und sagen, ‘Nee, das wird nix’. Facebook war im Vergleich zu anderen Social Networks weitaus komplexer seit Einführung der Plattform 2007. Am besten konnte man das im direkten Vergleich mit dem Klon studiVZ beobachten. Trotzdem ist Facebook schneller gewachsen und hat inzwischen mehr oder weniger gewonnen. Warum?

Facebook hat zwar eine schwierig zu verstehende Oberfläche, aber die Benutzung der Site ist auf maximalen Nutzengewinn für die User angelegt. (Newsfeed statt Fotogallerien der Freunde abgrasen) Diese Stickyness untermauert den direkten Netzwerkeffekt auf Endnutzerseite. Aber das allein reicht nicht aus:

Indirekte Netzwerkeffekte sorgen für stabilere Systeme: Zusätzlich kommen die indirekten Netzwerkeffekte der Plattform hinzu. Wer es schafft, erfolgreich indirekte Netzwerkeffekte zu erzeugen, erhält damit ein stabileres System, als wenn der Erfolg nur auf direkten Netzwerkeffekten aufbaut.

Deshalb konnte Twitter auch dank seiner erfolgreichen API bestehen, wie ich bereits 2007 anmerkte. Selbst wenn nur eine Teilmenge der User die API nutzte, so war und sind diese Teilmenge die Poweruser und Multiplikatoren, die die Plattform wiederrum für den Rest attraktiv machen. Und diese User fanden diese Möglichkeiten nirgendwo anders vor. Friendster hatte nur den direkten Netzwerkeffekt auf Nutzerseite und hat deshalb dank ähnlicher Ausfälle der eigenen Site aufgrund zu schnellen Nutzerwachstums mittel- bis langfristig gegen MySpace und Facebook verloren. Direkte Netzwerkeffekte erzeugen nur instabilen Erfolg.

Das ist also auch der gleiche Grund, warum es bei den Social Networks bis zu Facebook und seiner Plattform eine durchaus feststellbare Fluktuation gab (Friendster, Bebo, MySpace etc.), Facebook aber langsam den Bereich dominiert und auch aller Voraussicht nach für mindestens die nächsten zehn Jahre dominierenwird:

Facebook hat es erfolgreich geschafft, eine Plattform mit starken direkten und indirekten Netzwerkeffekten aufzubauen. Bereits heute haben nicht nur mehr Endnutzer ein Interesse an Facebook (was nur ein Unterschied in Umfang zu vorherigen Netzwerken bedeutet), sondern auch sehr viel mehr Nutzergruppen als jemals an einem Social Network: App-Entwickler, Website-Betreiber mit Interesse an einfachen Login-Systemen und/oder Traffic etc. pp.

Deswegen wird Facebook nicht so schnell nach dem Aufstieg wieder verschwinden wie seinerzeit etwa Friendster. (Und deswegen ist der oft gebrachte Vergleich von Facebook mit Nightlife-Clubs und deren Vergänglichkeit kompletter Blödsinn.) Konkret: Facebook Connect und Facebooks Like-Buttons sind in weiten Teilen des Webs mittlerweile integriert. Diese Integrationen werden nicht wieder verschwinden, solang es viele Endnutzer gibt. Viele Enduser wiederrum ziehen einen Zusatznutzen aus Facebook, weil Facebook neben der Kommunikation mit dem eigenen Social Graph auch diese Funktionalitäten ermöglicht. (Und zwar in der Form und Verbreitung als einziges Social Network weltweit.)

Folge: Ein relativ stabiles System.

Netzwerkeffekte, besonders indirekte Netzwerkeffekte, werden noch immer erheblich unterschätzt. Eyeballs first bzw. Nutzerwachstum im Fordergrund und vor allem anderen ist deswegen durchaus eine sinnvolle Strategie, solang das Endgame des Betreibers eine Plattform bzw. also der Aufbau eines zweiseitigen Marktes ist. Dann hilft das Nutzerwachstum im Idealfall nämlich dem Aufbau eines erfolgreichen und nachhaltigen Angebots. Das ist die Quintessenz der Ökonomie von Webdiensten.

Zu glauben, dass ein Social Network mit einer besseren Oberfläche als Facebook gegen den Giganten allein deswegen eine Chance hätte, wäre also vollkommen illusorisch. Und somit relativiert sich auch wieder die Bedeutung des UI. Das Interface kann nur helfen, Nutzer zu halten, um so mehr Nutzer zu generieren – auf allen Seiten der Plattform. Es ist aber nicht unbedingt kriegsentscheidend.

Einfachheit und Verständlichkeit sind also nicht das Ziel der Anbieter von Webdiensten, das automatisch mit Erfolg gleichsetzbar ist, sondern eher das Mittel zum Ziel. Und dieses Ziel, das mit Erfolg gleichsetzbar ist, ist das Erzeugen von Netzwerkeffekten. Wer einmal eine solche positive Rückkopplung im System hat, kann sich viel erlauben. Auch ein suboptimales User Interface.

Was für Apples Appstore und dessen Review-Prozess spricht

In der Regel wird Apples Ansatz, Apps vor der Zulassung in den iOS-Appstore von Mitarbeitern prüfen zu lassen, ausschließlich kritisiert. Vergessen werden dabei die offensichtlichen Vorteile, die die strengere Kontrolle mit sich bringt.

Marco Arment, Entwickler von Instapaper und Mitgründer von Tumblr, über die Vorteile des Review-Prozesses für das iOS-Ökosystem:

First and foremost, the review process has created a level of consumer confidence and risk-taking that has enabled the entire iOS app market to be far bigger and healthier than anyone expected. Average people — the same people who have been yelled at for decades for clicking on the wrong button on the wrong incomprehensible dialog box and messing up their computers — can (and do) confidently buy large quantities of inexpensive apps impulsively, without having to worry that any of them will “break” their iPhones or iPads, rip them off, destroy their data, or require them to embarrassingly visit the corporate IT department, the Geek Squad, or their computer-savvy relatives (us) for help. Part of this is due to the highly sandboxed architecture enforced by the OS, but a big part is the app review process.

For software makers and trademark owners, Apple’s review process significantly cuts down on name squatters, illegal clones, piracy apps, legally risky apps (for better and for worse), and trademark infringers.

Jeder Ansatz, wie ein Plattformprovider seine Plattform handhabt, hat seine eigenen Vor- und Nachteile. Die Vorteile von Apples Review-Prozess finden in der Regel kaum Beachtung.

Diese Ausführungen sind auch vor dem Hintergrund potentieller Regulierungsüberlegungen interessant: Sollte Apple gezwungen werden, den Review-Prozess zugunsten größerer ‘Offenheit’ aufzugeben? Oder sollte man dem Endnutzer die Wahl zwischen verschiedenen App-Marktplätzen und Bereitstellungsprozessen mit ihren eigenen Vor- und Nachteilen lassen?

Mac App Store: Warum erst 2011?

Das Bemerkenswerte am diese Woche gestarteten Mac App Store ist tatsächlich, dass er erst 2011 gekommen ist.

Michael Seemann:

Vor knapp 10 Jahren kam Microsoft XP auf den Markt. Ich sehe nicht, warum ein Appstrore da nicht schon wunderbar funktioniert hätte. Das Internet war schon so weit, dass man da Programme herunter lud. Allen: den Kunden, den Herstellern und auch Microsofts Systemintegrität hätte ein Appstore vieles erleichtert. Und man hätte von Anfang an viel Geld machen können.

Chris Dixon:

Mac App Store: It’s amazing it took until 2011 for Normals to not be asked which directory to install stuff and other techie questions.

Im Nachhinein ist es natürlich leicht, auf scheinbar Offensichtliches zu verweisen.

Ähnliches gibt es zwar in Form von zentralen Software-Repositories bereits für Linux-Distributionen. Ein wesentliches Merkmal der neuen App Stores ist allerdings die Einfachheit der gesamten Handhabung. (Etwas, worin Linux bis dato immer eher nicht glänzte. Tatsächlich dürfte der Vorgang des Hinzufügens von Programmen unter Linux für normale User eher abschreckend sein.)

Windows 8 wird voraussichtlich ebenfalls einen App Store bekommen. Es wäre nur logisch.

Da das reguläre appstore-unabhängige Installieren von Programmen weiterhin bestehen bleibt, sehen wir hier entgegen der vielerorts geäußerten Kritik eine Zunahme der Möglichkeiten, keine Verringerung.

(Siehe auch auf neumusik.com die Anmerkungen, was der Mac App Store für Musiker (mit Macs) bedeuten kann.)

iOS: In-App-Verkäufe generieren mehr Einnahmen als Werbung

ReadWriteWeb verweist auf eine neue Studie von Flurry, nach der App-Entwickler für Apples iOS (iPhone, iPod Touch und iPad) zunehmend über In-App-Verkäufe Umsatz generieren:

[..] in-app purchases have taken over as the leading source of revenue for social networking and social gaming applications.

Flurry’s analysis revealed that, during 2010, there has been a shift away from advertising to virtual good sales as the major source of revenue for apps in these two categories. And as of September, in-app purchases accounted for 80% of revenues generated by mobile developers.

Über In-App-Verkäufe als alternative Freemium-Strategie zum Anbieten mehrerer Apps (eine kostenfrei, eine kostenpflichtig) hatte ich im Mai dieses Jahr auf Exciting Commerce geschrieben.

Trend: Zunehmend (erfolgreiche) Experimente mit Crowdfunding

Immer mehr Startups experimentieren mit verschiedenen Ansätzen des Crowdfundings. Wikipedia definiert Crowdfunding so:

Crowdfunding ist eine Art der Finanzierung, durch die sich Aktionen (Produkte, Projekte oder auch Geschäftsideen von Privatpersonen) mit Fremdkapital versorgen lassen. Als Kapitalgeber fungiert die anonyme Masse der Internetnutzer.

Eine Aktion ist durch eine Mindestkapitalmenge gekennzeichnet, die durch die Masse fremdfinanziert sein muss, bevor die Aktion startet. Im Verhältnis zur Mindestkapitalmenge leistet jedes Mitglied der Masse (Crowdfunder) nur einen geringen finanziellen Anteil.

Kickstarter stellt eine Crowdfunding-Plattform für Kreative bereit.

kickstarter

Zuletzt war Kickstarter in den Nachrichten, als das Projekt musopen innerhalb weniger Tage mit Kickstarter über 68.000 US-Dollar eingenommen hat, um mit diesem Geld klassische Werke als gemeinfreie, also urheberrechtsfreie, Aufnahmen aufzuzeichnen und bereitstellen zu können.

Auch Leo Laportes konstante Fanspenden, die monatlich auf über 10.000 US-Dollar kommen können, kann man entfernt zum Crowdfunding hinzurechnen.

Auf Exciting Commerce habe ich heute über Startups geschrieben, die mit dem Crowdfunding-Prozess den Fashion-Bereich revolutionieren könnten: FashionStake, Catwalk Genius, Styletrek und das österreichische Garmz.

Spot.us bringt Crowdfunding zum Journalismus.

Ulrike Langer hat vor einigen Tagen eine Übersicht über Crowdfunding-Modelle für Blogs und kleine Websites veröffentlicht (die mehrheitlich meines Erachtens allerdings nur bedingt dem Begriff zuzuordnen sind).

Eine Übersicht über Social Payments und Crowdfunding hat auch Karsten Wenzlaff auf ikosom.de veröffentlicht:

Es gibt zahlreiche weitere Crowdfunding Plattformen, wie zum Beispiel GoFundme oder SellaBand die sich an unterschiedliche Zielgruppen richten. Und es gibt Mischplattformen – Spendenportale, Crowdfunding-Portal und Nachrichtenportal in einem wie zum Beispiel reset.to oder Betterplace.org.

Sehenswert zu diesem Thema ist auch eine Präsentation von Leander Wattig zum Thema Kachingle, flattr und freiwillige Zahlungen.

Auch der Economist hat sich mit dem Thema Crowdfunding auseinandergesetzt:

Yancey Strickler, Kickstarter’s chief community officer, says the firm accepts about half the projects submitted to it. “We turn down projects that are charity, that are just straight business expenses, or ‘my dog has cancer’,” he says. Of those that are accepted, about half meet their funding goals: around 1,600 projects had been funded by July 2010. (Another crowdfunding firm, RocketHub, screens out only projects it deems illegal or in bad taste.) Kickstarter says it has raised over $15m for its users since its launch in 2009. Sellaband says it has raised over $3m and has contributed to the funding of 50 albums since 2006. Crowdfunding firms typically take a 5% commission and charge a 3-4% payment-processing fee.

Radioheads Erfolg: Kostenlose Downloads sind nicht entgangene Verkäufe, sondern Werbung

inrainbows Auf der Netz:Regeln-Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung am vergangenen Wochenende hat Christian Sommer von der GVU den üblichen Fehler gemacht:

Er verwies auf das Experiment von Radiohead, das Album In Rainbows kostenlos zum Download anzubieten und es denn Fans zu überlassen, was sie bezahlen wollen. (Zu dem Experiment gehörten auch verschiedene Album-Editionen. Das wird aber meist vergessen.) Sommer benannte bedeutungsschwanger die 75 Prozent, die den kostenlosen Download annahmen, ohne zu zahlen. Also ganz klar, so Sommer: Das funktioniert ja wohl gar nicht.

Abgesehen davon, dass nicht klar ist, ob von diesen 75 Prozent nicht einige auf künftige Konzerte von Radiohead gingen und/oder Fans wurden: Diese Zahl ist relativ irrelevant. Die durch die Downloads entstandenen Kosten sind vernachlässigbar.Diese Zahl allein sagt noch nichts über Erfolg oder Misserfolg aus.

Entscheidend ist, welchen Umsatz dieses Vorgehen im Vergleich zur Alternative, dem ‘normalen’ Verkauf des Albums, gebracht hat. (Normal im Sinne von: So haben wir das immer schon gemacht, zumindest seit wir dank Massenfertigung mit Profit so viele Kopien herstellen und verkaufen konnten, wie es ökonomisch sinnvoll war.)

Wie ich bereits auf neumusik.com ausführte, war das Experiment seinerzeit ein voller Erfolg. Music Ally veröffentlichte 2008 eine Zusammenfassung des Ergebnisses:

The publisher will also confirm that Radiohead had made more money before ‘In Rainbows’ was physically released than they made in total on the previous album ‘Hail To the Thief’. It should be pointed out that Radiohead’s existing digital income was of course low, because they had withheld licensing the likes of iTunes.

The topline figure, though, is that there were three million purchases of In Rainbows, including physical CDs, box-sets, and all downloads – including those from the band’s own website and from other digital music stores.

Drei Millionen verkaufte Einheiten von In Rainbows, das von der Band digital kostenfrei beziehungsweise mit dem Zusatz “Bezahl was du willst” angeboten wurde, stehen vorherige Albumverkäufe über das ‘normale’ Vorgehen im Bereich von niedrigen Hunderttausenden gegenüber:

[..]according to Dyball there were a total of three million album purchases including the box sets, CDs and all downloads including iTunes and pay-what-you-like downloads via their official site. That’s an incredible number, given that their previous three albums sold in the low hundreds of thousands.

Wenn man für die Endnutzer kostenfreie Elemente in das eigene Geschäftsmodell einbringt, wird es immer eine hohe Zahl an Zugriffen auf diese geben. Diese ‘Verschwendung’ ist vollkommen normal. Sie ist sogar erwünscht: Erst die maximale Streuung sorgt für maximale Reichweite, und damit für maximalen Umsatz.

Das gleiche Muster lässt sich bei der Aufteilung in kostenfreie Accounts und kostenpflichtige Premium-Accounts beim Freemium-Geschäftsmodell beobachten und ist wie gesagt erwünscht und auch vorhersehbar:

Es sind, wenn man erfolgreich ist, immer (nur) 2-5% der User, die für Premium-Funktionen bezahlen.

Wir müssen uns an diese neuen Verteilungen gewöhnen, wenn wir die neuen Rahmenbedingungen verstehen wollen, innerhalb derer immer mehr Wirtschaftszweige agieren (müssen).

Sie sind die logische Folge extremst niedriger Grenzkosten.

Sofortkultur und das Ende der Monopole für Inhaltedistribution

newyork

Felix Schwenzel weist auf einen auf absurde 7 Unterseiten aufgeteilten Artikel über die “Kostenlos-Kultur” hin, den er für screen.tv geschrieben hat. Darin nimmt er einige Themen auf, die wir hier auch regelmäßig diskutieren:

Diejenigen, die jetzt lauthals über die angebliche „Kostenlos-Kultur” klagen, wissen natürlich ganz genau, dass „kostenlos” keinesfalls ein Internet- Phänomen ist, sondern ein bewährtes, Umsatz steigerndes Marketinginstrument. Ansonsten hätten sich die Manager der Musikindustrie sicher nicht jahrelang dafür eingesetzt, dass ihre Songs im Radio und ihre Videos im Musikfernsehen laufen. Und: Kostenlos ist nicht nur ein Geschäftsmodell, sondern tatsächlich auch eine „Kultur”. Kultur wächst und gedeiht durch (Mit-)teilen, Weitergeben, Empfehlen und dadurch, dass sie allen gleichermaßen zur Verfügung steht. Erst durch Mund-zu-Mund- Propaganda entsteht Popularität, die sich dann wiederum zu Geld machen lässt. Ohne jede „Empfehlungs-Kultur” ließen sich Musik, Filme oder Serien auf Dauer schwer verkaufen.

Felix Schwenzels Lösung für die wirtschaftlichen Probleme einiger Branchen mit der Digitalisierung:

Die Frage ist also nicht, ob Paid Content im Internetzeitalter Chancen hat, sondern wie man die Nachfrage zügig bedient und die Bezahlprozesse so einfach und schmerzfrei gestaltet, dass sie von den Konsumenten angenommen werden.

In der deutschen (Online-)Debatte über künftige Geschäftsmodelle für Presseverlage und Anbieter von Musik und Filmen wird oft die Lösung vorgebracht, die auch Felix Schwenzel bringt:

Eine legale, umfassende und attraktive Plattform, mit möglichst geringen Transaktionskosten für die Endnutzer. (Das ist auch Sascha Lobos Lösung für die Musikindustrie.)

Das klingt bereits schwierig (und unattraktiv) genug für die etablierten Akteure. Aber es wird noch schwieriger.

Unautorisiertes Filesharing und illegale Streaming-Angebote werden nicht verschwinden, wenn es eine legale Plattform gibt, die mit ihnen konkurriert. Es würde schwerer für sie, weil sie Konkurrenz hätten. Aber die legalen Anbieter haben dann auch etwas, das sie früher nicht hatten: Konkurrenz.

Urheberrecht und Copyright sind Rechte, die zeitlich begrenzte Verwertungsmonopole gewähren. Das heißt, wer ein Urheberrecht auf eine Fernseh-Serie hat, hat das Monopol über die Verbreitung selbiger. Wenn jetzt jemand diese Serie ausstrahlen oder ansehen will, muss er bei mir als Produzent eine Lizenz erwerben oder die Serie von mir auf DVD erwerben etc. Er muss immer zu mir kommen und kann nicht zu jemand anderem gehen.

Im Internet muss eine legale Plattform mit Filesharing und Streaming konkurrieren, die unautorisiert stattfinden. Abschalten lässt sich das niemals komplett, weil es eine Folge der Digitalisierung ist (verlustfreie Kopien + Vernetzung).

Wozu führt das?

Die Monopolrente, also das, was die Produzenten früher mit dem Ausstrahlen oder Verkaufen verdienen konnten, fällt stark ab auf das Niveau des Gewinns eines sich im Wettbewerb mit anderen Akteuren befindlichen Unternehmens.

Das heißt, ohne Monopol geringeres Einkommen über diese Wege. Warum?

  • Einkünfte: Zum Beispiel kann Hulu nicht so viel Werbung zwischen den TV-Episoden ausstrahlen, wie das im TV möglich war, weil die Zuschauer sonst angenervt zu Alternativen wechseln, die vorher nicht bestanden. (Der Balanceakt hat sich zu Ungunsten der Anbieter verschoben.) Auch eine monatliche Zugangsgebühr kann nicht so hoch ausfallen wie in einer Welt ohne Alternativen.
  • Qualität: Man muss alles schnell und in guter Qualität verfügbar machen, weil die Nutzer sonst zu Alternativen wechseln, die das Gleiche anbieten; kostenlos.

Angebote wie Hulu, dem Streaming-Angebot einiger US-Fernsehsender, können sich auch keine Ausfälle und schwankende Performance erlauben. Die Alternativen bleiben einen Klick entfernt. Und wenn man jetzt die Serie XY sehen will, werden die wenigsten warten, bis die legalen Anbieter sich wieder gefangen haben.

Felix Schwenzel:

Das ist das eigentliche Problem der Medienindustrie: Wenn die Content- Produzenten es nicht schaffen, die Nachfrage zu bedienen, übernehmen das andere und stellen fremde Inhalte kostenlos ins Netz.

Der Nachteil der legalen Anbieter ist offensichtlich: Während die unautorisierte Konkurrenz nur auf die variablen Kosten der Vervielfältigung und Verbreitung der Inhalte achten muss, müssen die legalen Anbieter auch die Kosten für die Erstellung der Inhalte refinanzieren:

Filesharing kostet die beteiligten Endnutzer mit Flatrate-Anschluss keine zusätzlichen Kosten. Megavideo und Rapidshare zum Beispiel müssen lediglich die Traffic-Kosten für Streaming respektive Download refinanzieren. Aggregatoren wie Sidereel haben sogar noch geringere Kosten. (Warum “das Verbieten” solcher Angebote nicht einfach beziehungsweise nicht ohne massive Kollateralschäden möglich ist, kann man unter anderem hier bezüglich Sidereel und User Generated Content und hier konkret am Fall Sixtus vs. GVU nachlesen.)

Die legalen Anbieter können also in der direkten Konkurrenz nicht darauf setzen, ihre Kosten allein auf diesen Weg komplett wieder einzuspielen.

Fazit: Ja, legale Angebote, die bezahlbar und qualitativ hochwertig sind und mit geringen Transaktionskosten für die Endnutzer kommen, werden den Produzenten von Film, Musik etc. helfen, auch im Netz Geld zu verdienen. Aber wer glaubt, dass das zu vergleichbar hohen Einkünften wie in der Zeit vor dem Netz führen wird, irrt. Die auf diese Wege erzielten Margen für die Produzenten werden nahezu immer geringer sein.

Das alles heißt aber auch nicht, dass die Kulturproduktion mit dem Netz endet. Es bedeutet ‘lediglich’, dass sich die Geschäftsmodelle tatsächlich ändern und nicht nur von analog zu digital wechseln.

Der Gesamtumsatz der Musikbranche, dem Kanarienvogel der Digitalisierung, wächst schließlich in vielen Ländern. Das sollte Grund genug für Optimismus sein.

Die Erlösquellen ändern sich, aber vielleicht führt das insgesamt nicht zur von Lobbyisten des öfteren prophezeiten Kultur-Apokalypse sondern zum exakten Gegenteil: Einer Renaissance unserer Kulturproduktion in ungeahnten Höhen.

(Foto: kevindooley; CC-Lizenz)

Flattr: Spenden als Vorauszahlung für Kommendes

Tim Pritlove berichtet über seine Einnahmen mit Flattr:

Meine Einnahmen mit flattr im August 2010 betrugen übrigens 889,01 EUR. Damit lag der Betrag etwas unter dem des Vormonats, im Anbetracht der Tatsache, dass ich im August aber fast nicht zum Produzieren kam (Urlaubs- und Reisezeit), kann ich nur Feststellen, dass sich wohl meine These, warum Leute flattr benutzen, bestätigt: es ist weniger eine Entlohnung für Geleistetes als vielmehr eine Vorauszahlung für Kommendes. Man möchte, dass es weitergeht, dass der Begünstigte in die Lage versetzt wird, sich weiterhin den Dingen zu widmen, die Auslöser für die Zahlung waren. Und es geht auch um Motivation.

Leander Wattig führt die Überlegungen zur Motivation von Flattr-Nutzern weiter aus:

Die Nutzer haben mitbekommen, dass jemand Dinge tut oder Inhalte liefert, die sie schätzen und nicht missen möchten. Wenn der Inhalte-Ersteller nicht ohnehin genug verdient, sind die Nutzer oft bereit, Geld dafür zu bezahlen, dass sie auch künftig solche Inhalte geliefert bekommen. Das könnte auch ein Grund sein, warum Unternehmen solchen Modellen oft skeptisch gegenüber stehen. Wenn ich als Nutzer sehe, dass ein Unternehmen seine Inhalte-Erstellung problemlos finanzieren kann oder sich nicht wirklich bemüht, eine adäquate Finanzierung auch ohne Leistungsschutzrecht u.ä. sicher zu stellen, dann bin ich als Nutzer wahrscheinlich auch nicht unbedingt bereit, freiwillig Geld zu spenden.

Wie man anhaltende freiwillige Zahlungen via Flattr und Kachingle erklären kann, hatte ich in meinem Artikel über historische Unfälle ausgeführt:

Die Implikation: Man bezahlt nicht für das Publizieren sondern für das künftige Produzieren. Letztlich sind ‘Spenden’ auch genau das: Selbst wenn sie als Dankeschön gedacht sind, so sorgen sie bewusst oder unbewusst dafür, dass der Produzent weiter seiner Tätigkeit nachgehen kann – in welcher Form und welchem Umfang auch immer -.

[..]

Bezahlung lag schon immer in der Regel hinter der Produktion des Gutes, jetzt liegt sie zunehmend auch zeitlich hinter dem Konsum. Oder anders ausgedrückt: Schlicht vor der künftigen Produktion.

Die Tatsache, dass Tim Pritlove auch in einem Monat mit geringem Output relativ hohe Einnahmen verzeichnen kann, unterstützt diese These, wie er auch selbst ausführt.

Geschäftsmodelle: Unterschied zwischen knappen und nichtknappen Gütern ist entscheidend

Helienne Lindvall vermutet Ironie im Vorgehen von Cory Doctorow und anderen:

At a book reading in 2005, media “guru” Cory Doctorow said: “I don’t mind being a whore, I just don’t want to be a cheap whore.” And cheap he isn’t – it’ll cost you $25,000 (£15,800) to get him to speak at your conference (according to his booker, the fee is only $10,000 to $20,000 if it’s a “college-oriented talk”).

Fair enough, you may say – after all, Sarah Palin charges $100,000 for appearances. But what does Doctorow speak about? Well, ironically, he’s a proponent of giving away content for free as a business model – and for years he’s been telling the music industry to adapt to it. Am I the only one to see the irony in this?

Wo liegt Lindvalls Denkfehler? Doctorow sagt nicht, dass jeder alles, was man produziert, verschenken soll. (ein beliebtes Strohmannargument)

Er selbst verfolgt ein Geschäftsmodell, das Lindvall nicht erkennt, oder nicht erkennen will. Er unterscheidet, bewusst oder unbewusst, zwischen knappen Gütern und nichtknappen Gütern und bepreist sie entsprechend:

Nichtknappe Güter:

  • Die digitalen Versionen von Doctorows Romanen sind kostenlos von seiner Site herunterladbar.
  • Seine Texte auf BoingBoing sind kostenlos abrufbar und nicht hinter einer Bezahlschranke.

Das führt zu maximaler Bekanntheit, also maximale Reichweite.

Knappe Güter:

  • Neben den physischen Versionen seiner Bücher ist auch seine Zeit ein knappes Gut. Das Sprechen auf Konferenzen ist ein knappes Gut, dass er sich gut bezahlen lässt.

Was Doctorow macht, ist bewusst oder unbewusst nichts anderes, als das was auch in direkt von der Digitalisierung betroffenen Branchen Arbeitende realisieren und daran ihre Geschäftsmodelle ausrichten müssen: Nichtknappe und knappe Güter identifizieren und entsprechend bepreisen. Nichtknappe Güter kostenfrei verfügbar machen, um die eigene Reichweite zu maximieren und darauf aufbauend knappe Güter verkaufen.

Einigen scheint das, relativ unbemerkt vom öffentlichen Diskurs, bereits recht guz zu gelingen. In Norwegen verdienen Musiker im Durchschnitt 2009 mehr als 1999. In einigen Ländern wie Norwegen, Schweden, UK und USA ist der Gesamtumsatz der Musikbranche gestiegen. Und das alles trotz oder gerade aufgrund der ungebrochenen Popularität unautorisierten Filesharings.

Nochmal Lindvall auf paidcontent.org:

“Gurus” like motivational speaker and self-styled “futurist” Gerd Leonhard (who charges $7,000 to $15,000) , Lawrence Lessig and Anderson keep claiming that the emergence of the internet meant normal rules are now suspended, says Orlowski. “But modern economics have not been suspended.”

In der Tat, die Grundregeln haben sich nicht geändert: Im Kapitalismus verkauft man erfolgreich nur knappe Güter, für die Bedarf herrscht. Schon immer. Daran hat auch das Internet nichts geändert. Was es allerdings geändert hat, sind unter anderem Kostenstrukturen. Man muss neben dem Bedarf nun auch erkennen können, welches Gut knapp ist und welches das nicht mehr ist.

Egal, für wie frivol man ein Honorar von 25.000 Dollar halten mag, solang jemand bereit ist, so viel zu zahlen, ist das der Marktpreis. So einfach ist das.

Leo Laporte und Musopen sind erfolgreich mit Spenden. Ein Trend?

Vor einigen Wochen schrieb ich über Podcaster Leo Laporte und seine Einkommensquellen :

Leo Laportes persönliches Einkommen in Höhe von 10.000 Dollar im Monat kommt komplett von Fanspenden. Die Spenden der Fans übersteigen Laportes Einkommen sogar noch und können auf über 20.000 Dollar pro Monat kommen.

Vor ein paar Tagen schrieb ich auf neumusik.com über das Musopen-Projekt:

Das Musopen-Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, klassische Werke aufzunehmen und als gemeinfreie, also urheberrechtsfreie, Aufnahmen bereit zustellen.

[..]

Nun hat Musopen angefangen, über den Crowdfunding-Dienst Kickstarter Spenden einzusammeln, und das recht erfolgreich: Während ich das schreibe, sind über 58.000 Dollar an Spenden eingegangen, fünf Stunden bevor das Crowdfunding für Musopen auf Kickstarter endet.

Insgesamt hat Musopen über Kickstarter 68.359 Dollar von 1.276 Spendern erhalten. Das ist weit mehr als die erhofften 11.000 Dollar. (Und zu einem Teil sicher auch der begleitenden Berichterstattung zu schulden.)

Ein kommerzielles Unternehmen (Laportes TWiT network) und ein gemeinnütziges Projekt (Musopen) nehmen erhebliche Summen mit Spenden ein, um ihre Arbeit zu finanzieren.

Das und die steigende Popularität des Micropaymentsystems Flattr deuten auf einen Aufschwung von Spenden – im Sinne von freiwilligen Vorauszahlungen – zu einer ernstzunehmenden Einkommensquelle an.

Zumindest scheint eine latente Bereitschaft für freiwillige Zahlungen vorhanden zu sein, sofern diese mit geringen Transaktionskosten auszuführen sind und Projekte unterstützen, die weiterhin Bestand haben sollen. Wie groß diese Bereitschaft ist, werden wir in den nächsten Jahren als Gesellschaft herausfinden. Sie scheint aber zumindest größer zu sein, als man wohl allgemein annimmt. Wer hätte schon gedacht, dass ein Radiomoderator (mehr oder weniger nichts anderes ist Laporte mit seinem Podcasting-Angebot) über 10.000 Dollar pro Monat mit Spenden seiner Hörer verdienen könnte?

Nun ist noch nicht abzusehen, wie diese Entwicklung mittel- bis langfristig aussehen wird. Und ob nachhaltige Geschäftsmodelle auf Spendenbasis in vielen Bereichen möglich sind oder eher die Ausnahme sein werden, ist noch völlig(!) offen. Aber alles deutet darauf hin, dass Spenden zumindest eine wichtiger werdende Säule der Wirtschaft werden.

Letztlich würde das auch Sinn ergeben: Spenden in Form von freiwilligen Vorauszahlungen auf künftige Produktion von (immateriellen) Gütern ist eine der Formen, wie knappe Güter (hier die Produktion) refinanziert werden können, wie ich in meinem Artikel über historische Unfälle ausführte:

Die Implikation [von spendenorientierten Systemen wie Flattr und Kachingle]: Man bezahlt nicht für das Publizieren sondern für das künftige Produzieren. Letztlich sind ‘Spenden’ auch genau das: Selbst wenn sie als Dankeschön gedacht sind, so sorgen sie bewusst oder unbewusst dafür, dass der Produzent weiter seiner Tätigkeit nachgehen kann – in welcher Form und welchem Umfang auch immer -.

Je mehr Infrastruktur in diesem Bereich entsteht und sich etabliert, desto leichter können Spenden von Nutzern zu Angeboten finden. Mit Infrastruktur sind hier Dienste wie Flattr oder Kickstarter gemeint, die mit möglichst geringen Transaktionskosten beide Seiten zusammenbringen können.

Nochmal: Man sollte nicht zu enthusiastisch diesbezüglich werden. Aber diese Entwicklung im Auge zu behalten, dürfte sinnvoll sein. Es scheint sich etwas zu bewegen.

Datengetriebene Geschäftsmodelle bei Internetplattformen

Der Telegraph hat in einem lesenswerten Artikel 10 Wege aufgezählt, wie der sinnvolle Einsatz von Datenansammlungen im Netz unser Leben verändern kann.

Für den Bereich Shopping schreibt der Telegraph über Datamining außerhalb des Webs:

Supermarkets have always kept track of how people shop, but in the last few years the extent to which retailers collect data has rocketed. Tesco owns a majority stake in Dunnhumby Ltd, which carries out data mining and analysis for large group of retailers including Coca-Cola, BT, Mars, Vodafone and other leading brands. Dunnhumby operates the Tesco Clubcard scheme: using data collected from the scheme, Tesco can predict when people will shop, how they’ll pay for their items and even how many calories they will consume.

Einen spannenden datengetriebenen Ansatz im E-Commerce verfolgt Alice.com. Über deren Geschäftsmodell schrieb ich vor einiger Zeit auf Exciting Commerce:

Alice.com positioniert sich als Plattform mit günstigen Preisen, um die maximale Reichweite zu erlangen. Über die maximale Reichweite wiederum erhält Alice.com die Möglichkeit, ein möglichst großen Umfang an nutzbaren Daten zu erlangen, um Zusatzdienste wie Werbung oder Warenproben mit sehr gutem Targeting anbieten zu können. Was ihnen wiederrum ermöglicht, die Preise für die eigentlichen Waren möglichst niedrig zu halten.

Ein Modell, dass man bei vielen Plattformen vorfindet und wir in Zukunft noch sehr viel öfter sehen werden.

Das Kommentarsystem Disqus hat mit seinem neuen Analytics-Angebot dieses Modell auf seinen Markt übersetzt:

How do you know if Disqus is working for your website? Disqus Analytics is intended to help answer that question. If Disqus is working well for you, we’d like Analytics to show you in what way. If your site’s community is lackluster, we’d like Analytics to help discover why. We’re able to see an incredible amount of data from the half a million communities powered by Disqus; we can see what works and what doesn’t on a broad level. Analytics will help you discover these things for the sites you run.

Die anderen im Telegraph-Artikel angesprochenen Bereiche:

  • Relationships
  • Business deliveries
  • Maps
  • Education
  • Politics
  • Society
  • War
  • Advertising
  • Linked Data and the future

Auf Exciting Commerce hatte ich vor kurzem einen Überblick über die teilweise neuen Einsatzmöglichkeiten von Daten im E-Commerce geschrieben.

Es ist bedauerlich, dass in Deutschland immer nur über den Datenschutz, also über die möglichen Probleme des Dateneinsatzes und ihre Verhinderung diskutiert und nicht über das gesamte Spektrum debattiert wird. Das verschließt uns von vornherein viele Möglichkeiten.

Reputation als Anreiz für freiwillige Zahlung

Passend zur Debatte rund um die Verschiebung der Wertschöpfung noch ein Hinweis auf einen Text von Leander Wattig, der sich angesichts der Spendenaktivitäten von Unternehmen Gedanken um den Zusammenhang zwischen Reputation und freiwilliger Bezahlung macht:

Ich frage mich, inwiefern sich diese Gesichtspunkte auf ganz normale Privatpersonen übertragen lassen, die ja spätestens im Internet auch alle beginnen, an ihrer Reputation zu feilen. Interessant ist das gerade im Kontext der neuen Micropayment-Dienste, die eine freiwillige Unterstützung von anderen sehr einfach und sehr kostengünstig ermöglichen. Heute ist die Nutzung von Flattr & Co. zwar noch etwas Besonderes. Wenn sie sich aber mehr und mehr durchsetzt, könnte das freiwillige Geben irgendwann vielleicht sogar allgemein erwartet werden, sodass sozialer Druck gerade für jene entstünde, die andere Leute im Netz und darüber hinaus nicht unterstützen.

Interessanter Gedanke.

Tatsächlich fehlen meines Erachtens bei Flattr (und auch bei Kachingle) noch Mechanismen, die solche userbezogenen Anreize, wie etwa für die eigene Reputationssteigerung, direkt in das eigene System integrieren bzw. stärker in den Vordergrund rücken.

Ein simples Beispiel für Flattr wäre etwa ein auf dem eigenen Blog etc. einbindbares Badge, das den gewählten monatlich über Flattr verteilten Betrag anzeigt.

Felix Schwenzel merkt bei seinem Delicious-Bookmark des Wattig-Artikels noch an:

interessante these, bzw. schon lange meine arbeitshypothese. etwas unterstützen, zum beispiel durch freiwilliges zahlen für etwas was man (gesellschaftlich, persönlich) sinnvoll hält, oder für etwas was einem im weitesten sinne etwas gibt und dem man etwas zurückgeben möchte, ist in uns verankert.

ich glaube auch dass hier nicht nur gesellschaftlicher druck vorhanden ist, sondern auch psychischer. wer mir einen gefallen oder etwas gutes tut, hat etwas bei mir gut, diese haltung steckt doch mehr oder weniger in uns allen?

steile these: statt zahlungsdruck (oder -zwang) aufzubauen, lieber zahlungssog aufbauen?

Beispiele für knappe Güter bei Geschäftsmodellen von Musikern und Bloggern

In den Kommentaren zum Artikel über die Verschiebung der Wertschöpfung und die Auflösung historischer Unfälle wird auch über Geschäftsmodelle diskutiert. Ich führte noch einmal an, dass man im eigenen Angebot die knappen Güter identifizieren und auf diesen einen Erlösstrom aufbauen muss.

Daraufhin wurde ich gefragt, was denn beispielsweise knappe Güter  bei den angesprochenen Situationen wären. Meine Antwort:

Die Produktion von Inhalten ist zum Beispiel ein knappes Gut. Die Verbreitung von jetzt digitalen Gütern ist es nicht mehr. (Ein wichtiger Punkt des Artikels ist die beobachtbare Trennung von Produktion und Verbreitung.) Deswegen sind Flattr und co. quasi als Vorschuss für die künftige Produktion spannende erste Ansätze für institutionalisierte, genuine Bezahlansätze, die sich ohne Konflikt in das System des Internets einbetten lassen.

Womit natürlich weder gesagt ist, dass Flattr und Kachingle die Lösung für alles sind oder dass ausgerechnet sie den Sprung in den Mainstream schaffen. Es geht hier mehr um das zugrunde liegende Konzept und den allgemeinen Ansatz, der in welcher Form auch immer eine wichtige Säule für den digitalen Güterverkehr werden kann.

Andere knappe Güter für Musiker: Konzerte, Merchandise, limitierte Editionen von LPs, Zugang zum Musiker jeglicher Art.

Knappe Güter z.B. für Blogger, die ihre Texte kostenfrei anbieten: Vorträge, Beratung.

Der Unterschied zwischen echter Knappheit und künstlicher Knappheit wird in den Beispielen auch offensichtlich:

Die Tatsache, dass nicht unendlich viele Personen auf ein Konzert gehen oder eine Beratung von Person XY erhalten können, ist nicht Folge einer Entscheidung des Anbieters (Musiker, Blogger, etc.) sondern eine Folge der realen Gegebenheiten.

Filesharing, Flattr und Bezahlschranken: Die Auflösung historischer Unfälle

cds

Als ich neulich Clay Shirkys neues Buch Cognitive Surplus (Affiliate-Link) las – Review des Buches folgt -, ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Es existiert ein offensichtlicher Zusammenhang zwischen der öffentlichen Debatte zur Digitalisierung, der Existenz von Filesharing, dem Potential von Micropayment-Systemen wie Flattr und Kachingle und dem vorhersehbaren Misserfolg der meisten Versuche, Bezahlschranken zu errichten.

Seit einigen Jahren schreibe ich über die Verschiebungen der Kostenstrukturen, wenn die Wertschöpfung von analog zu digital wechselt. Die Tatsache, dass Vervielfältigung und Distribution von autonomen digitalen Gütern (i.d.R. Dateien) zu einem (Grenz-)Kostenpunkt von Null möglich sind, hat weitreichende Auswirkungen, derer sich eine Mehrheit der Gesellschaft – die digitale Gesellschaft eingeschlossen – noch gar nicht bewusst ist. Warum fällt es vielen so schwer, sich mit diesen Veränderungen anzufreunden?

Shirky beschreibt in Cognitive Surplus wie die Kosten, die für die industrielle Verbreitung von Informationen notwendig waren, unsere Vorstellung von Wert und Wertschöpfung und damit auch von Preisen und Bepreisung beeinflusst haben.

So schreibt Shirky auf Seite 49:

Scarcity is easier to deal with than abundance, because when something becomes rare, we simply think it more valuable than it was before, a conceptually easy change.

Wenn etwas also rarer wird, vermuten wir dahinter eine Steigerung des Wertes. Eine natürliche Reaktion. Sie spiegelt die analoge Welt wider, die Welt in der wir aufgewachsen sind.

Aktuell passiert aber folgendes: Viele Produkte oder handelbare Güter gehen in ihrer Verfügbarkeit von Knappheit zu Überfluss über. Logisch: Informationen, die früher über physische Güter transportiert wurden, liegen jetzt in ihrer reinen Form vor: Filme, Musik und Texte wurden früher mittels DVDs, VHS, CDs, Vinyl, Papier oder Steintafel verbreitet. Heute liegen sie alle mehr oder weniger in Dateiform vor. Dateien, die mit Grenzkosten von Null vervielfältigt und über das Netz verbreitet werden können.

Der ‘Wert’ der Filme, der Musik und der Texte hat sich nicht geändert. Wohl aber die zugrundeliegenden Kosten und damit auch, was man mit ihnen machen kann; was wirtschaftlich sinnvoll ist.

Shirky merkt zurecht an, dass Überfluss Experimente erlaubt; man kann jetzt vorher wertvolle weil teure Dinge so behandeln, als seien sie billig genug, um sie zu verschwenden. (ebenfalls S. 49)

Vielen Leuten fällt es aber schwer, sich damit anzufreunden. (Nicht zuletzt auch, weil viele falscherweise Preis und Wert gleichsetzen .) Sie nehmen die alten Rahmenbedingungen und wenden darauf basierende Erkenntnisse auf die neuen an, als hätte sich nichts geändert. Shirky:

Because abundance can remove the trade-offs we’re used to, it can be disorienting to the people who’ve grown up with scarcity. When a resource is scarce, the people who manage it often regard it as valuable in itself, without stopping to consider how much of the value is tied to scarcity.

Wenn ich meine Musik oder meinen Film oder meine Publikation unter das Volk bringen wollte, musste ich hohe Investitionskosten aufbringen, um Kopien erstellen zu lassen und diese dann über den entsprechenden Vertrieb an die Geschäfte liefern zu lassen.

So eine Kostenstruktur mit ihrem hohen Risiko aufgrund der notwendigen Vorleistungen verlangt nach Profis. Deshalb gab es früher in diesen Bereichen kaum Amateure. Deshalb wurde früher vor der Veröffentlichung gefiltert und ausgesiebt und nicht danach.

Alles wollte gemanagt und bezahlt sein. Heute ist das nicht mehr nötig. Ob über Filesharing, Linksharung und/oder über Plattformen wie Youtube und co.: Die Trennung von Produktion und Distribution zieht sich wie ein roter Faden durch die Digitalisierung. Ich als Produzent kann in der Regel keine so effiziente Distribution sicherstellen, wie es andere, oft meine eigenen Leser, Nutzer, Fans, für mich erledigen können.

Die Implikationen sind relativ offensichtlich, werden aber trotzdem noch weitgehend ignoriert. Warum?

Weil wir, nach Shirky, mit historischen Unfällen aufgewachsen sind und diese oft ohne zu hinterfragen als gegeben hinnehmen.

Eine auf so einen Unfall basierende Annahme ist, dass das Publizieren an sich eine wertvolle, ernsthafte Tätigkeit ist. Ist es aber nicht. Wer vor dem Internet Inhalte veröffentlichen wollte – also vervielfältigen und verbreiten -, sah sich enormen Kosten gegenüber. Diese Kosten haben das Publizieren teuer gemacht, folglich musste man sich vorher genau überlegen, was überhaupt publizierenswert ist. Das Internet hat diesen Unfall, die nahezu untrennbare Verknüpfung von Publizieren und kostenintensivem Verbreiten, aufgehoben: Jeder kann ein Blog oder einen Account bei Twitter und co. anlegen und seine Inhalte mit einem Klick auf Publish veröffentlichen und verbreiten. Die Kostensenkung hat dazu geführt, dass das Filtern von vor dem Publizieren auf nach dem Publizieren verschoben werden konnte: Deshalb sind Online-Medien Filter und keine Gatekeeper . Und letztlich ist das auch schon immer sinnvoll gewesen, es war nur früher ökonomisch nicht tragfähig.

Der Akt des Publizierens an sich: nur aus Versehen teuer und damit als wertvoll betrachtet (‘valuable’).

Warum also für diese Tätigkeit bezahlt werden? Oder: warum für diese Tätigkeit bezahlen?

Flattr, Kachingle und co. sind die ersten genuinen Bezahlsysteme für diese Verschiebung in der Wertschöpfung:

  • Sie senken die mentalen Transaktionskosten um der Kleinteiligkeit und hohen Verteilungsrate der Entstehungsorte zu entsprechen.
  • Sie nehmen die Bezahlung nach dem Konsum vor, nicht davor.

Die Implikation: Man bezahlt nicht für das Publizieren sondern für das künftige Produzieren. Letztlich sind ‘Spenden’ auch genau das: Selbst wenn sie als Dankeschön gedacht sind, so sorgen sie bewusst oder unbewusst dafür, dass der Produzent weiter seiner Tätigkeit nachgehen kann – in welcher Form und welchem Umfang auch immer -. Allerdings wäre es für die Debatte rund um Systeme wie Flattr sicher sinnvoll, von der Bezeichnung als Spenden abzusehen, weil dieser Begriff hier etwas irreführend ist. (Auch wiederrum, weil viele Menschen freiwillige Zahlungen als Spenden noch im Kontext industrieller Wertschöpfung sehen und somit missverstehen können.)

Bezahlung lag schon immer in der Regel hinter der Produktion des Gutes, jetzt liegt sie zunehmend auch zeitlich hinter dem Konsum. Oder anders ausgedrückt: Schlicht vor der künftigen Produktion. (Die Produktion von Inhalten ist ein knappes Gut, das Publizieren und Verbreiten von Inhalten nicht. Bei der Konzeption von Geschäftsmodellen im Internet muss man immer die Unterscheidung zwischen knappen und nichtknappen Gütern einbeziehen.)

Bezahlschranken für Newsangebote dagegen etwa setzen vor dem Konsum an. Sie funktionieren nach der Logik der industriellen Rahmenbedingungen: Es kostet mich etwas, das bereit zu stellen, ich gehe ein Risiko ein, also Bezahlung vor Lieferung oder mindestens vor Konsum.

Bei der Auslieferung von Printpresse-Erzeugnissen war das gar nicht anders möglich: Die Finanzierung findet zwar seit Jahrzehnten mehrheitlich über Werbung statt, aber der Restposten von Kosten und Profit, der von den Konsumenten kommt – der Preis pro Kopie -, musste vor dem Konsum abgegolten werden. Die Distribution von Tageszeitungen etwa verschlingt schließlich eine Menge Geld und die Vervielfältigung will geplant und mit Vorschuss umgesetzt sein.

Online ist das aber nicht der Fall. Nicht nur sind die Distributionskosten und Vervielfältigungskosten der Newsseiten für die einzelnen Seitenaufrufe im Vergleich zu den anderen Kostenposten vernachlässigbar. Zusätzlich trennen Bezahlschranken auch noch mit ihrer Platzierung vor dem Konsum das Produkt von seinem wichtigsten Distributionskanal: Der Verbreitung durch die eigenen Leser.

Das Bezahlen bevor man wusste ob das Produkt überhaupt die erwartete Qualität hatte, war früher für Informationsgüter notwendig, weil sie an physische Güter mit ihren entsprechenden Kosten gekoppelt waren. Andere Geschäftsmodelle waren für die Anbieter oft nicht ökonomisch sinnvoll. Das ist heute nicht mehr so. Die Kopplung ist nicht mehr notwendig. Ohne die Kopplung sehen die zugrunde liegenden Kosten auf einmal komplett anders aus. Sie erlauben andere Herangehensweisen und nehmen den Konsumenten, Nutzern, Lesern, Hörern, Fans in der Regel das Risiko des (relativ) blinden Kaufs eines Magazins oder eines Albums ab. Wenn ich einen Artikel flattr, dann habe ich ihn bereits gelesen und für gut befunden.

Wenn ich einen Artikel bei faz.net und co. aus dem digitalen Archiv kaufe, weiß ich vorher nicht, ob der Artikel überhaupt die Informationen enthält, die ich erwarte. Das kann ich erst mit letzter Gewissheit wissen, wenn ich ihn gelesen also konsumiert habe. Dieses Risiko ist neben anderen Gründen ein wichtiges Hemmnis für Paid Content, das online mit frei zugänglichen und damit risikolosen Inhalten konkurriert. Dass die deutschen Presseverlage also ihre Inhalte mehrheitlich hinter Bezahlschranken verstecken, ist keine kluge Entscheidung.

Historische Unfälle haben unser normales Verhalten zurückgehalten. Ein Beispiel von Shirky für einen historischen Unfall (S. 101): Früher haben wir uns Telefonnummern eingeprägt, weil sie notwendig waren, um uns nahestehende Personen immer anrufen zu können. Aber wir haben das nicht gemacht, weil wir wollten sondern weil wir mussten. In dem Moment, in dem Telefonnummern in Mobiltelefonen abspeicherbar wurden, verschwand die Notwendigkeit, sich Telefonnummern einzuprägen. Das Einprägen der Nummern war eine unbequeme Notwendigkeit, kein natürliches Verhalten.

Wenn diese historischen Unfälle aufgehoben werden, wird das von ihnen zurückgehaltene Verhalten sichtbar, weil möglich (S. 101):

We did those things for decades or even centuries, but they were only as stable as the accidents that caused them. And when the accidents went away, so did the behaviors.

[..]

Those bits of new behavior, though, are extensions of, rather than replacements for, much older patterns of our lives as social creatures.

Filesharing: Unautorisiertes Filesharing existiert nicht, weil die heutigen Jugendlichen moralisch verwerfliche Egoisten sind. Generationen unterscheiden sich vor allem aufgrund der unterschiedlichen Möglichkeiten, die sie in ihrer Zeit zur Verfügung haben, so Shirky. Sie unterscheiden sich nicht durch Charaktereigenschaften, die angeblich für alle Mitglieder einer Generation zutreffen, weil diese generationsvereinenden Eigenschaften gar nicht existieren.

Filesharing findet nicht statt, weil die heutigen Jugendlichen moralisch verfallen sind. Wenn das so wäre, dann wären auch Ladendiebstahl und andere Verbrechen ähnlich stark angestiegen. Der Grund wieder: Die Kostenstruktur digitaler Güter. Musik kann heute so leicht mit anderen geteilt werden wie Gedanken oder Telefonnummern. Reine Information. Dieser Umstand hat ein zutiefst menschliches Verhalten freigesetzt.

Man kann mit anderen etwas teilen, ohne dass einem selbst Nachteile entstehen. Weder muss man auf den jeweiligen Gegenstand verzichten, noch entstehen einem zusätzliche Kosten. Wer unter solchen Vorbedingungen nicht teilen will, erscheint als kein guter Mensch. Shirky (S. 125):

The decision not to make someone else’s life better when it would cost you little or nothing has a name: spite. The music industry, in order to preserve its revenues, wanted (and still wants) all of us to be voluntarily spiteful to our friends.

Die Kostenverschiebung durch die Digitalisierung hat mit dem Möglichmachen von Filesharing also ein zutiefst menschliches Verhalten ermöglicht. Und das noch dazu in Verhältnissen, die in der industriellen Gesellschaft nur auf der Ebene großer Unternehmen möglich war.

Dieses Verhalten ist nicht revolutionär angehaucht. Da dieses Verhalten aber das Geschäftsmodell der Plattenlabel, die ihr Vorgehen, für die Weitergabe von Musikaufnahmen Geld zu verlangen, eins zu eins auf das Web übertragen wollen, untergräbt, muss es fälschlicherweise mit Diebstahl gleichgesetzt werden. Nur so kann man die Diskurs-Oberhand behalten.

Sowohl Geschäftsmodell der Plattenindustrie als auch das aktuelle Urheberrecht stehen also einem zutiefst menschlichem Verhalten diametral gegenüber, das durch industrielle Beschränkungen erst auf natürliche Art verhindert und jetzt durch die Digitalisierung in branchenerschütterndem Ausmaß ermöglicht wurde.

Fazit:

Für Geschäftsmodelle im Netz muss man sich lösen von Wertvorstellungen und Vorgehensweisen, die aus der analogen Welt stammen und ebenso vieles, was man als gegeben annimmt, gründlich hinterfragen. Die Verschiebung der Wertschöpfung löst durch ihre neue Flüssigkeit zwischen den Wertschöpfungsebenen historische Unfälle auf. Was vorher untrennbar verbunden war, wird in seine natürlichen Bestandteile aufgedröselt.

Das eigene Geschäftsmodell auf einen historischen Unfall aufzubauen, obwohl dieser obsolet wurde, ist keine gute Entscheidung. Natürliches menschliches Verhalten, das durch die Veränderungen möglich wurde, wird sich nicht einfach wieder abstellen lassen. Wozu auch?

Im Digitalen gehen die Veränderungen tiefer als den meisten klar ist. Denn viele wirtschaftlichen Vorgänge und gesellschaftlichen Vorstellungen basieren auf Knappheiten, die aktuell nach und nach wegbrechen. “Überfluss zerstört mehr Dinge als Knappheit.”

Weitere Artikel zum Thema:

(Foto: loop_oh, CC-Lizenz)

In Lieblingsorte automatisch auf Foursquare einchecken mit Future Checkin

future-checkinIn meinem Artikel über den Aufstieg der Ein-Klick-Geste hatte ich auch über die Bedeutung der Ein-Klick-Geste bei ortsbasierten Diensten in Form der von Foursquare eingeführten Check-Ins geschrieben. Zur Wechselbeziehung zwischen Protokoll-Ansatz und Ein-Klick-Geste/Check-In sagte ich sinnvolle Überschneidungen voraus:

Denkbar ist beispielsweise etwa ein ortsbasierter Dienst, der sich automatisch bei Aufenthalt an oft besuchten Orten eincheckt, wenn man das so vorher eingestellt hat. Auch im Bereich der Micropayments erscheint ein Ansatz, der die Funktionen von Flattr und Kachingle clever vereint, sinnvoll.

TechCrunch berichtet nun über Future Checkin, eine iPhone-Applikation, die genau diese Funktion für Foursquare erfüllt. Future Checkin nutzt die Foursquare-API und die Möglichkeit von iOS4, Applikationen im Hintergrund einige Funktionen ausführen lassen zu können, wie etwa das Senden des aktuellen Standorts.

In Future Checkin markiert man die eigenen Favoriten, also Orte, die man oft aufsucht. Anschließend führt das im Hintergrund laufende Future Checkin automatisch den Foursquare-Check-In für diese Orte aus, wenn man sich in deren Nähe befindet:

Here’s how it works: you sign in to the app with your Foursquare account, and it shows you a list of Foursquare venues nearby. Or you can search for your favorite venues. From this list, you choose the ones to mark as “Favorites.” You can also scan your recent check-in history and select venues from here to add to your Favorites. This Favorites list is key — these are the venues you will be automatically checked-in to when you get close enough to them (within 300 meters).

Future Checkin zeigt auch ein weiteres Mal, wie wichtig eine beschreibbare API ist, um vom Markt nachgefragte Funktionen zum Hauptangebot abdecken zu können, selbst wenn der Plattformprovider (in diesem Fall Foursquare) die Funktionen aufgrund fehlender Ressourcen, anders gelagerter Prioritäten oder Ähnlichem nicht anbietet.

Der Entwickler sagt gegenüber TechCrunch über die Unterstützung von Gowalla, dem zweitgrößten Dienst hinter Foursquare im ortsbasierten Check-In-Bereich:

As for the future of Future Checkin, [Future-Checkin-Entwickler] Sears says that he plans to implement Gowallaintegration too, as soon as their write API is ready to roll [..]

Die Implementation von Gowalla, wenn dessen API es erlauben wird, ist auch sinnvoll für den Anbieter von Future Checkin, sollte Foursquare irgendwann die Funktion von Future Checkin ebenfalls einführen.

Implementiertes Multihoming ist immer eine gute Möglichkeit für App-Entwickler, sich gegen die konkurrierenden Angebote der Plattformprovider zu behaupten.

New York Times wird mobile App an andere Publisher lizenzieren

Die New York Times plant, die Technik hinter ihrer mobilen App an andere Publisher zu lizenzieren, bzw. eine Plattform mit Templates aufzubauen. Interessant:

The NYT is reportedly experimenting with a platform dubbed Press Engine, which will allow other publishers to produce their own apps for devices such as the iPhone and iPad, apparently because they kept asking for a decent way to do so.

TechCrunch: New York Times To License “DNA” Of Its Mobile Apps To Other Publishers.

Aus der Pressemitteilung:

The iPhone and iPad application templates will include the following features:

- partial offline reading and the ability to save articles;
- share functionality;
- photo gallery, audio and video;
- horizontal and vertical reading;
- simple search; and
- device-standard advertising units.

Laut Pressemitteilung will man im vierten Quartal diesen Jahres starten.

(via)

GitHub: Erfolgreich ohne Fremdfinanzierung, mit Freemium

Teil 3 unserer kleinen Serie “Freemium, erfolgreich umgesetzt”: TechCrunch berichtet über den Erfolg des Source-Code-Hosters GitHub, auf dem mittlerweile über eine Million Projekte gehostet werden:

In an exchange that took place, appropriately enough, via the messaging system built into GitHub, [Scott Chacon, VP of Research and Development bei GitHub] stated that the company is still “funding free and very profitable” and that they are seeing “incredible growth for GitHub and Git usage in general.”

TechCrunch über GitHubs Geschäftsmodell:

The profit comes from the paid plans that GitHub offers for those developers and companies who want to host their repositories privately. GitHub offers essentially unlimited hosting to anyone who is willing to make their code open source, but charges based on the number of private repositories and the number of contributors for other projects.

Freemium erfolgreich im Einsatz.

Bisher:

“Verleger-Schreck” Flipboard: Auch auf Tablets gelten Marktdynamiken des Webs

flipboardVor zwei Monaten hatte ich über Medien-Applikationen auf dem iPad geschrieben und ausgeführt, dass auch auf dem iPad die Marktdynamiken des Internets weitgehend ihre Gültigkeit behalten. Das betrifft beispielsweise die zunehmend um sich greifende Trennung von Produktion und Distribution von Inhalten. Ich schrieb unter anderem:

Auch in einem Ökosystem, in dem Apple die meisten Infrastruktur-Fäden in der Hand hält, bleibt die Grundausgangslage die gleiche: In einem digitalen Markt, der von Vernetzung bestimmt ist, kommt es zu einer kleinteiligeren Arbeitsteilung zwischen Unternehmen, weil die Vernetzung eine einfachere Verknüpfung der Wertschöpfungsbeiträge ermöglicht. Die mittlerweile bekannte Senkung der Transaktionskosten. Jene Art von Kosten, welche nach Ronald Coase bekanntlich massgeblich für das Entstehen von Unternehmen verantwortlich sind.

Das macht sich unter anderem in Feedreader-Applikationen bemerkbar. Das iPad scheint aber auch eine besondere Art von Apps zu begünstigen, die neben oder statt RSS-Feeds auf Links aus dem Social Graph setzen. Als Webapplikationen dieser Art von Aggregatoren sind Twitter Times und andere bekannt.

Eine bemerkenswerte neue Applikation dieser Gattung für das iPad ist das jüngst erschienene Flipboard. Es setzt neben auswählbaren Inhaltebündeln vor allem auf die Integration der auf Twitter und Facebook geposteten Links. Nach Integration des Twitter- und/oder Facebook-Accounts mit Flipboard, landen dort die Artikel, die von Freunden verlinkt wurden. Und es kommt mit einer ansprechenden Optik. Das Flipboard ging nach dem Launch einmal quer durch die Blogosphäre und die Mainstreammedien . Eine Zusammenfassung der Funktionen findet man auf dem iPad-Magazin.

Was zeichnet das kostenlose Flipboard aus?

1. Es sieht gut aus.

2. Es bezieht die Inhalte statt aus einer hierarchischen Redaktion aus dem Social Graph des Nutzers; also von seinen Online-Kontakten auf Twitter und Facebook. Die so erhaltenen Inhalte werden ausserdem noch automatisch ausgewertet.

3. Und es ist gut in die bestehenden Netzwerke integriert (Man kann beispielsweise bereits Links an Twitter schicken und auf Facebook eingestellte Inhalte mit einem ‘Like’ versehen.)

Punkt Zwei ist die Trennung von Produktion und Inhalt. Die Flipboard-Macher müssen sich nicht mit der Produktion von Inhalten beschäftigen. Das Web gibt ihnen die Möglichkeit, die Produktion (Publisher) _und_ die Distribution (Nutzer von Facebook und Twitter) anderen zu überlassen.

Die Flipboard-Macher konzentrieren sich auf die Aufbereitung, das Interface und weitere Funktionen. Das führt zu Punkt Eins und Drei. Bereits in der ersten Version kann die Flipboard-App mit vielen Verlags-Applikationen mithalten und ist im Bereich Eye-Candy sogar oft besser.

Während die Presseverlage alles – Inhalte zu allem, und ihre Verbreitung und Aufbereitung – aus einer Hand bieten wollen, konzentriert sich Flipboard auf genau eine Aufgabe. Weil der Rest vom Web erledigt wird. Flipboard hat für das Aufbauen eines Unternehmens rund um die Lösung dieser Aufgabe von Investoren 10,5 Millionen Dollar erhalten. Welcher IT-Abteilung eines Presseverlages wird wohl ein ähnliches Budget zur Verfügung stehen?

Ich führte die unterschiedlichen Ausgangslagen von unabhängigen App-Entwicklern und internen Lösungen von Presseverlagen vor zwei Monaten so aus:

Gute(!) Entwickler haben in der Regel bessere Verdienstmöglichkeiten mit selbständig angebotenen Apps, statt diese im Auftrag für Verlage zu entwickeln. (Der Entwickler Marco Arment kann von den Instapaper-Einnahmen nach eigener Aussage sein Haus bezahlen.) Und sie haben einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil auf der inhaltlichen Seite.

Der Vorteil auf der inhaltlichen Seite: Applikationen wie das Flipboard sind publikationsagnostisch. Die Inhalte erscheinen, egal wo sie publiziert wurden. Die Apps der Presseverlage sind lediglich hübschere, an die Multi-Touch-Bedienung angepasste Oberflächen der eigenen Websites.

Fazit: Im Vergleich zum industriellen Zeitalter finden wir eine kleinteiligere Arbeitsteilung im vernetzten Informationsmarkt vor.

Das Geschäftsmodell der heutigen Presseverlage beruht darauf, alles aus einer Hand anzubieten. Folglich passt ihnen diese Entwicklung natürlich nicht. Vielen wird bald angesichts von Flipboard dämmern, dass Eye-Candy nicht das durchschlagende Argument für Bezahlschranken auf dem iPad sein wird.

Meedia hat bereits zum Launch getitelt: Flipboard: Verleger-Schreck auf dem iPad. Spiegel Online fragt gleich im Lead-In seines Testes: “Ein Angriff auf klassische Medien?” und schließt mit folgendem Fazit:

Viele Profi-Layouter, Journalisten und andere Fachleute werden nicht begeistert sein, dass das Social-Media-Magazin von morgen von einem Algorithmus gestaltet werden soll. Aber wesentlich besser, reicher, wertiger als eine Twitter-Timeline oder ein Facebook-Newsfeed sieht das Angebot von Flipboard schon jetzt aus. Und der Angriff auf die klassischen Medienanbieter hat erst begonnen.

Und Carta führt aus:

Mit ziemlicher Sicherheit dürfte sich in den nächsten Monaten irgendwo einen Verlag finden, der seine Inhalte hier zu Unrecht übernommen sieht. Das Grundproblem hierfür liegt aber weniger in der Auslegung überkommener oder neuerer Rechtsvorschriften (Leistungsschutzrechte!), sondern im Paradigmenwechsel der Distribution von Nachrichten.
Hierfür werden die Verlage noch einsehen müssen, dass die klassischen Bindung der Leser, wie sie im Zeitalter der Printmedien möglich und üblich war, sich in der digitalen Gesellschaft nicht wird aufrechterhalten lassen.

Beschwerden von Verlagsseite liesen nicht lang auf sich warten: Unter anderem Handelsblatt und Sueddeutsche veröffentlichten eine Meldung der dpa, in der sich der BDZV (Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger) vorsorglich bezüglich Urheberrecht und Leistungsirgendwas besorgt zeigt. Matthias Spielkamp kommentiert recht passend die Frage, wie der BDZV über Fragen zu einem Recht sinniert, das gar nicht existiert.

Aber die Existenz von Flipboard könnte auch darauf deuten, was die Presseverlage mit dem Leistungsschutzrecht auch wollen: Die Kontrolle über ihre Inhalte so weit ausbauen, dass notfalls disruptive Markteinsteiger abgewürgt werden können. Mit dem Urheberrecht kommen sie da bisher nicht weit. (Wie man unter anderem an Aggregatoren wie Google News sehen kann.)

Anbieter von Applikationen wie Flipboard haben enorme Wettbewerbsvorteile, wie oben bereits ausgeführt wurde. Das Geschäftsmodell der Presseverlage und ihre eigenen Strukturen verhindern ihnen mehr oder weniger, einen ähnlichen Weg zu gehen. Also müssen sie diesen Weg für andere unterbinden, notfalls eben mit gesetzlichen Schranken.

Natürlich wird es noch eine Debatte rund um Flipboard und dessen Praktik geben müssen, Artikel von Websites zu nehmen und in der Applikation anzureissen. Siehe dazu etwa Gizmodo und GigaOm. Man kann argumentieren, dass Flipboard lediglich eine Art hübscherer Feedreader mit innovativer Abo-Funktion ist. Aber vor allem Websites von Mainstream-Angeboten bieten oft nur RSS-Feeds mit kurzen Teasern an, die für die längeren Anrisse bei Flipboard nicht verwendet werden. Flipboard setzt eine eigene Parsing-Engine ein, die die Länge der Artikel-Anreisser auch von der Länge der Inhalte in den RSS-Feeds abhängig macht, wie man gegenüber Gizmodo ausführte.

(Davon abgesehen ist die New York Times kürzlich erst gegen eine RSS-Applikation vorgegangen, weil diese den NYT-Feed verwendet hat. Der Beweggrund der NYT dürfte der selbe gewesen sein, wie der der deutschen Presseverlage bei der Initiative zum Leistungsschutzrecht. Es geht um Kontrolle der Distribution.)

Flipboard wird nicht die letzte Applikation dieser Art sein. Ganz im Gegenteil. Und schließlich wird nicht eine Applikation allein die für das Web so fundamentale Trennung von Produktion und Distribution weiter vorantreiben, sondern die gesamte Klasse dieser Applikationen.

Sollte Deutschland ein Leistungsschutzrecht für Presseverlage bekommen, könnten etwa Applikationen wie Flipboard über kurz oder lang aus dem deutschen AppStore verschwinden. Dass damit eine effizientere Lösung des Problems der Informationsverbreitung eliminiert würde, ist dabei ein Feature, kein Bug.

Bemerkenswert, wie schnell der Traum der Verleger platzt, Multitouch-Tablets könnten die Medienwelt zurückdrehen und die Netzökonomie aushebeln. Aber zum Glück gibt es ja noch Lobbyisten.

Googles App Inventor ist für den Long Tail gedacht

0710-appinventor-logoLesenswerter Artikel über Googles App Inventor, dem neuen visuellen App-Entwicklungstool, auf O’Reilly Radar:

Apple is saying “trust us, it will just work.” Google is saying “We’ll help you to be creative and make your own stuff that works for you.” There’s nothing inherently wrong with either approach. Apple’s approach is more appropriate for an entertainment device, more like the ’60s TV, radio, or dial phone. It does more, but it’s still sealed; you can’t open it up and hack it. There are plenty of people who want that kind of experience — possibly a majority. Google is opening up the guts and letting you create — and taking the gamble that people who haven’t been creative in the past will start.

Allerdings ist mir der Artikel etwas zu kulturorientiert. Unternehmen geht es aber nicht um Kultur, sondern um Profit (erstere wirkt allerdings massiv darauf ein, wie man letzteres erreichen will). Das Interesse von Google liegt nicht in erster Linie in der Demokratisierung der App-Entwicklung. Das ist eher ein Nebeneffekt des ursprünglichen Ziels: Den Long Tail abdecken. (Im Long Tail des Webs liegt etwa Googles AdSense-Erfolg.)

Nicht wenige, die über App Inventor geschrieben haben, haben von der potentiellen Zunahme der Quantität an Android-Apps geschrieben und das mit dem Absinken der durchschnittlichen Qualität der Android-Apps gleichgesetzt. Während das zwar statistisch richtig ist, muss das nicht unbedingt eine Rolle spielen. Es geht nicht darum, dass viele minderwertige Alternativlösungen für das gleiche Problem Android überschwappen könnten.

Es geht viel eher darum, dass jeder für sein Angebot und/oder seine eigenen Bedürfnisse leichter eine App schreiben kann, sprich leichter auf die Möglichkeiten nativer Applikationen zugreifen kann. Damit können kleine Nischenanbieter (Long Tail!) etwa ihre Nutzerschaft kostengünstiger ansprechen. Mittelständische Unternehmen könnten etwa spezifische Applikationen für ihre Mitarbeiter umsetzen. Solche Anwendungsfälle können das Android-System sehr attraktiv weil vielseitig einsetzbar machen. Gleichzeitig hat sich Apple mit seinem eigenen Ansatz dieses Feld strategisch verbaut. (Zumindest wenn man davon ausgeht, dass diese Aufgaben nicht von HTML5-Applikationen erfüllt werden können.)

Natürlich muss Google es schaffen, die Masse an Apps verwaltbar zu halten. Besonders wenn diese stark zunehmen wird. Android-User dürfen von der Masse nicht erdrückt werden. Aber Google hat es geschafft, Ordnung in das Chaos des Webs zu bringen. Man kann davon ausgehen, dass Google das auch bei den Android-Apps gelingen kann, wenn deren Zahl explodieren sollte.

Gleichzeitig sollte man nicht vergessen, dass Android nicht auf einen einzelnen AppStore angewiesen ist. Während Google für den App Market vielleicht mehr Apps zulässt, könnte ein anderer Anbieter einen “High-End-AppStore” für Android starten und dafür nur vorher getestete Applikationen zulassen, die bestimmte Kriterien erfüllen; ganz nach Apple-Tradition quasi. Damit hätten die User neben dem riesigen App-Meer die Möglichkeit, sich auf eine dritte Partei verlassen zu können, wenn sie kein Risiko eingehen wollen.

Anders gesagt: Würde tatsächliche eine Masse an minderwertigen Apps den Android Market überschwemmen, entstünde damit automatisch eine Nachfrage nach einem ‘aufgeräumteren’ AppStore für Android, der früher oder später jemand nachkommen würde.

Android, und das ist Googles Strategie, gibt allen Beteiligten auf allen Ebenen der Wertschöpfung Wahlmöglichkeiten an die Hand. Und darin ist Google durch und durch konsequent.

iPhone: Apperang bezahlt Nutzer für das Herunterladen von Apps

Apperang will iPhone-App-Entwicklern bei der Verbreitung der Applikationen helfen, indem User für das Herunterladen und Installieren bezahlt werden. Ich bin mir nicht sicher, wie gut das funktionieren wird. Interessant ist es aber allemal.

mobile zeitgeist stellt Apperang vor und listet die Vorteile einer größeren Verbreitung auf, die zu einem selbstverstärkenden Effekt führen kann:

Der Entwickler zahlt an Apperang auf einer Pay-per-Download-Basis, entweder je nach gewähltem Programm 0.20 oder 0.40 US$/Download.

[..]

Doch die Rechnung kann durchaus aufgehen, denn erhöhte Downloads haben verschiedene positive Effekte:

  • WoM-Marketing, die App wird im Freundeskreis weiter empfohlen
  • Höhere Rankings im AppStore
  • Mehr Reviews
  • Weitere erhöhte Umsätze durch z.B. In-App-Purchase

Besonders das höhere Ranking im AppStore ist nicht zu unterschätzen.