Synchronisation der Meinungen

Tom Standage, unter anderem Digital Editor beim Economist, sagt einige kluge Worte im Interview mit dem Internet Magazin:

Natürlich braucht es für politischen Wandel mehr als schnelle Kommunikation. Die Nachhaltigkeit der arabischen Revolutionen hat mehr mit dem Etablieren von politischen Institutionen zu tun; es ist ein großer Fehler, Wahlen allein mit Demokratie gleichzusetzen. Social Media kann aber Leuten verdeutlichen, dass sie ihre Meinung mit anderen teilen, also nicht alleine dastehen. Moderne Medienwissenschaftler nennen das »Synchronisation der Meinungen«. Wenn eine Menge Menschen merken, dass sie eine klare Meinung zu einem Thema haben, sei es zur Korruption in der katholischen Kirche, zur Unabhängigkeit der amerikanischen Kolonien oder zum Despotismus in der arabischen Welt, kann das soziale Bewegungen effektiver machen. Ich sage gerne, dass Social Media das Feuer zwar nicht anzünden, aber dabei helfen, dass es sich schneller verbreitet.

Nuzzel: Der beste persönliche Linkaggregator für Twitter und Facebook

In den letzten Jahren sind einige Werkzeuge gekommen und gegangen, mit denen man bei Twitter und Facebook auf dem Laufenden bleiben kann. Ein Prinzip, das naheliegend und deshalb von vielen Unternehmen getestet wurde, ist die simple Aggregation von Links. Verlinken viele meiner Kontakte die gleiche Adresse, wird sie, weil populär in meinem Bekanntenkreis, als eben solche dargestellt.

Auf diese Weise lassen sich Zusammenfassungen erstellen. Sieben Freunde verlinkten hierhin, drei Freunde verlinkten dorthin.

Twitter selbst bietet zum Beispiel die Möglichkeit an, jeden Tag eine solche Zusammenfassungs-Email zu bekommen, die die Aktivitäten in der eigenen Timeline vom letzten Tag zusammenfasst. Diese Emails sind für jeden, der zwar grundsätzlich an den auf Twitter zirkulierenden Informationen interessiert ist, aber den Twitter-Client nicht den ganzen Tag nebenbei laufen lassen möchte, unersetzlich.

Beispiele für Startups, die diese Emailzusammenfassungen und deren Funktionalität auch per Website bieten, sind etwa Paper.li und The Tweeted Times. Leider gehen sie nicht darüber hinaus und denken das Prinzip nicht weiter.

Seit einem dreiviertel Jahr nutze ich Nuzzel. Nuzzel ist innerhalb kürzester Zeit zu einem unverzichtbaren Werkzeug für meinen täglichen Nachrichtenkonsum geworden. Ich bin damit nicht allein. Nuzzel hat eben die Private Beta verlassen und kann nun von jedem genutzt werden. Die Reviews sind mehrheitlich begeistert. The Verge:

Abrams, who is best known as the creator of the early hit social network Friendster, is the developer behind Nuzzel, a daily recap of your social media feeds that brings an element of the RSS reader to Twitter and Facebook. The service, which comes out of beta today, is an easy way to see what your friends are talking about. I’ve used the service for more than a year, and it’s a surprisingly effective tool for staying on top of the news.

Das Besondere an Nuzzel ist die Funktionsvielfalt. Die einzelnen Stories erhalten etwa mehrere weiterführende Links:

2014 03 19 um 11 03 27

Nuzzel kann ebenfalls eine tägliche Zusammenfassung per Email versenden.

Das Beste aber sind die Einstellungsmöglichkeiten: Statt auf einen täglichen Rhythmus festgesetzt zu sein, kann man auf Nuzzel die populärsten Links der letzten Woche aber auch der letzten 8, 4, 2 Stunden oder der letzten Stunde anzeigen lassen. Ohne ständig von Twitter und Facebook, das ebenfalls integriert werden kann, abgelenkt zu werden, lässt sich hier einstellen wie tief man just in diesem Moment in das Geschehen eintauchen will.

Nuzzel ist ein unverzichtbares Werkzeug in meinem Arbeitsalltag geworden. Jeder Twitter- oder Facebook-Nutzer im Nachrichtengeschäft sollte sich Nuzzel anschauen.

Twitter in Deutschland auf dem absteigenden Ast

Alle Zahlen bei Twitter zeigen nach unten.
Holger Schmidt:

Für den deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) ergibt sich ein ähnliches Bild: Insgesamt haben sich nach der Peerreach-Berechnung 8,9 Millionen Menschen angemeldet, die auch in deutscher Sprache getwittert haben. Von diesen 8,9 Millionen waren im Januar noch 1,4 Millionen als aktive Schreiber auf der Seite aktiv, hat Peerreach für FOCUS ausgerechnet.

Schmidt hat mehr, weitaus düstere Zahlen zu Twitter gesammelt. Ein Beispiel:

Als @SPIEGELONLINE neulich einen Beitrag aus diesem Blog an seine damals 280000 Follower twitterte, kamen trotz einiger Retweets ganze 250 Klicks auf den Text zustande. Eine Nachfrage bei einem Blogger-Kollegen brachte etwa die gleiche magere Resonanz.

Ich kann hier eine ähnliche Tendenz beobachten. Viele Tweets mit Link zu einem Artikel bringen nicht mehr ansatzweise so viele Leser hierher wie noch vor 2, 3 Jahren, als Twitter zu spürbaren Zugriffsspitzen mit mehreren Tausend Lesern führen konnte.

Zumindest für Deutschland scheint bei Twitter aktuell die Luft ein bisschen raus zu sein.

Facebook und der “Reverse-Lock-In Effect”

In der letzten neunetzcast-Ausgabe haben Johannes Kleske und ich anlässlich der Nutzerbewegungen hin zu Threema und Telegram nach der WhatsApp-Übernahme durch Facebook über die Beweggründe der wechselnden User gesprochen. Thema dabei war auch, wie der Wunsch, nicht alle Kommunikation über die Dienste eines Unternehmens laufen lassen zu wollen, diametral der selbstgestellten Mission von Mark Zuckerberg gegenübersteht.

Johannes hat seine Gedanken dazu noch einmal schriftlich festgehalten und dafür den handlichen Begriff “Reverse-Lock-In Effect” gefunden:

So here’s the theory: We’re ok with giving Facebook some of our data. But we’re becoming much more careful about giving them all our data. “Sure, Facebook, you can know which events I attend. You can also tell my relatives about my new relationship or my aced school test. But the more you want from me, the more suspicious I will become and draw back.”

You could call it the reverse-lock-in effect. Because we feel so locked in and dependent on one platform, we seek out alternatives to avoid more lock-in at all costs. I think this is the (unconscious) reasoning behind people switching mobile messenger apps now.

It’s not because they think that Facebook is less secure than Whatsapp or more evil. It’s because they don’t want to have their private and group conversation also belong to Facebook. That’s why they have been using Whatsapp instead of the Facebook Messenger. And that’s why they are switching to Threema or Telegram now. Which adds another interesting layer to the situation.

Die Frage hierbei für mich ist nicht, ob dieser Effekt existiert. Die rasant nach dem Deal angestiegenen Wanderungen sind Beweis dafür, dass er existiert. Die Frage ist allerdings, ob der Effekt signifikant ist beziehungsweise sein wird. Sprich also, werden die Konsequenzen für Facebook spürbar werden? Die Antwort darauf ist noch nicht absehbar.

In der Vergangenheit haben Datenschutzbedenken für die Mehrheit der Menschen etwa praktisch keine Rolle bei der Auswahl der Kommunikationsplattformen gespielt.1 Wir haben heute allerdings mit Facebook eine besondere Situation:

  • Hoher Verbreitungsgrad: Kein Netzwerk-Angebot eines privaten Unternehmens war je so groß wie das von Facebook. Facebook geht etwa in Deutschland rasant auf 30 Millionen aktive Nutzer zu.
  • Überwachungsskandal: Facebook wird (zu recht) als US-Unternehmen mit der NSA in ein Boot gesteckt. Das ist die Folge der US-Politik und der Versäumnisse der amerikanischen Technologie-Unternehmen, die erst nach Snowden angefangen haben, sich zu wehren.
  • Facebooks Geschäftsmodell ist werbebasiert.

Punkt 3 führt unweigerlich dazu, dass Facebook keine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für seine Dienste anbieten kann, weil es die Auswertung für das Targeting benötigt. Das führt wiederum dazu, dass sie aus Punkt 2 nicht so einfach herauskommen. Das Vertrauen ist weg.

Es gibt Spekulationen, dass Zuckerberg mit dem Kauf von WhatsApp nicht nur den Fuß in die Messaging-Tür bekommen wollte sondern auch mit den Erfahrungen der Macher, von denen einer jetzt im Board von Facebook sitzt, an der Diversifizierung des Geschäftsmodells von Facebook arbeiten will.2 Facebook will nicht nur mit Werbung Geld verdienen und vielleicht will man auch Dienste anbieten, die komplett ohne Werbung refinanziert werden, so die Vermutungen.

Das ergibt nicht nur Sinn, um den oben angesprochenen Problemen etwas entgegenzusetzen. Es ergibt auch Sinn wenn man sich die langfristigen Ambitionen anschaut: Der internationale Werbekuchen ist zu klein, um das Wachstum von Giganten wie Facebook und Google noch lang zu befeuern.

Selbst Google hat das bereits erkannt. Es ist ausgesprochen unwahrscheinlich, dass Google auch mit seinen Aufkäufen von Robotik bis Nest künftig einzig und allein auf Werbung setzen wird.

Die spannende Frage bleibt, wie sehr ein “Reverse-Lock-In Effect” diesen Unternehmen künftig zu schaffen machen wird. Aktuell sieht es nur nach einem ersten Aufflackern des Aufbegehrens aus. Das muss aber nicht so bleiben. Facebook wächst weiter und gerade dieses Wachstum, dieser Erfolg, ist, was vielen nicht schmeckt.

Auf der anderen Seite sieht man allerdings auch, das selbst nicht gut schmeckende Netzwerkeffekte immer noch Netzwerkeffekte sind. Von all denen, die sich jetzt bei Threema und co. angemeldet haben, dürften nicht sehr viele auch tatsächlich diese Apps bereits zur täglichen Kommunikation nutzen – denn 90 Prozent ihrer Bekannten sind weiterhin bei den “verhassten” Marktführern.


  1. Eine Folge davon: Weltfremdheit hat bei Datenschützern zu Verbitterung geführt. 

  2. WhatsApp ist bekanntlich nicht werbefinanziert sondern verfolgt verschiedene, plattformabhängige Modelle, bei denen die Nutzer direkt bezahlen. 

Buzzfeed sieht mehr Aktivität bei WhatsApps Share-Button für Apps als beim Twitter-Button

Faszinierend am Share-Button von WhatsApp ist nicht, dass er erfolgreich ist. Das ist wenig überraschend angesichts der Größe der Chat-App. Faszinierend ist, dass das Team, das die App nicht zu einer Plattform aufbaute wie es die Konkurrenten tun, einen in andere mobile Apps integrierbaren Share-Button eingeführt hat. Außen- statt Binnenintegration. Ein für Mitkonkurrenten gefährlicher Schritt. 

Recode:

But WhatsApp had quietly launched a different sort of platform tool late last year. It is a simple hook that other companies can include in their own apps to help users share content to WhatsApp.

This is just like the Facebook and Twitter buttons that are liberally sprinkled on content sites all over the Web. The difference is, sharing through WhatsApp is essentially private.

When users click on the share-to-WhatsApp button, they are presented with a list of their contacts and groups so they can message them directly. Especially when users are on their phones, this may be simpler or easier than emailing, texting or instant messaging an article or a photo.

Early testers of the WhatsApp share button included BuzzFeed and Shazam.

In fact, BuzzFeed is already seeing more shares to WhatsApp than to Twitter on iOS, the company told Re/code.

Facebooks Marktbeobachtungsteam wird mitbekommen haben, was hier passiert. WhatsApp war und ist noch nicht sticky. Die Wechselkosten zwischen mobilen Chat-Apps sind sehr gering, wie ich in neunetzcast 36 ausführe. Aber das Sharing-Verhalten der WhatsApp-Nutzer deutete auf eine künftige Gefahr für Facebook hin.

Und ein Share-Button, der sich in mobilen Apps verbreitet wie ein Lauffeuer?

Der ist sticky.

Keiner weiß das besser als Facebook, die Mutter des allgegenwärtigen Like-Buttons.

neunetzcast 36: Warum übernimmt Facebook WhatsApp?

Ich spreche mit Jochen Krisch ausführlich über die verkündete Übernahme von WhatsApp durch Facebook.

Warum übernimmt Facebook Whatsapp? Und warum bezahlen sie einen Preis von 16 Milliarden US-Dollar, der mit Aktienoptionen auf bis zu 19 Milliarden US-Dollar anwachsen kann? Und was wird Facebook mittelfristig mit WhatsApp machen?

Zumindest Facebooks (M&A-)Motto ist jetzt nach WhatsApp und Instagram eindeutig für jeden sichtbar geworden: “Es soll keinen großen Social Graph neben uns geben.“ – Und das im Zweifel um jeden Preis.

 

Jochen Krisch im Web:

Links zu den Themen:

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* neunetzcast auf SoundCloud folgen 

als Podcast-Feed 

neunetzcast in iTunes 

neunetzcast auf Twitter und auf App.net und als Push-Nachricht auf’s Smartphone

Twitter plant nach Themen sortierten Stream als Alternative zur chronologischen Timeline

Anlässlich der schlechten Nutzerwachstumszahlen im letzten Quartal deutete ich bereits an, was die Konsequenzen des dadurch steigenden Drucks auf das Unternehmen sein könnten: “Twitter wird sehr stark in Verführung gebracht, den Kern des Produkts aufzuweichen.” 

Wenn Twitter-CEO Dick Costolo bereits öffentlich andeutet, was eine Lösung für das Wachstumsproblem sein kann, wird man mit dieser auch in naher Zukunft rechnen können. Twitter dürfte also bereits länger an der von Costolo angedeuteten Organisation von Tweets rund um Themen arbeiten.

Reuters:

Some of the tweaks Costolo spoke of were cosmetic, such as helping new users find their friends more easily so they won’t abandon Twitter within the first hours or days. But the CEO also hinted that Twitter might make more drastic changes, including introducing an alternative to the chronological timeline, which until now has underpinned the user experience.

“We want to do a better job organizing content for our users along topical lines rather than just chronological,” Costolo said on the conference call. “Topic-based discovery on our platform will make Twitter easier to understand and use for everyone.”

Auch wenn langjährige Twitter-Nutzer entsetzt sein dürften ob der Vorstellung, dass Twitter sich von der chronologischen Darstellung der Tweets wegbewegt, halte ich (selbst Twitter-Nutzer seit Anfang 2007) das für sinnvoll.

Die chronologische Darstellung schränkt Twitter im Streamdesign enorm ein. Wenn sie zusätzlich zur chronologischen Ansicht einen weiteren Stream etablieren, der zum Beispiel mehr Facebooks Newsfeed ähnelt, könnte Twitter sehr viel mainstreamkompatibler werden. Sie würden nicht die Größenordnungen von Facebook erreichen, was manche Investoren immer noch zu hoffen scheinen, aber Twitter würde zugänglicher werden als es heute ist.

Als Faustregel kann man festhalten:

  • Chronologische Anordnung ist für Poweruser
  • Gewichtete Anordnung ist für den Rest der Nutzerschaft

Ein Problem kann natürlich entstehen, wenn Twitter, vom Sog des Mainstreams verführt, die chronologische Timeline immer weiter zurückfahren würde. Kein unrealistisches Szenario.

Auch Twitterclients, mit denen Twitter seit einigen Jahren ein schwieriges Verhältnis hat, könnten hier vor der nächsten, von Twitter aufgestellten Wand stehen, in die sie unfreiwillig hineinrennen.

Twitter gewann auch letztes Quartal zu wenige Nutzer

Die Quartalszahlen von Twitter sehen nicht gut aus. Das Nutzerwachstum enttäuscht. Man könnte sogar schon fast eine Sättigung beobachten. Auf keinen Fall ist es der Anfang einer S-Kurve:

Twitterusers

Holger Schmidt:

In den USA stagniert die Entwicklung sogar schon. Noch heftiger ist die Tendenz der Timeline-Views, die Twitter als Maßeinheit für die verfügbare Werbefläche heranzieht. Twitter zählt einen Timeline-View, wenn ein Nutzer die Site auf dem Desktop oder Mobile aktualisiert. Diese Ansichten sind im vierten Quartal erstmals gefallen – und zwar außerhalb der USA, wo das Wachstum eigentlich herkommen soll – deutlich stärker als im Heimatmarkt.

Twitter wurde aus für mich unerfindlichen Gründen von Investoren zum Börsengang als ein Unternehmen mit starkem künftigen Nutzerwachstum bewertet. Diese Bewertung wird dem Aktienkurs, der bereits nach der Bekanntgabe der Quartalszahlen nachgegeben hat, auch in Zukunft noch zu schaffen machen.

Im Klartext: Twitter ist überbewertet.

Erstaunlich ist das vor allem, weil das sinkende Wachstum bereits im Börsenprospekt ersichtlich war:

In seinem S-1-Filing hat Twitter 231,7 Millionen aktive monatliche Nutzer bekanntgegeben. Das bedeutet, dass das Wachstum von Twitter abnimmt.

Es hat von Anfang wenig Sinn ergeben, Twitter teurer an die Börse zu bringen als Facebook zu dessen Börsengang. Oder anders: Es hat sehr wenig Sinn ergeben, zu dieser Bewertung Twitter-Aktien zu kaufen. Es wird nun immer deutlicher, wie wenig Sinn.

Das geringe Nutzerwachstum, das das Unternehmen unter Druck setzt, wird vor allem zu zwei Dingen führen:

  1. Twitter wird sehr stark in Verführung gebracht, den Kern des Produkts aufzuweichen. (Twitter sollte sich stattdessen von Facebooks Multi-App-Strategie eine Scheibe abschneiden.)
  2. Twitter wird seine Monetarisierungspläne aggressiver vorantreiben. Das heißt auch mehr Werbung, die ein einzelner Nutzer sieht. (Das ist noch nur bedingt problematisch, weil die Werbung auf Twitter, vor allem etwa hier in Deutschland, noch sehr sporadisch auftaucht.)

Warum ich skeptisch bin, was Twitters Zukunft in Verbindung mit dessen astronomisch hoher Bewertung angeht, habe ich ausführlich zum Börsengang dargelegt.

Paper und co.: Facebook entbündelt sich mit mobilen Apps selbst

Facebookpaper

Facebook hat gestern mit Facebook Paper seine bereits seit Juni 2013 von Gerüchten begleitete, an Flipboard angelehnte App in den USA veröffentlicht. Wie   vorher vermutet („Facebooks Flipboard-Klon könnte die mobile Neuerfindung des Newsfeeds sein“) handelt es sich mit Paper weniger um eine mobile Nachrichtenapp und mehr um die Neuerfindung des Newsfeeds für den mobilen Kontext und konzentriert sich auf einige wesentliche Features. Martin Weigert auf netzwertig.com:

Paper bietet Zugriff auf den Newsfeed, den Messaging-Bereich, auf Benachrichtigungen und Kontaktanfragen, sowie nach einem Swipe und damit etwas versteckt auf das eigene Profil, die Suche, die Liste der abonnierten Pages sowie den Publisher (zum Veröffentlichen von Einträgen). Was im Gegensatz zur herkömmlichen mobilen Facebook-App fehlt, sind ausführliche, stetig präsente Navigationselemente (Status, Foto, Check-in, Anfragen usw), Events sowie die Verwaltung von Apps.

Paper ist vorerst nur in den USA verfügbar, weil die App neben den Feedeinträgen auch per Algorithmus und von Kuratoren ausgewählte Inhalte anzeigt. Das schränkt den internationalen Rollout ein. Ob das sinnvoll ist, kann man getrost bezweifeln. Paper wäre auch ohne das zusätzliche Kurationselement eine sinnvolle Erweiterung des Facebook-Angebots.

Tatsächlich dürfte die Kuration von Inhalten, die nicht aus dem eigenen Facebook-Bekanntenkreis (vulgo ‘Social Graph’) kommen, eher irritieren als erfreuen. Dieses Distinktionsmerkmal gegenüber der Hauptapp könnte auch aus einer Unsicherheit bei Facebook entstanden sein, um die Apps besser von einander zu unterscheiden. Es wäre nicht überraschend, wenn die Kuration von Inhalten wieder fallen gelassen oder stärker an den Rand gedrängt wird.

Paper selbst bekommt glühende Reviews von der Fachpresse. Das überrascht nicht, wenn man sich das Team hinter Paper anschaut:

[Mike Matas, Lead Designer der App] is a UI wunderkind who was hired by Apple at age 19. There he was responsible for shaping the look of a staggering number of applications, from the first Photo Booth app for OS X to the camera, photos, maps, and settings interfaces for the original iPhone. After that he helped create the UI for the Nest thermostat. With his start-up Push Pop Press, Matas tried to solve the vexing problem of incorporating multimedia and interactivity into digital books without losing the essential simplicity of the real thing. Facebook acquired it in 2011.

Wichtiger ist allerdings, dass Paper nach dem separaten Facebook Messenger und Instagram/Camera der dritte Schritt des Social-Network-Riesen ist, sich selbst im mobilen Sektor zu entbündeln. Ich hatte über diese Strategie, die sich bereits seit der Messenger-App abzeichnete, vor einigen Tagen nachgedacht:

Facebook Home, die erwartungsvolle Android-Integration, hat bis jetzt nicht so gezündet wie gehofft. Gleichzeitig haben Instagram, mittlerweile selbst ein Facebook-Produkt, und Whatsapp und Co. Facebook im mobilen Sektor Stück für Stück entbündelt.

Facebook wäre dumm, wenn es diese Entbündelung nicht ernst nehmen würde. Der Hauptapp weitere spezialisierte Apps an die Seite stellen, erscheint sinnvoll und könnte langfristig auch strategisch interessante Perspektiven für Facebook eröffnen.

Kurz darauf wurde der Plan Facebooks bekannt, auf einzelne Apps statt auf eine App für alles zu setzen und 2014 weitere mobile Apps zu veröffentlichen. Facebook-CEO Mark Zuckerberg war im earnings call diesbezüglich recht direkt:

As CEO Mark Zuckerberg said on today’s earnings call “One theme that should be clear from our work on products like Messenger, Groups and Instagram is that our vision for Facebook is to create a set of products that help you share any kind of content you want with any audience you want.”

Nach der Herauslösung der Chat-Funktion aus der Hauptapp in die separate Messenger-App hat sich laut Zuckerberg im earnings call die Nutzung um 70 Prozent erhöht. Ein Zeichen, dass die Strategie separater Apps richtig zu sein scheint.

Facebook hat für die App-Strategie auch organisatorisch umgebaut und mit den Facebook Creative Labs eine Struktur für kleine, unabhängige, fokussierte Teams geschaffen, die an neuen Apps bauen können. Paper ist das erste Ergebnis der Labs.

Das Spannende daran ist, dass Facebook aggressiv auf die Herausforderung durch den Wandel vom Desktop-Web hin zum mobilen Web reagiert. Es geht nicht nur offensiv das eigene Produkt an sondern schafft auch intern die Voraussetzungen, schneller auf die neuen Herausforderungen antworten zu können.

Ebenso wie Google erfindet sich Facebook vor unseren Augen für die Smartphonewelt neu.

Facebook ist, das wird nun dank der App-Strategie intern wie extern deutlich, weniger Website sondern ein Gefäß für Datenströme.

Mit einer erfolgreichen Suite an Apps, die von den Facebookschen Datenströmen angetrieben werden, könnte Facebook mittelfristig auch eine bessere Antwort auf die Frage finden, was die eigene Position in der mobilen Welt ist und sein kann. Die Antwort könnte, erneut, Google nicht schmecken. Während Google Systemfunktionen in Android zu für die Hardwarehersteller installierpflichtigen Google-Apps umwandelt, wäre es für Facebook nur der nächste Schritt die Funktionen hinter den dedizierten Apps auch als integrierbare Systemfunktionen für forkwillige Androidhersteller anzubieten. In Verbund zum Beispiel mit einer Kartenapp von Nokia Here könnte das dafür sorgen, dass Google die Androidherrschaft entgleitet.

Facebook bleibt mit seinen 1,25 Milliarden aktiven Nutzern die Wild Card im Kampf der mobilen Plattformen.

Facebooks Flipboard-Klon könnte die mobile Neuerfindung des Newsfeeds sein

Re/code berichtet über eine potenzielle neue mobile App von Facebook, die Flipboard ähneln soll:

After years of experimentation, cancellations and redesigns, Facebook looks like it is finally going to launch in the coming weeks a news reading service built for mobile devices.
The product is known as “Paper,” according to a source familiar with the matter, and it is similar to Flipboard, a buzzy mobile-focused news reading app. Paper looks to be either a standalone mobile application or a Web experience suited to mobile devices, according to this person. Facebook could launch the app before the end of January, this person said, though the timetable could change.

Das ist kein neues Gerücht. Bereits im Juni 2013 berichtete das Wall Street Journal über Ähnliches.
Die Flipboard-Ähnlichkeiten würden mich nicht überraschen: Flipboard hat eine gute Designsprache für mobile Geräte gefunden. Facebook dürfte hier eher an einer Neuerfindung des Newsfeeds für mobile Geräte arbeiten; und hat sich dafür wohl unter anderem bei Flipboard ‘inspirieren’ lassen.

Wenn meine Vermutung stimmt, wird das ein weiterer Schritt in der eigenen Entbündelung des Facebookangebots. Einst setzte Facebook auf eine App für Alles. Heute ist das Messaging ausgelagert in den Facebook Messenger, der auch auf die Kontakte des Smartphones zugreifen kann. Außerdem existiert für das mobile Anschauen und Hochladen von Fotos eine separate Camera-App von Facebook; neben dem übernommenen Instagram.

Warum nicht eine separate App für den gesamten Newsfeed, die sich auf diese eine Aufgabe -die mobile Darstellung des Newsfeeds- spezialisiert?

Die App-Strategie von Facebook, das die Wild Card im Kampf der mobilen Plattformen ist, bleibt spannend. Facebook Home, die erwartungsvolle Android-Integration, hat bis jetzt nicht so gezündet wie gehofft. Gleichzeitig haben Instagram, mittlerweile selbst ein Facebook-Produkt, und Whatsapp und Co. Facebook im mobilen Sektor Stück für Stück entbündelt.1

Facebook wäre dumm, wenn es diese Entbündelung nicht ernst nehmen würde. Der Hauptapp weitere spezialisierte Apps an die Seite stellen, erscheint sinnvoll und könnte langfristig auch strategisch interessante Perspektiven für Facebook eröffnen.

So wie es bei Google mehr um lernende Maschinen als um Suchmaschinen geht, geht es bei Facebook mehr um das Potenzial der Vernetzungsdaten als um dessen tatsächliche heutige Darstellung durch Facebook. Mit separaten Apps erlaubt Facebook sich die Möglichkeit, dieses Potenzial zu explorieren. Zumindest in der Theorie.

Dass Facebook hier mehr machen muss, wird außerdem spätestens dann klar, wenn man sich verdeutlicht, dass das mobile Internet in sehr naher Zukunft DAS Internet sein wird. Jeder wird ein Smartphone haben und es tagtäglich benutzen. Das Desktop-Web wird zum Randphänomen werden.2


  1. Das heißt nicht, dass Whatsapp und Co. Facebook automatisch gefährlich werden. Sie nehmen aktuell ein Stück vom Zeitkuchen der Nutzer weg. Mobile Messaging ist aber noch ein auf Sand gebauter Markt. 

  2. Hörenswert hierzu die Analysten Ben Bajarin und Benedict Evans. 

Twister ist ein dezentrales Mikrobloggingtool, das auf BitTorrent und Bitcoin-Technik aufsetzt

Twister ist ein dezentrales Mikroblogging-Tool, das unter anderem auch auf die technische Basis von Bitcoin aufsetzt. Aus der FAQ:

For the complete description you should refer to the white paper. But in short: twister is comprised of three mostly independent overlay networks. The first provides distributed user registration and authentication and is based on the Bitcoin protocol. The second one is a Distributed Hash Table (DHT) overlay network providing key/value storage for user resources and tracker location for the third network. The last network is a collection of possibly disjoint “swarms” of followers, based on the Bittorrent protocol, which can be used for efficient near-instant notification delivery to many users.

Das ist weniger interessant für Menschen in westlichen Ländern.1 Aber für so etwas wie einen Arabischen Frühling ist es sehr gut, wenn solche Werkzeuge existieren und notfalls eingesetzt werden können.

Aus der Slashdot-Submission von Twister-Erfinder Miguel Freitas:

The twister network is running already: the client can be compiled for Linux, Mac, and Android. 2500 usernames were registered in the first 6 days.


  1. Und speziell nicht für Deutsche, die selbst am bequem nutzbaren Twitter wenig bis kein Interesse haben. 

Facebook noch nicht tot

Heinz Wittenbrink über die aktuelle News, Facebook sei bei Teenagern am Ende, die auf keiner repräsentativen Zahlenbasis aufsetzt:

Die Story sagt viel über die Arbeitsweise von Zeitungen (ich generalisiere mit Absicht): Recherche und Reflexion sind Ausnahmen. Passt eine Geschichte ins Bild (Facebook wird überschätzt und ist eh böse), wird sie gnadenlos abgeschrieben und aufgeblasen, auch wenn die Faktenbasis noch so mickrig ist.

Sie sagt aber auch etwas über die Glaubwürdigkeit von Sozialwissenschaftlern und die Leichtgläubigkeit ihres journalistischen Publikums.

Die klassischen Massenmedien in den westlichen Nationen können bei den Themen Facebook und Google mehrheitlich nicht mehr ernst genommen werden. Eine erstaunliche, aber auch nicht neue Entwicklung (die auch direkt eine Folge der Veränderungen des Werbemarktes ist).

(via Carsten Pötter)

Broadcast: App.net schafft Verzeichnis und Plattfom für Push-Nachrichten

Appnet logo

App.net bleibt auch ein reichliches Jahr nach dem Start das spannendste neue Social Network, denn es unterscheidet sich von (fast) allen anderen an einer wesentlichen Stelle: Dem Geschäftsmodell. Während die Welt des Social Networking fast ausschließlich mit Werbung refinanziert wird, setzt App.net auf ein Freemium-Modell und expliziten Verzicht auf Werbung.

Ich bin seit der Crowdfunding-Phase Mitglied bei App.net und bin nach wie vor gespannt, wie sich die Plattform entwickeln wird, weil dessen Entwicklung auch etwas über die Zahlungsbereitschaft von Endnutzern in diesem Segment aussagen wird.

App.net hat noch nicht den Durchbruch erreicht. Aber das zu erwarten, wäre nach dieser Zeit und in diesem Umfeld auch vermessen gewesen. App.net ist bereits jetzt weiter gekommen als alle Vorgänger, die sich in den letzten Jahren an der Doppelspitze Facebook/Twitter abgearbeitet haben (Status.net, Diaspora, Pownce, etc.). Vorsichtiger Optimismus ist also angebracht.

Nun hat App.net ganz im Plattform-Sinne eine neue Funktion eingeführt, die recht interessante Einsatzzwecke ermöglicht. Broadcast ermöglicht das einfache Erstellen von Kanälen, über die Push-Nachrichten an mobile Endgeräte gesendet werden. Vorausgesetzt man hat die App von App.net installiert, kann man bereits jetzt aus einer Vielzahl von Kanälen wählen, von denen man Nachrichten gepusht bekommen möchte.

Die Push-Kanäle können per Hand, per RSS oder über die API befüllt werden.

Vor allem vor dem Hintergrund des Plattformaspekts, der für App.net wichtig ist, erscheint die neue Funktion als gute Erweiterung. 

The Verge über das Potenzial:

In Caldwell’s perfect world, Broadcast will also plug into the internet of things to let you know when nearly anything happens, whether it be an an important tweet or your front door. “You should be able to get a push for anything that happens on the internet,” says Caldwell, “and for some stuff, push feels a lot better and more compelling.” Each alert can include a link, a photo, a GIF, and a paragraph of text. All your notifications are collected inside the App.net app, which acts as a feed of all your notifications and channels.

Ob es so weit kommen wird, wird sich zeigen. Auf jeden Fall hat App.net ein einfaches System für Push-Nachrichten erschaffen, das kostenfrei genutzt werden kann. Angesichts der Tatsache, dass die APIs von App.net von Entwicklern immer wieder gelobt werden, wird man hier bald einige Experimente sehen können.

Das neue Medium der mobilen Push-Nachrichten wird von App.net hier also interessant bearbeitet.

Ich habe ein paar Broadcast-Kanäle eingerichtet:

  • neunetz.com Analysen: Hier bekommt man alle Analysen gepusht.
  • neunetzcast: Hier werdet ihr sofort informiert, wenn eine neue Ausgabe des Podcasts online ist. (Also zum Beispiel heute im Laufe des Tages.)
  • Exchanges: Gleiches Spiel wie beim neunetzcast. Hier wird jede neue Ausgabe von Exchanges, dem Podcast von Exciting Commerce mit Jochen Krisch und mir, gepusht.
  • neunetz.com: Über diesen Kanal kommen alle Artikel als Push-Nachrichten.
  • neumusik.com: Mit diesem Kanal erhält man alle Artikel von neumusik.com gepusht.

Wer Alpha, den Mikrobloggingdienst von App.net benutzt, kann auch da einigen Accounts folgen, welche die Lebensqualität ihrer Follower merklich steigern:

Studie: 30% aller US-Amerikaner bekommen News über Facebook, 10% über YouTube, nur 8% über Twitter

Das Pew Research Center hat unter 5.100 Befragten untersucht ob und wie Nutzer verschiedener Netzwerke diese für den Konsum von News nutzen:

Roughly half of both Facebook and Twitter users get news on those sites, earlier reports have shown. On YouTube, that is true of only one-fifth of its user base, and for LinkedIn, the number is even smaller. And Pinterest, a social pin board for visual content, is hardly used for news at all.

Die absolute Größe der Netzwerke spielt logischerweise eine Rolle, wenn es um die Bedeutung für den gesamten Newsbereich geht:

Facebook is by far the largest social networking site among U.S. adults, and with half of its users getting news there, is also the largest among U.S. adults when it comes to getting news. As discussed in an earlier report, roughly two-thirds (64%) of U.S. adults use the site, and half of those users get news there—amounting to 30% of the general population. YouTube has the next greatest reach in terms of general usage, at 51% of U.S. adults. Thus, even though only a fifth of its users get news there, that amounts to 10% of the adult population, which puts it on par with Twitter. Twitter reaches just 16% of U.S. adults, but half (8% of U.S. adults) use it for news. reddit is a news destination for nearly two-thirds of its users (62%). But since just 3% of the U.S. population uses reddit, that translates to 2% of the population that gets news there.

30 Prozent aller US-Amerikaner bekommen also ihre News zum Teil über Facebook. Bei YouTube liegt die Zahl immerhin bei 10 Prozent der US-Amerikaner. Twitter kommt mit seiner geringen Verbreitung auf nur 8 Prozent.

Das zeigt erneut, wie sehr das oft als wichtigstes Newsnetzwerk angesehene Twitter in Journalistenkreisen überschätzt wird. Journalisten, Analysten und Blogger mögen ihre News über Twitter bekommen, aber je mehr man in andere Kreise der Bevölkerung reingeht, desto schneller verschwindet Twitter von der Bildfläche. In Deutschland dürften die Unterschiede zwischen den Netzwerken (Facebook, YouTube auf der einen Seite, Twitter auf der anderen) sehr viel größer sein.

Ebenso faszinierend wie beunruhigend ist die Erkenntnis, dass recht viele Nutzer nur ein Netzwerk benutzen. Besonders Facebook-Nutzer scheinen ihren Social-One-Stop-Shop gefunden zu haben:

A look at the five social networking sites with the biggest news audiences shows that a majority of news consumers on those sites (65%) get news from just one, and for 85% of those, it is Facebook. About a quarter (26%) gets news on two of those sites. And 9% get news on at least three.

Auf Facebook findet man sie alle:

More than half of adults who get news on Twitter, Google Plus, LinkedIn and YouTube also get news on Facebook. Aside from that, the shared audience between these sites is relatively small.

Facebooks Messenger jetzt auch mit Telefonbuchkontakten

Ausführliche, gute Analyse des neuen Facebook Messengers für iOS und der allgemeinen strategischen Richtung von Facebook von Rory Marinich.
Facebook geht weg vom Facebook-Blau beim Messenger:

The first thing you notice in it is the white. Gone is the top-blue branding that’s defined Facebook since its earliest days; what’s left is a title bar as bland as Apple’s own iMessages app. In fact, Facebook’s borrowed an awful lot from Apple’s own design work: whereas other companies have largely tried to "iOS 7-ize" their pre-existing designs, Facebook Messenger adopts Apple’s own design lingo with great gusto.

Warum? Weil Messenger weniger stark mit Facebook assoziiert werden soll.
Denn Messenger nutzt jetzt zusätzlich zum Social Graph via Facebook auch die Kontakte des Smartphones für die Messengerkontakte. Also die gleiche Kontaktgrundlage, die alle mobilen Messenger von Whatsapp bis Line nutzen, nutzt jetzt auch Facebook Messenger.

Das war ein logischer und deshalb vorhersehbarer Schritt, der nur vom Branding von Facebook zurückgehalten wurde. Die einzige Überraschung ist, dass Facebook sein blau dafür (zum großen Teil) geopfert hat. Ihnen scheint das "Will ich denen wirklich noch mehr Informationen von mir und meinen Freunden geben?"-Problem bewusst zu sein. Das ist gut für das Unternehmen.

Facebooks Strategie, ein Werkzeug zu sein, das in den Hintergrund tritt, Zuckerberg hat das vor Jahren auch so direkt öffentlich geäußert, bleibt auch hier die Basis für die Entscheidungsfindung:

it wants to be invisible, completely forgettable, yet so functional and competent that you’d never think to use anything else. Just as Facebook Home for Android offers you a complete replacement for your basic communicative tools — texting, calling, and so on — the new Facebook Messenger for iPhone wants to offer you a complete replacement for, well, iMessages.

(via Martin Weigert)

Börsengang: Twitters ungewisse Zukunft

Twitteripo

Twitter war immer ein besonderer Dienst. Der größte und glücklichste Zufall, Unfall könnte man auch sagen, den das Web bisher gesehen hat. Als Nebenprojekt des Podcasting-Unternehmens Odeo gestartet, war Twitter zunächst ein Experiment. Twitter sollte die Status-Updates, wie sie die Nutzer in Instant-Messaging-Diensten absetzen, besser verbreitbar und lesbar machen. Es war das Ergebnis einer genialen Beobachtung: Eine Randfunktion einer Diensteklasse wurde auf andere Art und Weise genutzt als angedacht. Es gab Potenzial, das gehoben werden wollte.

Ich verfolge Twitter intensiv als Nutzer und als Analyst seit 2007. Anlässlich des heutigen Börsengangs von Twitter werden wir einen Blick auf die Zukunft des Dienstes werfen.

Inhalt:

Drei von Drei

Twitter hat von Anfang drei Dinge richtig gemacht:

1. Sie haben mit dem asymmetrischen Follower-Prinzip die robustere Vernetzungsart gegenüber dem vorher verbreiteten Sich-Gegenseitig-Befreunden eingeführt und populär gemacht.

2. Sie haben mit der Begrenzung auf Text und 140 Zeichen einen starken Fokus auf Einfachheit gelegt und damit sehr viel Kreativität und nicht vorhersehbare Nutzungsarten ermöglicht.

3. Sie haben mit einer sehr offenen Plattform-Politik frühzeitig gezeigt, welche Möglichkeiten in Webplattformen liegen. Ohne die die Clients ermöglichende Plattform würde es Twitter heute so nicht mehr geben. Daran ändert auch der Versuch nichts, die Geschichte umzuschreiben.

Nun ist es leider so, dass sie (3) zugunsten ihres gewählten Geschäftsmodells aufgegeben haben. (2) werden sie ihrer Suche nach Nutzer- und Umsatzwachstum opfern müssen. Zu verlockend ist die Auflockerung der Limitierungen. Die Integration von Bildervorschauen in die Clients und auch der neue Plattformansatz Cards, der Mitte 2012 eingeführt wurde, weichen die 140-Zeichen-Grenze neben den zunehmenden, an Tweets anheftbaren Metadaten bereits immer stärker auf.

Nur (1) haben sie zumindest mittelfristig auf ihrer Seite. Die Frage ist, wie lang noch.

Eine Welt aus Social Graphs

Netzwerkbasierte Dienste, also Social Networks wie Facebook, LinkedIn, Google+ oder eben auch Twitter haben, wie der Name schon andeutet, als Basis, als Fundament sozusagen, die Vernetzung. Nach der Ausgestaltung dieser Vernetzung, also Art (symmetrisch oder asymmetrisch) und Inhalt (Freunde, Fremde, privat, geschäftlich), folgt nicht nur die Art der Nutzung sondern auch wie ‘sicher’ der Dienst vor der Konkurrenz ist.

Vor Facebook und MySpace gab es bereits einmal ein dominierendes Social Network. Nicht in der Größenordnung, in der Facebook heute spielt, aber doch groß genug, um uneinholbar zu erscheinen: Friendster. Friendster wurde vom eigenen Erfolg eingeholt. Der exponentielle Nutzerzuwachs und ungünstig rechenintensive Funktionalitäten führten im Verbund zu regelmäßigen Serverausfällen. Einmal vom Social Networking angefixt gingen die frustrierten Friendster-Nutzer schnell zu den Alternativen: MySpace und Facebook. Friendster ging so schnell unter, wie es aufstieg. Die Vernetzungsbasis von Friendster war also nicht sehr robust.

Twitter führte 2008 mit großem Abstand die Liste der Dienste, mit den meisten Ausfällen, an. Insgesamt kam Twitter 2008 auf sagenhafte 84 Stunden Downtime. Für einen ‚Realtime‘-Dienst ist das sehr viel. Für europäische Nutzer, die bereits 2008 auf Twitter waren, dürfte sich die in manchen Wochen tägliche Downtime der damaligen Zeit im Rückblick nach sehr viel mehr anfühlen.

Das Interessante ist nun, dass diese schlechte Performance keine Auswirkungen auf die Popularität von Twitter hatte. Im Gegensatz zu Friendster haben die Ausfälle Twitter keine Nutzer gekostet. Der Grund liegt in der andersartigen Vernetzung. Das asymmetrische Follower-Prinzip ist sehr viel robuster, weil schwerer zu replizieren. Das führt dazu, dass solche asymmetrischen Netzwerke, erst einmal aufgebaut, weniger schnell in sich zusammenfallen. Warum das so ist, werde ich detaillierter in einem späteren Artikel beleuchten.

Neue Konkurrenten

Wichtig ist jetzt für Twitter vielmehr, dass sich in den letzten fünf Jahren einiges erheblich geändert hat. 2008 war Twitter das einzige, richtig populäre asymmetrische Netzwerk. Heute sieht das anders. Google pusht mit Google+ ein ebenfalls auf das Follower-Prinzip setzendes Netzwerk in alle seine Produkte von Youtube bis Android und erreicht mittlerweile 300 Millionen ‚aktive‘ Nutzer. Das mag für Googleverhältnisse wenig sein, aber es ist bereits in der Größenordnung von Twitter. Das ist nicht gut für Twitter.

Tumblr, das vor einigen Monaten von Yahoo übernommen wurde, ist ebenfalls ein auf das Follower-Prinzip setzendes Netzwerk. Tumblr ist ein zweiseitiges Biest, das neben den auf eigenen Domains liegenden Blogs das extrem populäre Dashboard zu bieten hat, in dem man die Einträge der verfolgten Tumblr-Blogs sehen kann. Das besonders bei Teenagern in den USA sehr populäre Tumblr liegt auf Platz 3 hinter Facebook und Twitter in der absoluten Größe.

Damit nicht genug. Twitter will zwar mehr wie Facebook werden, aber Facebook hat sich ebenfalls längst etwas von Twitter abgeschaut. Mit der von mir lang vor der Einführung vorhergesehenen „Abonnieren“-Funktion hat Facebook bereits 2011 begonnen, diese Vernetzungsart auch bei sich abzubilden. Der Vorteil gegenüber der vorherigen Auftrennung in Page und Profil: Neben professionellen Nutzern wie Prominenten wird so auch der Long Tail (Experten etwa) abonnierbar.

Um ein Gefühl für die Entwicklung bei der jüngeren Generation zu bekommen, können wir einen Blick auf die Followerzahlen von Miley Cyrus werfen.

Facebook-Fanpage: 32,9 Millionen Follower.

Twitter: 15,2 Millionen Follower.

Im Vergleich dazu schauen wir uns einmal in der Hochburg von Twitter um: In der Techindustrie. Hierfür schauen wir uns einmal die Followerzahlen des TechCrunch-Gründers und heutigen Investor Michael Arrington an.

Facebook-Profil: 404.000 Follower.

Twitter: 171.400 Follower.

Selbst bei dem Twitter-Fan MG Siegler (TechCrunch, VC bei Google Ventures) sieht es nicht anders aus. Facebook: 296.000 Follower, Twitter: 131.800 Follower.

Weder bei der Prominenten noch bei den Tech-Stars liegt Twitter noch vorn, was die reinen Followerzahlen angeht.

Diese drei Beispiele sind natürlich keine hinreichende Datenbasis, um die asymmetrische Vernetzung der zwei großen Social Networks ausreichend vergleichen zu können. Auch sind die reinen Followerzahlen nicht allein entscheidend. Sie dienen aber als Veranschaulichung für ein enormes Problem von Twitter. Es hat nicht mehr die Oberhand, was die Vernetzung angeht. (Erschwerend kommt hinzu, dass Spam-Accounts auf Twitter zahlreicher sind als auf Facebook. Followerzahlen auf Twitter also weniger tatsächlichen Personen entsprechen als auf Facebook. Hinzu kommt eine exorbitant hohe Zahl toter Twitter-Accounts, die aus Medienpräsenz und schwerem anfänglichem Zugang entsteht.)

Twitter hat noch die Vorteile, die aus den letzten Jahren erwachsen sind: Mühsam aufgebaute Netzwerke der Nutzer, Clients zur einfachen, konstanten(!) Nutzung, und die aus der Einfachheit der Einträge (140 Zeichen Text) entstehende Nutzung.

Aber: Der erste Vorteil gilt nicht für neue Nutzer, der zweite wird von der neuen Plattformrichtung torpediert, und der dritte Vorteil wird zwangsläufig Stück für Stück dem erhofften Wachstum geopfert werden.

Damit nicht genug: Das sehr erfolgreiche Business-Netzwerk LinkedIn experimentiert seit geraumer Zeit ebenfalls mit einer Subscribe-Funktion und damit mit einer eigenen Implementation des Follower-Prinzips. Warum sollten neue Nutzer angesichts dieser Entwicklung noch Twitter nutzen?

Langsames Nutzerwachstum

Diese Frage bringt uns zu einem der wichtigsten Erkenntnisse aus dem Börsenprospekt.  Twitters Wachstumproblem. In seinem S-1-Filing hat Twitter 231,7 Millionen aktive monatliche Nutzer bekanntgegeben. Das bedeutet, dass das Wachstum von Twitter abnimmt. TechCrunch:

Twitter’s percent user growth is slowing. In a new S-1 amendment to its IPO filing, Twitter notes it hit 231.7 million monthly users by the end of Q3 2013, up 6.13% from 218.3 million at the end of Q2. If you look back, you’ll see Twitter had 6.86% growth in Q2, 10.27% in Q1, and 10.77% in Q4 2012. The trajectory could indicate trouble signing up new users or retaining older ones.

[..]

Still, its year over year growth is decelerating as well. Monthly active user growth was 38.74% from the end of Q3 2012 to the end of Q3 2013, 44.37% from Q2 to Q2, and 47.82% from Q1 to Q1.

Das ist ausgesprochen problematisch.

Betrachten wir den oben beschriebenen Hintergrund, ist dieses verlangsamte Wachstum nicht sonderlich überraschend. Neue Nutzer von Social Networks haben wenige Gründe, neben Facebook, LinkedIn, Tumblr und Google+ auf Twitter zu setzen. (Die guten Gründe für Twitter existieren noch, aber sie werden mit jedem Tag weniger.)

Vor diesem Hintergrund erscheint der Preis der Aktie zum IPO gewagt. Das Dealbook-Blog der New York Times:

At that valuation, each of Twitter’s 230 million users around the world is worth $78. Going by such numbers, the public offering has been a tremendous success for the company, which raised $1.8 billion from the offering, a hefty war chest.

[..]

“One day Twitter will make money,” said Anup Srivastava, an assistant professor of accounting at Northwestern University’s Kellogg School of Management. “But it’s not clear why anyone should pay this much for it today.”

Der Aktienpreis erscheint besonders hoch, wenn man bedenkt, dass Twitter nun teurer ist als Facebook zu dessen Börsengang. Bloomberg:

Twitter’s $26 a share IPO price values the microblogging service at 12.4 times estimated 2014 sales of $1.14 billion, according to analyst projections compiled by Bloomberg. That’s higher than the 11.6 times that Facebook was trading at yesterday and similar to LinkedIn Corp. (LNKD)’s multiple of 12.2 times sales.

Facebook steht im Vergleich zu Twitter sehr viel besser da, was Wachstum als auch Nutzung, und damit verbunden Werbeeinnahmen, angeht.

Die Hoffnungen der Investoren, die mit diesen Zahlen in Richtung 2015, wenn Twitter erstmals profitabel sein soll, bis 2016 schauen, sind sehr optimistisch bezüglich Twitter.

Wenn der Unfall hängen bleibt

Wie eingangs erwähnt, basiert der Erfolg von Twitter zu einem erheblichen Teil auf den strikten Limitierungen, die einen für Außenstehende schwer nachvollziehbaren Reiz erzeugten. Diese Einfachheit hätte in Verbund mit einer nachhaltigen, robusten API-gesteuerten Plattformstrategie zu einer Art Protokoll führen können. In den ersten Jahren sprachen die Gründer davon, dass Twitter das plumbing, als die Rohre, das Fundament, für einen Teil des Webs sein kann und wird. Das war auch ein paar Jahre nicht abwegig. Wie hier aber bereits mehrfach analysiert, hatte das einen Haken. Twitter musste sich entscheiden zwischen der nachhaltigen und sicheren Position als protokollartige Plattform und dem mittelfristig lukrativeren aber risikobehafteteren Werbemodell. Die nachhaltigere, sicherere Position wäre auch die unlukrativere gewesen. Ich nenne das das Craigslist-Conundrum. Da Twitter allerdings frühzeitig Investitionsrunden mit hohen Bewertungen abschloss, war die Richtung irgendwann zwangsläufig besiegelt.

Diese Richtung lautet: Werbung verkaufen. Dafür ist eine Kontrolle der Plattform notwendig. Client-Entwickler, Mashups und das reiche Ökosystem werden Stück für Stück erdrückt. Gleichzeitig bleibt die Frage, wie massentauglich Twitter in seiner spröden Einfachheit ist.

Twitter hatte schon immer das Problem, dass es nicht selbsterklärend ist und Neunutzer erst einmal Arbeit investieren müssen. Das ist die zweite Seite der Medaille der strikten Konzeptgrenzen von Twitter. Und auf diese Seite konzentriert sich Twitter seit längerem.

Das Problem, oder vielleicht auch der Vorteil, von Twitter war und ist, dass sowohl die Gründer als auch die ihnen nachfolgenden Manager keine wahre Vorstellung davon haben, was Twitter ist und sein kann und sein wird. Im Gegensatz um gründerkontrollierten Facebook, das klar der Vision seines Gründers folgt, ist Twitter noch heute das Produkt des damaligen glücklichen Zufalls oder Geniestreichs, wie auch immer man es sehen will.

Das bedeutet aber auch, dass zwar offen ist, ob Twitter langfristig erfolgreich sein wird oder nicht. Aber nicht mehr offen ist der Umstand, dass Twitter in zwei Jahren nicht mehr wie das heutige Twitter aussehen und funktionieren wird.

Twitter wird nicht von einer Vision oder einem Ziel getragen. Es wird aktuell vom Exitwillen der Investoren an die Börse und künftig von den hohen Erwartungen der neuen Shareholder getragen.

Daran wird sich die Produktentwicklung der nächsten Jahre ausrichten. Vor dem Hintergrund der wachsenden Konkurrenz und des langsamen Nutzerwachstums wird der Druck auf die Produktentwicklung enorm in eine Richtung gedrückt werden.

Honeymoon is over

Und diese Richtung ist: Gewinn, Umsatz. Der IPO von Twitter kommt für die bestehenden Investoren zum richtigen Zeitpunkt. Noch erscheint Twitter so, als könne es sehr stark wachsen, gleichzeitig können bereits erste Erfolgszahlen bei den Werbeeinnahmen vermeldet werden. Beides kann über die künftige und von mir prognostizierte Entwicklung hinwegtäuschen. (Der Zeitpunkt für den Börsengang war mit Ende 2013/ Anfang 2014 deshalb bereits seit ungefähr einem Jahr vorhersehbar.)

Wenn das Nutzerwachstum so langsam bleibt, wie es aktuell aussieht, werden die bestehenden Nutzer sehr viel mehr Werbung in ihren Twitterstreams sehen müssen. Aber selbst wenn das Wachstum wieder schneller wird, wird sich die Wahrnehmung von Twitter verändern.

Die ersten Jahre von Facebook, Tumblr, Twitter, YouTube und anderen letztlich auf Werbung setzenden Social Networks sind immer mit einer Art Honeymoon-Periode vergleichbar: Die Endnutzer müssen nichts bezahlen und werden gleichzeitig entweder mit keiner oder nur mit wenig Werbung belästigt. Das ist die Zeit, in der sich die Anbieter auf das Wachstum konzentrieren.

Sowohl bei Facebook als auch nun bei Twitter ist diese Zeit vorbei. Der Preis für einen kostenlosen Dienst, den man mit der eigenen Aufmerksamkeit bezahlt, wird nun eingefordert. Das wird die Wahrnehmung von Twitter bei den Nutzern, vor allem bei den Powerusern, sehr stark verändern. Hier entstehen in den nächsten Jahren Chancen für neue Konkurrenten wie App.net, die auf andere Geschäftsmodelle setzen, aber auch werbefinanzierte Konkurrenten, die nicht einem so hohen ROI-Druck wie Twitter ausgesetzt sind.

Fazit

Im Gegensatz zu Facebook, dem ich nach wie vor eine rosige Zukunft vorhersehe, bin ich bei Twitter verhalten pessimistisch. Das Nutzerwachstum von Twitter ist sehr langsam. Gleichzeitig ist Twitter mit 231,7 Millionen aktiven Nutzern nicht groß genug, um ohne Wachstum stabil bleiben zu können.

Twitters Vorteil lag immer in der Einfachheit beziehungsweise Fokussierung des Angebots. Das ist aber gleichzeitig auch der Nachteil von Twitter, weil es das Management strategisch einschränkt. Weil Twitter keinen Gründer mit Vision an der Spitze hat, kann es sich in jede Richtung entwickeln.

Der hohe Einstiegspreis der Aktie zum Börsengang, der auf starkes Wachstum spekuliert, gibt die Richtung, die Twitter als Produkt nehmen wird bereits vor. Gleich also, ob Twitter als an der Börse gehandeltes, selbständiges Unternehmen erfolgreich sein wird oder nicht:

Das Twitter in zwei Jahren wird deswegen kaum noch wiedererkennbar sein.

Für die Nutzer, die seit vielen Jahren auf Twitter aktiv sind, wird es das Ende einer Ära bedeuten. Es bleibt abzuwarten, was es für Twitter bedeuten wird:

Langfristiger Erfolg oder das Abrutschen in die Beliebigkeit und damit Bedeutungslosigkeit.

Meine Analysen der Entwicklung von Twitter in den letzten Jahren werden im Folgenden aufgelistet. In diesen Texten finden sich auch  detaillierte Analysen des Schwenks der Plattformstrategie von Twitter und dessen Auswirkungen, auf die ich in diesem Text nicht noch einmal genauer eingegangen bin:

Foto: Eli Langer

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Es handelt sich bei diesem Text nicht um eine Empfehlung für oder gegen eine Investition. Die hier dargelegten Aussichten auf das Geschäft von Twitter müssen nicht zwingend mit den Vorstellungen der Investoren korrelieren; es gibt also genügend Raum für Spekulationen. Das Ziel dieses Artikels war ein Blick auf die mittel- bis langfristige Zukunft von Twitter.

300 Millionen “aktive” Nutzer? “In Stream” bedeutet bei Google+ auch Klick auf die Benachrichtigungen

Wie definiert man aktive Nutzer? Die 300 Millionen “In Stream”-Nutzer, die Google+ vor ein paar Tagen verkündete, sind nicht etwa, wie man vermuten könnte, Menschen, die den Stream von Google+ nutzen, sondern 'nur' Menschen, die auf das Notifications-Symbol geklickt haben. Das Symbol, das sehr schnell1 eine rote Zahl anzeigt. Eine rote Zahl, die oben rechts auf YouTube, der Google-Suche, GMail und anderen Google-Produkten sichtbar ist. YouTube und die Google-Suche. Sehr viel größer wird es nicht. Vor diesem Kontext sind die 300 Millionen Rote-Zahlen-Wegklicker nicht sehr beeindruckend.

Marketingland über die interessante Definition von “In Stream” oder aktiven Nutzern, die man so auch bei Facebook und Twitter findet:

In other words, “in stream” doesn’t mean that’s how many people go to plus.google.com to consume content on Google+. Click the bell on YouTube, Gmail, Google Docs or any other place where it shows and Google counts you as “in stream” on Google+.

As I said above, and to be fair, this isn’t just a Google thing. If you click the Facebook “Like” button or the “Tweet” button up near the headline of this article, and you’re logged in to your account on either of those services, you count as a “monthly active user” even if you never actually visit Facebook.com or Twitter.

Wir hatten die Debatte bereits, als Facebook an die Börse ging: “Sollte man als aktiver Facebook-Nutzer zählen, wenn man auf einer Website auf Like klickt?

Ich bleibe bei meiner damaligen Einschätzung. Bei den Zahlen der aktiven Nutzer sollte eine Unterscheidung zwischen On-Site und Off-Site gemacht werden. Ohne diese Unterscheidung sind Nutzerzahlen Augenwischerei bei Social Networks dieser Größenordnung und Integration.


  1. Neben Erwähnungen führen unter anderem neue Follower und Eventeinladungen, die per default von anscheinend jedem an jeden gesendet werden dürfen, zur roten Zahl. 

Facebook: Täglich über 19 Millionen Nutzer aus Deutschland,13 Millionen täglich mobil

Facebook veröffentlicht erstmals tägliche Nutzerzahlen und mobile tägliche Nutzerzahlen für Deutschland und spricht mit den Vergleichen kaum versteckt potentielle Werbekunden an.

Facebook:

Mobil sind in Deutschland mehr als 13 Millionen Nutzer jeden Tag auf Facebook aktiv – das sind mehr Menschen als beispielsweise die Zahl der Zuschauer, die das diesjährige DFB Pokalfinale FC Bayern gegen den VfB Stuttgart live im TV verfolgt haben (12,6 Mio). Ein anderer Vergleich: Facebook erreicht über mobile Endgeräte täglich mehr Menschen als Europas große Tageszeitung Bild[..]

Die mobilen Zahlen sind beachtlich und zeigen, wie sehr es einen Wandel in der Nutzung in den letzten 18 Monaten gegeben hat. Auf der K5-Konferenz letzte Woche hat ebenfalls praktisch jeder auf der Bühne an irgendeiner Stelle erwähnt, wie wichtig mobile für sie geworden ist.

Offiziell: Twitter reicht Unterlagen für Börsengang ein

Jetzt ist es offiziell. Twitter hat mit diesem Tweet bekanntgegeben, dass sie ein S1-Prospekt bei der SEC für ihren geplanten Börsengang eingereicht haben.

Am interessantesten werden nun die Kennzahlen werden, die Twitter offenlegen muss.

Update: Da das S1-Prospekt nicht öffentlich eingereicht werden musste, liegen die jährlichen Umsätze also unter einer Milliarde US-Dollar wie GigaOm berichtet:

Usually when companies announce plans to go public, they have to file an S-1, the securities filing that companies use to provide details about their planned initial public offerings. Under the JOBS act of 2012, however, companies with less than $1 billion in revenue can file confidentially.

(Via Techmeme)

Lock in, shut out

Google hat den GoogleReader nicht  (nur) geschlossen, weil sie ihn nicht direkt monetarisieren konnten oder weil die Nutzerschaft zu klein war, sondern in erster Linie weil er nicht in das proprietäre Google+-Bild passt. Passend dazu hat Google auch RSS für Google Alerts abgeschaltet, die man nun extrem effizient nur noch per Email erhalten kann.

Google, das haben sie auch bei CalDav und XMPP gezeigt, hat kein Interesse mehr an offenen Webstandards.

Marco Arment legt den Finger in die Wunde:

We don’t need big web players to be completely open.

The bigger problem is that they’ve abandoned interoperability. RSS, semantic markup, microformats, and open APIs all enable interoperability, but the big players don’t want that — they want to lock you in, shut out competitors, and make a service so proprietary that even if you could get your data out, it would be either useless (no alternatives to import into) or cripplingly lonely (empty social networks).

Google resisted this trend admirably for a long time and was very geek- and standards-friendly, but not since Facebook got huge enough to effectively redefine the internet and refocus Google’s plans to be all-Google+, all the time. The escalating three-way war between Google, Facebook, and Twitter — by far the three most important web players today — is accumulating new casualties every day at our expense.

Google Reader is just the latest casualty of the war that Facebook started, seemingly accidentally: the battle to own everything. [..]

RSS represents the antithesis of this new world: it’s completely open, decentralized, and owned by nobody, just like the web itself. It allows anyone, large or small, to build something new and disrupt anyone else they’d like because nobody has to fly six salespeople out first to work out a partnership with anyone else’s salespeople.

That world formed the web’s foundations — without that world to build on, Google, Facebook, and Twitter couldn’t exist. But they’ve now grown so large that everything from that web-native world is now a threat to them, and they want to shut it down. “Sunset” it. “Clean it up.” “Retire” it. Get it out of the way so they can get even bigger and build even bigger proprietary barriers to anyone trying to claim their territory.

Die Ironie dabei ist natürlich, dass die meisten dieser immer größer werdenden Systeme den mittelfristigen Erfolg mit langfristiger Bedeutungslosigkeit bezahlen werden, weil sie wichtige Türen für immer schließen. (Niemand wird jemals etwa wieder ein Business komplett auf der Twitter-Plattform aufsetzen. Diese Kreativität und Tüchtigkeit wird sich anderenorts entladen.) Den Anfang kann man bereits bei Google+ sehen, das trotz Integration in Google, dem Internet-Juggernaut, nicht in die Gänge kommt; aus diversen Gründen von Designproblemen bis zur fehlenden Aufgabenlösung (wer braucht wofür G+?).