Nuzzel: Der beste persönliche Linkaggregator für Twitter und Facebook

In den letzten Jahren sind einige Werkzeuge gekommen und gegangen, mit denen man bei Twitter und Facebook auf dem Laufenden bleiben kann. Ein Prinzip, das naheliegend und deshalb von vielen Unternehmen getestet wurde, ist die simple Aggregation von Links. Verlinken viele meiner Kontakte die gleiche Adresse, wird sie, weil populär in meinem Bekanntenkreis, als eben solche dargestellt.

Auf diese Weise lassen sich Zusammenfassungen erstellen. Sieben Freunde verlinkten hierhin, drei Freunde verlinkten dorthin.

Twitter selbst bietet zum Beispiel die Möglichkeit an, jeden Tag eine solche Zusammenfassungs-Email zu bekommen, die die Aktivitäten in der eigenen Timeline vom letzten Tag zusammenfasst. Diese Emails sind für jeden, der zwar grundsätzlich an den auf Twitter zirkulierenden Informationen interessiert ist, aber den Twitter-Client nicht den ganzen Tag nebenbei laufen lassen möchte, unersetzlich.

Beispiele für Startups, die diese Emailzusammenfassungen und deren Funktionalität auch per Website bieten, sind etwa Paper.li und The Tweeted Times. Leider gehen sie nicht darüber hinaus und denken das Prinzip nicht weiter.

Seit einem dreiviertel Jahr nutze ich Nuzzel. Nuzzel ist innerhalb kürzester Zeit zu einem unverzichtbaren Werkzeug für meinen täglichen Nachrichtenkonsum geworden. Ich bin damit nicht allein. Nuzzel hat eben die Private Beta verlassen und kann nun von jedem genutzt werden. Die Reviews sind mehrheitlich begeistert. The Verge:

Abrams, who is best known as the creator of the early hit social network Friendster, is the developer behind Nuzzel, a daily recap of your social media feeds that brings an element of the RSS reader to Twitter and Facebook. The service, which comes out of beta today, is an easy way to see what your friends are talking about. I’ve used the service for more than a year, and it’s a surprisingly effective tool for staying on top of the news.

Das Besondere an Nuzzel ist die Funktionsvielfalt. Die einzelnen Stories erhalten etwa mehrere weiterführende Links:

2014 03 19 um 11 03 27

Nuzzel kann ebenfalls eine tägliche Zusammenfassung per Email versenden.

Das Beste aber sind die Einstellungsmöglichkeiten: Statt auf einen täglichen Rhythmus festgesetzt zu sein, kann man auf Nuzzel die populärsten Links der letzten Woche aber auch der letzten 8, 4, 2 Stunden oder der letzten Stunde anzeigen lassen. Ohne ständig von Twitter und Facebook, das ebenfalls integriert werden kann, abgelenkt zu werden, lässt sich hier einstellen wie tief man just in diesem Moment in das Geschehen eintauchen will.

Nuzzel ist ein unverzichtbares Werkzeug in meinem Arbeitsalltag geworden. Jeder Twitter- oder Facebook-Nutzer im Nachrichtengeschäft sollte sich Nuzzel anschauen.

Facebook und der “Reverse-Lock-In Effect”

In der letzten neunetzcast-Ausgabe haben Johannes Kleske und ich anlässlich der Nutzerbewegungen hin zu Threema und Telegram nach der WhatsApp-Übernahme durch Facebook über die Beweggründe der wechselnden User gesprochen. Thema dabei war auch, wie der Wunsch, nicht alle Kommunikation über die Dienste eines Unternehmens laufen lassen zu wollen, diametral der selbstgestellten Mission von Mark Zuckerberg gegenübersteht.

Johannes hat seine Gedanken dazu noch einmal schriftlich festgehalten und dafür den handlichen Begriff “Reverse-Lock-In Effect” gefunden:

So here’s the theory: We’re ok with giving Facebook some of our data. But we’re becoming much more careful about giving them all our data. “Sure, Facebook, you can know which events I attend. You can also tell my relatives about my new relationship or my aced school test. But the more you want from me, the more suspicious I will become and draw back.”

You could call it the reverse-lock-in effect. Because we feel so locked in and dependent on one platform, we seek out alternatives to avoid more lock-in at all costs. I think this is the (unconscious) reasoning behind people switching mobile messenger apps now.

It’s not because they think that Facebook is less secure than Whatsapp or more evil. It’s because they don’t want to have their private and group conversation also belong to Facebook. That’s why they have been using Whatsapp instead of the Facebook Messenger. And that’s why they are switching to Threema or Telegram now. Which adds another interesting layer to the situation.

Die Frage hierbei für mich ist nicht, ob dieser Effekt existiert. Die rasant nach dem Deal angestiegenen Wanderungen sind Beweis dafür, dass er existiert. Die Frage ist allerdings, ob der Effekt signifikant ist beziehungsweise sein wird. Sprich also, werden die Konsequenzen für Facebook spürbar werden? Die Antwort darauf ist noch nicht absehbar.

In der Vergangenheit haben Datenschutzbedenken für die Mehrheit der Menschen etwa praktisch keine Rolle bei der Auswahl der Kommunikationsplattformen gespielt.1 Wir haben heute allerdings mit Facebook eine besondere Situation:

  • Hoher Verbreitungsgrad: Kein Netzwerk-Angebot eines privaten Unternehmens war je so groß wie das von Facebook. Facebook geht etwa in Deutschland rasant auf 30 Millionen aktive Nutzer zu.
  • Überwachungsskandal: Facebook wird (zu recht) als US-Unternehmen mit der NSA in ein Boot gesteckt. Das ist die Folge der US-Politik und der Versäumnisse der amerikanischen Technologie-Unternehmen, die erst nach Snowden angefangen haben, sich zu wehren.
  • Facebooks Geschäftsmodell ist werbebasiert.

Punkt 3 führt unweigerlich dazu, dass Facebook keine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für seine Dienste anbieten kann, weil es die Auswertung für das Targeting benötigt. Das führt wiederum dazu, dass sie aus Punkt 2 nicht so einfach herauskommen. Das Vertrauen ist weg.

Es gibt Spekulationen, dass Zuckerberg mit dem Kauf von WhatsApp nicht nur den Fuß in die Messaging-Tür bekommen wollte sondern auch mit den Erfahrungen der Macher, von denen einer jetzt im Board von Facebook sitzt, an der Diversifizierung des Geschäftsmodells von Facebook arbeiten will.2 Facebook will nicht nur mit Werbung Geld verdienen und vielleicht will man auch Dienste anbieten, die komplett ohne Werbung refinanziert werden, so die Vermutungen.

Das ergibt nicht nur Sinn, um den oben angesprochenen Problemen etwas entgegenzusetzen. Es ergibt auch Sinn wenn man sich die langfristigen Ambitionen anschaut: Der internationale Werbekuchen ist zu klein, um das Wachstum von Giganten wie Facebook und Google noch lang zu befeuern.

Selbst Google hat das bereits erkannt. Es ist ausgesprochen unwahrscheinlich, dass Google auch mit seinen Aufkäufen von Robotik bis Nest künftig einzig und allein auf Werbung setzen wird.

Die spannende Frage bleibt, wie sehr ein “Reverse-Lock-In Effect” diesen Unternehmen künftig zu schaffen machen wird. Aktuell sieht es nur nach einem ersten Aufflackern des Aufbegehrens aus. Das muss aber nicht so bleiben. Facebook wächst weiter und gerade dieses Wachstum, dieser Erfolg, ist, was vielen nicht schmeckt.

Auf der anderen Seite sieht man allerdings auch, das selbst nicht gut schmeckende Netzwerkeffekte immer noch Netzwerkeffekte sind. Von all denen, die sich jetzt bei Threema und co. angemeldet haben, dürften nicht sehr viele auch tatsächlich diese Apps bereits zur täglichen Kommunikation nutzen – denn 90 Prozent ihrer Bekannten sind weiterhin bei den “verhassten” Marktführern.


  1. Eine Folge davon: Weltfremdheit hat bei Datenschützern zu Verbitterung geführt. 

  2. WhatsApp ist bekanntlich nicht werbefinanziert sondern verfolgt verschiedene, plattformabhängige Modelle, bei denen die Nutzer direkt bezahlen. 

neunetzcast 36: Warum übernimmt Facebook WhatsApp?

Ich spreche mit Jochen Krisch ausführlich über die verkündete Übernahme von WhatsApp durch Facebook.

Warum übernimmt Facebook Whatsapp? Und warum bezahlen sie einen Preis von 16 Milliarden US-Dollar, der mit Aktienoptionen auf bis zu 19 Milliarden US-Dollar anwachsen kann? Und was wird Facebook mittelfristig mit WhatsApp machen?

Zumindest Facebooks (M&A-)Motto ist jetzt nach WhatsApp und Instagram eindeutig für jeden sichtbar geworden: “Es soll keinen großen Social Graph neben uns geben.“ – Und das im Zweifel um jeden Preis.

 

Jochen Krisch im Web:

Links zu den Themen:

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Paper und co.: Facebook entbündelt sich mit mobilen Apps selbst

Facebookpaper

Facebook hat gestern mit Facebook Paper seine bereits seit Juni 2013 von Gerüchten begleitete, an Flipboard angelehnte App in den USA veröffentlicht. Wie   vorher vermutet („Facebooks Flipboard-Klon könnte die mobile Neuerfindung des Newsfeeds sein“) handelt es sich mit Paper weniger um eine mobile Nachrichtenapp und mehr um die Neuerfindung des Newsfeeds für den mobilen Kontext und konzentriert sich auf einige wesentliche Features. Martin Weigert auf netzwertig.com:

Paper bietet Zugriff auf den Newsfeed, den Messaging-Bereich, auf Benachrichtigungen und Kontaktanfragen, sowie nach einem Swipe und damit etwas versteckt auf das eigene Profil, die Suche, die Liste der abonnierten Pages sowie den Publisher (zum Veröffentlichen von Einträgen). Was im Gegensatz zur herkömmlichen mobilen Facebook-App fehlt, sind ausführliche, stetig präsente Navigationselemente (Status, Foto, Check-in, Anfragen usw), Events sowie die Verwaltung von Apps.

Paper ist vorerst nur in den USA verfügbar, weil die App neben den Feedeinträgen auch per Algorithmus und von Kuratoren ausgewählte Inhalte anzeigt. Das schränkt den internationalen Rollout ein. Ob das sinnvoll ist, kann man getrost bezweifeln. Paper wäre auch ohne das zusätzliche Kurationselement eine sinnvolle Erweiterung des Facebook-Angebots.

Tatsächlich dürfte die Kuration von Inhalten, die nicht aus dem eigenen Facebook-Bekanntenkreis (vulgo ‘Social Graph’) kommen, eher irritieren als erfreuen. Dieses Distinktionsmerkmal gegenüber der Hauptapp könnte auch aus einer Unsicherheit bei Facebook entstanden sein, um die Apps besser von einander zu unterscheiden. Es wäre nicht überraschend, wenn die Kuration von Inhalten wieder fallen gelassen oder stärker an den Rand gedrängt wird.

Paper selbst bekommt glühende Reviews von der Fachpresse. Das überrascht nicht, wenn man sich das Team hinter Paper anschaut:

[Mike Matas, Lead Designer der App] is a UI wunderkind who was hired by Apple at age 19. There he was responsible for shaping the look of a staggering number of applications, from the first Photo Booth app for OS X to the camera, photos, maps, and settings interfaces for the original iPhone. After that he helped create the UI for the Nest thermostat. With his start-up Push Pop Press, Matas tried to solve the vexing problem of incorporating multimedia and interactivity into digital books without losing the essential simplicity of the real thing. Facebook acquired it in 2011.

Wichtiger ist allerdings, dass Paper nach dem separaten Facebook Messenger und Instagram/Camera der dritte Schritt des Social-Network-Riesen ist, sich selbst im mobilen Sektor zu entbündeln. Ich hatte über diese Strategie, die sich bereits seit der Messenger-App abzeichnete, vor einigen Tagen nachgedacht:

Facebook Home, die erwartungsvolle Android-Integration, hat bis jetzt nicht so gezündet wie gehofft. Gleichzeitig haben Instagram, mittlerweile selbst ein Facebook-Produkt, und Whatsapp und Co. Facebook im mobilen Sektor Stück für Stück entbündelt.

Facebook wäre dumm, wenn es diese Entbündelung nicht ernst nehmen würde. Der Hauptapp weitere spezialisierte Apps an die Seite stellen, erscheint sinnvoll und könnte langfristig auch strategisch interessante Perspektiven für Facebook eröffnen.

Kurz darauf wurde der Plan Facebooks bekannt, auf einzelne Apps statt auf eine App für alles zu setzen und 2014 weitere mobile Apps zu veröffentlichen. Facebook-CEO Mark Zuckerberg war im earnings call diesbezüglich recht direkt:

As CEO Mark Zuckerberg said on today’s earnings call “One theme that should be clear from our work on products like Messenger, Groups and Instagram is that our vision for Facebook is to create a set of products that help you share any kind of content you want with any audience you want.”

Nach der Herauslösung der Chat-Funktion aus der Hauptapp in die separate Messenger-App hat sich laut Zuckerberg im earnings call die Nutzung um 70 Prozent erhöht. Ein Zeichen, dass die Strategie separater Apps richtig zu sein scheint.

Facebook hat für die App-Strategie auch organisatorisch umgebaut und mit den Facebook Creative Labs eine Struktur für kleine, unabhängige, fokussierte Teams geschaffen, die an neuen Apps bauen können. Paper ist das erste Ergebnis der Labs.

Das Spannende daran ist, dass Facebook aggressiv auf die Herausforderung durch den Wandel vom Desktop-Web hin zum mobilen Web reagiert. Es geht nicht nur offensiv das eigene Produkt an sondern schafft auch intern die Voraussetzungen, schneller auf die neuen Herausforderungen antworten zu können.

Ebenso wie Google erfindet sich Facebook vor unseren Augen für die Smartphonewelt neu.

Facebook ist, das wird nun dank der App-Strategie intern wie extern deutlich, weniger Website sondern ein Gefäß für Datenströme.

Mit einer erfolgreichen Suite an Apps, die von den Facebookschen Datenströmen angetrieben werden, könnte Facebook mittelfristig auch eine bessere Antwort auf die Frage finden, was die eigene Position in der mobilen Welt ist und sein kann. Die Antwort könnte, erneut, Google nicht schmecken. Während Google Systemfunktionen in Android zu für die Hardwarehersteller installierpflichtigen Google-Apps umwandelt, wäre es für Facebook nur der nächste Schritt die Funktionen hinter den dedizierten Apps auch als integrierbare Systemfunktionen für forkwillige Androidhersteller anzubieten. In Verbund zum Beispiel mit einer Kartenapp von Nokia Here könnte das dafür sorgen, dass Google die Androidherrschaft entgleitet.

Facebook bleibt mit seinen 1,25 Milliarden aktiven Nutzern die Wild Card im Kampf der mobilen Plattformen.

Facebooks Flipboard-Klon könnte die mobile Neuerfindung des Newsfeeds sein

Re/code berichtet über eine potenzielle neue mobile App von Facebook, die Flipboard ähneln soll:

After years of experimentation, cancellations and redesigns, Facebook looks like it is finally going to launch in the coming weeks a news reading service built for mobile devices.
The product is known as “Paper,” according to a source familiar with the matter, and it is similar to Flipboard, a buzzy mobile-focused news reading app. Paper looks to be either a standalone mobile application or a Web experience suited to mobile devices, according to this person. Facebook could launch the app before the end of January, this person said, though the timetable could change.

Das ist kein neues Gerücht. Bereits im Juni 2013 berichtete das Wall Street Journal über Ähnliches.
Die Flipboard-Ähnlichkeiten würden mich nicht überraschen: Flipboard hat eine gute Designsprache für mobile Geräte gefunden. Facebook dürfte hier eher an einer Neuerfindung des Newsfeeds für mobile Geräte arbeiten; und hat sich dafür wohl unter anderem bei Flipboard ‘inspirieren’ lassen.

Wenn meine Vermutung stimmt, wird das ein weiterer Schritt in der eigenen Entbündelung des Facebookangebots. Einst setzte Facebook auf eine App für Alles. Heute ist das Messaging ausgelagert in den Facebook Messenger, der auch auf die Kontakte des Smartphones zugreifen kann. Außerdem existiert für das mobile Anschauen und Hochladen von Fotos eine separate Camera-App von Facebook; neben dem übernommenen Instagram.

Warum nicht eine separate App für den gesamten Newsfeed, die sich auf diese eine Aufgabe -die mobile Darstellung des Newsfeeds- spezialisiert?

Die App-Strategie von Facebook, das die Wild Card im Kampf der mobilen Plattformen ist, bleibt spannend. Facebook Home, die erwartungsvolle Android-Integration, hat bis jetzt nicht so gezündet wie gehofft. Gleichzeitig haben Instagram, mittlerweile selbst ein Facebook-Produkt, und Whatsapp und Co. Facebook im mobilen Sektor Stück für Stück entbündelt.1

Facebook wäre dumm, wenn es diese Entbündelung nicht ernst nehmen würde. Der Hauptapp weitere spezialisierte Apps an die Seite stellen, erscheint sinnvoll und könnte langfristig auch strategisch interessante Perspektiven für Facebook eröffnen.

So wie es bei Google mehr um lernende Maschinen als um Suchmaschinen geht, geht es bei Facebook mehr um das Potenzial der Vernetzungsdaten als um dessen tatsächliche heutige Darstellung durch Facebook. Mit separaten Apps erlaubt Facebook sich die Möglichkeit, dieses Potenzial zu explorieren. Zumindest in der Theorie.

Dass Facebook hier mehr machen muss, wird außerdem spätestens dann klar, wenn man sich verdeutlicht, dass das mobile Internet in sehr naher Zukunft DAS Internet sein wird. Jeder wird ein Smartphone haben und es tagtäglich benutzen. Das Desktop-Web wird zum Randphänomen werden.2


  1. Das heißt nicht, dass Whatsapp und Co. Facebook automatisch gefährlich werden. Sie nehmen aktuell ein Stück vom Zeitkuchen der Nutzer weg. Mobile Messaging ist aber noch ein auf Sand gebauter Markt. 

  2. Hörenswert hierzu die Analysten Ben Bajarin und Benedict Evans. 

Facebook noch nicht tot

Heinz Wittenbrink über die aktuelle News, Facebook sei bei Teenagern am Ende, die auf keiner repräsentativen Zahlenbasis aufsetzt:

Die Story sagt viel über die Arbeitsweise von Zeitungen (ich generalisiere mit Absicht): Recherche und Reflexion sind Ausnahmen. Passt eine Geschichte ins Bild (Facebook wird überschätzt und ist eh böse), wird sie gnadenlos abgeschrieben und aufgeblasen, auch wenn die Faktenbasis noch so mickrig ist.

Sie sagt aber auch etwas über die Glaubwürdigkeit von Sozialwissenschaftlern und die Leichtgläubigkeit ihres journalistischen Publikums.

Die klassischen Massenmedien in den westlichen Nationen können bei den Themen Facebook und Google mehrheitlich nicht mehr ernst genommen werden. Eine erstaunliche, aber auch nicht neue Entwicklung (die auch direkt eine Folge der Veränderungen des Werbemarktes ist).

(via Carsten Pötter)

Studie: 30% aller US-Amerikaner bekommen News über Facebook, 10% über YouTube, nur 8% über Twitter

Das Pew Research Center hat unter 5.100 Befragten untersucht ob und wie Nutzer verschiedener Netzwerke diese für den Konsum von News nutzen:

Roughly half of both Facebook and Twitter users get news on those sites, earlier reports have shown. On YouTube, that is true of only one-fifth of its user base, and for LinkedIn, the number is even smaller. And Pinterest, a social pin board for visual content, is hardly used for news at all.

Die absolute Größe der Netzwerke spielt logischerweise eine Rolle, wenn es um die Bedeutung für den gesamten Newsbereich geht:

Facebook is by far the largest social networking site among U.S. adults, and with half of its users getting news there, is also the largest among U.S. adults when it comes to getting news. As discussed in an earlier report, roughly two-thirds (64%) of U.S. adults use the site, and half of those users get news there—amounting to 30% of the general population. YouTube has the next greatest reach in terms of general usage, at 51% of U.S. adults. Thus, even though only a fifth of its users get news there, that amounts to 10% of the adult population, which puts it on par with Twitter. Twitter reaches just 16% of U.S. adults, but half (8% of U.S. adults) use it for news. reddit is a news destination for nearly two-thirds of its users (62%). But since just 3% of the U.S. population uses reddit, that translates to 2% of the population that gets news there.

30 Prozent aller US-Amerikaner bekommen also ihre News zum Teil über Facebook. Bei YouTube liegt die Zahl immerhin bei 10 Prozent der US-Amerikaner. Twitter kommt mit seiner geringen Verbreitung auf nur 8 Prozent.

Das zeigt erneut, wie sehr das oft als wichtigstes Newsnetzwerk angesehene Twitter in Journalistenkreisen überschätzt wird. Journalisten, Analysten und Blogger mögen ihre News über Twitter bekommen, aber je mehr man in andere Kreise der Bevölkerung reingeht, desto schneller verschwindet Twitter von der Bildfläche. In Deutschland dürften die Unterschiede zwischen den Netzwerken (Facebook, YouTube auf der einen Seite, Twitter auf der anderen) sehr viel größer sein.

Ebenso faszinierend wie beunruhigend ist die Erkenntnis, dass recht viele Nutzer nur ein Netzwerk benutzen. Besonders Facebook-Nutzer scheinen ihren Social-One-Stop-Shop gefunden zu haben:

A look at the five social networking sites with the biggest news audiences shows that a majority of news consumers on those sites (65%) get news from just one, and for 85% of those, it is Facebook. About a quarter (26%) gets news on two of those sites. And 9% get news on at least three.

Auf Facebook findet man sie alle:

More than half of adults who get news on Twitter, Google Plus, LinkedIn and YouTube also get news on Facebook. Aside from that, the shared audience between these sites is relatively small.

Facebooks Messenger jetzt auch mit Telefonbuchkontakten

Ausführliche, gute Analyse des neuen Facebook Messengers für iOS und der allgemeinen strategischen Richtung von Facebook von Rory Marinich.
Facebook geht weg vom Facebook-Blau beim Messenger:

The first thing you notice in it is the white. Gone is the top-blue branding that’s defined Facebook since its earliest days; what’s left is a title bar as bland as Apple’s own iMessages app. In fact, Facebook’s borrowed an awful lot from Apple’s own design work: whereas other companies have largely tried to "iOS 7-ize" their pre-existing designs, Facebook Messenger adopts Apple’s own design lingo with great gusto.

Warum? Weil Messenger weniger stark mit Facebook assoziiert werden soll.
Denn Messenger nutzt jetzt zusätzlich zum Social Graph via Facebook auch die Kontakte des Smartphones für die Messengerkontakte. Also die gleiche Kontaktgrundlage, die alle mobilen Messenger von Whatsapp bis Line nutzen, nutzt jetzt auch Facebook Messenger.

Das war ein logischer und deshalb vorhersehbarer Schritt, der nur vom Branding von Facebook zurückgehalten wurde. Die einzige Überraschung ist, dass Facebook sein blau dafür (zum großen Teil) geopfert hat. Ihnen scheint das "Will ich denen wirklich noch mehr Informationen von mir und meinen Freunden geben?"-Problem bewusst zu sein. Das ist gut für das Unternehmen.

Facebooks Strategie, ein Werkzeug zu sein, das in den Hintergrund tritt, Zuckerberg hat das vor Jahren auch so direkt öffentlich geäußert, bleibt auch hier die Basis für die Entscheidungsfindung:

it wants to be invisible, completely forgettable, yet so functional and competent that you’d never think to use anything else. Just as Facebook Home for Android offers you a complete replacement for your basic communicative tools — texting, calling, and so on — the new Facebook Messenger for iPhone wants to offer you a complete replacement for, well, iMessages.

(via Martin Weigert)

Facebook: Täglich über 19 Millionen Nutzer aus Deutschland,13 Millionen täglich mobil

Facebook veröffentlicht erstmals tägliche Nutzerzahlen und mobile tägliche Nutzerzahlen für Deutschland und spricht mit den Vergleichen kaum versteckt potentielle Werbekunden an.

Facebook:

Mobil sind in Deutschland mehr als 13 Millionen Nutzer jeden Tag auf Facebook aktiv – das sind mehr Menschen als beispielsweise die Zahl der Zuschauer, die das diesjährige DFB Pokalfinale FC Bayern gegen den VfB Stuttgart live im TV verfolgt haben (12,6 Mio). Ein anderer Vergleich: Facebook erreicht über mobile Endgeräte täglich mehr Menschen als Europas große Tageszeitung Bild[..]

Die mobilen Zahlen sind beachtlich und zeigen, wie sehr es einen Wandel in der Nutzung in den letzten 18 Monaten gegeben hat. Auf der K5-Konferenz letzte Woche hat ebenfalls praktisch jeder auf der Bühne an irgendeiner Stelle erwähnt, wie wichtig mobile für sie geworden ist.

Lock in, shut out

Google hat den GoogleReader nicht  (nur) geschlossen, weil sie ihn nicht direkt monetarisieren konnten oder weil die Nutzerschaft zu klein war, sondern in erster Linie weil er nicht in das proprietäre Google+-Bild passt. Passend dazu hat Google auch RSS für Google Alerts abgeschaltet, die man nun extrem effizient nur noch per Email erhalten kann.

Google, das haben sie auch bei CalDav und XMPP gezeigt, hat kein Interesse mehr an offenen Webstandards.

Marco Arment legt den Finger in die Wunde:

We don’t need big web players to be completely open.

The bigger problem is that they’ve abandoned interoperability. RSS, semantic markup, microformats, and open APIs all enable interoperability, but the big players don’t want that — they want to lock you in, shut out competitors, and make a service so proprietary that even if you could get your data out, it would be either useless (no alternatives to import into) or cripplingly lonely (empty social networks).

Google resisted this trend admirably for a long time and was very geek- and standards-friendly, but not since Facebook got huge enough to effectively redefine the internet and refocus Google’s plans to be all-Google+, all the time. The escalating three-way war between Google, Facebook, and Twitter — by far the three most important web players today — is accumulating new casualties every day at our expense.

Google Reader is just the latest casualty of the war that Facebook started, seemingly accidentally: the battle to own everything. [..]

RSS represents the antithesis of this new world: it’s completely open, decentralized, and owned by nobody, just like the web itself. It allows anyone, large or small, to build something new and disrupt anyone else they’d like because nobody has to fly six salespeople out first to work out a partnership with anyone else’s salespeople.

That world formed the web’s foundations — without that world to build on, Google, Facebook, and Twitter couldn’t exist. But they’ve now grown so large that everything from that web-native world is now a threat to them, and they want to shut it down. “Sunset” it. “Clean it up.” “Retire” it. Get it out of the way so they can get even bigger and build even bigger proprietary barriers to anyone trying to claim their territory.

Die Ironie dabei ist natürlich, dass die meisten dieser immer größer werdenden Systeme den mittelfristigen Erfolg mit langfristiger Bedeutungslosigkeit bezahlen werden, weil sie wichtige Türen für immer schließen. (Niemand wird jemals etwa wieder ein Business komplett auf der Twitter-Plattform aufsetzen. Diese Kreativität und Tüchtigkeit wird sich anderenorts entladen.) Den Anfang kann man bereits bei Google+ sehen, das trotz Integration in Google, dem Internet-Juggernaut, nicht in die Gänge kommt; aus diversen Gründen von Designproblemen bis zur fehlenden Aufgabenlösung (wer braucht wofür G+?).

Wall Street Journal: Facebook arbeitet an eigenem Flipboard

Das Wall Street Journal über die News/RSS-Ambitionen von Facebook:

The social network has been quietly working on a service, internally called Reader, that displays content from Facebook users and publishers in a new visual format tailored for mobile devices, people with knowledge of the matter said.

The project, which the company has been developing for more than a year, is designed to showcase news content in particular. Recent versions of Reader resemble Flipboard Inc., a smartphone and tablet app that aggregates stories from multiple sources and lets users swipe to flip through articles, said the people with knowledge of the project.

While it’s unclear when Facebook will be ready to unveil the product, if it ever is, the Reader project is a sign the company is trying to get users to spend more time with it on mobile devices—and to see more ads.

Sollte das Wall Street Journal mit seinen Informationen recht haben, stellt sich die Frage wie sich der mobile Facebook-Reader von Flipboard unterscheiden wird und worin er besser sein wird (und kann). Denn all das, Smartphone-/Tabletgerecht aufbereitete Neuigkeiten von Facebook-Freunden und Nachrichten aus den Medien, kann Flipboard bereits sehr gut.

Im schlimmsten Fall kommt für Facebook ein zweites Facebook Camera heraus und der Social-Network-Riese ist, wie bei Instagram, gezwungen das Vorbild zu übernehmen, wenn das Segment intern als so wichtig angesehen wird. (Ich kann die Überlegung bezüglich des Segments nachvollziehen, bin aber nicht sicher, ob eine dedizierte Anwendung der richtige Weg für Facebook ist. Vielleicht ist aber gerade das notwendig, weil die Stammapp andere Aufgaben erfüllt und sie nicht weiter mit Optionen aufgebläht werden kann.)

Flipboard hat 50 Millionen Nutzer, 3 Millionen allein kamen in den Tagen nach der Einführung nutzergenerierter Magazine hinzu.

Als die ersten Hinweise im Code von Facebook auf eine Integration von RSS aufkamen, hatte ich darüber spekuliert, was Facebook vorhaben könnte.

Hinweis im Code: Arbeitet Facebook an einer Integration von RSS-Feeds in den Stream?

allfacebook.de berichtet über einen interessanten Fund im Code von Facebook, der auf eine künftige Integration von RSS-Feeds in den Stream hindeutet. Die Deutung von allfacebook.de geht eher in Richtung eines Ersatzes von GoogleReader, was ich für relativ unwahrscheinlich halte:

Heute nun hat Tom die nächste große Überraschung auf Lager. Facebook könnte mit einem eigenen RSS Reader an den Start gehen. Nur zwei Wochen bevor Google den mehr als beliebten Google Reader komplett einstellt, wäre diese Entwicklung wirklich brisant. Denn mit einem brauchbaren Ersatz für den Google-Reader könnte Fcebook sich auch im beruflichen Umfeld einen Platz sichern. Der Besuch auf Facebook ließe sich damit als Arbeitsplattform legitimieren. Die Verweildauer auf Facebook würde weiter steigen.

Natürlich hat Tom für diese Annahme wie immer auch eine konkrete Vermutung. So findet sich neuerdings im Open Graph ein Schema, das für jeden Nutzer eine Anzahl von RSS-Feeds speichern kann. Und der Name, sowie die Felder des Schemas, sagen schon aus: Hier geht es explizit um RSS-Feeds, nicht um Facebook-Listen oder Abonnenten.

Sehr viel wahrscheinlicher als ein vollwertiger Readerersatz von Facebook ist die Möglichkeit für Nutzer, neben den Updates von Facebookfansites auch Updates von Websites zu abonnieren, die ihre Neuigkeiten nicht auf Facebook abonnierbar machen. Diese Updates würden dann ähnlich in Streamform integriert wie man das vom Newsfeed von Facebook kennt.

Facebook könnte die RSS-Feeds crawlen und ein Verzeichnis anlegen, so dass man nur die Lieblingswebsites eingibt und die Facebookabomöglichkeiten zu sehen bekommt. Zusätzlich könnte Facebook ein Bookmarklet anbieten, das ähnliches macht (Mit einem Klick Feeds identifizieren und die ausgewählten Feeds im Facebook des Nutzers abonnieren).

So oder so, eine RSS-Integration bei Facebook wäre eine extrem spannende Entwicklung, die RSS mainstreamfähig machen könnte. Natürlich würden die Nutzer dabei die Abkürzung RSS nie zu sehen bekommen.

Man bedenke in diesem Zusammenhang auch, dass Facebook begonnen hat verschiedene, angepasste Streams für unterschiedliche Updatearten anzubieten. RSS-Abos würden wohl einen eigenen Stream bekommen müssen oder mindestens mit den Updates von Facebookfanpages in einen Streamtopf fallen, weniger mit denen von Freunden.

Vielleicht hat Facebook auch etwas ganz anderes mit RSS vor. Dass Facebook aber überhaupt mit RSS experimentiert, während Google dem offenen XML-Standard den Rücken zukehrt, sagt viel über den aktuellen Stand im Web aus.

(via Rivva)

Kann man heute schon bei Facebook Home von einem Flop sprechen? Nein.

Carsten Pötter hat eine gute Erklärung für die schlechten Bewertungen und Download-Zahlen der Facebook Home App im Android Play Store:

Die Frage ist allerdings, ob das an der App Facebook Home liegt oder evtl. eher daran, dass Nutzer verwirrt sein könnten. Die meisten Facebook Nutzer dieser Welt waren nicht zum Launch der App eingeladen und haben nicht die Berichte in den Tech Blogs darüber gelesen. Die meisten wissen schlicht nichts über die App.

Wer Facebook auf seinem Android Gerät haben möchte, sucht nach einer App im Play Store.

[..]

Die Beschreibung zu Facebook Home erklärt den meisten Nutzern nicht viel. Was ist ein Launcher? Das sagt dem Durchschnittsnutzer nichts. Die schlechte Bewertung und die im Vergleich zur bekannten Facebook App geringe Download Zahl animieren ebenfalls nicht zur Installation.

Für normale Facebooknutzer ist der Unterschied zwischen Facebook Home und klassischer Android-App von Facebook anhand der Darstellung im Play Store nicht offensichtlich. Wer nur die klassische App will und stattdessen Home herunterlädt und installiert, das mal eben das komplette Smartphone übernimmt, dürfte nicht nur verwirrt sondern auch verärgert reagieren. Dass Facebook Home von iPhone-Nutzern umgesetzt wurde, die die Eigenheiten von Android nicht angemessen beachtet haben, tut sein Übriges.

Das alles sagt aber wenig über die Zukunft von Facebook Home aus. Wer heute vom Flop redet, fällt ein voreiliges Urteil. Etwas, das leider in der Branche der Techjournalisten und Blogger weit verbreitet ist. Die Aussichten für Facebook Home lassen sich frühestens in einem Jahr beurteilen.

Facebook hat die Ressourcen und die Kompetenzen (sie haben in den letzten Jahren sehr viele gute Designer übernommen), um Facebook Home auf den richtigen Pfad zu bringen. Ich würde nicht gegen Facebook wetten. Facebook hat mit seinen Apps auf Android jetzt auch ein Brandingproblem, aber auch das ist lösbar und könnte auch ohne aktive Einflussnahme temporär sein. Zusätzlich dürfte Facebook Home strategisch vor allem auch auf Vorinstallation ausgelegt sein. Die Artikel, die heute vom großen Flop sprechen, kommen von Autoren, die auf die schnellen Pageviews schauen, nicht darauf, was tatsächlich passiert. 

Instagram beliebt bei Modebloggern

Jochen Krisch auf Exciting Commerce:

Die Facebook-Tochter Instagram scheint sich für die Modebranche – jenseits von Pinterest & Co. – zu einer der wichtigsten Plattformen zu etablieren.

Das ist unter anderem auch von Stylight zu hören, die am Wochenende wieder jede Menge Modeblogger(innen) zu Gast hatten, die zum Teil nur bei Instagram aktiv sind.

Das ist wenig überraschend, zeigt aber auch erneut, wie strategisch klug die Übernahme von Instagram durch Facebook war. Instagram wird mehr und mehr als das Facebooks YouTube sichtbar.

Erste Version von Facebook Home enttäuscht in Reviews

David Pogue auf NYTimes.com über Facebook Home:

The Facebook apps for both iPhone and Android are outstanding. They’re full-featured, beautifully designed, extremely popular. What does Home add, really? Yes, the ability to see incoming posts on your Home screen; you save one tap. But is it worth losing widgets, wallpaper, app folders and the Android status bar in the process?

Die negativen Punkte im Review von Om Malik:

For a service that is supposed to bring us updates in real time, this isn’t close enough and it is clearly working on Facebook Time. Facebook hasn’t been able to fine tune its algorithm and as a result it shows only a very specific kind of update — big bold pictures — from your newsfeed. You can actually feel the slow speed (and infrequency of updates) of the feed when you compare it with the desktop feed which moves at a faster pace.
It is still hard to do many of the basic Facebook tasks on Facebook Home.
While I appreciate the unified messaging option of Facebook Home, the new “Chat Heads” feature is not as easy to use. For example, If you hit five (or more conversations) it takes over the entire screen. It is quite intrusive and really hard to get rid of the chat screen.
I found navigating between Facebook Home and the Android environment a little confusing and jarring — enough to feel the difference.

Das ist nicht sonderlich überraschend, auch wenn ein Home Run mit der ersten Version eine erfreuliche, aber vor allem mögliche Überraschung gewesen wäre.

Für Endnutzer gilt: Im Zweifel auf Version 1.0 verzichten.

Für Analysten gilt: Im Zweifel die Mängel der Version 1.0 nicht mit der strategischen Ausrichtung und ihren Potentialen gleichsetzen.

Facebook hat monatliche Updates angekündigt. Facebook braucht eine starke Präsenz im mobilen Web. Facebook hat sehr viel Talent in den letzten Jahren eingekauft oder angezogen. Das sind gemeinsam die besten Voraussetzungen für ein Facebook Home in einigen Monaten oder spätestens in einem Jahr, das keine Wünsche offen lässt.

Wie werden Apple und Google auf Facebook Home antworten?

Zu den spannenden Folgen von Facebook Home zählen neben der Tatsache, dass Facebook endlich eine Antwort auf das mobile Web gefunden hat, vor allem die Fragen, wie Google und Apple auf ein erfolgreiches Facebook Home reagieren werden.
Apple Outsider fasst die Situation gut zusammen:

At the least, I expect an increased emphasis from Google on the virtues of “stock” Android, and an increased push to make that consistent for consumers. This is already underway on both OEM and developer fronts, but Facebook’s lurking presence will force the issue that much harder.

Home’s to-be-determined success could also force Apple’s hand. Such a product is neither technically nor legally feasible on iOS at the moment, and Facebook’s integration into iOS 6, while powerful, is much less than Facebook Home provides on Android, and thus presumably much less than Facebook wants on iOS. As I said last week, if too many consumers start considering Facebook Home a deal breaker, Apple may need to make some moves of its own. How many consumers that is, and whether they’ll in fact get on board, remains to be seen. All of this just underscores what’s at stake for everyone — Facebook most of all. With just one announcement, Facebook has made itself a strategic stakeholder in the mobile landscape. It’s no longer just a website and an app.

Google knew what it was doing when it made and marketed Android as an “open” system. It surely anticipated forks by handset makers as a manageable risk as long as Google kept advancing the system. But I wonder if it expected something like Facebook Home: an inside-out heist, made by a company after the same exact user data and advertisers Google is after. How it chooses to respond in the near future should give us an answer.

Durchschnittsnutzer auf Facebook ist Fan von 40 Seiten

Jens Wiese auf allfacebook.de über eine Analyse von Socialbakers über die Entwicklung von Facebook und Facebook Pages:

Demnach war der durchschnittliche Nutzer im Jahr 2009 Fan von 4,5 Facebook Pages. Jede dieser Pages postete im Schnitt 5 Mal pro Monat. Der Nutzer sah sich also mit gerade einmal 22,5 Page Posts pro Monat konfrontiert.

Ganz anders in 2013. Der Durchschnittsnutzer ist Fan von 40 Seiten, welche wiederum 36 Mal pro Monat ein Statusupdate absetzen. Macht in der Summe 1440 Statusupdates, die ein Facebook Nutzer im ungefilterten Newsfeed sehen würde. Wohlgemerkt im ungefilterten Newsfeed. Die Realität sieht zum Glück etwas anders aus. Denn der Newsfeed Algorithmus ermittelt für jeden Nutzer individuell, ob ein Beitrag für ihn interessant sein könnte.

Gleichzeitig gibt es heute sehr viel mehr Nutzer auf Facebook und der Konsum von Inhalten über Facebook hat sich zum Teil tief in das Alltagsverhalten normaler Nutzer etabliert. Das sind auch und besonders Nutzer, die man nur über Facebook und maximal außerdem noch über Email erreichen kann.

Das alles ist auch eine Folge des Erfolgs der Plattform, die mittlerweile erwachsen geworden ist. Auf der einen Seite enorm viele Endnutzer, auf der anderen Seite auch professionelle Werkzeuge, die die Administration von Facebook Pages vereinfachen. Zunehmende Konkurrenz auf der Plattform und eine damit einhergehende Veränderung der Dynamik auf Facebook selbst ist eine logische Konsequenz, der man sich bewusst sein sollte.

Diese Entwicklung wird eher noch weiter gehen als zu stagnieren oder gar rückläufig zu sein.

Facebooks mobile Werbegrenzen

Facebooks Grenzen beim Erreichen von Zuckerbergs Mission (Man lese David Kirkpatricks Buch “The Facebook Effect”) liegen im gewählten Geschäftsmodell.

Alexis C. Madrigal in The Atlantic über Facebook Home:

Facebook Home is not a story about “making the world more open and connected,” in general. This a story about Facebook “making the world more open and connected,” with all the specific definitions the company brings to those ideas.

It’s in that context, that you see industry watchers like Om Malik of GigaOm tweeting things like, “I am seriously concerned about Facebook Home and privacy challenges. They will know when we are sleeping. Where we live. Be careful,” and Kashmir Hill, Forbes’ privacy reporter, tweeting things like, “Facebook has come up with an excellent way to get people to have Facebook running on their phones all the time, collecting lots of GPS info.”

Facebook does allow people to do things that they love to do. And that’s what’s great about the product. But it tries to hide the tradeoffs. 

Ab einem bestimmten Punkt wird es jedem unangenehm, wie viel ein Unternehmen über einen weiß, um damit wiederum Werbung anzuzeigen. 

Auf der anderen Seite wäre ein Dienst, der sich nicht über Werbung finanziert, niemals so schnell so groß geworden.

Der Punkt ist: Wenn Facebook auch im mobilen Web das Synonym für ‘social’ sein will, müssen sie zumindest ein Stück weit weg vom Werbemodell. Sie brauchen einen starken, weiteren Erlöststrom abseits von Werbung. Mit Facebook Credits, das zwischenzeitlich bereits 15 Prozent des Umsatzes von Facebook ausmachte, hatten sie diesen bereits. Es ist noch offen, ob sie mit dem Ende von Facebook Credits und dem Einsatz von lokalen Währungen diesen Erlösstrom stärken oder schwächen.

Auf dem Launchevent hat Mark Zuckerberg angekündigt, dass Coverfeed, die Feedansicht bei Facebook Home, in Bälde auch Werbung anzeigen wird.

Facebook hat im alten Deutschland kein Überalterungsproblem

Michael Praetorius schreibt, was ich zu den jüngsten Abgesängen auf Facebook von den deutschen Medien auch schreiben wollte, kam mir aber zuvor:

Etwa 30 Prozent der Deutschen haben einen Account bei Facebook und sind im Schnitt mit 125 Freunden vernetzt. Tendenz steigend. Deutschland ist kein junges Land. Das Durchshnittsalter in Deutschland liegt bei 45 Jahren. Entsprechend gibt es in Deutschland mehr Internetnutzer über 50 Jahren als unter 20 Jahren. Die größte Chance für das Netzwerk liegt längst nicht mehr bei den Jugendlichen, sondern wie im gesamten Internetmarkt in Deutschland vor allem auch bei den Silversurfern, oder sogar Silvernerds, wie ich neulich lesen durfte.

Man muss die Entwicklungen der relativen Zahlen immer auch in den Kontext der absoluten Zahlen setzen. Und das bedeutet bei Facebook eben ein hohes Niveau, bei dem Wachstum dank Sättigung nicht mehr gleich stark aus allen Bevölkerungsschichten kommen kann.

Das muss man natürlich nur machen, wenn man an so etwas wie einer wahrheitsgetreuen Berichterstattung interessiert wäre.

“Facebook Home” ist eine tiefe Integration in Android und damit eine Art “Facebook Inside”

“Today we are going to talk about how to turn your Android phone into a great social device.” – Mark Zuckerberg

Facebooks mobile Strategie ist passgenau auf die Ausgangssituation von Facebook als weltweit größtes Social Network ausgelegt und damit, im Rückblick, geradezu offensichtlich. Facebook ist die soziale Schicht und legt sich mit “Facebook Home” als soziale Schicht, als der Klebstoff, der OS, Apps und Inhalte zusammenhält, tief in das Android-OS. Facebook will tief integriert sein.

“We are not building a phone, we are not building an operating system.” – Mark Zuckerberg

“Facebook Home” ist Facebooks Integration in den Lockscreen und Homescreen des Android-Geräts. Besonders Facebooks Messaging wird mit ”Facebook Home” tief in das OS integriert.

Facebooks mobile Strategie ist genial. Android muss für diese tiefe Integration nicht geforkt werden. Das stellt sicher, dass “Facebook Home”, nicht zuletzt dank der schieren Größe von Facebook, von nahezu allen Android-Hardwareherstellern bald von Haus aus integriert werden wird oder zumindest als einfach aktivierbare Alternative für User bereit liegen wird. Zuckerberg hat bereits auf dem Launch-Event bekanntgegeben, wie ihnen Hardwarehersteller die Bude einrennen. Auch das nicht überraschend.

Selbst wenn das nicht passieren wird: “Facebook Home” wird über Google Play wie jede andere Android-App verfügbar sein. (Natürlich nicht gleich für alle Geräte, sondern zunächst nur für eine Handvoll Smartphones verfügbar.)

Das erste Facebookphone ist das auf dem Launch-Event vorgestellte HTC First. Es hat Facebook Home bereits vorinstalliert und ist dafür ‘optimiert’. Wir werden künftig sehr viel mehr in dieser Richtung sehen.

Facebooks Strategie dürfte damit künftig stark in Richtung dessen gehen, was Intel seinerzeit mit ”Intel Inside” erfolgreich etabliert hat. Schaut man sich die herstelleragnostische Position im Stack bei beiden Unternehmen an, sieht man leicht die Analogien. (Horace Dediu hatte diesen Vergleich vor ein paar Tagen im Critical-Path-Podcast gemacht und der Vergleich passt recht gut.)

Facebook will nicht mit Smartphoneherstellern konkurrieren, sondern auf allen mobilen Plattformen vertreten sein und alle Aufgaben übernehmen, die ‘social’ sind. Mit Smartphoneherstellern oder OS-Anbietern direkt zu konkurrieren, würde dieser mobilen Omnipräsenz entgegenwirken. Stattdessen bekommt Facebook mit “Facebook Home” zumindest theoretisch alles, was es mobil will, ohne aktuelle (Hallo, Apple) und künftige Partner vor den Kopf zu stoßen. (Oder sich zu verheben.)

“Facebook Home” wird damit also aller Voraussicht auch, sobald es auf Tablets verfügbar ist, auch im Appstore von Amazon auftauchen. (Wenn Amazon nichts dagegen haben sollte. Aber ich sehe aktuell nicht, wie Amazon sich dem entgegen stellen könnte, ohne das Kindle Fire gegenüber anderen Android-Tablets schlechter zu stellen. Nochmal: Facebooks Größe sorgt für einen Nachfragesog für “Facebook Home”.)

“Facebook Home” ist außerdem ausgesprochen hübsch geraten. Das  hilft “Facebook Home”, das auch eine Art Android-Skin komplett mit Applauncher ist, enorm im nicht gerade für Schönheit bekannten Androidland.

Facebook dürfte damit nebenbei auch den Messaging-Markt auf Android zu einem Großteil abtöten. The Verge über die Messaging-Integration:

You have a Chat head listed horizontally for each notification. It switches between SMS and Facebook Messenger fairly seamlessly, like iMessage.

In einigen Monaten soll “Facebook Home” auch für (Android-)Tablets kommen.

Bisherige Artikel über ein Facebook-Phone: