Unterwegs im Darknet

Michael Seemann in der Spex über Darknets:

Neben dem anonymen Surfen ermöglicht der TOR-Browser auch Zugriff auf die sogenannten hidden services, also versteckte Dienste innerhalb des TOR-Netzwerks. Dabei handelt es sich meist um Websites, die vom normalen Internet aus nicht erreichbar, sondern nur über die TOR- Server ansprechbar sind. Sie besitzen alle die Domain-Endung ».onion«. Diese hidden services sind es, die oft als »Darknet« bezeichnet werden. Das TOR-Netzwerk ist ein wesentlicher Teil des Darknet, vielleicht der größte.
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»Das Darknet hat mir viel Leid gebracht«, sagte mir Stephan Urbach, als ich ihn eine Woche zuvor bat, mich bei der Recherche zu unterstützen. Vor einigen Monaten verließ er das Hacker-Kollektiv Telecomix, auch aus psychischen Gründen. Unter anderem durch I2P-Technologie halten die Telecomix-Leute bis heute den Draht zur syrischen Opposition aufrecht. Bilder, Videos, Erlebnisberichte, all das schleusten sie so außer Landes. Mit anderen Worten: Dokumente der Grausamkeit und des Leids.

Der nächste große Trend: Privates Filesharing über Facebook

Als ich vor einigen Tagen über den langsamen Aufstieg von Darknets im Filesharing schrieb, erwähnte ich auch das schnell wachsende Retroshare. Retroshare setzt für das private Teilen auf PGP-Schlüssel. Das ist ausgesprochen unhandlich und wenig mainstreamfähig. Bis heute verwenden verhältnismäßig wenige Leute PGP für Email. Werden sie für Filesharing damit auf breiter Basis anfangen? Unwahrscheinlich.

Welches Problem löst Retroshare mit PGP? Es löst das Problem der sicheren Identifizierung von Personen. Auf diese Art wird sichergestellt, dass man sich nur mit den Personen verbindet, mit denen man das auch möchte.

Die größere Hürde zur Verbreitung von Darknets ist die möglichst reibungsfreie Auflösung von Identitäten.

Moment. Identität haben wir im Netz doch schon gelöst. Facebook kann als größtes Social Network der Welt 850 Millionen aktive Nutzer verzeichnen.

Was wäre wenn Facebook und Darknets zusammen finden würden?

Martin Weigert auf netzwertig.com beschreibt mit dem aus Berlin kommenden Dienst Pipe einen ersten Filesharingdienst, der auf Facebook aufsetzt:

Das Trio nutzt für die kostenfreie Facebook-App, die momentan in einem kleinen Büro in Berlin-Mitte den letzten Feinschliff erhält, das so genannten Real Time Media Flow Protocol (RTMFP) von Adobe, welches eine direktere Peer-to-Peer-Verbindung zwischen zwei Adobe-Flash-Anwendungen ermöglicht. Nach der einmaligen Installation von Pipes Facebook-Anwendung können Nutzer jedem ihrer Kontakte bei dem sozialen Netzwerk direkt im Browser Dateien senden, die diese unmittelbar entgegennehmen, ohne dafür Facebook verlassen zu müssen. Die maximale Dateigröße beträgt ein Gbyte, was vorrangig auf übliche Begrenzungen des lokalen Browsers-Caches zurückzuführen ist. Pipes eigene Server übernehmen bei Datentransfers lediglich die Verbindung der zwei User und arbeiten nach den Worten von Mitgründer Eggersglüß “als eine Art Telefonbuch”.

Sean Parker, gebrannt von seinen Erfahrungen bei der Tauschbörse Napster, musste in den Anfangstagen von Facebook Mark Zuckerberg davon abbringen, neben Facebook an einem Filesharingdienst weiterzuarbeiten, den dieser mit Facebook verbinden wollte.

Welche Ironie der Geschichte:  Einige Jahre und beispielloser Erfolg von Facebook später, könnte dessen Plattform doch noch die von Zuckerberg angedachte Hochzeit von Social Network und Filesharing bringen. Aber eben nur, weil Zuckerberg von seinem Vorhaben doch abließ und sich auf Facebook konzentrierte.

Und die Rechteverwerter würden gar nicht zwingend etwas davon mitbekommen: Eben weil Darknets nicht in der Öffentlichkeit stattfinden, sind sie weder messbar noch verfolgbar. Auch Facebook merkt davon nichts, wenn die Architektur  des Darknets denn echtes P2P ist und nur für die initialen Verbindungen zwischen den Usern auf Facebooks Identifizierungssystem setzt.

Deswegen ist der Pipe-Ansatz zwar ein möglicher aber aufgrund der Beschränkungen nicht der interessanteste: Mehr Potential hätten Dienste, die nicht im Rahmen der Website von Facebook laufen, sondern ‘nur’ die Beziehungen zwischen den Facebooknutzern zur Erkennung von Freunden nutzt. Also mehr Facebook Connect als Facebook-App.

Man denke in die Richtung von Dropbox und Box mit Facebook Connect.

Auch andere Informationen wie etwa Streaminglinks oder von der jeweiligen Regierung nicht erwünschte Inhalte (Think Arab Spring) könnten über für die Identitäten an Facebook gekoppelte Darknet-Aggregatoren eine einfache aber sicherere Verbreitung erfahren, die trotzdem massenfähig ist.

Darknets fehlte immer eine einfache und damit massenkompatible Identifizierung von Nutzern. Die ist jetzt in Form von Facebook da.

Wie kann das künftig noch besser skalieren?

Die Antwort ist offensichtlich. Ein erweiterter Sharingbereich: Friend of a Friend.

Nach Megaupload: Darknets und alternative Anbieter übernehmen die Lücke

Obwohl sich die USA als Weltpolizei im Fall Megaupload verhält und in einer sensationellen Razzia die Betreiber verhaftet, deren Gelder eingefroren und die Website offline genommen hat, hat diese Aktion praktisch keine Auswirkungen auf das Ausmaß des Filesharings weltweit gehabt, ganz zu schweigen von der Entwicklung.

1. Darknets

Stattdessen reagiert das Netz wie erwartet. Auf der einen Seite nehmen Darknets an Bedeutung zu. Die Richtung geht also wieder weg von zentralen Anbietern wie Megaupload und hin zu dezentraleren Alternativen, die zwar schwieriger zu handhaben, aber sehr viel resistenter gegen Angriffe von außen sind.

In Hyperland werden Darknets so erklärt:

Wenn Kevin seine Festplatte, randvoll mit Filmen und Musik zu seinem Freund Hakan schleppt, dann alles auf dessen Rechner kopiert und sich umgekehrt seine Daten überspielt, dann ist das bereits in den Grundzügen ein Darknet. Und weil die Kids nicht ständig Festplatten durch die Gegend schleppen wollen, errichten die Filesharer einfach ein Virtual Private Network (VPN): Das erzeugt ein von außen abhörsicheres, virtuelles “Internet-im-Internet”. Und damit können dann auch Jenny in Bonn und Leo in Berlin ihre Dateien tauschen, ganz so, als wären sie im selben Heimnetzwerk verkabelt (bloß viel langsamer).

RetroShare ist eines der Netzwerke, das enormen Zulauf erhalten hat:

“In January our downloads tripled when interest in SOPA was at its peak. It more than doubled again in February, when cyberlockers disabled sharing or shut down entirely. At the moment we are getting 10 times more downloads than in December 2011.”

Die Wahrscheinlichkeit, dass RetroShare selbst so populär wie Megaupload und co. wird, ist gering. Aber die Richtung ist offensichtlich.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Alternativen kommen, die einen noch besseren Kompromiss zwischen Anonymität/Dezentraltität und Bequemlichkeit liefern.

2. Putlocker und Rapidshare statt Megaupload

Auf der anderen Seite übernehmen in der Zwischenzeit die Konkurrenten von Megaupload deren ehemalige User:

Putlocker seems to be the big winner. It went from being the source of about 6 percent of web-based filesharing to 28 percent, when measured by the amount of networking bandwidth used. To put that in perspective, Megaupload accounted for about 25 percent of bandwidth before it was shut down. “Putlocker is on the rise,” King said.
Rapidshare got a boost too, jumping from 8 percent to 15 percent, according to Palo Alto’s latest data, which is based on a survey of 241 networks, conducted after the Megaupload takedown.

3. Filesharing ohne Internet

Weil Filesharing nur ein Symptom ist, eine Folge der Digitalisierung, die immaterielle Güter von ihren physischen Datenträgern gelöst hat, kann Filesharing auch komplett ohne Internet stattfinden:

Inspired by the local transmitting power of traditional pirate radio, NYU art professor David Darts created the PirateBox, a WiFi hotspot and server providing easy and anonymous access to the files held within.

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Users wirelessly accessing the device are presented with a web interface which allows them not only to download files but upload them too. No logs or other identifying information is stored in the device.

Although great for anyone to share files within its range, considering the pressure currently being applied to university students by record labels and their anti-piracy partners, the chances of music-stuffed PirateBoxes popping up on campuses all around the world increases every day.

Das Internet hat Filesharing, also peerbasierte Distribution, ‘lediglich’ auf Augenhöhe mit industrieller Distribution gebracht.

Sollte das Internet irgendwann komplett von Konzernen der rechteverwertenden Industrien überwachbar werden, was ein langfristiges Ziel dieser Unternehmen ist,  könnte Filesharing in der westlichen Welt sich dem nähern, wie es bereits in Regionen wie Afrika stattfindet: Filesharing in Westafrika findet mit Bluetooth und ohne Internet statt.