Impotente Medien

Das starke Abschneiden der CDU/CSU in der Bundestagswahl, die nur knapp an der absoluten Mehrheit vorbeigeschrammt ist, wird an einigen Stellen auch als ein Versagen der Netzaktivistenszene gelesen, die die Bevölkerung nicht erreicht hat. Immerhin hat ausgerechnet die Partei ein für sie historisch gutes Ergebnis eingefahren, die seit Monaten den größten Überwachungsskandal der Menschheitsgeschichte verschleiert.

Es gibt ein Versagen, dieses Thema und seine weitreichenden Folgen der Bevölkerung nahezubringen. Aber es geht weit über die Aktivistenszene hinaus. Seit Monaten schreiben die deutschen Massenmedien von FAZ über Spiegel bis Süddeutsche über dieses Thema. Sie haben sich zum Teil erstaunlich festgebissen. Das ist erfreulich. Aber das Wahlergebnis zeigt uns eine düstere Wahrheit, die kaum jemand in der Presse wahrhaben will:

Die deutsche Printpresse hat anscheinend keinerlei Einfluss auf die Meinungsbildung in der Gesamtbevölkerung. Nicht nur das. Sie scheint auch nicht im Stande, die Stimmung der Bevölkerung erfassen und wiederzugeben können. Ganz zu schweigen davon, die Bevölkerung da abzuholen wo sie ist.

Wie ist es sonst zu erklären, dass trotz der Berichterstattung über einen Skandal, der kaum näher an der deutschen datenschützenden Seele sein könnte, diese Berichterstattung, die offen gegen das Verhalten der amtierenden Regierung anschreibt, dieser amtierenden Partei nicht einen Prozentpunkt kostet? Nicht Rückgang, nicht einmal Stillstand. Zuwachs. Ein historisches Ergebnis. Kurz vor der absoluten Mehrheit. Trotz des konstant medial präsenten Skandals. Und alle sind überrascht.

Was für ein Armutszeugnis für die deutschen Massenmedien.

Man kann sich nun streiten, woran das lag. Gründe gibt es reichlich. Meine Vermutung ist, dass es unter anderem auch an der Datenträgernostalgie der Journalisten liegt. Während die Auflagen der Tageszeitungen rückläufig sind, sind ihre Inhalte online seit Jahren nur bruchstückhaft vertreten. Immer mehr Menschen lesen nicht mehr Zeitungen für ihren Nachrichtenkonsum1. Immer mehr Menschen konsumieren ihre Nachrichten online. Die Zahl der Zeitungsabonnenten, die unter 30 sind, dürfte stark gegen Null gehen. Selbst die Zahl der Zeitungsabonnenten, die unter 40 sind, dürfte tendenziell fallen.

Eigentlich ist es nicht so schlimm und vollkommen normal, dass Leitmedien wie die FAZ oder die Süddeutsche nicht direkt die Mehrheit der Bevölkerung erreichen. Sie informieren die Eliten (und leben auch von der Wahrnehmung, von Eliten für Eliten zu sein. “Was ich hier lese, liest jeder wichtige Mensch im Lande ebenfalls.”). Und sie erreichen die Multiplikatoren, diejenigen, die in ihren Bekanntenkreisen besonders belesen und kundig sind. Wenn ich mich als gebildeter Bürger ausführlich über das Weltgeschehen informieren möchte, kann ich zwischen diversen Tageszeitungen wählen. Als Papier der einzige Datenträger für journalistische Texte war, war das kein Problem. Heute ist das Papier selbst das Problem. Heute wird das Festhalten am Papier ein Problem, weil mein Medienverhalten nicht mehr mit dem Datenträger kompatibel ist.

Das führt zu einer größer werdenden Spaltung der Diskurse. Weil die Durchmischung in der Bevölkerung zurückgeht, was den Konsum angeht. Wer heute eine Tageszeitung abonniert, hat nicht nur Interesse am Weltgeschehen sondern auch ein Faible für das alte Papierformat. Für alle anderen bleiben die verkrüppelten Onlineausgaben und die unbenutzbaren Apps.

Seit längerem vermute und befürchte ich eine größer werdende Diskrepanz zwischen den Medien und denen, die sie erreichen wollen und sollten. Langsam aber sicher scheinen wir zu spüren, was diese datenträgergetriebene Diskrepanz bedeutet.

Man konnte das seit Jahren auch an harten Zahlen beobachten. Während die New York Times über Jahre in den USA die reichweitenstärkste Nachrichtensite war, ist es hierzulande, im vermeintlichen Land der Dichter und Denker, Bild Online.

Auch wenn die hiesigen Massenmedien begonnen haben, sich mit dem Web anzufreunden weil es doch nicht weg gehen will und die Haptik des Papiers doch nicht das Killerargument schlechthin war, scheint der Schaden zumindest mittelfristig angerichtet. Der Datenträgerwechsel im Medienkonsum hat einen tiefen Graben geschaffen, der zu einer stärker werdenden Zersplitterung der Öffentlichkeit führt -nur eben anders als von Status-Quo-Apologeten befürchtet-. Diese Zersplitterung hat in jeder Hinsicht weit von der Realität der Bevölkerung entfernte, impotente Medien2 geschaffen.

Das sind keine guten Nachrichten für die deutschen Netzaktivisten. Da es in Deutschland in den letzten Jahren nicht zu einer starken vernetzten Öffentlichkeit gekommen ist,3 sind deutsche Netzaktivisten darauf angewiesen, ihre Themen über die massenmediale Bande4 in die Öffentlichkeit zu spielen.

Funktioniert die Bande nicht, das erleben sie gerade beim Überwachungsskandal, stehen sie hilflos und machtlos da. Sie sind so weit weg vom Rest der Bevölkerung wie die Journalisten, die gestern noch von der Haptik des Papiers schwärmten.

Und unsere Kanzlerin, die nicht stärker Machtmensch sein könnte, hat gerade den ultimativen Beweis erhalten, dass die Medien als Korrektiv sie im Zweifel nicht aufhalten können.

Einen historischen Skandal verschleiern. Über Wochen und Monate dafür in den Leitmedien angeprangert werden. Und trotzdem ein historisches Rekordergebnis bei der Wahl einfahren. Wer würde nicht machttrunken werden?

Uns stehen dunkle Zeiten bevor.


  1. Remember: Fallende Auflagen. 

  2. Natürlich haben sich die Onlineableger der deutschen Medien in den letzten Jahren gebessert, weil Online trotz geringer Einnahmen mittlerweile als wichtig erkannt wird. Aber dieser leichte Kurswechsel kam sehr viel später als der Umschwung in der Mediennutzung.
    Eine Folge ist unter anderem der nach wie vor unbeholfene Umgang mit dem Medium, weil Erfahrung, Marktexpertise und Experimentierfreudigkeit fehlen. Nur sehr selten wird vom klassischen Artikel, wie er auch im Print erscheinen könnte, abgewichen. Selbst die FAZ-Blogs arbeiten ausnahmslos mit epischen Texten statt mit Leichtfüßigkeit. Marken wie die Süddeutsche, die sich jahrelang mit absurden Klickgalerien lächerlich gemacht haben, verbreiten heute lustige Bilder auf Facebook oder Google+. Man könnte diese Aufzählung noch lang fortsetzen. 

  3. Ein Versäumnis all derer, die daran glauben, dass das Web unter dem Strich gesellschaftlich positiv ist, dies aber nicht als Grundlage für ihr eigenes Handeln genommen haben und über die Zukunft nur (in 140 Zeichen) geredet haben, statt sie zu gestalten. 

  4. Wie sehr die Aktivisten auf die Massenmedien angewiesen sind, hat man schön am Durchmarsch des Leistungsschutzrechts für Presseerzeugnisse sehen können. Selbst eine geschlossene Front nahezu aller Experten von Jura über Ökonomie bis Netzthemen gegen dieses Gesetz hat nicht gereicht, um gegen die Massenmedien eine starke Gegenöffentlichkeit bei diesem Thema aufzubauen. 

Peer Steinbrück hat Halluzinationen

heise online berichtet über die Rede von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück auf der Next Berlin: Steinbrück: Deutschland kann die 4. industrielle Revolution anführen:

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat auf der Konferenz “Next” in Berlin die Digitalisierung der traditionellen Industrie als große Chance bezeichnet. “Deutschland kann die 4. industrielle Revolution anführen”, prophezeite er vor der versammelten Gründer- und Startup-Szene am Dienstag. Dabei gehe es darum, die Informationstechnik in die klassischen Produktionsprozesse einzuführen. Mit dieser Industrie 4.0 entstünden ganz neue Produkte, Techniken und Verfahren wie zum Beispiel der 3D-Druck.

Ein bisschen Kritik am miserablen Breitbandausbau in Deutschland, aber ansonsten ein “Hurra, wir können zur Speerspitze werden”.

Wir. Deutschland, das einzige westliche Land, in dem eine Musikverwertungsgesellschaft seit Jahren keine Einigung mit YouTube finden kann, das in anderen westlichen Ländern der größte Musikanbieter im Netz ist. Deutschland, das einzige westliche Land, in dem Häuserfronten auf Google Street View verpixelt werden mussten und Bing Street Side bereits wieder abgeschaltet wurde. Deutschland, das einzige westliche Land, in dem Presseverlage ein eigenes Leistungsschutzrecht bekommen haben, obwohl alle unabhängigen Experten dagegen waren. Deutschland, das Land, in dem ein Bestseller 2012 “Digitale Demenz” heißen kann. Deutschland, das Land, in dem der größte Internetprovider gerade das Ende der Netzneutralität und die massive Drosselung von Anschlüssen verkündet hat.

Deutschland hat ein riesiges Mentalitätsproblem.

Während 3D-Druck in den USA und anderen Ländern tatsächlich die Produktion von Gütern revolutionieren kann, wird es im aktuellen politischen Klima in Deutschland sofort in die Bedeutungslosigkeit reguliert, wenn es industrielle Bedeutung erlangt. Daran besteht kein Zweifel mehr. Für die deutsche Politik ist jede technologische Neuerung maximal Verhandlungsmasse. Also immer dann, wenn sie nicht ignoriert werden kann. Eine Politik für Chancen, die eine Zukunft ermöglichen, in der es auch Gewinner abseit der Automobilbranche und Axel Springer geben kann, ist unvorstellbar. Ein Tabu.

Steinbrück stellt sich nicht der düsteren deutschen Realität. Er stellt sich nicht der Tatsache, dass die Union seit Jahren eine destruktive, katastrophale Netzpolitik betreibt. Hier wäre eine Abgrenzung der SPD sehr leicht, nur will sie das eigentlich gar nicht so richtig, weil sie das alles eigentlich, also wenn sie doch gefragt wird, dann doch, wissen Sie, ganz gut findet.

Stattdessen halluziniert er also von einem Deutschland, das auch ohne Anstrengungen und Kurswechsel rosige digitale Aussichten hat.

Das ist natürlich bezeichnend. Wahrscheinlich sind Peer Steinbrück und seinen Redenschreibern der Internetstandort Deutschland vollkommen egal. Man merkt das auch am Anwendungsbeispiel für 3D-Druck in seiner Rede: “Künftig brauche ein Kunde in der Autowerkstatt etwa nicht mehr auf Ersatzteile zu warten, da sie direkt vor Ort gefertigt würden.” Die SPD hängt wie die Union der irrigen Annahme nach, dass die Zukunft von Deutschland bei den Automobilen doch recht gut aufgehoben sei. Alles was neu kommt ist da nur ein Addon, unterstützende Peripherie für das Mutterschiff Automobilindustrie. Und 3D-Druck, die potentiell disruptivste Technologie, die selbst das Internet in den Schatten stellen kann, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, wird in der Steinbrückschen Vision für Deutschland zum Gegenteil: sustaining, erhaltend, das Bestehende marginal verbessernd.

Die Hurra-Rede von Peer Steinbrück auf der Next ist wie die Steinbrück-Rede auf der Cebit: Lasst uns den Internetheinis erzählen, was sie hören wollen, aber verschont mich mit Details oder Wahrheiten, die  auch ich auf keinen Fall aussprechen will. Hat Opel schon angerufen? Was ist mit VW?

 

2012 gründungsärmstes Jahr in Deutschland seit 2000, weiter rückläufig

förderland:

60.000 weniger Gründer als im Vorjahr. Zu diesem Ergebnis kommt die jährliche repräsentative Bevölkerungserhebung zum Gründungsgeschehen in Deutschland der KfW Bankengruppe für das Jahr 2012. Seit dem Jahr 2000 ist das die niedrigste Anzahl von Gründern in Deutschland überhaupt. Und auch für 2013 steht kein Gründungsboom in Aussicht.

Die Bundesregierung mag mit symbolischen Treffen und Reden so tun, als würde sie etwas für Neugründungen tun, weil etwa der Wachstumsmarkt Internet nicht mehr übersehen werden kann, aber die Zahlen sprechen eine andere Sprache und zeigen die Realität auf: Deutschland ist ein zutiefst gründerfeindliches Land.

Copycat no more: Keine Käufer für Wimdu und 9flats?

Holger Schmidt auf Focus Online:

Obwohl [die Samwers] nach Angaben aus Branchenkreisen schon rund 70 bis 80 Millionen Euro in den Aufbau [von Wimdu] investiert haben, werden die Chancen gegen den Weltmarktführer Airbnb als sehr gering eingestuft. Weil Airbnb in immer mehr Ländern reüssiert, sinken die Chancen für Wimdu auf einen erfolgreichen Exit weiter. Schon im vergangenen September musste Wimdu seine Auslandsexpansion zurechtstutzen.

Auch Konkurrent 9flats soll schon seit längerer Zeit verkauft werden, aber bisher ebenfalls ohne Erfolg, obwohl deutlich weniger Geld in das Unternehmen investiert wurde. 9flats hat ebenfalls schon Mitarbeiter entlassen müssen, um die Kosten zu senken.

Nicht nur allein der Erfolg von AirBnB dürfte eine Rolle spielen. Die potentiellen Investoren schauen sicher auch auf die Entwicklungen früherer Klone wie etwa studiVZ, das seinem Käufer Holtzbrinck nicht viel Freude bereitet hat.

studiVZ als das prominenteste Beispiel hat auch den entsprechenden Entscheidern in den oberen Etagen von Medienkonzernen gezeigt, das lokale Dominanz in einem globalen Winner-takes-it-all-Markt nicht einmal mittelfristig einen Wettbewerbsvorteil darstellt, wenn das dahinterstehende Team keine konzeptionelle Vorreiterrolle übernehmen kann. (Lokale Dominanz kann auf Netzwerkmärkten in der Regel immer “nur” ein Sprungbrett sein.)

Weder Wimdu noch 9flats sind mit Eigenentwicklungen aufgefallen, die ihnen einen signifikanten Wachstumsschub gegenüber AirBnB hätten bringen können. Der US-Marktfüher und Vorbild dagegen glänzt konstant mit sinnvollen Weiterentwicklungen.

Ich kenne die konkreten Kennzahlen der deutschen Anbieter nicht, was die folgende Aussage sehr relativiert, aber von der Außensicht betrachtet würde ich als Investor oder potentieller Käufer auch eher tendenziell die Finger von Wimdu und 9flats lassen.

Deutsche Soziale Netzwerke verlieren

2012 07 10 SozialeNetzwerke

Wer glaubt, dass sich Xing als regionales Netzwerk ohne internationales Wachstum halten können wird, ist schief gewickelt und hat aus dem Niedergang der anderen nur in Deutschland populär gewesenen Netzwerke nichts gelernt.

Der Markt der Social Networks ist bis auf ganz wenige Ausnahmen ein internationaler Winner-takes-it-all-Markt.

Die aktuelle Entwicklung ist in keinster Weise überraschend und lies sich vorhersehen.

(via Futurebiz)

VZ Netzwerke benennen sich um, Katastrophe abgewendet

W&V bezieht sich wie alle auf einen Artikel im ‘Kontakter’. W&V: VZ Netzwerke werden zu Poolworks:

“Mit der neuen Unternehmensmarke wird sich VZ strukturell verändern”, lässt das Unternehmen verlautbaren. Der Plattform SchülerVZ kommt dabei eine zen­trale Rolle zu: Sie funktioniert noch am besten, da sie anders als MeinVZ und StudiVZ aufgrund der Zielgruppe weniger Nutzer an den großen Rivalen Facebook verloren hat. SchülerVZ erhält im Laufe des vierten Quartals einen Relaunch und bietet künftig unter dem Namen Idpool.de Funktionalitäten rund um den Austausch von Jugendlichen zu ihren Interessen und Fähigkeiten – welche genau, bleibt offen. “Die Plattform soll perspektivisch über mehrere Stufen zu einem edukativen Angebot ausgebaut werden”, heißt es.

Es ist keine dankbare Aufgabe, die VZ Netzwerke 2012 in eine Position zu manövrieren, die nicht die Schließung bedeuten wird. Es ist vielleicht auch keine lösbare Aufgabe.

Angesichts der mit Arroganz gepaarten Ignoranz der VZ Netzwerke in den letzten Jahren gegenüber technischen Weiterentwicklungen (man erinnere sich etwa an ca. 2008/09, als die VZ-Geschäftsführer allen Ernstes in Interviews gegen die Notwendigkeit von Newsfeed und Plattform argumentiert haben) und der Tatsache, dass StudiVZ seinerzeit die deutsche Klonmanie begründet hat, wird das kaum jemanden außer den wenigen verbliebenen Mitarbeitern und den Verantwortlichen bei Holtzbrinck stören.

Niemand wird den VZ Netzwerken nachweinen, egal wie sie zur Schließung heißen werden. Es wird lediglich der Abschluss eines selbstverschuldeten, kolossalen konzeptionellen Versagens sein.

Bundeskanzlerin Angela Merkel will Internetwirtschaft stärken

Handelsblatt:

Dazu versammelt Merkel am kommenden Montag acht Unternehmer und Investoren sowie weitere E-Business-Experten zu einer vertraulichen Diskussion im Kanzleramt. Dort sollen Schwächen in der bisherigen Branchenentwicklung erörtert und diskutiert werden, wo und wie die Politik helfen kann, um Deutschland auch im IT- und Internet-Bereich wieder wettbewerbsfähig zu machen.

“Wieder.”

Gute Entwicklung. Es ist seit Jahren überfällig, dass sich die Bundesregierung aktiv mit dem wichtigsten Wirtschaftszweig des 21. Jahrhunderts beschäftigt; und das ausnahmsweise einmal mit Sicht auf Förderung statt Regulierung, die bestehende Branchen vor dem Internet schützen soll.

Auf kommunaler Ebene verschläft gerade Berlin die Chance des Jahrzehnts, wenn nicht gar des Jahrhunderts:

Sie unterschreiben Erklärungen und offene Briefe, denn sie wissen nicht, dass sie bloggen könnten.

Thierry Chervel in einem sehr guten Artikel im Blog des Perlentauchers über die Motivation der Unterzeichner von “Wir sind die Urheber”, bei denen es sich immerhin mehrheitlich um Buchautoren handelt, die vom Internet bislang unbehelligt geblieben sind:

Es hat mit einem tief sitzenden Widerwillen zu tun. Die wenigsten Autoren, die den Aufruf unterzeichnet haben, sind bisher dadurch aufgefallen, dass sie sich mit dem Internet auseinandergesetzt haben. In dem Aufruf dominieren die Autoren, die Jahr für Jahr oder alle zwei Jahre ihr neues Buch bringen, die vom Betrieb in bewährter Weise getragen, von den Zeitungen rezensiert und von den Literaturhäusern eingeladen werden. Sie funktionieren nach einem jahrzehntealten verbürgten Modell.

Das Problem dieser Autoren mit dem Netz ist weniger, dass es ihre Einnahmen als dass es ihr Selbstbild als Autor in Frage stellt. Als Autor auf dem bewährten Modell bestehen, heißt tatsächlich, sich nicht mit neuen Formen des Schreibens zu beschäftigen. Lewitscharoff spricht in ihrem FAZ-Beitrag von “haltlosem Internetgequassel” und von der Verhöhnung von Autorenleistungen durch von ihr nicht benannte Quellen im Netz (auch dies übrigens eine alte, im Netz nicht mögliche Technik des Schreibens: einen Gegner nicht benennen, ein Machtgestus, der dem Gegner erst gar keinen Status zubilligt – im Internet wird der direkte Bezug erwartet, Insiderspielchen werden in den Kommentaren durch Hyperlinks ausgebremst). Sie fühlt sich alles in allem vom Netz als Autorin einfach herabgewürdigt.

Das Problem in der deutschen Kultur liegt auch darin, dass, aus welchen unerfindlichen Gründen auch immer, die Kulturschaffenden des Landes kollektiv die technischen Entwicklungen der letzten Jahrjzehnte ausblenden. Manchmal mehr, manchmal weniger.

Wenn Tatorte und andere öffentlich-rechtlich finanzierte Spielfilme oft eine Handlung aufweisen, die nur Sinn in einer von Mobiltelefonen freien Welt ergeben und das Internet maximal als der Ort vorkommt, in dem sich Täter und Opfer gefunden haben, dann ist es nicht verwunderlich, dass von den dahinter stehenden Köpfen die bekannten offenen Briefe und Erklärungen kommen, die dann ein erschreckendes Unwissen über die moderne Welt da draußen offenbaren.

Es wird dadurch aber nicht weniger tragisch.

Thierry Chervel:

Aber die Autoren ahnen natürlich, dass der Begriff des “Autors” vom Netz – wie so vieles – radikal neu formuliert wird. Und daran ist etwas Wahres: Das Netz hat längst eine andere Praxis und einen anderen Begriff der Autorschaft entwickelt, mit dem sich so gut wie keiner der bekannteren Schriftsteller in Deutschland (Rainald Goetz ausgenommen) überhaupt nur gedanklich auseinandergesetzt hat, geschweige denn, dass deutsche Autoren damit experimentieren würden.

Ich meine damit nicht unbedingt irgendwelche Hypertextspielchen. Ich frage mich eher und viel konkreter, warum deutsche Autoren zum Beispiel nicht bloggen, warum sie so selten auf Facebook sind oder gar twittern. Man muss gar nicht groß mit Schreibweisen experimentieren um zu kapieren, dass Bloggen tatsächlich eine neue Form des Schreibens ist, die die alte Ästhetik der Geschlossenheit, die mit Buch und Zeitungsartikel verknüpft war, aufbricht.

Und da liegt ein ganz wesentliches Problem. Wie ich hier bereits mehrfach angeführt habe, und in einem Kommentar in der kommenden Ausgabe des Freitag noch einmal anmerke, werden Diskurse eher schlecht über offene Briefe und Unterschriftensammlungen geführt. Blogs sind das mit Abstand effizienteste Werkzeug zur Teilnahme an einem Diskurs. Nur werden sie in Deutschland dafür kaum genutzt.

Allerdings, das muss man auch anmerken, kann man das den internetfernen Autoren nur schwer zum Vorwurf machen, wenn selbst der “bekannte Blogger” Sascha Lobo nicht diskursiv bloggt und stattdessen die Form der wöchentlichen Kolumne unter dem Dach einer großen Publikation vorzieht.

Genau so sieht es bei anderen Personen aus, die man in Deutschland mit Internet und Expertise darüber in Verbindung bringen würde. Kathrin Passig? Mit etwas Glück Texte auf Google+, sonst Merkur-Kolumne als das höchste der Gefühle. Kein Blog. Mario Sixtus? Tweets und der gelegentliche Tagesspiegel-Text. Kein Blog. Und so weiter.

Es gibt schlicht keine schillernden Vorbilder in Deutschland, denen es Internetneueinsteiger gleich tun könnten.

Inkubatorszene

Maximilian Heimstaedt für Gründerszene:

Im BWL-Studium richtig Gas geben, dann ein oder zwei Jahre Beratungserfahrung sammeln und anschließend möglichst direkt als Gründer bei einem der großen Inkubatoren einsteigen.

In diesem Satz steckt alles drin, was bei noch immer einem viel zu großen Teil der deutschen Gründerszene falsch läuft.

Unternehmer, die einen solchen Weg gehen, bauen in der Regel maximal solide KMUs in relativ stabilen Märkten auf, in der Regel, da wir hier im Web nicht stabil sondern volatil sind, aber nicht einmal das. Sie bauen leere Gefäße, die auf Exit getrimmt sind.

Es ist kein Zufall, dass nicht die deutsche Inkubatorszene die Vorzeigebeispiele für den aktuellen Berliner Startuphype stellen, sondern Startups wie SoundCloud6Wunderkinder und UPcload. (Letzteres stellte sich lange vor dem großen Medienrummel übrigens das erste Mal der Öffentlichkeit im März 2011 auf der letztjährigen Live Shopping Days vor, dem Vorgänger der Exceed Konferenz. Die Exceed ist die Innovationskonferenz von Exciting Commerce.)

Innovation kommt durch Problemlösung. Und gerade heute liegen da aus verschiedenen Gründen, wie Abstraktion durch Digitalisierung, die großen wirtschaftlichen Chancen. (Wie man etwa an der erfolgreichen Investitionstrategie von zum Beispiel Union Square Ventures sehen kann)

In den deutschen Inkubatoren setzen ehemalige Berater und Vorzeigestudenten Reißbrettlösungen um, die ihnen von ihren Vorgesetzten (den “Investoren”) vorgelegt werden.

(Wirtschafts-)Geschichte und damit die großen Würfe und Returns werden woanders geschrieben.

Europa verliert den Internet-Anschluss

Holger Schmidt fasst die Lage im Fokus zusammen:

Ob Internet oder klassische Informationstechnik: Europa fällt im internationalen Wettbewerb zurück. Das Problem: Amerika ist stark in wachsenden Branchen, Europa nur in schrumpfenden. Und die Asiaten werden immer besser.

In Deutschland hält uns die High-Tech-Feindlichkeit des Landes zurück, die sich dieser Tage wieder stark in der oft noch immer frei von Wissen und Argumenten geführten Urheberrechtsdebatte zeigt:

Zudem verhindere die Technologiefeindlichkeit der Deutschen Innovationen. „In Deutschland wäre eine Plattform wie Youtube niemals entstanden. Sie wäre wenige Wochen oder Monate nach dem Start tot gewesen“, kritisiert Speck. Das Vorgehen, erst einmal populäre Inhalte anzusammeln und dann zu überlegen, wie alle daran verdienen können, habe überall funktioniert – nur in Deutschland nicht. „Man stelle sich vor, wie der Pferdekutschenverein damals eine innovative Verkehrspolitik bei der Einführung des Autos geregelt hätte. Nicht anders diskutieren wir heute über das Urheberrecht“, sagt Speck.

Vor allem fehlen uns funktionierende Plattformansätze (oder überhaupt Plattformansätze). Plattformen aber bestimmen die digitale Wirtschaft von morgen und teilweise, siehe Facebook, bereits heute.

Europaweit gibt es nur im Audiobereich Hoffnungsschimmer: Spotify aus Schweden will zum Musik-OS werden und entwickelt. Soundcloud aus Berlin betreibt eine enorm erfolgreiche Plattform mit API im Musikbereich.

In Berlin entsteht gerade ein zartes Ökosystempflänzchen rund um Startups wie SoundCloud, 6Wunderkinder und andere. Die Regierung wäre gut beraten, hier zu helfen oder zumindest nicht im Weg zu stehen, sprich bürokratische Hürden abzubauen.

Bisher scheint das in der Politik noch nicht angekommen zu sein. Bisher scheint noch nicht angekommen zu sein, wie schlecht die Wirtschaftsaussichten des Landes in den wichtigsten Wachstumsbranchen aussehen und dass der aktuelle Hype rund um Berlin als Startup-Standort vielleicht die letzte Chance des Landes ist, nicht vollkommen den internationalen Anschluss zu verlieren.

Siehe auch:

Deutsche Internetdebatte ohne analytische Tiefe

Die Internetdebatte in Deutschland wird viel zu oft von einer erschütternd offensichtlich fehlenden analytischen Tiefe dominiert, und selbst das ist noch vorsichtig ausgedrückt. Diesen Umstand kann man an vielen nicht konsistenten Positionen festmachen. Nicht oft aber wird es so offensichtlich wie bei dem Beispiel, das Christian Stöcker auf Spiegel Online beschreibt:

Dass diese beiden Positionen – einerseits: pseudonyme Meinungsäußerung im Internet hat unschöne Folgen, andererseits: das Sammeln und Veröffentlichen von persönlichen Daten im Internet ist ein Problem – so einträchtig und unverbunden nebeneinander stehen können, ist symptomatisch für die analytische Tiefe, mit der in Deutschland bis heute über das Netz und seine Folgen gesprochen wird.

(via wirres.net)

Deutschland verschläft den Internetwirtschaftsboom

FAZ.net/dpa/Reuters über eine Studie der BostonConsultingGroup:

Das Wirtschaftsberatungsunternehmen BostonConsultingGroup (BCG) sagte in einer am Mittwoch veröffentlichten Untersuchung für Deutschland ein Wachstum der Internet-Branche in den nächsten Jahren von durchschnittlich acht Prozent im Jahr auf 118 Milliarden Euro im Jahr 2016 voraus. Die Branche der Internetwirtschaft habe damit traditionelle deutsche Wirtschaftszweige wie Hotelwirtschaft, Gastronomie und Bergbau überholt, sagte David Dean von der BCG-Geschäftsführung.

In Deutschland betrug der Anteil der Internetwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt 2010 drei Prozent. Der Durchschnitt der G-20-Länder liegt bei 4,1 Prozent. Das Gefühl, dass Deutschland in diesem Bereich rückständig ist, ist also nicht eingebildet.

Vor Deutschland liegen der BCG-Studie zufolge in dieser Hinsicht Südkorea, Dänemark und Schweden auf den ersten drei Plätzen, aber auch Länder wie Island, die Niederlande und Luxemburg.

Es ist ein Anfang, dass die Erkenntnis, wie schwach der Wirtschaftsstandort Deutschland in Sachen Internet ist, endlich auch in diesen Kreisen bekannt wird. FAZ und BCG, mehr Mainstream in Sachen Wirtschaft geht nicht.

Siehe zum Thema auch:

Die Deutschen und die Veränderung

Murat Tebatebai im Tagesspiegel über die Berliner Gentrifizierungsdebatte:

Doch mit welcher Begründung sollte es in Berlin anders laufen als in allen anderen Metropolen der Welt? Und wieso diskutiert man immer über die Nachteile von Veränderung und niemals über die positiven Aspekte?

Kommt mir bekannt vor.

 

Hälfte aller deutscher Unternehmen mittelmäßig bis stark vom Internet abhängig

Holger Schmidt liefert auf seinem FAZ-Blog quasi eine Bestandsaufnahme zu Deutschland und dem Internet:

Von der Politik ist bisher nur wenig Hilfe für das Internet gekommen: Die Datenschutz-Debatte im Kompetenzgerangel von gleich drei Bundesministerien und stetige Unsicherheit über das Urheber- oder Leistungsschutzrecht helfen der Branche nicht. Dabei wird das Internet für die Unternehmen immer wichtiger. „Für die deutsche Wirtschaft ist das Web die Dampfmaschine des 21. Jahrhunderts: Es treibt die Konjunktur an und öffnet die Tür zu neuen Geschäftsfeldern”, sagt Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). 18 Prozent der Unternehmen erstellen ihr Kernprodukt inzwischen im Internet, und in weiteren 32 Prozent der Unternehmen hängen wesentliche Geschäftsprozesse vom Internet ab. Das bedeutet: Die Geschäfte der Hälfte aller Unternehmen in Deutschland sind inzwischen mittelmäßig bis stark vom Internet abhängig.

Das ist übrigens auch selbst für Internetentwicklungsländer wie Deutschland der Grund, warum ein zentraler Abschaltknopf für das Internet für “terroristische Ernstfälle” oder ähnliches eher nicht zu befürchten ist:

Das würde zunehmend einer kompletten Abschaltung aller gesellschaftlicher Vorgänge gleich kommen. Keine Regierung, die eine bleiben will, kann sich das erlauben. Fazit: Kein Killswitch dank E-Commerce.

Deutschland, das ewige Internet-Entwicklungsland

Sebastian Matthes im Wirtschaftswoche-Blog ungedruckt über die verhältnismäßig langsame Verteilung der Nutzung von Webdiensten in Deutschland:

Grund für das Aufmerksamkeitsdefizit ist, dass es im deutschen Twitter-Raum zu wenig Menschen gibt, die der weltweiten Community etwas zu sagen hätten. Zu wenige Top-Ökonomen, bekannte Schauspieler, Buchautoren und Spitzenpolitiker nehmen an der Diskussion teil. Anders in den USA.

Bei Blogs sieht die Sache übrigens ähnlich aus: In den USA sind sie beispielsweise unter Top-Ökonomen längst ein Instrument, um sich über neueste Gedanken und Studien auszutauschen. In Deutschland gibt es allenfalls zaghafte Ansätze.

Es dauert in Deutschland einfach wahnsinnig lange, bis sich Instrumente wie Twitter, Facebook & Co. durchsetzen, auch deshalb, weil wir ersteinmal jahrelang über die Risiken diskutieren müssen. Das kostet Zeit, Zeit, die andere produktiv nutzen.

Es ist ein Teufelskreis: Ohne die Nutzung von Menschen, die bereits eine Autorität mitbringen, sei es als Entertainmentstar oder als Experte in Ökonomie oder anderen Feldern, kann sich die Sichtweise auf Webdienste nicht ändern: Wenn Schauspieler in Interviews im TV erzählen können, wie toll Twitter ist, oder wenn das ein Politiker von Rang macht, dann hat das Auswirkungen auf die Wahrnehmung auf diese Webdienste. Ohne diese veränderte Wahrnehmung probieren aber viele hierzulande diese Dienste erst gar nicht aus; und urteilen von außen, was nicht sinnvoll ist. Da muss dann erst eine Partei in Landesparlamente einziehen, die sich vor allem mit Internet-Themen profiliert, bis sich mehr ändert.

Wir leben in einer Zeit, in der sich Neuland vor uns auftut. Eine Zeit, in der Experimentierfreudigkeit gefragt ist.

Wir sind eine Gesellschaft, die sich vor allem durch Furcht auszeichnet.

Unser Zwang als Gesellschaft praktisch immer zuvorderst und oft ausschließlich über die Risiken und Gefahren zu sprechen, und die immensen Vorteile in einem schulterzuckenden Nebensatz abzuhandeln, hält uns immer weiter zurück.

Der unvermeidlich langsam eintretende relative Bedeutungsverlust des Westens in der Weltgesellschaft, der aktuell durch die Finanz-/Eurokrise stark beschleunigt wird, wird zum Beispiel in den USA zumindest dadurch abgeschwächt, dass dort mit den aktuell entstehenden Internet-Plattformen die kommerzielle Infrastruktur für die Industrien von morgen entstehen. Die wirtschaftliche Bedeutung dessen kann man nicht überschätzen.

Wir haben in Deutschland nichts dergleichen.

Dafür haben wir in Deutschland Datenschützer, Google-Hass und Facebook-Abscheu.

Deshalb: Schaut mehr auf die Chancen, setzt die Risiken in Nebensätze. Traut euch was. Für die Kinder.

Hate-Cycle: Das deutsche Äquivalent zum Hype-Cycle

Sebastian Matthes im wiwo-Blog ‘ungedruckt’ über das deutsche Verhältnis zu technologischen Veränderungen:

Geprägt hat mich die Zeit, in der Handys Teil des Alltags wurden. Ich kaufte mein erstes Mobiltelefon 1996. Mehr als ein Mal habe ich erlebt, wie Handybesitzer von Passanten angepöbelt wurden. Einmal hat mich sogar eine Dame in der S-Bahn mit bebender Stimme angewiesen, die Verbindung zu unterbrechen, weil sie sonst erstrahlt würde.

Keine zehn Jahre später liegt die Handyversorgung in Deutschland bei 100 Prozent. Strahlentote Vieltelefonierer sind immer noch selten. Ebenso selten wie deutsche Unternehmen, die in dem Geschäft technologisch eine Rolle spielen.

Ähnlich übrigens auch die Blockadehaltung, als die ersten Smartphones herauskamen. Wer erinnert sich noch an die ersten abfälligen Bemerkungen über Blackbbery-Besitzer? “Mr Wichtig” war glaube ich eine nicht ganz seltene Bezeichnung? Heute hat jedes Billig-Handy eine E-Mail-Funktion. Und es ist nicht wichtig, sondern vor allem praktisch. Oder das neue iPhone? Das Verlagsvertreter 2009 tatsächlich noch als “Spielzeug für Nerds” bezeichneten?

[..]

Wichtiger ist die Frage: Wann ist unserer Gesellschaft das Interesse an Neuem abhanden gekommen, die Faszination für Dinge, die die Welt verändern werden?

Die letzte Frage gehört zu den wichtigsten und drängendsten Fragen, der sich die deutsche Gesellschaft stellen muss.

Passend dazu auch aus jüngster Zeit: Deutsche Digitalmissachtung

 

Über die Qualität von deutschen Web-Startups

Markus Spath über die Auswirkungen der Rahmenbedingungen auf deutsche Startups im Kontext der grotesken Radiergummi-Diskussion:

und auch an die immer wieder vorgetragene Erzählung ‘das alles macht deutsche / europäische Startups wettbewerbsunfähig’ glaub ich nicht, deutsche Startups verhalten sich zu US-Startups wie Welke mit der heute-show zu Stewart mit der Daily Show, wie DSDS zu American Idol, etc; es kann durchaus die eine oder andere Leuchte geben, aber das Grundniveau ist um einige Klassen niedriger und es entstehen also ganz grundsätzlich nicht die Szenen und Wettbewerbsbedingungen, die systematisch Weltniveau erzeugen.

Mit dem Vergleich der Qualitäten/Wettbewerbsfähigkeiten von US-Webstartups und deutschen Startups liegt er sehr richtig. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass das einzige Startup mit Sitz in Deutschland, das global nicht einmal einen Konkurrenten auf Augenhöhe hat, das Berliner Musik-Startup SoundCloud ist. Warum das interessant ist? SoundCloud hat keine deutschen Gründer. Die Gründer kommen aus Schweden.

Das lässt die Vermutung zu, dass die mehrheitliche Minderwertigkeit deutscher Startups im globalen Vergleich nicht nur mit den hiesigen Rahmenbedingungen, sondern auch und vor allem mit der Mentalität vieler hiesiger Gründer und Investoren zu tun hat. Aktuell ändert sich bei beiden Gruppen, so habe ich den Eindruck, zumindest teilweise etwas.

Vielleicht liegt das auch daran, weil das einstige große (und volkswirtschaftlich gesehen ausgesprochen ungünstige) Vorbild für deutsche Webgründungen, StudiVZ, mittlerweile für alle erkennbar auf dem absteigenden Ast ist. SoundCloud bietet sich viel besser als Best Case Study an. Und das erstaunlicherweise an allen Fronten. Es ist geradezu unheimlich, wie SoundCloud praktisch alles richtig macht.

(Die Übernahme von Citydeal durch Groupon geschah im Lebenszyklus des deutschen Klons so schnell, dass es mir nicht so erscheint, als hätte sich das als ‘deutsche Erfolgsgeschichte’ sehr in der Wahrnehmung von etwa vielen Gründern verfestigt. Zumindest nicht bei denen, die sich nicht ausschließlich als Erfüllungsgehilfen für exitgetriebene opportune Investoren verstehen.)

Damit will ich nicht sagen, dass sich die globale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Startups insgesamt massgeblich ändern muss. Es erscheint mir nur zunehmend wahrscheinlicher, dass wir mehr einzelne ‘Perlen’ sehen werden. Wünschenswert wäre es allemal.

Spath hat allerdings auch recht mit den langfristigen Auswirkungen des oft (geradezu absurd) realitätsfernen deutschen Netzpolitik-Aktionismus und den ihn begleitenden und oft triggernden Debatten auf die deutsche Gesellschaft:

Die Gefahr von [Verbraucherschutz/Datenschutz] besteht also nicht so sehr in besonders schlimmen persönlichen Nachteilen, die Gefahr besteht eher in der schleichenden digitalen Emigration der einen – die es sich leisten können, denen das Internet wichtig ist – und der Provinzialisierung des Rests.

Deutscher Braindrain dank politischer Datenschutz-Hysterie.

Qype kooperiert mit Lieferando

Qype kooperiert mit dem Lieferdienst Lieferando:

Spannende Kooperation: Der frisch umgetaufte Lieferservice Lieferando (www.lieferando.de) dockt bei Qype (www.qype.de) an. Nutzer der beliebten Bewertungsplattform, bei der seit wenigen Monaten Vodafone als Investor an Bord ist, können ab sofort direkt über die Plattform bei den Partnerbetrieben von Lieferando (ehemals yourdelivery) bestellen. Direkt auf der Übersichtseite der jeweiligen Pizzerien, Sushibars und Restaurants weist bei Qype ein roter “Online bestellen”-Button den Weg zum Lieferdienst Lieferando.

XING kauft Amiando für bis zu 10 Mio. Euro

XING übernimmt den Ticket-Dienst Amiando zum 1. Januar 2011 für bis zu 10 Millionen Euro:

Der Kaufpreis beträgt zunächst 5,1 Millionen Euro. Ende März erfolgt “in Abhängigkeit von verschiedenen Voraussetzungen” eine weitere Zahlung von bis zu 5,25 Millionen Euro. Zu diesen Voraussetzungen gehört der Verbleib des bisherigen Management-Teams sowie die Erreichung bestimmter Umsatz- und Ergebnisziele. Die momentan 35 amiando-Mitarbeiter werden alle von Xing übernommen.

Amiando hat laut eigenen Angaben 2009 100.000 Events über die Plattform unterstützt.

Amiando hat sich in der Vergangenheit vor allem mit einer progressiven Integration von und Verknüpfung mit Facebook und anderen Social-Web-Diensten positiv hervorgetan und eigene Innovationen wie EventSense vorangetrieben.

Oliver Ueberholz: IT-Gipfel ist “PR für Politiker und die Großwirtschaft.”

Oliver Ueberholz, Gründer und Geschäftsführer des deutschen Social-Network-Baukastens mixxt, im Interview mit heute.de über den IT-Gipfel:

heute.de: Welche weiteren Fragen fänden Sie wichtig?

Ueberholz: Wie der Staat generell das Thema digitale Gesellschaft anpacken möchte. Stattdessen wird populistische Klientelpolitik betrieben. Nehmen Sie den neuen Jugendschutzmedien-Staatsvertrag, der ab 1. Januar 2011 gilt. Da gibt es allen Ernstes eine Regelung, dass Sendezeiten für Webangebote gelten können. Die Politiker haben grundlegend nicht verstanden, dass das Netz kein Fernsehen ist.

[..]

Ueberholz: Der Gipfel könnte die Veränderung der Gesellschaft durch das Internet mitgestalten. Das Netz hat die Gesellschaft schon verändert. Dennoch spielt es auf dem Gipfel eine verschwindend geringe Rolle.

Dem Interview gibt es im Grunde nichts hinzuzufügen. Der jährliche IT-Gipfel zeigt immer recht schön die Prioritätenliste der Bundesregierung auf, in der das Internet praktisch nicht vorkommt und als Wirtschaftsfaktor nicht stattfindet. (von der darüber hinausgehenden gesamtgesellschaftlichen Bedeutung ganz zu schweigen)

Der IT-Gipfel fühlt sich an wie eine Veranstaltung aus der Zeit der Mainframes.